Es ist nicht die Abgeklärtheit des Alters, dass mich nichts mehr aufregt. Nicht der Zustand, der erreicht werden muss, um vom Rad der Wiedergeburten befreit ins Nirwana zu ziehen. Es ist auch keinesfalls der Sturz in die Resignation.
Vielleicht, ich weiß es nicht, ich war ja nie einer, ist es die professionelle Distanz, die sowohl dem Palliativmediziner als auch dem alles Grauen schon einmal gesehen habenden Kriegsberichterstatter zu eigen ist, weil sie sonst nie mehr mit Freunden ein Feierabendbier trinken könnten.
Manchmal glaube ich, dass mein Zustand dem eines Allergikers gleicht, dem erfolgreich über Monate und Jahre hinweg immer größer werdende Dosen eines Allergencocktails gespritzt wurden, um ihn per Hyposensibilisierung von seinen quälenden Symptomen zu befreien.
Aber es macht mich nicht frei. Es beschämt mich.
Ich habe Zahlen vor Augen. Fünfstellige Zahlen von jährlich polizeilich behandelten Vergewaltigungsfällen – und es regt mich nicht mehr auf. Es sind ja nur Zahlen. Zahlen, die auf eine Fläche von weniger als einem Quadratzentimeter passen. Die Augen huschen darüber hinweg. Sie huschen darüber hinweg, weil es ein gewohntes Bild ist, aber auch, weil es nicht mehr möglich ist, diese Zahl in einem einzigen Kopf noch aufzulösen, dahinter die weinenden Augen einer ganzen Division von gequälten Frauen zu erkennen, ihr Schreien zu hören, ihre Schmerzen nachzuempfinden, und um jene zu trauern, die ihre Vergewaltigung nicht überlebt haben. Es geht nicht mehr – und der Einzelfall, der noch Mitgefühl und Wut und Trauer auslösen könnte, wird ja gar nicht mehr berichtet, weil die Fülle der Einzelfälle in der Flut der Berichte ebenso untergehen würde, wie sie in der fünfstelligen Zahl untergehen.
Wären es nur die Vergewaltigungen, könnte man sich damit ja vielleicht noch auseinadersetzen. Aber auf die Vergewaltigungen oben drauf kommen die ebenso fünfstelligen Zahlen der Messerattacken, die schon nicht mehr genug Interesse wecken, um herausfinden zu wollen, ob es nun Teppichmesser, Küchenmesser, Jagdmesser, Brotmesser, Äxte, Macheten oder Säbel waren. Es gibt auch kein Blut mehr vor dem geistigen Auge. Die Zahlen sind klinisch rein. Unterscheiden sich in nichts von den Kfz-Neuzulassungen oder den im Laufe von nur zwei Wochen verkonsumierten Hektolitern Oktoberfestbier.
Wären es nur die Messerstechereien und Vergewaltigungen, von den Massenprügeleien von Gruppen ganz abgesehen, die sich zwischen Vergewaltigungen und Messerattacken häuslich eingerichtet haben, man könnte immer noch versuchen, irgendwie damit umzugehen, rational und emotional, man könnte sich immer noch aufregen und die Frage in die Welt hinausbrüllen: „Warum lasst ihr das zu?“ Und wenn von den Verantwortlichen keine Antwort kommt, könnte man klagend vor das Angesicht Gottes treten und ihn fragen: „Warum lässt du das zu?“
Das ist es aber noch lange nicht. Wir sind ja immer noch bei den kleinen Zahlen. Fünfstellig. Lächerlich. Noch nicht einmal so viel wie der fein zermahlene Staub von Peanuts, der in der leeren Dose verbleibt und mit ihr in den gelben Sack gelangt.
Sprechen wir von den sechsstelligen Zahlen. Da sind wir bei den Arbeitsplätzen, die alle Jahre verloren gehen. Das ist die Summe. Eine Zahl. Darin sind die 50.000 Jobs von VW vielleicht die größte Nummer, aber eben nur eine unter vielen, und von den meisten frisch aufgegebenen oder ausgewanderten Jobs erfährt die Welt sowieso nichts. Wer denkt schon daran, dass es hundertausendfache Angst, hunderttausendfache Wut, hunderttausendfache Verzweiflung ist, die sich hinter diesen Zahlen verbirgt. Es steht doch im Wirtschaftsteil. Neben den Börsenkursen. Gleichrangig. Sind doch nur Zahlen. Man würde doch wahnsinnig, wollte man sich das ganze Ausmaß auch nur umrisshaft vorstellen. Nein. Da darf man sich nicht aufregen. Nun sind sie halt mal weg, die Jobs. Und weiter geht’s.
