Wilhelm von Ockham (1288–1347), ein großer Grübler vor dem Herrn, kam vor rund 700 Jahren zu dem Schluss, dass für einen schwer erklärlichen Sachverhalt immer die „einfachste Theorie“ als wahrscheinlichste Erklärung angesehen werden sollte. Wobei die einfachste Theorie jene sei, die mit den wenigsten Variablen und Hypothesen auskommt, aus denen sich unter Anwendung der Logik eine Erklärung ableiten lässt.
Dieses „Gesetz“ wird heute noch unter dem Namen „Occams Razor“ als hervorragende Methode der Erkenntnisfindung befolgt, und wird auch in diesem Aufsatz eine Rolle spielen.
Wenn es um das Lob der Dummheit geht, ist eine weitere Naturkonstante zu berücksichtigen. Die lautet: „Für einen intelligenten Menschen ist es leicht, sich dumm zu stellen. Anders herum funktioniert dies in der Regel nicht.“
Hierzu haben David Dunning und Justin Kruger erstmals 1999 eine richtungsweisende Arbeit veröffentlicht, in der sie den Nachweis führten, dass es zum Selbstverständnis inkompetenter Menschen gehört, ihr Wissen und Können zu überschätzen, weil es ihnen nicht möglich ist, sich selbst objektiv zu beurteilen. Man nennt dieses Phänomen seither den Dunning-Kruger-Effekt.
Vom Dunning-Kruger-Effekt bis zur kognitiven Dissonanz ist es kein großer Schritt mehr. Es ist eher so, dass die kognitive Dissonanz als Symptom für den Dunning-Kruger-Effekt gewertet werden kann, wenn nämlich ein Mensch widersprüchliche Überzeugungen, Meinungen oder Wünsche und Zielvorstellungen gleichzeitig für wahr hält, bzw. verfolgt, ohne deren Unvereinbarkeit zu erkennen.
Wir wollen hier nun für das gleichzeitige Vorkommen von Dunning-Kruger und kognitiver Dissonanz der Einfachheit halber der Begriff „Dummheit“ verwenden. Müssen dabei aber auch bedenken, dass sich Dummheit nicht unbedingt als „absolute Dummheit“ äußert, sondern stets im Verhältnis zum Grad der Komplexität der Anforderungen gesehen werden muss. Es gilt also zu beachten, wie weit Wissen und Intelligenz eines Probanden reichen, um gestellte Aufgaben zu lösen, und ab welchem Schwierigkeitsgrad er beginnt, an seinen Aufgaben zu scheitern.
Auch dazu gibt es ein ausformuliertes Gesetz, das so genannte Peter Prinzip. Es wurde von 1970 von Laurence J. Peter formuliert und lautet: „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ Es deutet darauf hin, dass auch für die Umgebung, hier im speziellen Fall „Vorgesetzte“, gilt, dass der Dunning-Kruger-Effekt oft erst erkannt wird, wenn es zu Problemen kommt, weil ja bis zur letzten Beförderung immer noch alle Aufgabgen zur vollsten Zufriedenheit erledigt wurden.
Dass Peter annahm, irgendwann würden in jeder Organisation alle Postionen mit „Dummen“ besetzt sein, mag übertrieben anmuten, doch tendenziell verhält es sich so.
Was an alledem lobenswert sein soll?
Das beginnt nun einmal damit, dass es den Dummen ungleich leichter fällt, die einfachste Theorie zu finden, was im Sinne von Occams Razor einen Vorteil darstellt. Störende, komplexere Theorien fallen ihnen gar nicht erst ein, sondern werden, und hier spielt der Dunning-Kruger-Effekt seine Rolle, einfach vom Tisch gewischt, weil alles außerhalb des eigenen Horizonts keinerlei Relevanz für sie haben kann.
Insofern verdanken wir viele grundsätzliche Entscheidungen und Einordnungen der Schlichtheit des Gemüts der Dummen, ohne dass dem ewige Diskussionen um den rechten Weg vorausgehen müssten. Es ist so. Die Fakten, und da braucht es gar nicht viele, bestätigen es, und die Logik weist den Weg zum richtigen Verhalten. Dies wiederum wird von den Klügeren und Intelligenteren auch gar nicht in Frage gestellt, wenn sich zeigt, dass es funktioniert.
Wo viel Licht ist, ist aber auch viel Schatten. So segensreich dumme Politiker und dumme Chefs für Volk und Belegschaften auch sein mögen, das Vertrauen in die Dummheit kann auch voll ins Auge gehen, nämlich dann, wenn die einfachste Theorie ganz anders aussieht, als jene einfachste Theorie auf die sich die Dummen stützen. Die zutreffende Theorie muss nicht komplizierter sein, es genügt, wenn sie sich auf andere Fakten stützt, die der Dumme gar nicht kennt, und daraus folgerichtig Schlüsse gezogen werden können, die der Dumme gar nicht nachzuvollziehen in der Lage ist, weil ihm dafür die Basis fehlt.
