Wenn einer Vassiliadis heißt, was auf griechische Wurzeln hindeutet, und es in Deutschland zum Vorsitzenden der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie gebracht hat, ist das unbestreitbar ein Zeichen gelungener Integration.
Nun möge mir Herr Vassiliadis verzeihen, dass ich ausgerechnet ihn aus der Fülle möglicher Beispiele nach oben ziehe. Er teilt sein Wahrnehmungsproblem mit vielen, vielen anderen. Er ist mir halt einfach ganz aktuell in den Nachrichten über den Weg gelaufen. Deswegen.
Auch, weil Herr Vassiliadis den Nachweis erbringt, dass über die gelungene Integration hinaus noch mehr Integration möglich ist, indem dieser Gewerkschaftsboss sehenden Auges dem Irrweg der deutschen CO2- und Klimapolitik folgen will, nur eben etwas langsamer. Das ist dann die vollständige Integration ins linksgrüne Narrativ und Unterordnung jener Organisation, in der die Erträge erwirtschaftet werden, unter jene Organisation, die sich erfolgreich bemüht, die Erträge zu schmälern und, was dann trotzem noch herauskommt, großzügig zu verpulvern.
Ja, er trägt alles vor, was falsch läuft für die von ihm vertretenen Branchen und deren Arbeitnehmer und Gewerkschaftsmitglieder. Sinngemäß:
- Meldungen über Fabrikschließungen häufen sich. Ineos macht ein Werk in Gladbeck dicht, Dow trennt sich von den Anlagen in Schkopau und Böhlen. Ursache: Hohe Energiekosten und die europäische CO2-Besteuerung machen wirtschaftliche Produktion in Deutschland unmöglich.
- Viele Unternehmen sind irritiert, schließen die Werkstore und produzieren dann woanders.
- Wir verlieren jeden Tag energieintensive und CO2-intensive Bereiche, neben den Mittelständlern auch große ausländische Konzerne, die sich aus Europa zurückziehen.
- Viele Unternehmen bringt die CO2-Bepreisung gnadenlos um.
- Der Effekt, dass Unternehmen Millionen oder Milliarden in die kliamgerechte Transformation investieren, tritt kaum ein, es sei denn, diese Investitionen würden von der Aussicht auf massive Subventionen angetrieben.
Er hat ja so recht, der Herr Vassiliadis.
Aber warum verlässt ihn dann der Mut?
Was ist das für ein Wischi-Waschi, wenn er in Treue fest verkündet, er benutze den Begriff „Deindustrialisierung“ nicht? Das sei ihm einen Tick zu groß. Hat er Angst, seine Mitglieder zu verunsichern, oder gar die Genossen in Berlin zu verärgern?
Was ist das für ein Wischi-Waschi, wenn er im nichtssagendsten Politiker-Sprech fordert: „Wir müssen das Dreieck aus Wirtschaftlichkeit, sozialer Verantwortung und Klimaschutz wieder in Balance bringen. Dazu braucht es eine Allianz von Bund, Ländern und Sozialpartnern.“ Als hätte die Sozialpartnerschaft in Deutschland nicht über Jahrzehnte zufriedensellend funktioniert. Störenfried im aus Jux und Tollerei neu geschaffenen Dreieck ist alleine der untaugliche und unsinnige Versuch, das Klima zu normieren und wieder auf den Stand von 1870 zu bringen, statt sich, weit sinnvoller, mit dem Klima zu arrangieren.
Wie kurzsichtig ist es, wenn er sich der Politik anschließt, und ihr bescheinigt, der Industriestrompreis müsse kommen? Der Strom, als volkswirtschaftlicher Kostenfaktor, wird um keinen Cent billiger, wenn nicht die Großverbraucher, sondern die Steuerzahler dafür aufkommen müssen!
Und wie widersinnig ist es, wenn er einerseits erkennt, dass die CO2-Besteuerung für viele Unternehmen das Aus bedeutet, aber andererseits nur daran herummäkelt, dass die Erhöhungen linear erfolgen, wenn ein Stufenmodell doch viel schöner wäre?
Auch noch so schöne und noch so engagiert vorgetragene Appelle, mit noch so dramatischen Warnungen vor den unweigerlich eintretenden Folgen, sind nutz- und sinnlos verschwendete Zeit und Energie, wenn man sich weigert, die tiefer liegende Ursache überhaupt anzusprechen.
Es sind nicht die Konzepte, die Regularien, die Mittel und Methoden, mit denen das Netto-Null-Ziel erreicht werden soll, was die Industrie aus Deutschland vertreibt.
Es ist dieses selbstmörderische Ziel selbst, dass nicht nur vollkommen überflüssige Investitionen in Billionenhöhe erfordert, sondern zugleich auch die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft zerstört.
Es ist ein historischer Irrweg. Den weiterzugehen, macht die Situation nur immer noch unangenehmer. Und selbst wenn an seinem Rande für die Mühseligen und Beladenen letztlich steuerfinanzierte, vorläufig jedoch auf Pump beschaffte Ruhebänke und Trinkbrunnen aufgestellt werden, es bleibt ein Irrweg.
Deutschland hat sich verrannt und hält sich dabei immer noch für die Vorhut der ganzen Welt. Ein Blick in den Rückspiegel würde helfen zu erkennen, dass der Holzweg hinter uns leer ist.
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