Es knallt im Nahen Osten

Ein Krieg, der seit Jahrzehnten in der Luft liegt, aber immer wieder aufgeschoben wurde, ist nun begonnen worden.
(Nein! Ausgebrochen ist er nicht!)

Der Iran steht schon lange auf der Wunschliste der US-Außenpolitik. Dass Israel jetzt alleine zugeschlagen hat, rechne ich meiner Vermutung zu, dass frühere US-Präsidenten Israel immer glaubhaft damit vertrösten konnten, der Zeitpunkt sei ungünstig, aber man werde bei nächster Gelegenheit gemeinsam losschlagen, bis Netanjahu in Donald Trump einen US-Präsidenten zu verkraften hatte, der nicht von der Idee beseelt war, den Iran zu irakisieren.

Dass die USA von den Plänen wussten, die Ausführung nicht behinderten, und an der Abwehr des iranischen Gegenschlages mitwirkten, steht dem nicht entgegen. Trump ist da wie die nicht vorherberechenbare Instabilität im chaotischen System, im Grunde der Archetypus aller Kipppunkte. Nun, man tut ihm damit Unrecht. Er kippt immer zur Seite des Vorteils des MAGA Imperiums. Von daher ist klar: Auch wenn er Selenski nicht mehr besonders lieb hat, auch wenn er vernünftige Beziehungen mit Russland anstrebt: Der Krieg in der Ukraine läuft weiter und zehrt an Russlands Kräften. Der Krieg in der Ukraine läuft auch weiter, weil der Iran massive Waffenhilfe leistet. Schätzungen besagen, dass Russland inzwischen mehr als 10.000 Drohnen aus iranischer Produktion gegen die Ukraine eingesetzt hat. Hunderttausende Artilleriegranaten, aber auch ballistische Raketen aus dem Iran werden gegen die Ukraine verwendet. 

Sicher, Russland hat die eigene Rüstungsindustrie inzwischen massiv hochgefahren, produziert auch die iranischen Drohnen, inzwischen bis zur Unkenntlichkeit verbessert, in eigenen Fabriken, doch gerade bei Drohnen macht es inzwischen die Masse. Ein vollständiger Verlust der iranischen Zulieferungen wird daher dennoch einen Einschnitt in die russischen Fähigkeiten bedeuten.

Dieser Einschnitt droht, weil sich der Iran seit dem Angriff aus Israel im Zustand der Selbstverteidigung befindet, seine Waffen also selbst benötigt.
Dieser Einschnitt wird manifest werden, wenn Israel seine Angriffe, wie angekündigt, über mehrere Tage fortsetzen wird und dabei eben nicht nur die Atomanlagen, sondern auch die Rüstungsindustrie des Iran nach Kräften zerschlagen wird.

Dies beeinträchtigt aber längst nicht nur die russische Kriegsführung. Die Reste der Hamas, die Hisbollah und die Huthis werden vom Nachschub  abgeschnitten, wenn der Iran um das eigene Überleben kämpft. Damit wird auch die Durchfahrt durch das Rote Meer und den Suez-Kanal wieder sicher.

Dies alles liegt im strategischen Interesse der USA, schon immer, und wenn es sich nun so ergeben hat, weil Netanjahu die Verantwortung übernommen hat, dann gibt es keinen Grund zum Klagen.

Es sieht, am 13.06. gegen 16.00 Uhr auch so aus, als sei es den Israelis gelungen, die iranische Luftabwehr im Schlaf zu überraschen und vollständig auszuschalten. Die von Russland erworbenen S300-Systeme hatte Israel schon bei einem Angriff im April zerstört. Offenbar war dafür bisher kein Ersatz eingetroffen, auch nicht die vom Iran gewünschten S400-Systeme.

Dies bedeutet für den Iran nichts Gutes. Alles, was an weitreichenden Waffensystemen noch vorhanden ist, steht in unmittelbarer Gefahr, schon bei der nächsten israelischen Angriffswelle verloren zu gehen. Wie beim Atomkrieg stellt sich die Frage nach dem verheerenden Zweitschlag, bevor der Angreifer die Möglichkeit dazu genommen haben wird.

