
Hier auch als PDF verfügbar: Pad492025 Gedanken zum Jahreswechsel 2025 2026

Das, liebe Leser, wird dieses Mal weder ein Jahresrückblick noch der Versuch, die Zwangsläufigkeit kommender Ereignisse zu beschreiben.
Stattdessen biete ich eine Art Sittengemälde an, stilistisch auf der Kippe stehend zwischen Realismus und Naturalismus, datiert auf den Jahreswechsel 1889 – 1890. Wilhelm II. war gerade ein Jahr im Amt; Bismarck war noch für ein Jahr geduldet.
Das ist so weit weg, dass jeder, der versuchen sollte, in den dargestellten Figuren Ähnlichkeit mit heute Lebenden zu finden, von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre. Gewiss, hier und da gibt es Anklänge und Resonanzen, die vertraut erscheinen, doch liegt das nur daran, dass sich an der Stimmung des wohltemperierten Klaviers – seit Joh. Seb. Bach 1722 den ersten Zyklus daraus veröffentlichte – nichts geändert hat.
Rätseln Sie also nicht allzu sehr herum, was ich Ihnen damit vielleicht hätte sagen wollen können.
Des
Irrenhausinspektors
Neujahrsansprache
Die Amtsbezeichnung „Irrenhausinspektor“ findet sich in der Preußischen Allgemeinen Zeitung vom 14. Dezember 2025 in einer Eloge auf das vom Aussterben bedrohte Rebhuhn. Die vermutlich einzige überlieferte Begegnung zwischen einem Rebhuhn und einem Irrenhausinspektor ereignete sich laut dieser Quelle just im Jahre 1889, also exakt im letzten Jahr der so genannten vorindustriellen Zeit, deren klimatische Bedingungen wohl das Optimum darstellten, bevor ein menschengemachtes Aufheizen der Atmosphäre das Leben auf Erden unerträglich machen sollte.
Unser Irrenhausinspektor, nennen wir ihn, um seine wahre Identität zu verschleiern, einfach Raczek, Mateusz Raczek, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, polnischen Geblüts, was damals in Greifswald nichts Außergewöhnliches war, hatte in Erfahrung gebracht, dass der Kaiser nicht nur öffentlich und aktenkundig verfügt hatte, dass alle Irren in allen Irrenanstalten des Reichs, zum Neujahrsfest mit einer flammenden Rede ermuntert werden sollen, ihren Irrsinn abzustreifen und zurückzukehren, ins bürgerliche Leben, sich um Volk und Vaterland verdient zu machen, und so weiter, und so weiter, sondern eben auch, dass es dazu eine geheime Verfügung gäbe, nach der in jeder Irrenanstalt ein Abgesandter vom Hofe, getarnt als harmloser Irrer, die Einhaltung dieses Befehls kontrollieren werde.
Da war es mit dem ruhigen Leben des Mateusz Raczek vorbei. Hatte er doch das Irrenhaus vor vielen Jahren zuletzt zum Zwecke einer Inspektion von innen gesehen. Wie immer war alles picobello hergerichtet gewesen, die Irren in sauberen Anstaltshemden, die Haare frisch kurz geschnitten, die Obstkörbe in den Schlafsälen gut gefüllt, aus der Küche stiegen Wohlgerüche auf, die auf eine vorzügliche Ernährung der Insassen schließen ließen, so dass die Besichtigung nach einer Stunde schon zur vollsten Zufriedenheit des Inspektors beendet werden konnte.
Im Büro des Direktors der Anstalt saß man dann noch für ein Weilchen bei einem feinem Aprikosenlikör zusammen, den der örtliche Apotheker alle Jahre nach einem ererbten Geheimrezept unter Verwendung von Weingeist, Rübensaft, Nelken, Zimt und einer Spur Koriander aus vollreifen Aprikosen herzustellen pflegte.
Nach dem Austausch der üblichen Höflichkeiten nahm der Direktor den Raczek dann zu Seite. Er, Raczek, habe doch nun schon oft und oft bei seinen Inspektionen in Erfahrung gebracht, dass in dieser Anstalt wirklich alles aufs Beste geregelt sei. Im Grunde seien alle Inspektionen doch nichts als reine Zeitverschwendung gewesen, und er, der Direktor, sei der Meinung, der Herr Irrenhausinspektor Raczek habe doch Besseres zu tun, als immer wieder dieses Irrenhaus zu inspizieren.