In der Regel ist es sogar gänzlich umgekehrt. Der Dumme betrachtet einen Sachverhalt stets zu erst daraufhin, ob er darin eine Gefahr für sich erkennen kann. Ist dies der Fall nimmt er das stärkste Symptom als den ersten Fakt, den er betrachtet, und leitet im Analogieschluss aus früherem Erleben die Sofortmaßnahmme ab. Das führt zu den Pat-End-Lösungen, wie sie Paul Watzlawik so vortrefflich beschrieben hat. Eines seiner Beispiele für Problemlösungssverhalten sieht so aus:
Ein Fremder beobachtet einen Mann, der alle zehn Sekunden in die Hände klatscht. Der Fremde fragt, warum er dies tut und erhält als Antwort: „Ich muss in die Hände klatschen, um die Elefanten zu verscheuchen.“ Der Fremde wundert sich und antwortet: „Es gibt hier doch gar keine Elefanten.“ Darauf der Händeklatscher: „Na, also! Sehen Sie?“
Es gibt eine Variante dazu, in der behauptet, wird, Elefanten hätte rote Augen, um sich im Kirschbaum zu tarnen. Dass im Kirschbaum kein Elefant zu sehen ist, gilt als Beweis für die Wirkung der perfekten Tarnung.
Beide Beispiele weisen darauf hin, dass es beim Finden der einfachsten Theorie schon daran hapern kann, dass die Dummen gar nicht in der Lage sind, an die Fakten heranzukommen und sie schlicht durch Einbildung (krankhaft) oder den kindlichen Glauben an ihnen vorgesetzte Lügen ersetzen, um dann daraus ihre Schlüsse zu ziehen und nach Handlungsanleitungen in Analogien aus früherem erfolgreichen Handeln zu suchen. Leider findet sich dann in erfolgreichen Ergebnissen früheren Handelns nur ein sehr, sehr schmal bestückter Werkzeugkasten, von dem es heißt: „Wer nur einen Hammer hat, für den ist jedes Problem ein Nagel.“
Nun kommt dem Dummen eine weitere Eigenschaft zu Hilfe, mit der er sich schon immer durchgebissen hat: Seine Beharrlichkeit.
Mag er tief im Inneren aus ein gewisses Unbehaben verspüren, das als Folge der kognitiven Dissonanz nicht ganz zu vermeiden ist, schließlich will er zwei unterschiedlichen, sich ausschließenden Zielsetzungen gerecht werden, in der Überzeugung der richtigen Theorie zu folgen, die ihm schließlich selbst eingefallen ist: Dieses Unbehagen hindert ihn nicht, es spornt ihn eher an, beharrlich und bis zum Endsieg weiterzumachen.
Denken Sie bitte im obigen Beispiel bei „Hammer“ nicht nur an „Schraube“. Will der Dumme eine Flasche edlen Rotweins als Geschenk verpacken, stellt aber fest, dass das hölzerne Geschenkkästschen etwas zu klein ist …
Na, wie würden Sie das Problem lösen?
Dieser Einführung in das Lob der Dummheit sollte nun eigentlich die Demonstration am praktischen Beispiel folgen.
Aus Gründen der Sorge um die Unversehrtheit meiner Wohnungstür muss ich mich dabei sehr zurückhalten. Ich kann daher nur Hinweise zum Selberdenken geben.
Ist Ihnen zum Beispiel aufgefallen, dass das Wort vom „Elefanten im Raum“ in unseren Tagen in geradezu inflationärer Weise Verwendung findet? Das deutet immer wieder darauf hin, dass der Elefant zu gut getarnt ist, um ihn zu erkennen. Müssen wir zum Beispiel nicht bis zum finanziellen Ruin rüsten für die Kriegstüchtigkeit, um die vielen rotäugigen Elefanten zu vertreiben, von denen wir geradezu umzingelt sind?
Sind wir nicht überzeugt, dass die deutsche Energiepolitik sich irgendwann doch noch als der Segen herausstellen wird, der sie ja überhaupt nur sein kann? Aber da müssen wir beharrlich bleiben, dürfen nicht nachlassen im Bemühen, unser Hammer ist „erneuerbar“.
Etc., pp.
Gute Zeiten – dumme Männer – dumme Männer – schlechte Zeiten – schlechte Zeiten – kluge Männer – kluge Männer – gute Zeiten.
Auch dieser naturgesetzliche Zyklus gehört zum Lob der Dummheit dazu. Denn jeder abgeschlossene Zyklus macht die Welt ein bisschen besser als sie in den letzten erinnerbaren guten Zeiten war. Ohne die Dummheit würde die Entwicklung langsamer verlaufen oder vielleicht sogar gänzlich zum Stillstand kommen.
(Dies als Nachgedanken zu einem guten Gedankenaustausch von gestern Abend)