Abgesehen davon, dass Früher alles besser war.
Zum Beispiel die Sache mit Eis und Schnee. Heute ist das Zeugs nicht nur ziemlich kalt, sondern auch noch arschglatt. Wo Eis und Schnee herumliegt, kommt kein Schüler mehr zur Schule, wegen Unwetter. Damals war das ganz anders. Es war zwar auch glatt, aber anders. Lustig glatt. Wo ein Bürgersteig nicht geräumt war und sich die Gelegenheit geboten hat, haben wir Anlauf genommen und sind dann meterweit dahingezischt, als hätten wir Schlittschuhe an den Füßen. Heute läuft das unter schrecklich glatt, und gefährlich glatt, und wer sich vor die Türe traut, läuft Gefahr, sich jede Menge Knochen zu brechen.
Nostalgie?
Klar. Ist ja der Trend. Wo sogar der Vorsitzende der Christlich Demokratischen Union und der Vorsitzende der Christlich Sozialen Union wieder tief in der Vergangenheit kramen und die Wonnen nostalgischer Verzückung genießen.
Sie können mir jetzt gerade nicht folgen?
Es ist nicht die nebulöse Rentenreform, die ich meine. Rentenreform ist ja sozusagen die uns permanent begleitende Kontinuität, vorhersehbar wie das Kommen und Gehen des vollen Mondes. Rentenreform, das ist immerwährende Gegenwart.
Es ist die Sache mit den Stunden.
Söder fordert hundert Stunden, Merz will gleich zweihundert. Davon war lange nicht mehr die Rede. Aber neu ist es eben auch nicht. Und, es scheint zur Jahreszeit zu passen. Wer vor 1980 geboren wurde, könnte es damals, als Zwanzigjähriger mitbekommen haben.
Im Januar 2003 war es, als ein Herr Braun, seinerzeit Vorsitzender des DIHK, die Rettung der deutschen Wirtschaft darin gesehen hat, dass ALLE, jeweils in einem Zeitraum von fünf Jahre, 500 Stunden unbezahlte Mehrarbeit verrichten müssten. Bei größtmöglicher Flexibilität, versteht sich.
Das war Merz und Söder in einem Vorschlag. Söders hundert Stunden kommen heraus, wenn man die 500 Stunden des Herrn Braun auf ein Jahr bezieht. Auf Merzens 200 Stunden läuft es hinaus, wenn man die Flexibilität mit in Betracht zieht und in den fünf Jahren halt mal mit 200 Stunden im ersten Jahr anfängt. Das kann man dann im zweiten Jahr wiederholen, und im dritten Jahr stellt sich heraus, dass es gar nicht mehr anders geht.
Am 17. Januar 2003 habe ich dazu den nachstehenden Beitrag veröffentlicht. Heute würde ich das so nicht mehr zu schreiben wagen. Aber weil es quasi ein zeitgeschichtliches Dokument ist …
Wahnsinn? Nein, Sachverstand!
Ein Kommentar von Egon W. Kreutzer
zum Vorschlag des Präsidenten des DIHK, Georg Braun, die Arbeitnehmer sollten innerhalb von 5 Jahren 500 Stunden freiwilliger, unbezahlter Arbeit erbringen.
17.01.2003
Georg Braun, der Präsident des Deutschen Industrie und Handelskammertages, ist über jeden Zweifel erhaben. Was er sagt, ist kein wirres Gerede sondern das Ergebnis kluger Überlegung und brillanten Sachverstandes.
Wenn es dir und mir trotzdem so vorkommt, als mache sich Herr Braun über uns lustig, dann liegt das daran, dass wir uns viel zu wichtig nehmen und dass wir in unserer Naivität immer wieder davon ausgehen, Reformen, Veränderungen, radikale Einschnitte, strukturelle Korrekturen seien Maßnahmen, die uns, dir und mir, einen Nutzen bringen sollten.
Wir sind die Verrückten!