„Sparen Sie sich das einfach, lieber Raczek. Schreiben Sie Ihre Berichte nach Berlin wie immer, bestätigen Sie denen in ihren Amtsstuben, dass hier alles nach Recht und Gesetz in Ordnung ist. Sollte es tatsächlich einmal zu Vorkommnissen oder Versäumnissen kommen, werde ich Sie das wissen lassen, so dass Sie es in geziemender Form berichten können. Das würde Ihnen helfen, und für mich bedeutet es keine zusätzliche Mühe. Was halten Sie davon?“
Raczek dachte kurz nach, räusperte sich dann, und sagte: „Wir können das ja mal so versuchen. Ich verlasse mich ganz auf Sie, Herr Direktor.“
Zehn Jahre waren seitdem vergangen. Der Irrenhausinspektor Raczek, von der lästigen Mühe der Inspektionen befreit, schrieb alle Jahre seinen Bericht, wobei er, um ein gewisses Maß an Wissen um das aktuelle Geschehen im Irrenhaus vorzutäuschen, kleine Geschichten erfand, etwa über neue Wahnideen der harmlosen Irren, oder darüber, wie es dem Direktor gelungen sei, einen gewalttätigen Irren von seinem Drang zur Gewalttätigkeit zu heilen.
Nun also war er gezwungen, die ihm verhassten Gemäuer der Irrenanstalt erneut zu betreten, und nicht nur das, er sollte auch den Irren, mit denen er bisher nie auch nur ein Wort gewechselt hatte, mit einer flammenden Rede, ausgerechnet am Neujahrstag, des Kaisers Wunsch nahebringen, sie möchten ihr Irresein ablegen und wieder nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft werden.
„Wie sich der Kaiser das wohl denkt?“, fragte er sich grimmig, sah aber keine Chance, den Auftrag unter einem Vorwand zu verweigern. Also sandte er ein Brieflein an den Direktor der Anstalt, mit der Bitte, alles so herzurichten, dass er am Neujahrstag, gleich früh um zehn, in der Anstaltskapelle seinen Vortrag halten könne, wobei alle Irren, auch die Gewalttätigen, anwesend zu sein hätten.
Mateusz Raczek war nie ein Freund großer Worte gewesen, und eine Rede hatte er, soweit er sich erinnern konnte, auch noch nie gehalten. So nimmt es nicht Wunder, dass er wochenlang am Text seiner Rede arbeitete und selbst noch am Silvesterabend damit beschäftigt war.
Äußerlich ruhig und gelassen, innerlich zitternd wie Espenlaub, bestieg er am Neujahrstag um zehn die Kanzel in der Anstaltskapelle.
Zu seinen Füßen saßen links in den Bänken die Gewalttätigen. Von deren Reihen ging eine stille Anspannung aus, als lauerten sie nur auf eine Gelegenheit. Rechts lümmelten die Harmlosen in den Bänken. Einige offenbar in wirre Selbstgespräche versunken, andere schnitten Grimmassen in Richtung Kanzel, zwei hingen zusammengesackt in der Bank und schnarchten um die Wette.
Mateusz Raczek sah hinunter auf seine Gemeinde und dachte noch einmal, und dieses Mal noch grimmiger: „Was mag sich der Kaiser dabei wohl gedacht haben?“
Dann legte er sein Redemanuskript vor sich auf die noch von der letzten Andacht aufgeschlagene Bibel, reckte sich, hob auch den Kopf, bis er von denen da unten gar nichts mehr sah, und begann:
„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Irre!“
Die Gewalttätigen blickten auf zur Kanzel. Sie waren ja nicht blöde, noch nicht einmal irre, und wunderten sich, mit so viel Höflichkeit angesprochen zu werden. Die Harmlosen hingen weiter desinteressiert ihren Marotten nach und ließen den Irrenhausinspektor spüren, dass er für sie bestenfalls Luft sei.
Raczek machte eine lange Pause. Dann donnert er los:
„Der Kaiser!“
Das Gemurmel der Harmlosen erstarb für einen Augenblick. Raczek senkte die Stimme. Es war schon fast ein verschwörerisches Flüstern, als er fortfuhr:
„Der Kaiser hat mir Grüße an euch aufgetragen.“
Aus den Reihen der Gewalttätigen rief einer zur Kanzel hinauf: „Dein Kaiser kann uns mal. Er hat uns hier einsperren lassen, als Irre! Wir aber sind nicht irre. Wir nicht!“
Raczek ignorierte den Zwischenruf.