Um sechstellige Zahlen geht es auch in den Kriegen. Sechstellige Zahlen von Gefallenen und Verwundeten, die alljährlich zu beklagen wären, könnte man sich noch darüber aufregen. Aber es sind ja nur Zahlen, Ziffernfolgen, die über den Bildschirm huschen und schnell wieder weggeklickt oder weggewischt werden, weil es ja nichts Neues ist, weil es langweilig ist, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat immer wieder die gleichen Informationen vorgesetzt zu bekommen. Ja – wenn da eine Seite eine Atombombe zünden würde… Da könnte man sich vielleicht noch aufregen? Sicher? Nein. Vermutlich nicht. Wer weit davon weg vor dem Fernseher sitzt, sieht die Zerstörung ja nicht wirklich, riecht nicht die verbrannten Leichen, sieht nicht die Überlebenden zwischen den Ruinen, tödlich verstrahlt, aber immer noch am Leben hängend. Man müsste es ausprobieren. Einfach mal die Bombe einsetzen. Wen würde es noch aufregen? Die Zeitungsfritzen würden aufgeregt im Dreieck springen – wegen der Auflage, nicht wegen des unendlichen Schreckens. Aber nach drei Tagen? Atomkriege sind führbar geworden, wird es dann heißen, und, auch wir müssen unsere Skrupel ablegen, wenn wir uns nicht selbst aufgeben wollen.
Die sieben- und achstelligen Zahlen der kleinen und großen Verschwendungen vom Bundesrechnungshof können wir locker überspringen. All die kleinen Etatpositionen zur Förderung unserer Demokratie und der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit und der Diskriminierungsfreiheit und der Fahrradwege in Peru. Wir sind ein reiches Land – und zur Kompensation haben wir schließlich die Achtstelligen an und unter der Armutsgrenze. Per Saldo tendiert das gegen null.
Die neunstelligen gibt es dann schon nicht mehr. Die verschwinden als erste Nachkommastelle der Ressort-Etats im Bundeshaushalt. Und wo die Milliarden zweistellig werden, verschwinden auch die Nachkommastellen. Nicht, weil es niemanden interessiert. Sie verschwinden, weil man keine Genauigkeit vortäuschen will, die es bei diesen Größenordnungen gar nicht mehr geben kann.
Es regt mich alles nicht mehr auf. Und dass es mich nicht mehr aufregt, das regt mich auf.
Es regt mich auf, weil ich feststelle, dass mir, dass uns, etwas Wichtiges verloren gegangen ist, während das Wasser im Topf immer wärmer geworden ist.
Ich habe lange gegrübelt, was es ist. Was da war, wo jetzt eine Leerstelle ist. Schließlich habe ich mich mit mir selbst darauf geeinigt, dass es der Begriff „das Ideal“ ist, was dem am nächsten kommt. Es gibt noch einen Abklatsch, bei Leuten, die wir Spinner und ihr Verhalten bestenfalls „idealistisch“ nennen, aber das Ideal, die Vorstellung des gemeinsam und gemeinschaftlich Erstrebenswerten, die wahren Werte, hinter denen „westliche Werte“ wie eine boshafte Karikatur wirken, die sind weg.
Damit ist auch der Sinn verloren, und wo der Sinn verloren ist, gibt es keinen Zweck mehr, und weil es keinen Zweck mehr gibt, sind die Mittel, so wir denn noch darüber verfügen, sinn- und zwecklos geworden. Zugleich verschwinden die Symbole, die einst – für jedermann zweifelsfrei erkennbar – für das Ideal standen, und wo sie noch nicht verschwunden sind, sind sie zu Zeichen der Beliebigkeit entartet.
Es hat nicht damit angefangen, beileibe nicht, aber es war für Menschen, die sich noch an die Beschaffenheit des Ideals erinnerten ein Fanal, als Schulschänzer in Massen, und vom Staat mit zugedrückten Augen der Schulpflicht enthoben, freitags auf die Straße gingen und erklärten, Lernen hätte keinen Sinn, wenn die Welt morgen sowieso verbrennt. Dieser Irrsinn ist inzwischen allmächtig geworden. Sein Inhalt ist Vernichtung, sein Name ist Degrowth, sein Ziel ist die Sinnlosigkeit, seine Siege sind Deindustrialisierung, Energiemangel, Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger, Krankheit und Wehrlosigkeit. Verlierer ist das Streben nach Glück.
Es gibt verschiedene Vorstellungen von Glück. Vieles, was heute angestrebt wird, hat mit wirklichem Glück nichts mehr zu tun. Damit will ich mich nicht abgeben.
- Glück ist es, sich anzustrengen, Herausforderungen zu meistern und ein selbst gesetztes Ziel zu erreichen.
- Glück ist es, eine Familie zu gründen, für diese ein Heim zu schaffen und die Kinder heranwachsen zu sehen.