Würden wir uns endlich mit der Rolle abfinden, die uns die Weltgeschichte zugedacht hat und die vielleicht auch einer gottgewollten Ordnung entspricht, dann könnten wir die Präzision und Klarheit der Gedanken Georg Brauns würdigen und bräuchten nicht hilflos mit immer wieder den gleichen falschen Argumenten dagegen anrennen, bis wir vor Ärger und Zorn verbittert und krank werden. Aber leider fehlt uns, denen da unten, dem Volk, den Arbeitern und einfachen Soldaten seit jeher der Verstand und damit das Verständnis für größere Zusammenhänge.
Georg Braun sagt:
Wenn alle Arbeitnehmer in den kommenden fünf Jahren insgesamt 500 Stunden unentgeltlich arbeiten würden, würde dies die Arbeitskosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erhöhen.
Das stimmt. Recht hat der Mann.
Daher sollten solche Vereinbarungen auf breiter Front mit größter Flexibilität getroffen werden, fordert Georg Braun und die Geschichte lehrt, daß die Frondienste des Mittelalters, die Sklavenhaltung in fast allen Kulturen, die Zwangsarbeiter im Steinbruch oder in der unterirdischen Rüstungsfabrik zu allen Zeiten ein probates Mittel waren, um die Arbeitskosten zu senken.
Das stimmt. Recht hat der Mann.
Die weitere Überlegung ist ebenfalls einfach. Bei niedrigeren Arbeitskosten kann der Unternehmer sein Produkt – wenn es denn unbedingt sein muss – etwas preiswerter anbieten als die Konkurrenz. Damit ergibt sich für den, der die geringsten Arbeitskosten hat, der größte Wettbewerbsvorteil und vielleicht sogar die Marktführerschaft.
Das stimmt. Recht hat der Mann.
Damit hat er sich weit über die Vorschläge der Hartz-Kommission hinausgewagt, den Traum des Unternehmers visionär zu Ende formuliert, wo Hartz in kleinkarierten Ansätzen stecken geblieben ist. Zwangsweise Leiharbeit, die aber nach Tarif bezahlt wird, ist doch ein Widerspruch in sich, eine stümperhafte Idee gegen den Vorschlag, jeden Arbeitnehmer zu 500 Stunden unentgeltlicher Fronarbeit für seinen Dienstherren zu verpflichten.
Das stimmt. Recht hat der Mann.
Bei einem Bruttolohn incl. Sozialabgaben in Höhe von rund 25 Euro und 38 Millionen Arbeitnehmern ergibt das eine Entlastung um etwa 500 Milliarden Euro. Das ist nicht zu widerlegen.
Das stimmt. Recht hat der Mann.
Mit einem Kostenvorteil von 500 Milliarden Euro lassen sich lukrative Exportaufträge an Land ziehen, die sonst von China oder Korea, von Marokko, Weißrundland oder Indien gewonnen worden wären. Damit kommt endlich wieder Wachstum und damit Arbeit nach Deutschland, die Vollbeschäftigung rückt näher und näher, niemand muss mehr im Arbeitsamt auf Vermittlung warten. Und sollten sich die Wettbewerber auf dem Weltmarkt nach den ersten fünf Jahren der neuen Arbeitsordnung immer noch nicht geschlagen geben, kann man den einmal eingeschlagenen erfolgreichen Weg problemlos weitergehen und die Fronarbeit ausweiten. Was spricht gegen 500 Stunden pro Jahr, was gegen 1000 oder noch mehr?
Solange damit die Wettbewerbsfähigkeit und das Wachstum gesteigert, die Vollauslastung der Fabriken bewahrt werden kann, wachsen die Gewinne der im DIHT vereinten Unternehmer.
Das stimmt. Recht hat der Mann.
Und wenn dann auch noch die von Rürup geforderte Verlängerung der Lebensarbeitszeit kommt, werden die Kinder von Unternehmern, Generälen und Politikern in der Zukunft vor dem Einschlafen als letzten Satz immer öfter zu hören bekommen:
„So hat es der schlaue Schorsch vor langer Zeit geschafft, daß unsere Arbeiter freiwillig auf ihren Lohn verzichtet haben – und wenn sie nicht gestorben sind, dann schuften sie noch heute.“
Wie gesagt: Georg Brauns Gedanken sind brillant und unwiderlegbar.
Wir sind die Verrückten.
Das ist ein Test.