„Der Kaiser grüßt euch und wünscht, dass ihr bald wieder als nützliche Glieder in die Gesellschaft aufgenommen werden könnt. Das heißt, ihr müsst geheilt werden.“
„Dideldidum, Dideldidei“, rief einer aus der Gruppe der Harmlosen, und kaum hatte der das gerufen, schlossen sich ihm die anderen an und die ganze Anstaltskapelle war erfüllt von einem Durcheinander aus „Didel“ und „di“ und „dum“ und „Diedeldidei“, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte.
Der Irrenhausinspektor blickte von seiner Kanzel hinab auf die schweigenden Gewalttätigen, sah einen fragende Blick auf sich gerichtet, und ohne darüber nachzudenken, nickte er zustimmend in diese Richtung.
Das war das Signal. Die Gewalttätigen hielt nichts mehr auf ihren Plätzen, mit Wutgebrüll stürzten sie sich auf die Harmlosen, dass denen darüber blitzschnell ihr „Dideldum, Dideldei“ und nebenbei auch Hören und Sehen vergangen ist.
Als die Ruhe wieder hergestellt war, kehrten die Gewalttätigen zügig auf ihre Plätze zurück und taten als sei nichts weiter gewesen.
„Wenn der Kaiser euch so sehen könnte“, predigte Raczek von seiner Kanzel aus, den Gewalttätigen zugewandt, „also wenn der Kaiser euch heute so hätte sehen können – keinen Augenblick würde er noch zweifeln, dass ihr geheilt und gesund seid. Männer wie euch braucht der Kaiser für seine Marine. Geht hinaus, folgt den Trommeln und der Fahne. Der Kaiser wird es euch reichlich lohnen, so wahr ich Mateusz Raczek bin, des Kaisers Irrenhausinspektor.“
Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Die Bänke auf der linken Seite leerten sich in Windeseile. Dann stoben sie hinaus in die Freiheit. Den Wächter am Tor der Anstalt fand man später erschlagen draußen auf der Straße. Schade um ihn, man hätte ihn informieren müssen, doch dafür war keine Zeit geblieben.
Unser Raczek aber hatte nun, wie man so sagt, Blut geleckt. Er hatte verspürt, noch ohne es auch begriffen zu haben, welche Macht einem einfachen Irrenhausinspektor zuwächst, alleine dadurch, dass er erhöht von der Kanzel aus zum Volke spricht. Er fühlte dabei eine große Nähe zu seinem Kaiser, der ebensolche Macht besitzen musste, vielleicht noch ein kleines bisschen mehr, denn diesem folgte ja nicht nur die Hälfte der Irren, sondern das ganze Volk. Nun wollte er es wissen.
„Nun“, wandte er sich den Harmlosen auf der rechten Seite zu, „nun sind wir unter uns. Es wäre doch gelacht, wenn ich euch nicht auch bald als geheilt entlassen könnte. Du, ja, du da vorne, in der zweiten Reihe, warum bist du in dieser Anstalt?“
Der Angesprochene erhob sich, strich sich mit rechten Hand nervös über den Bart und sagte leise: „Ich darf das nicht sagen.“
„Sprich lauter,“ ermunterte ihn Raczek, „und sag mir, was du nicht sagen darfst.“
„Ich darf das nicht sagen!“, kam es deutlich lauter zurück.
Raczeks Blicke suchten den Direktor, der ganz hinten, in der letzten Reihe Platz genommen hatte. „Herr Direktor, können Sie mir sagen, was der Mann hier nicht sagen darf?“
„Oh, ich weiß ganz genau, was er nicht sagen darf. Ich darf es allerdings auch nicht sagen. Seine Majestät, der Kaiser, kennt da kein Pardon.“
„Nun, wo kein Kläger, da kein Richter, Herr Direktor. Wir sind hier ganz unter uns. Also verraten Sie mir schon, was nicht gesagt werden darf.“
„Tut mir leid. Von mir erfahren Sie das nicht. Ich bin doch nicht verrückt. Ich bin hier der Direktor, und das will ich auch bleiben.“
Da ging dem Matheusz Raczek ein Licht auf. „Ist es also so, dass wer nicht sagt, was nicht gesagt werden darf, nicht verrückt, also ganz normal ist?“
„So ist es“, antwortete der Direktor.