Im Grunde wiederholt sich hier der Versuch, den Israel schon im Gaza-Streifen gewagt hat, nämlich einen Gegner bis zur Kampfunfähigkeit aufzureiben (und dann zu vertreiben). Der Iran ist allerdings eine ganz andere Hausnummer als die Hamas. Die Übereinstimmung besteht darin, dass beide in ihrer durchaus ernstzunehmenden Rhetorik die Vernichtung Israels anstreben.

Der Grundkonflikt ist im Islamismus zu suchen. Das Staatslexikon-online.de bringt das so auf den Punkt:

Es gibt Islamisten in Gestalt des ehemaligen türkischen Staatspräsidenten Necmettin Erbakan oder in Gestalt Hasan al-Bannâs, des Gründers der ägyptischen Muslimbruderschaft. Es gibt aber auch Islamisten, denen es um die eindeutige Herrschaft der Scharia geht, und solche, die nicht nur Nicht-Muslime, sondern auch solche Muslime bekämpfen, die einem anderen Islamverständnis folgen. Zudem müssen die Unterschiede zwischen Islamisten und Dschihadisten beachtet werden. Denn in seiner extremen Form mündet der I. in den Terrorismus des Dschihadismus. Dies geschieht zumeist dann, wenn ihre Verfechter glauben, die Errichtung oder Verteidigung der „göttlichen Ordnung“ erfordere einen internen Umbruch oder einen extremen Dschihad, in dem die Ungläubigen und die Feinde des Islam zu bekämpfen seien. Die Terroranschläge der al-Qāida und die Gewalttaten des IS zeugen von dieser extremen Gestalt des I. bzw. des Dschihadismus.

Der Islamismus, der Israel bedroht, ist jedoch nicht auf den Nahen Osten beschränkt. Er ist ein weltweites Phänomen.

„China versucht sich des Islamismus zu erwehren, indem es die Religionsausübung für Muslime einschränkt. Human-rights-watch schrieb dazu 2023:

„Die chinesische Regierung ‚konsolidiert‘ Moscheen nicht, wie sie behauptet. Stattdessen schließt sie viele und verletzt so die Religionsfreiheit“, sagte Maya Wang, stellvertretende China-Direktorin bei Human Rights Watch. „Die Schließung, Zerstörung und Umwandlung von Moscheen durch die chinesische Regierung ist Teil eines systematischen Versuchs, die Ausübung des Islam in China einzuschränken.“

Russland, mit einem Bevölkerungsanteil von etwa 10 Prozent Muslimen, hat sich mit dem Islam arrangiert. Wo jedoch der Islamismus in Form von Dchihadisten auftaucht, wie zum Beispiel im zweiten Tschetschenien-Krieg, setzt sich der Staat zur Wehr.

Die USA führen ihren Krieg gegen den Islamismus seit 9/11 außerhalb des eigenen Territoriums. Die muslimische Bevölkerung in den USA gilt als gut integriert. Inwieweit die derzeit tobenden Aufstände in Kalifornien, wie auch die früheren Black-Lives-Matter Randalen teilweise vom Islamismus befeuert sind/wurden, ist unklar.

Für Frankreich, das aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit viele Muslime unter seinen Einwohnern hat, fasst die KI von Google Folgendes zusammen:

„In Frankreich wird der Begriff „Islamismus“ oft verwendet, um eine Form des politischen Extremismus zu bezeichnen, der sich auf den Islam bezieht und häufig mit Gewalt und Diskriminierung verbunden ist. Die französische Regierung hat verschiedene Maßnahmen ergriffen, um diesem Phänomen entgegenzuwirken, darunter die Überwachung und Schließung radikaler Moscheen und die Einführung eines Gesetzes gegen Separatismus.“

Ist Netanjahu also der Retter der Welt vor dem Islamismus? Wird er, wie einst 1697 Eugen von Savoyen die Türken, den Iran zurückschlagen?

Das wäre vermutlich zuviel der Ehre. Netanjahu kämpft für sich und für Israel.
Er nimmt dabei allerdings in Kauf, dass sich aus dem Nahen Osten heraus ein Weltbrand entwickelt, der –  erst einmal ausgebrochen – jahrelang lodern dürfte.

Israel hat nicht umsonst alle Konsulate weltweit geschlossen, um Vergeltungsangriffe – wenigstens was Menschenleben betrifft – ins Leere laufen zu lassen.