Liebe Leser,
der nachstehende Text über das Sommerloch 2025 war gestern Abend fertig. Ich ahnte nicht, dass Netanjahu das schöne Sommerloch in der Nacht zuschütten würde. Die vorausgehende Evakuierung von US-Personal aus der Region hatte ich zwar mitbekommen, aber nur als flankierende Maßnahme für die bevorstehene Verhandlungsrunde mit dem Iran angesehen, den Druck ein bisschen erhöhen, vorbereitet sein auf eine Eskalation, falls nicht das gewünschte Ergebnis herauskommen sollte.
Im Ergebnis ist nun wieder für echte Nachrichten gesorgt.
Die drängende Frage, wie das ausgehen und wie lange es dauern wird, kann ich nicht beantworten. Der Schlag war hart. So ungefähr, wie man es von Russland nach dem Angriff auf die strategische Bomberflotte erwartet hätte. Was tatsächlich getroffen, was vernichtet, wer alles getötet wurde ist noch vom Pulverdampf verhüllt, und ob die iranische Luftwabwehr aktiv war, lässt sich auch noch nicht sagen. Es sollen 100 iranische Drohnen in Richtung Israel unterwegs sein. Von der großen Drohung, alle amerikanischen Stützpunkte der Region lägen in der Reichweite iranischer Raketen und würden angegriffen, sollte der Iran von Israel angegriffen werden, scheint noch nichts realisiert worden zu sein.
Ich fürchte, es geht diesmal wirklich ums nackte Überleben. Nahkampf, Mann gegen Mann. Ob am Ende das nukleare Feuer die Entscheidung bringen wird, und ob das Ende nahe ist – ich weiß es nicht.
Wie ein Märchen aus glücklicheren Zeiten nun doch noch der Sommerloch-Kommentar:
Es brodelt im Sommerloch
Früher konnte man sich alle Jahre darauf verlassen, Neues vom See-Ungeheuer Nessi, vom Yeti, oder gleich von Reinhard Messner zu erfahren. Doch auch das Sommerloch konnte sich dem allgemeinen Trend zur abwechslungsreichen Buntheit nicht entziehen.
Konnten wir uns in den letzten drei Jahren noch an den ikonischen Hochglanzabbildungen unserer damaligen Außenministerin delektieren, ob nun bei ihrer Annäherung an den steigenden Meeresspiegel oder an den wahren Eigentümer der Benin-Bronzen, stets trat sie dabei in einer dem Anlass mehr als nur angemssenen, mal eng angliegenden, mal wehenden Kombination aus erlesenen DOB-Produkten auf die Weltbühne und vor die dort hungrig wartenden Kameraleute. Ebenso gelang es immer wieder in grobkörnigen schwarzweiß oder stimmungsvoll ausgeleuchteten Farbaufnahmen die Denkerstirn unter dem Wuschelkopf des Wirtschafts- und Klimaministers zu erblicken, dessen ansteckender Zuversicht sich bei diesen Bildern kaum jemand entziehen konnte.
Vorbei.
Im Blätterwald ist zu erkennen, dass ebenbürtiges in diesem Sommer nicht mehr aufzufinden ist. Selbst Karl Lauterbach fehlt zunehmend an allen Orten an denen er sonst mit höchster Wahrscheinlichkeit anzutreffen gewesen war.
Schweren Herzens müssen die Chefredakteure die mäßige Ausbeute ihre News-Scouts und Tiefenrechercheure gesichtet haben, um sich dann unter allen Übeln für die beiden kleinsten zu entscheiden. Bittere, trockene Wissenschaft, haben sie nehmen und aufpeppen müssen, um die Leserhoffungen nach sommerlichen Aufreger-Themen zu befriedigen. Leider ist dies in die Hose gegangen. Man ist sich uneins. Und das gerade in der Klimafrage, von der es heißt, sogar fast 100% aller Wissenschaftler seien sich einig, und zwar seit Beginn der Aufzeichnungen.
Bestand bisher auch in den Gazetten Einigkeit darüber, dass der vermaledeite und unaufhaltsam fortschreitende Prozess der Erderhitzung ganz selbstverständlich nur ein Ergebnis haben kann, nämlich immer nur noch mehr Erderhitzung, so hat man in den Niederungen der Niederlande nun herausgefunden, dass das Gegenteil der Fall sein wird, zumindest in Europa.
