Ein Missverständnis – und seine Aufklärung

Für manche unter meinen Lesern könnte sich dieses Missverständnis noch als Glücksfall erweisen. Davon später im Text.

Angebahnt hat sich dieses Missverständnis im Sommer dieses Jahres. Ich war gerade mit der „Spätlese“ fertig geworden. Wie jede Henne, die ihr Ei gelegt hat, war mir nach Gackern zumute. Also schrieb ich eine freundliche Mail an Daniel Sandmann, von dem ich angenommen habe, dass er – der er in Form und Struktur ähnlich schreibt – ein mildes Urteil über mein neues Buch abgeben werde, und schickte ihm das Manuskript als Datei-Anhang.

Die Antwort kam prompt vom Auto-Responder: „Ich bin in Urlaub und komme erst im September wieder dazu, meine Mails zu beantworten.“ 

Das kam mir vor wie eine ganze Ewigkeit – und so grübelte ich, wen ich denn mit meinem Manuskript sonst noch behelligen könnte. Obwohl ich das Buch schon bei BoD angemeldet hatte, beschloss ich, Martin Sell zu kontaktieren, den Verleger des kleinen Münchner Massel-Verlags. Ich kannte ihn, weil er mich vor vielleicht  einem halben Jahr gefragt hatte, ob ich die Rezension, die ich für Sandmanns jüngstes Buch „Raffen Sterben Trance“ geschrieben hatte, in eine Verlagsveröffentlichung seines Verlags übernehmen dürfe. Ich hatte gerne ja gesagt – und nun erinnerte ich mich daran.

Also habe ich eine nächste Mail an Herrn Sell geschrieben, mein Manuskript angehängt, und auf eine Reaktion gewartet. Die kam glücklicherweise nicht so schnell und automatisch, sondern mit gebührendem zeitlichen Abstand und individuell persönlich verfasst.

„Es gefällt mir, wie Sie schreiben“, schrieb er. Für das laufende Programm des Massel Verlags käme der Titel jetzt aber nicht in Frage. Vielleicht nächstes Jahr. „Es würde mir großen Spaß machen es als Hochprozentigen zu destillieren – mit einem schicken Weinetikett ins Regal der besonderen Bücher zu legen. Aber dafür braucht es Zeit.“ 

War das eine Absage? Eine Zusage? Eine Option? Ein Vertrösten? 

Doch dann habe ich weitergelesen. „Sofort druckbar wäre es in meiner neuen Jedition. Dort kann ich dir eine gute Marge und einen hochwertigen und zuverlässigen Druck versprechen. Vorteil: Du kann sofort in Druck gehen und verlierst keine unnötige Zeit.“ 

Ich habe „Jedition“ gelesen und „Edition“ gedacht.

Das war das grundlegende Missverständnis.

Überzeugt davon, mich im Verlagswesen gut genug auszukennen, um zu wissen, was eine „Edition“ ist, habe ich es dann auch versäumt, nachzufragen, was es mit der „Jedition“ nun genau auf sich habe. Weil ich es kann, habe ich dann mein druckfertig gesetztes Manuskript und das druckfertige Cover abgeliefert und o.k. gesagt, zum Vorschlag in der Jedition zu erscheinen. Es kam die Rückfrage, wie viele Exemplare ich denn für mich haben wollte. Ich habe kurz überlegt, wie viele Rezensionsexemplare ich brauche, und, kaum bestellt, kamen die dann auch bei mir an.

Wirklich schönes Papier, sauberer Druck, ein Umschlag, der sich angenehm anfühlt. Für ein Taschenbuch einfach perfekt. Das Dumme daran: Mein Buch, das ich nun in Händen hielt, tauchte im Shop des Massel Verlags einfach nicht auf. Konnte nicht bestellt werden. Ich habe nachgefragt, nachgehakt, gedrängelt – und eines Tages war es dann auch soweit. Nur beim Buchhandel war es nicht zu haben, auch nicht bei Amazon.

Dabei hatte es doch eine ISBN. Wenn ein Buch eine ISBN hat, wird es im Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) gelistet. Die Bots von Amazon und allen größeren Buchhandlungen finden es dort und nehmen es mit in ihr Programm. Es hat eine Weile gedauert, bis ich herausgefunden habe, dass auf meinem Buch zwar eine ISBN prangt, dass diese aber nicht im VLB zu finden war. Ich habe nachgefragt, nachgehakt, gedrängelt – und eines Tages war es dann soweit. Marin Sell hat mir seine Zugangsdaten zum VLB gegeben und gemeint, wenn ich Zeit hätte, könnte ich den Eintrag selbst vornehmen.

