Aus gerufenem Munde, nicht immer zugleich auch berufenem, hört man in immer schnellerer Folge Szenarien für das militärische Vorgehen Russlands gegen die NATO, teils im Baltikum endend, teils über die Suwalki Lücke weiter vorstoßend, teils mit Einbezug chinesischer Gelüste bezüglich Taiwan, teils auch ohne auf parallele Aktivitäten Chinas einzugehen, und dies alles nicht erst 2029, wenn Deutschland endlich verteidigungsbereit sein will, sondern schon viel früher, nämlich vor Ende des Jahres 2025.
In Polen gefundene Drohnen, ein durch friendly fire davongeflogenes Dach, über Dänemark kreisende Drohnen, luftraumverletzende Russen-Jets, kabelzerstörende Schleppanker der Schattenflotte, sind Anlass genug, jenes „Abschießen! Abschießen!“ ertönen zu lassen, mit dem den Anfängen gewehrt werden soll, obwohl es fast klingt, wie: „… wird zurückgeschossen!“
Gleichzeitig tönt es aus dem gleichen Lager laut und stolz, Russland sei am Ende, liege wirtschaftlich am Boden, könne sich den Krieg in der Ukraine nicht mehr leisten und, ja, Trump habe recht, jetzt könne Selenski endlich zurückschlagen, wieder Boden gewinnen und sich sogar noch eine Scheibe Russland abschneiden.
Dass diese Aussagen ein Höchstmaß an Übereinstimmung ausstrahlen würden, kann so nicht gesagt werden. Sollen sie auch gar nicht. Die Tücke dabei beruht auf einem alten psychologischen Vertretertrick. Der geht so:
„Also, Herr Huber, ich würde Sie gerne besuchen. Es ginge entweder am Mittwoch um 16 Uhr oder am Samstag gegen 13 Uhr. Was wäre Ihnen denn lieber?“
Mit hoher Wahrscheinlichkeit fällt Herr Huber auf diesen Trick herein und der Vertreter bekommt seinen Termin. Die Idee, dem Vertreter zu sagen, dass er gerne ganz auf den Besuch verzichten würde, kommt Herrn Huber gar nicht mehr. Er wird vor eine vorgefertigte Wahl gestellt – und er entscheidet sich.
Das Publikum in Deutschland und der EU wird ebenso vor eine Wahl gestellt, nämlich sich zu entscheiden, zwischen einem angriffslustigen Putin und einem siegreichen Selenski. Eines von beiden muss schließlich richtig sein. Alles was dazwischen, daneben, drüber oder drunter liegen könnte, ist mit dieser polarisierenden Informationsstrategie ausgeblendet.
Die Idee, dass Putin weder am Ende ist, noch die NATO angreifen will, verschwindet hinter dieser Scheinalternative – und nebenbei ist es gelungen, die Bevölkerung auch zu dieser Thematik tief zu spalten, obwohl beide Fraktionen mit diesem Trick gleichermaßen dazu gebracht werden, die Aufrüstungsbestrebungen der Regierung zu unterstützen, sogar mit der gleichen Zielsetzung, nämlich einen Krieg gegen Russland zu gewinnen.
Ist es denn wirklich so schwer, diese Strategie zu durchschauen?
Genügt es zu sagen, ein NATO-Experte oder ein Bundeswehrgeneral im Ruhestand ist der Überzeugung …,
um sofort ein gigantisches Medienecho, auch für den dümmsten Bockmist auszulösen?
Oder ist es umgekehrt? Holen sich die Medien, bzw. immer wieder auch das eine Leitmedium, den oder die gewünschten Experten, von dem oder denen man genau weiß, was herauskommen wird, bitten um eine Stellungnahme, und verbreiten die dann auf allen Kanälen?
Lassen Sie es mich so sagen:
Besser als jene „Experten“, die in den Medien zu Wort kommen, wissen die Geheimdienste beider Seiten, vielleicht außer dem BND, wie die aktuelle Lage aussieht und welche Optionen sich daraus ergeben. Inwieweit dieses Wissen auch den Regierungsvertretern zur Verfügung gestellt wird, ist unklar, inwieweit die Generalstäbe korrekt informiert werden, kann auch nicht festgestellt werden.