Die Älteren werden sich erinnern, diese nagelneuen Erkenntnisse haben das Sommerloch schon in den späten 70er Jahren des letzten Jahrhunderts bereichert, obwohl Nessis Existenz da noch längst nicht unumstritten war. Wenn ich mich recht erinnere, war es der Sommer 1978, als ich davon beim ersten Kaffee am Schreibtisch aus der von Renate Höckenrainer eingeschleppten Münchner AZ zum ersten Mal erfahren habe. Damals hieß es noch: Der Golfstrom versiegt. Ein paar Tage verspäter verkündete die gleiche Publikation, Ratten, denen man ihren Kaffee mit Kondensmilch verfeinerte, hätten eine deutlich verringerte Neigung zu Magengeschwüren gezeigt, als die schwarz trinkende Kontrollgruppe. Aber ich schweife in Erinnerungen schwelgend ab. Herr Kreutzer, ich erteile Ihnen einen Ordnungsruf!
Heute schreibt das Königliche Niederländische Meteorologische Institut über das Versagen der Atlantischen Meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC). Das ist zwar exakt das Gleiche, aber es klingt in unserer wissenschaftsdominierten Zeit doch gleich viel besser als Golfstrom. Der Unterschied ist ungefähr so, wie der zwischen „Trinkkur auf den Balearen“ und „Komasaufen auf Malle“.
Von meterdicken Eispanzern ist da die Rede und Frosttagen mit minus 30 Grad, so dass einem beim Lesen beim kühlen Hellen unter dem Sonnenschirm der Außengastronomie ein eisiger Schauer über den Rücken läuft.
Ganz anders sieht das jedoch die Deutsche Umwelthilfe. Die hat herausgefunden, dass 12 Millionen Einwohner in deutschen Städten von massiver Hitze bedroht sind. Welch ein Sprung in der Statistik-Schüssel! In den beiden Jahren 2023 und 2024 zusammen haben die Statistiker in Deutschland nach akribischer Suche insgesamt 6.000 Tote im Zusammenhang mit Hitze verzeichnet. 2025 stehen gleich 12 Millionen, und das nur in den Städten auf der Liste potentieller Todesopfer. Leichtfertig, wie ich nun mal bin, war ich geneigt, die spektakuläre Meldung einfach abzutun, mit der Anmerkung: „Mein Gott! Es ist Sommer!“
Aber dann ist mir eingefallen, dass ich die Heizung in diesem Jahr erst am 1. Juni, statt am 1. Mai ausgeschaltet habe, und dass wir bis vorgestern – also zehn Tage lang – tagsüber in der Wohnung noch gefroren haben, draußen erst recht, dass wir heute erstmals auf Lufttemperaturen von 24 Grad Celsius gekommen sind, dass Wetter Online sagt, ab Sonntag gingen die Temperaturen schon wieder zurück …
Nein. Ich revidiere. Sommer ist das noch nicht. Vielleicht wird es ja noch Sommer.
Von den 12 Millionen vom Hitzetod Bedrohten nehme ich an, dass die dann, wenn es wirklich Sommer werden sollte, ihre Sonnencreme in den Koffer packen und dahin flüchten, wo sie regelmäßig ihren Sommerurlaub verbringen. In die Türkei, zum Beispiel, oder nach Italien, Sardinien, Korfu, oder gleich auf die Malediven oder auf die Balearen. Jedenfalls dahin, wo im Sommer die Sonne scheint und es zuverlässig angenehmere Temperaturen gemessen werden als in den alten und neuen Bundesländern aus denen sie geflohen sind. Wenn sie danach nach Hause kommen, ist die Bullenhitze in Deutschland üblicherweise auch bald wieder vorbei. Natürlich gibt es auch ein paar Irre, die sich im Sommer in die finnischen Stechmückengefilde nahe am Polarkreis zurückziehen, weil es in Finnland selten wärmer als 35 Grad Celsius wird. aber Vorsicht: In Zeiten der Mittsommernächte herscht in Rovaniemi auch noch um Mitternacht herum höchste Sonnenbrandgefahr!
Ach ja. Ein richtiges Sommerloch nach alter Väter Sitte hat der Münchner Merkur aufgerissen. Man habe Juliane Werding freundlich um ein Interview gebeten, aber eine Absage erhalten. Daraus wurde dann tatsächlich ein Text mit 474 Wörtern in 16 Absätzen, unterbrochen von einem Werding-Video und zwei großen Werding Fotos. Zitate:
„Juliane Werding abgetaucht: Spur verlor sich 2009“
„Ihre Homepage als Künstlerin ist schon länger offline,
auch zu ihrer Praxis ist online keine mehr zu finden.“
„Doch das sind auch die einzigen Worte seit vielen Jahren
von Juliane Werding, die über Jahre an die Öffentlichkeit drangen.“
„Gerüchte um sie, die durchaus kursieren,
greifen wir deswegen bewusst nicht auf,
verzichten auch darauf, alte Familienfotos zu zeigen.“
Herrlich! Herrlich!
Der Merkur hat eine neue Nessi erschaffen!