- Glück ist es, in einer Gemeinschaft zu leben, gemeinsame Werte zu achten und gemeinsame Ziele zu erreichen.
- Glück ist es, als Gleicher unter Gleichen Teil eines Volkes zu sein, seinen Platz darin zu finden und bestmöglich auszufüllen.
- Glück ist es, seine Nächsten zu lieben wie sich selbst, ihnen Gutes zu tun und Schaden von ihnen abzuwehren.
- Glück ist es, nach einem erfüllten Leben, mit sich im Reinen, gehen zu dürfen.
- Wo ist das Glück, wenn es im Sport keine Noten, beim Jugendfußball keine Tore, beim Abitur keine schweren Aufgaben mehr gibt?
- Wo ist das Glück, wenn Singles die Verantwortung für eine Familie scheuen, wenn das eigene Heim unbezahlbar bleibt und man glaubt, es sei unverantwortlich, heute noch Kinder in diese Welt zu setzen?
- Wo ist das Glück, wenn Gemeinschaften am Egoismus zerbrechen, wenn jeder seine eigenen Werte hochhält und das gemeinsame Ziel schon daran scheitert, dass der Neid nicht nur das friedlich-freudige Verteilen des Fells der Bären unmöglich macht, sondern vorher schon die gemeinsme Jagd?
- Wo ist das Glück, wenn das Volk nicht mehr nur aus Gleichen, sondern auch solchen besteht, die gleicher sind als die anderen? Wenn der eigene Platz darin nicht selbst gewählt und erarbeitet, sondern ebenso zugewiesen wird, wie er wieder entzogen werden kann?
- Wo ist das Glück, wenn der Weg zum Nächsten von den Fernsten verstellt wird, wenn du denen Gutes tun musst, die dir und deinen Nächsten Schaden zufügen?
- Wo ist das Glück, wenn du am Ende deines Weges einsam, ausgeplündert und wundgelegen in einem Heim sterben wirst, das irreführend den Begriff Pflege im Namen führt?
Wo das Glück verschwunden ist, weil das Ideal fehlt, dem nachzufeifern und sich anzunähern glücklich macht, braucht dich nichts mehr aufzuregen. Es ist alles egal. Es gibt keinen Maßstab mehr. Es kann nur noch schlimmer werden.
Klar. Das war jetzt einfach nur noch völkisch.
Die Omas gegen rechts wetzen schon die Regenschirme.
Wenn die Flagge am höchsten Mast eines Schiffes in den Fluten versunken ist, kommt jede Rettung zu spät.
Wahrscheinlich muss es allen erst ganz schlecht gehen, damit sich in den Köpfen etwas ändert. Wie kann man denn immer noch Pistorius als beliebtesten (?) Politiker sehen? Wie kann man denn bei der Sonntagsfrage immer noch auf die SPD/CDU/Grüne/Linke stehen und denen ein Pünktchen Zustimmung erteilen? Ich habe ein Hörbuch von Mitte der 1990er Jahre. Samuel Meffire, der Autor beschreibt schon dort unsere Zukunft: Autobahnen, wo ganze Stücke fehlen, Deutsche, die vor den Schaufensterscheiben von Läden stehen, die Nase platt drücken und nichts mehr kaufen können. Und das spannendste an der Situation dort war, dass Russland Suppenküchen für die Deutschen installiert hat und mit Nahrung uns am Leben hielt. Es war die Zeit, in der durch Gorbatschows Einladung sich in Frisco 500 Superreiche, Wissenschaftler und ähnliche Leutchen trafen, um in einem Vortrag zu hören, dass nur noch 20% der Menschen auf der Erde gebraucht werden, der Rest muss bespaßt werden. (Deshalb auch meine Verachtung von Gorbatschow, der Liebling des Westens) Weiterhin war das die Zeit, in der in Star Trek DS9 es eine Folge gab, wo die Überflüssigen in bestimmte Zentren eingesperrt wurden, dieses Viertel nicht verlassen durften und sogenannte Arbeitsagenturen sie verwalteten. Essen wurde notdürftig gestellt. Dann rebellierten diese Menschen und es kam zu der völlig naiven Vorstellung der Serie, einer Welt ohne Not mit Friede, Freude, Eierkuchen. (Der Bell-Aufstand – bei Interesse nachzulesen).
Dass ist das, was uns erwarten könnte, vor allem, wenn wir wieder in den Krieg gerissen werden. Zur Zeit stehen dafür alle Signale auf grün.
Alles Symptome eines biologischen Niedergangs. Sehr empfehlenswert nachzulesen in dem buch von Eckart Knaul: „Das biologische Massenwirkungsgesetz“. Darüber hinaus gilt die Erkenntnis: glücklich ist, der vergisst, was nicht zu ändern ist….