Weil ich es kann, ich war schließlich zwanzig Jahre lang selbst Verleger, habe ich den Eintrag vorgenommen. Bei Amazon war die Spätlese bald darauf zu finden, jedoch mit dem Vermerk: „Derzeit nicht lieferbar. Wann der Titel wieder lieferbar sein wird, ist nicht bekannt.“

Dann kam Anfang November der Newsletter des Massel-Verlags. Ich hatte fest damit gerechnet, dass die „Spätlese“ darin als Neuerscheinung an prominenter Stelle beworben wird. War nicht. Dass es jetzt die „Jedition“ gibt, las ich da, dass sich schon drei Autor_innen gefunden hätten, die da mitspielen, auch die Namen wurden genannt und die Titel – und das war es dann. Punkt. Aus. Feierabend.

Punkt. Aus. Feierabend. Das habe auch mir gedacht, und als sich der Ärger über diese stiefmütterliche Behandlung gelegt hatte, habe ich wieder einmal nachgehakt, nachgefragt und gedrängelt. Freundlich im Ton, aber relativ hart in der Sache. Dass ich mir das anders vorgestellt hatte, und dass ich so nicht weiter mitspielen, sondern aus der auf Zuruf geschlossenen Verabredung zum Jahresende wieder aussteigen will, in der Hoffnung, dass der Restbestand der  bis dahin gedruckten Auflage noch abverkauft werden kann.

Mit der Antwort hat es wieder ein Weilchen gedauert. Darin fand sich dann allerdings die Beschreibung dessen, was unter „Jedition“ zu verstehen sei.

Ein Buch in der JEDITION

  • wird grundsätzlich nicht vom massel Verlag beworben.
  • der Verkauf über den Verlag war eine temporäre Lösung, um (schnell) einen Verkauf zu ermöglichen. (Mein Fehler!)
  • Eigentliche Idee dahinter ist, die Webseiten der Autoren zu stärken und einen Verkauf auf der Website des Autors selbst zu ermöglichen. (Nur so kann eine attraktive Marge realisiert werden und die Daten bleiben in der Hand des Autors).
  • Ein Verkauf über amazon wird abgelehnt, Barsortimente werden nicht beliefert, in Ausnahmen können auch Buchhandlungen direkt bestellen.

Nun, es war mein Fehler, mein Missverständnis – und so habe ich es auch kommuniziert. Die Leistung, die ich in Form gedruckter Bücher erhalten habe, war schließlich einwandfrei. Dass ich mehr erwartet hatte – Schwamm drüber.

Für jeden, der etwas zu sagen hat, der schreiben kann und auch in der Lage ist, ein einigermaßen sauberes Drucklayout und den Umschlag selbst zu gestalten, bietet die Jedition eine ausgesprochen preiswerte Lösung, um sein Werk erfolgreich selbst zu vermarkten. 

Das muss zur Ehrenrettung von Martin Sell, dem Massel Verlag und der Edition Jedition ganz deutlich ausgesprochen werden.

Wie war das nun mit dem Glücksfall?

Das sind eigentlich sogar zwei Glücksfälle:

Erstens

Von der Erstausgabe der „Spätlese“ sind bisher – ganz genau weiß ich es nicht – maximal 200 Exemplare gedruckt worden. Einen Nachdruck dieser Ausgabe wird es nicht mehr geben. Von daher kann eine gewisse Wertsteigerung nicht ausgeschlossen werden.😇

Zweitens

Wie lange es dauern wird, bis ich für die Spätlese eine neue verlegerische Heimat gefunden habe, und wie lange es dauern wird, bis aus dieser Quelle dann wieder gedruckte Exemplare und ggfs. auch E-Books geschöpft werden können, weiß ich nicht. Für kurze Zeit – und so lange der Vorrat reicht – können Sie aber hier noch zuschlagen: Shop Massel Verlag

 

Nun sagen Sie bitte nicht,
Sie hätten diesen Artikel zwar bis hierher mit Interesse gelesen, wüssten aber gar nicht, dass es ein Buch mit dem Titel „Spätlese“ von Egon W. Kreutzer überhaupt gibt …

Falls doch: Hier noch einmal die Rezension von Angelika Gutsche, die ganz gut rüberbringt, um welche Art von Buch es sich handelt und was so alles drinsteht:

Die Spätlese beginnt Wellen zu schlagen

Angelika Gutsche, eine – wenn nicht gar die – deutsche Libyen-Expertin, hat auf Ihrer Seite GELA-NEWS eine Rezension veröffentlicht, die Ihnen mein Buch „Spätlese“ weitaus besser nahebringt, als ich es bisher selbst vermochte.

Ich übernehme den Text auf meine Seite, stelle aber gerne hier auch den Link auf Angelikas Seite zur Verfügung.

Egon W. Kreutzer: Mit Humor auf der Suche nach dem Baum der Erkenntnis

In diesem Lesebuch für Philosophen und solche, die es werden möchten, begibt sich Egon W. Kreutzer auf die Suche nicht nur nach dem Baum der Erkenntnis, um davon den einen oder anderen Apfel zu pflücken – denn die Sünde sei die Vorbedingung, aber keinesfalls eine Garantie, des Menschseins –, sondern er möchte gar zu den Wurzeln des Baumes gelangen.

