Grünstahl-Gipfel – Gipfel des Missvergnügens

Am Donnerstag soll das Ritual stattfinden, bei dem sich die Ministerpräsidenten aus den Stahlkocherbundesländern mit dem Bundeskanzler treffen, um ihre schützenden Hände über den deutschen Stahl zu legen und die üblichen Beschwörungsformeln zu murmeln, die garantiert wirken. Man darf bei diesen Verrichtungen nur keinesfalls und nicht für einen Augenblick an grünen Wasserstoff denken. Dann geht’s schief, so wie es schon bei jenem legendären Rezept schiefgegangen ist, bei dem pures Gold herauskommen sollte, wenn es denn nur gelingen würde, dabei keinesfalls und für keinen Augenblick an ein Kamel zu denken.

Dass der grüne Stahl und der grüne Wasserstoff und die CO2-Bepreisung das genaue Gegenteil dessen sind, was die deutschen Stahlkocher  bräuchten, um in Deutschland überleben zu können, ist oft genug und lang und breit auch in diesem Blog beschrieben worden.

Ich widme mich daher heute jenem Patentrezept, durch dessen Anwendung der Fluch, der auf der deutschen Grundstoffindustrie zu liegen scheint, aufgehoben und ausgehebelt werden kann.  Schließlich soll, kann und muss am schönsten grünen Wesen auch der deutsche Stahl genesen.  

Am Anfang stand wohl jene Erkenntnis, die zu gewinnen Robert Habeck seinerzeit nicht vergönnt war, dass nämlich die Schwer- und die Grundstoffindustrie sehr viel Energie benötigen, was zwar für sich genommen kein Problem darstellt, denn die Energie ist ja vorhanden und dem Strom sieht man es nicht an, ob er nun aus Fotovoltaikanlagen oder von Windmühlen, von Gaskraftwerken oder  aus französischen Atomkraftwerken kommt. Aber  – und das hat Habeck nicht begriffen – dass der Strom ja nicht nur irgendwie ins Produkt eingeht, sondern der Preis des Stroms auch den Preis des Produkts wesentlich mitbestimmt, das macht die Sache doch erst problematisch. Das scheint Frau Reiche mühelos herausgefunden zu haben. Offensichtlich ist es ihr auch gelungen, Friedrich Merz in dieses Geheimnis einzuweihen, während von Lars Klingbeil nicht bekannt ist, ob er überhaupt Lust hatte, Frau Reiche zuzuhören. Schließlich ist die ja nicht in der SPD und kommt daher in der Prioritätenreihe immer erst weit hinter Bärbel Bas.

Jedenfalls will der Bundeskanzler sich offenbar von Habecks wirtschaftspolitischer Kompetenz sichtbar abheben, weshalb er es sich verkneift, den Stahlkochern zu empfehlen, einfach die Produktion einzustellen, statt gleich Insolvenz anzumelden, was natürlich der einfachste Weg wäre, sich aus der Affäre zu ziehen.  Stattdessen hat er einen komplizierten Lösungsvorschlag erarbeiten lassen, bestehend aus drei Teilen, wobei jeder Teil für sich genommen den angestrebten Erfolg garantiert. Sehen wir uns das miteinander an:

 

Teil 1

So lange der Ausbau der erneuerbaren Energien noch nicht so weit fortgeschritten ist, dass es gelingt, grünen Stahl mit grünem Wasserstoff zum Preis einer Kugel Eis, konkurrenzlos billig herzustellen, subventionieren wir die Stahlerzeugung eben mit Mitteln aus dem Bundeshaushalt auf Weltmarktniveau herunter.

Teil 2

Diese Mehrausgaben kompensieren wir im Bundeshaushalt durch Mehreinnahmen, die wir durch Einfuhrzölle auf Stahl und Stahlprodukte erheben. Egal, woher die Importe kommen, ob aus China, aus Indien, aus Australien oder sonstwo her. Dadurch entsteht ein wunderbarer Regelkreis. Denn teurer Importstahl ermöglicht es auch den deutschen Stahlkochern, höhere Preise zu verlangen, womit die Mehrausgaben für die Subvention des Industriestrompreises sinken. Sinken diese Ausgaben, können auch die Einfuhr-Zölle wieder gesenkt werden, bis sich nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage ein Preis bildet, mit dem alle wieder zufrieden sein können.