„Dann“, und damit wandte sich Raczek wieder dem nervösen Bärtigen in der zweiten Reihe zu, „ist eines klar, mein Lieber. Du bist geheilt. Du kannst gehen. Du bist frei!“
„Wer möchte noch erfahren, dass er gesund ist?“
Eine ziemlich dicke Insassin mit kurz geschorenem Haar hob die Hand.
„Sprich! Warum bist du hier?“
„Das weiß ich nicht.“
„Hat es dir nie jemand gesagt?“
„Nein. Nie.“
„Und was steht in Ihren Akten, Herr Direktor?“
Dem Direktor des Irrenhauses war diese Frage sichtlich unangenehm. Er machte ein abwehrendes Handzeichen in Richtung Kanzel, doch Raczek ließ sich davon nicht beeindrucken.
„Sie werden doch wohl wissen, warum Sie diese Frau hier festhalten. Also, raus mit der Sprache!“
„Es ist mir peinlich. Können wir das nicht nachher, unter vier Augen?“
Da wurde Raczek wütend und es entfuhr ihm eine Frage, die er sonst an diesem Ort nie gestellt hätte: „Ja bin ich denn hier im Irrenhaus? Warum rückt denn niemand mit der Sprache heraus?“
Der Direktor grinste. „Sie haben es erfasst, Herr Irrenhausinspektor! Und weil wir schon einmal so richtig bei der Sache sind: Die Frau ist hier, weil er ein Mann ist.“
Man konnte direkt zusehen, wie Raczeks Hirnwindungen arbeiteten. Kopfschütteln, Stirnrunzeln, bedächtig am Kinn kratzen, die typischen Ausdrucksformen des mühsamen Denkens, denen endlich das abschließende Schulterzucken folgte.
(Nein! Nein. Sie wollen jetzt kein Merz-Video ansehen.
Ganz bestimmt nicht!)
„Ja, und? Was ist dabei? Schon der Alte Fritz meinte vor über hundert Jahren, es möge jeder nach seiner Façon selig werden. Und wer seinen Nostradamus zu deuten versteht, der weiß, dass das in hundert Jahren auch wieder so sein wird, und dass es da nicht nur Männlein und Weiblein, sondern noch 69 andere Geschlechter geben wird, die niemals nicht ins Irrenhaus geworfen werden, sondern auf prächtigen Wagen, mehr als nur halb nackt, durch die Straßen ziehen werden. Der Frau oder die Mann da, ist gesund. Raus aus diesem Irrenhaus!“
Die Dicke zauberte ein diabolisch-anzügliches Grinsen auf ihre feisten Wangen und marschierte ohne ein Wort des Dankes davon.
„Wer ist der Nächste?“, rief der Inspektor von seiner Kanzel herunter den übrigen Harmlosen zu.
„Ich, ich, ich! Ich will hier auch raus. Ich bin gesund, von Anfang an, einfach nur gesund.“
„Langsam, langsam! Erst einmal muss ich wissen, warum du überhaupt hier bist? Da wird es ja wohl eine Begründung geben. Herr Direktor, was wissen Sie über diesen Fall.“
„Nun. Das ist ganz einfach. Er sagt die Wahrheit.“
„Er ist also gesund, von Anfang an gesund?“
„Ja und nein. Ach, wenn es doch so einfach wäre! Wir, die wir uns wissenschaftlich mit den Nerven befassen, haben schon vor Jahren bei einem Kongress in Wien einen bahnbrechenden Beschluss gefasst. Der lautet: Wer in diesen Zeiten unerschütterlich von sich behauptet, geistig gesund zu sein – der ist garantiert verrückt!“
„Dann halten Sie also auch mich für verrückt?“
„Keineswegs, lieber Raczek, keineswegs. Sie gehören schließlich nicht zu jenen, die von sich behaupten, gesund zu sein. Sie gehören nicht zu jenen, die sich an so etwas, wie den gesunden Menschenverstand klammern und alles was davon abweicht als krank abweisen oder gar bekämpfen. Ihnen ist das alles, was um Sie herum geschieht, um es umgangssprachlich auszudrücken, „wurstegal“. Es regt Sie nicht auf, und was Sie nicht aufregt, das regt auch den Kaiser nicht auf.