Der „alte weiße Mann“ grummelt und outet sich als „altersweiser Mann“, beobachtet genau, formt kluge Gedanken und zieht häppchenweise – in kurzen Kapiteln, Absätzen, Sätzen – bemerkenswerte Schlüsse. In diesem Werk, in dem es um Geist und Materie geht, in dem Hölle, Gott und Teufel, Riesen und Engel ebenso wie Gewerkschaften und die SPD eine Rolle spielen,  meldet sich natürlich auch Geheimrat Goethe immer wieder zu Wort.

Der Autor unterteilt seine niedergeschriebene Gedankenwelt in Kapitel, aber auch in Tage und Wochen, dann unterteilt er auch wieder nicht. Er reiht kleine Geschichten, Erinnerungen und Gedankenblitze wie Perlen hintereinander auf, und lässt sich so begleiten ins „lichter Werden der Wörterwolken“, in der „die getöteten Wörter wie Laub von den Bäumen“ fallen.

Erzählfiguren treten aus der Erzählung heraus, werden als nicht-physische Existenzen gesprächig, während andere Romanfiguren sich in ihre einzelnen Buchstaben auflösen.

Der Autor weiß, „Die Krähe sät nicht, die Krähe erntet nicht, die Krähe kräht“. Und doch: Eine Krähe als Dämon, der Geist ist und somit außerhalb der Zeit existiert, überbringt Botschaften, und begleitet abschnittsweise den Leser durch das Werk, So gelangt er über das Murmeltier zum Nacktmull als Ergebnis des perfektionistischen Idealismus. Das muss man erst mal hinkriegen.

Bei der Lektüre eines „kontraphetischen Manifests“ beweist der Autor seinen Sinn für Humor. Er schlussfolgert: „Was dem Adler sein Murmeltier, das ist dem Antifanten sein Kontraphet. So wiederholen sich die Geschichten und beweisen immer wieder nur das Eine: Zeit ist eine Illusion. Eine Illusion, die sich auch durch noch so viele dabei entstehende isolierte Nacktmullpopulationen realiter nicht fassen lässt.“ Punktum. Möchte man anfügen.

Und ist es nicht ein wahrlich irritierender Gedanke, ein Mensch könnte über die Fähigkeit verfügen, sich in jemanden zu versetzen, mit ihm eine Reise in die Vergangenheit zu machen, dort über den Zeugungsakt und die Samenzelle des Vaters in dessen Wesen vorzudringen, von dort wieder den Weg in die Gegenwart zu beschreiten, um so Kontrolle über das Bewusstsein dieses Vaters auszuüben? Dies Idee ließe sich horrormäßig ausbauen.

Philosophische Betrachtungen über Urknall, Gott und Wort fügen sich nahtlos ein in die nicht nur im Rentenalter bedeutungsvolle Erkenntnis: „Heute ist ein wichtiger Tag, denn er ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.“ Philosophisch aufgewertet in die Erkenntnis: „Heute ist der wichtigste Tag, denn es ist der erste Tag vom Rest der Existenz des Universums.“

Egon W. Kreutzers Betrachtungen, beispielsweise über Macht, die „zu erhalten immer größeren Aufwand bei immer weiter schrumpfenden Mehrnutzen“ verursacht, oder über „die belebte ‚Biomasse‘ des Planeten, das wahre Wunder, an dem der kleine Mensch zu seiner Zeit die Ehre hat, erkennend teilzuhaben“ – bei fließenden Grenzen zwischen Organisch und Anorganisch versteht sich.

Dies alles kredenzt Egon W. Kreutzer in klarer Sprache, manchmal langen, altmodischen Schachtelsätzen, durch die man sich äuglings hindurchwindet, dann wieder kurz und knackig. Langeweile kann bei dieser Lektüre nicht aufkommen.

Das Buch ist ein kleines Kunstwerk in Form, Sprache und Inhalt, ein Gedankenfeuerwerk, ein Assoziationsfluss, unter Einbezug der aktuellsten politischen Themen. Und ganz zum Schluss, auf den letzten Seiten, darf es dann sogar ein bisschen grotesker Dadaismus sein, mit dem Wolfgang W. Kreutzer den Leser aus seinem Gedankenlabyrinth entlässt.

Und nicht nur „er“, sondern auch der Leser fand, „dass es gut war.“ Und so wartet der Leser auf die unweigerlich nachfolgende „Trockenbeerenauslese“. Und einen „Eiswein“ gäbe es ja auch noch. Bis es soweit ist, kann man ja darüber nachdenken, ob „eigentlich das, was sich zwischen zwei Zwischenräumen befindet, selbst ein Zwischenraum sein“ kann.

Egon W. Kreutzer
SPÄTLESE: Hart am Rande des Selbst
Massel Verlag, 2025, 312 Seiten

22,00 €

Ach ja, und Weihnachten ist auch bald:

 

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