Dass die Dienste ihr geheimes Wissen nicht über die Medien breittreten würden, außer sie legen es darauf an, mit diesem Mittel Kriege zu provozieren oder Regierungen, ggfs. auch die eigene, zu stürzen, dass sie ggfs. auch zu verhindern wüssten, dass „Experten“ problematische Einschätzungen zum Besten geben, und dass Medien diese Einschätzungen veröffentlichen, sollte eigentlich klar sein.
Wenn dann immer noch jemand mit dem Zeigestab auf die Suwalki-Lücke deutet, dann rechnet der mit einem Strategieverständnis der Bevölkerung, das gedanklich noch nicht einmal bei Max Immelmann und Manfred von Richthofen angekommen ist.
Schwer zu glauben ist es daher auch, wenn erklärt wird, Deutschland rechne damit, dass von einer „Front“ täglich bis zu 2.000 Verwundete in die Krankenhäuser in Deutschland verlegt würden.
Schwer zu glauben, auch wenn das gerade eben erst geübt wird, dass Hamburg als großer NATO-Truppenumschlagsplatz genutzt werden kann, um jene Soldaten, die später in Lazarettzügen von der Front zurückkommen sollen, auf Straße oder Schiene an eben jene Front zu schicken, wo sich Panzer und Infanterie ihre Schlachten liefern.
Es ist ein Irrtum, zu glauben, eine militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und der NATO würde nach den gleichen Spielregeln und mit den gleichen Waffen geführt, die jetzt in der Ukraine – mit Bedacht als „militärische Sonderoperation“ bezeichnet – das Schlachtfeld bestimmen.
Wer einen solchen Krieg gewinnen, oder nicht verlieren will, muss versuchen, zum frühestmöglichen Zeitpunkt die Entscheidungszentren des Gegners, seine Kommunikationsstruktur und seine Logistikeinrichtungen auszuschalten.
Dem kann unter Umständen eine Machdemonstration als „Schuss vor den Bug“ vorausgehen, um in letzter Sekunde noch ein Einlenken zu erreichen, doch sicher ist das nicht.
Truppen, die über den Atlantik nach Europa verlegt werden, werden nicht erst die Front im Baltikum erreichen müssen, um in gegnerisches Feuer zu geraten. Ich kann mir vorstellen, dass eine einzige Oreschnik-Rakete – von Weißrussland aus gestartet – ausreicht, um einen ganzen Flottenverband zu versenken, noch bevor überhaupt die britischen Inseln erreicht sind. Dies immer noch unterhalb der Schwelle zum Atomkrieg.
Von daher halte ich auch die jetzt mit Eifer in Angriff genommene Aufrüstung der NATO mit Drohnen an der russischen Grenze für eine fragwürdige Angelegenheit.
Es wird nicht darum gehen, mit Panzern und Infanterie nach Berlin, Paris und Madrid vorzustoßen, das wäre ein Krieg, den Russland nicht gewinnen kann. Andererseits wird Russland nicht mit starken Heeresverbänden an seiner Westgrenze darauf warten, dass die Panzer der NATO angreifen.
Ein Krieg zwischen Russland und der NATO, unabhängig davon, wer mit welcher Begründung den ersten Schuss abgibt, wird ein Krieg weitreichender Raketen sein, dessen Ausgang einzig von der Qualität der Zielaufklärung und der Treffgenauigkeit der Waffen abhängt.
Von daher ist es in meinen Augen auch fragwürdig, ob die immer wieder genannten Jahreszahlen 2029 / 2030 für die notwendige Kriegstüchtigkeit den Zeitpunkt benennen, ab dem Russland, wie es heißt, stark genug geworden sein wird, um anzugreifen, oder ob es nicht vielleicht doch jener Zeitpunkt ist, ab dem die NATO annimmt, in der Lage zu sein, der Bedrohung durch die russischen Hyperschallraketen gewachsen zu sein.
Krieg ist nicht mehr die Ultima ratio,
sondern die Ultima irratio.
Willy Brandt, 11.12.1971