Dass Sie sich dabei trotzdem selbst für gesund halten mögen, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Das interessiert auch niemanden, solange Sie nicht anfangen, deswegen zu räsonieren. Dann nämlich, müsste ich Sie melden und ihnen einen Platz im Schlafsaal bei den Harmlosen zuweisen. Gewalttätig sind Sie doch nicht, oder?“
Raczek bebte innerlich. Er fühlte sich verkannt, er witterte Betrug, und beides brachte ihn seit jeher in Rage. Er wurde wieder laut. So laut, wie er zu Beginn seiner Rede „Der Kaiser“ gerufen hatte. Doch nun nicht mehr mit einer gewissen vaterländisch-monarchistischen Euphorie in der Stimme, sondern mit jener ätzenden Verachtung, die der getretene Wurm dem Stiefel entgegenbringt.
„Ich lasse mich von Ihnen, allerwertester Herr Direktor, nicht einfach in eine Ihrer Schubladen sperren! Ich lasse mich von Ihnen auch nicht mit dem Verweis auf einen möglicherweise frei erfundenen Wiener Kongress ins Bockshorn jagen. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir nämlich, dass verrückt sein muss, wer kranke Menschen für normal und gesunde für verrückt erklärt. Deswegen verfüge ich, Kraft der mir vom Kaiser verliehenen Macht als Irrenhausinspektor, dass der vermeintlich Irre, in Wahrheit aber kerngesunde, unfreiwillige Patient Ihres Hauses nun frei ist und seiner Wege gehen kann. Keine Widerrede! Kein Wort will ich mehr von Ihnen hören. Sie können ja froh sein, dass ich Sie – aus alter Freundschaft, Sie wissen schon – nicht zur Anzeige bringe.“
Die Harmlosen, die ob der Stimmgewalt ihres Inspektors ganz still geworden waren, zeigten nun plötzlich Zeichen der Unruhe. Das ging von der hintersten Bankreihe aus. Raczek versuchte zu erkennen, was dort im Halbdunkel vor sich ging. Tatsächlich, da hatte sich einer der Harmlosen erhoben, drängte sich an den anderen vorbei zum Mittelgang, warf dort seinen schmuddeligen Anstalts-Umhang ab und stand dann da, da hinten, in einer schmucken Uniform, die Brust ordensbehangen, tat ein paar Schritte nach vorne und rief dann im besten preußischen Befehlston:

„Schweig er still! Irrenhausinspektor Raczek! Schluss mit diesem jämmerlichen Schauspiel!“
Dann sah er den Direktor an und befahl: „Seht zu, dass Ihr diesen gesunden Irren schleunigst wieder einfangt!“
Der Direktor, der in seiner Position schon so manches erlebt hatte, erhob sich nun ebenfalls von seinem Platz, legte den Kopf schief, als wollte er den Störer ganz genau betrachten, und fragte: „Ei, wer seid Ihr denn, putziges Herrlein? Ich wüsste nicht, dass ich mir von Euch etwas sagen lassen müsste?“
„Eberhardt von Kiekebusch, im Auftrag des Kaisers.“
Aus den Reihen der Harmlosen erscholl Gelächter. Einer rief: „Hierher, Eberhardt, hier bist du in guter Gesellschaft. Gestatten: Walther von der Vogelweide. Der da neben mir, den kennst du auch, das ist Geheimrat Goethe. Setz dich zu uns. Da, neben dem Rothaarigen, ist ein Platz frei. Wir nennen ihn Barbarossa. Er aber besteht darauf, Fürst Pückler zu sein. Her mit dir! Bei uns bist du richtig!“
Matheusz Raczek wurde es siedend heiß auf seiner Kanzel. Das hatte er doch glatt vergessen, dass der Kaiser einen Inspizienten hatte senden wollen. Keine Frage: Dieser Eberhardt von Kiekebusch war zweifellos echt, kein Neuzugang für die Anstalt, wie die Harmlosen angenommen hatten. „Was kann ich bloß tun, um die Situation und meinen Hals zu retten?“ fragte er sich, während die Harmlosen noch ihren Spaß hatten.
Von Kiekebusch machte keine Anstalten, sich unter den Harmlosen niederzulassen. Stattdessen ging er noch ein paar Schritte in Richtung Kanzel und rief hinauf: „Runter da, Raczek. Beeil er sich. Ich hab ein Wörtchen mit ihm zu reden.“
Aber Raczek, der immer noch die Macht verspürte, die ihm seine erhöhte Stellung auf der Kanzel verschaffte, setzte alles auf eine Karte.