Teil 3

Der vorbeschriebene Regelkreis ermöglicht es zudem, die laufende Erhöhung der CO2-Abgaben inflations- und wachstumsneutral vorzunehmen und damit weitere Haushaltsmittel zu gewinnen, die es ermöglichen, den dadurch steigenden Energiepreis durch mitwachsende Subventionen wieder auf ein sozialverträgliches Maß für die Stahlkocher zu senken, während gleichzeitig die Einfuhrzölle zur Kompensation wieder erhöht werden können, was letztendlich dazu führen wird, dass sogar Überschüsse im Bundeshaushalt entstehen.

Dieser Plan ist an Genialität nicht zu übertreffen:

  • Mit dem unübertreffbar teuersten Energieträger der Welt, nämlich grünem Wasserstoff,
  • der bisher auch nicht annähernd in den erforderlichen Quantitäten verfügbar ist,
  • den in aller Welt begehrten grünen Stahl (Made in Germany) zu erzeugen, und
  • zu Preisen auf Weltmarktniveau anbieten zu können,
  • ohne dass die Subvention der Energiekosten ein Loch in den Haushalt reißt,
  • weil die Kompensation durch Einfuhrzölle vollautomatisch erfolgt,
  • das ist eine nobelpreisverdächtige Leistung.

Natürlich werden sofort Scharen von Kritikern auftreten und versuchen, die Idee schlechtzureden. Vor allem Leute, die noch in den Denkweisen der alten Ökonomie verhaftet sind, werden die Frage aufwerfen, wohin und auf welche Weise in diesem Modell die doch unzweifelhaft ursprünglich entstandenen Mehrkosten der deutschen Stahlkocher verschwunden sein sollen.

Aber damit entlarven sie sich ja nur selbst. Wo bleibt da der ganze, angemaßte ökonomische Sachverstand, wenn sie schon an einer so einfachen Aufgabe scheitern?

Dass es nur reine Bosheit wäre, dass sie den Plan des Bundeskanzlers nur schlechtreden wollen, um ihre klimaleugnerische Agenda voranzubringen, ist natürlich auch nicht auszuschließen. Aber wenn der Plan erst umgesetzt sein wird, dann werden sie die Blamierten sein, selbst dann, wenn anfänglich und vorübergehend doch noch ein „Sondervermögen Stahl“ geschaffen werden müsste. Das ist in diesen Köpfen auch noch nicht angekommen, dass dieses Instrument jederzeit und für jeden Zweck zur Verfügung steht, wenn es wieder einmal gilt, sich selbst – mitsamt Pferd – am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.

P.S.:

Erinnert irgendwie an jene drei Wandersburschen, die zusammenlegten und sich gemeinsam eine Uhr kauften – für 30 Taler. Als sie den Laden schon wieder verlassen hatten, rief der Uhrmacher ihnen nach: „Eh, Leute, kommt nochmal her …“
Es ging nur der Hans zurück, um zu erfahren, was denn wohl noch sei. Der Uhrmacher erklärte ihm, er habe sich im Preis geirrt. Die Uhr koste nicht 30, sondern nur 25 Taler. Dann drückt er dem Hans fünf Taler in die Hand und wünschte eine gute Reise. Hans war nicht dumm. „Fünf durch drei geht nicht“, dachte er sich, behielt zwei Taler für  sich und gab seinen Kumpanen je einen Taler. Nun hatte jeder 9 Taler bezahlt. Drei mal 9 ist 27, 2 Taler hat Hans, das gibt 29 Taler, wo, verdammt, ist der Taler geblieben, der auf die ursprünglichen 30 Taler fehlt?

Nun sagen Sie bitte nicht, das sei nur ein Denkfehler. Sie begeben sich damit nämlich sonst auf das Niveau der Regierungskritiker, und das wollen Sie doch nicht, oder?