„Wer sich in diesem Hause auf den Auftrag des Kaisers beruft, mein Freund, der ist hier gut aufgehoben und wohlverwahrt.“
„Untersteh‘ er sich, Raczek! Ich, Graf Eberhardt von Kiekebusch, bin hier im Auftrag des Kaisers, und, fürwahr, ich bin kein Irrer. Ich bin gesund!“
„Ach, er ist gesund? Das ist interessant, nicht wahr, Herr Direktor? Hat der Kongress in Wien, an dem Sie teilzunehmen die Ehre hatten, nicht beschlossen: Wer in diesen Zeiten unerschütterlich von sich behauptet, geistig gesund zu sein – der ist garantiert verrückt?“
Eberhardt von Kiekebuch verdrehte ungläubig die Augen, wandte sich dabei sanft lächelnd an den Direktor und verlangte: „Nun machen Sie diesem Spuk doch ein Ende! Sie sind es doch, der hier unterscheidet zwischen normal und verrückt, zwischen gesund und irre. Der Narr auf seiner Kanzel dreht Ihnen doch das Wort im Mund herum!“
„Wer auch immer Sie sein mögen, mein Herr“, begann der Direktor vorsichtig seine Erwiderung, „so einfach ist das nicht. Alleine Ihr Aufzug. Der bunte Rock, das blinkende Blech an der Brust, die Epauletten, die breite Schultern vortäuschen, wo keine sind, Sie müssen schon zugeben, dass dies außergewöhnlich ist.“
„Die Uniform entspricht meinem Rang, die Orden sind mir für Mut und Tapferkeit verliehen, und, ja, viele wie mich, werden Sie im ganzen Reich nicht finden. Uniform, Orden und Ehrenzeichen sind außergewöhnlich, weil ich außergewöhnlich bin.“
„Hört, hört!“, rief da Matheusz Raczek von seiner Kanzel herunter. „Außergewöhnlich nennt er sich. Außergewöhnlich, wie ein Kalb mit zwei Köpfen – und ist das normal? Ist das gesund? Dass der irre ist, ist doch schon erwiesen. Fehlt nur noch die Unterscheidung, ob er eher harmlos ist, oder ob er den Gewalttätigen zugerechnet werden muss. Heh! Sag‘ uns! Wie viele willst Du in der Schlacht erschlagen haben? Für jeden Orden zehn, oder gleich fünfzig?“
„Wir wollen nicht voreilig sein, lieber Raczek. Außergewöhnliches muss nicht immer krank sein.“ Der Direktor machte eine kleine Pause – und dann einen Vorschlag: „Wenn er ein Papier des Kaisers bei sich trägt, das ihn ausweist und seinen Auftrag bestätigt, sollten wir alle Zweifel an seiner geistigen Gesundheit beiseite schieben und ihn willkommen heißen. Was vom Kaiser ausgeht, ist gesund. Das Reich müsste zerfallen, wollten wir daran zweifeln.“
Raczek nickte zustimmend. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Sich gegen den Kaiser zu stellen, wäre verrückt. Vollkommen verrückt.
Und so fragte der Chef des Irrenhauses den Gesandten des Kaisers, ob er sich wohl ausweisen könne.
„Danke, guter Mann“, sagte von Kiekebusch. „Sie scheinen der einzige Vernünftige in dieser Anstalt zu sein. Natürlich kann ich mich ausweisen.“
Dabei zog er ein Papier aus einer Tasche seines Waffenrockes und hielt es dem Direktor unter die Nase. Dann sagte er noch: „Ich möchte wirklich wissen, wie der Kaiser auf die Idee gekommen ist, mich in diese Irrenanstalt zu schicken. Der muss doch verrückt geworden sein.“
Da haben sie ihn dann doch dabehalten.

Im Reichsstrafgesetzbuch in der Fassung vom 1. Januar 1872 waren als mögliche Strafen für die Beleidigung des Landesherren in § 95 festgelegt: Gefängnis, nicht unter zwei Monaten, oder Festungshaft zwischen zwei Monaten und fünf Jahren.
Die Bemühungen um die Humanisierung des Strafrechts haben dazu geführt, dass das Strafmaß ab dem 3. April 2021 – nun im Paragraphen 188 festgesetzt – auf drei Jahre Gefängnis begrenzt wurde und alternativ auch Geldstrafen verhängt werden können, allerdings wurde dabei das Strafbarkeitskriterium in geradezu inflationärer Weise bis auf die allerletzten Repräsentanten des Staates in der untersten kommunalen Ebene ausgeweitet.
In diesem Sinne: Geben Sie auf sich Acht!
Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr
Ihr
Egon W. Kreutzer