Drei Wünsche an die Fee – das maximal Märchenmögliche

PaD 6 /2025 – Hier auch als PDF verfügbar: Pad62026 Drei Wünsche und die Fee

 

Natürlich weiß ich, dass Sie wissen, dass ich weiß, dass es keine Feen gibt. Jedenfalls nicht in echt.

Sie wissen aber auch, dass es diese Idee gibt. Die gute Fee, bei der man drei Wünsche frei hat, aber eben auch die böse Fee, die fürchterliche Flüche aussprechen kann, die sich dann ebenso erfüllen wie die drei Wünsche, die man bei der guten Fee frei haben kann.

Ob man für einen vierten oder fünften Wunsch die Taste „Kostenpflichtig bestellen“ drücken muss, und ob so eine gute Fee auch einen ersten Wunsch erfüllt, selbst wenn sie nicht gesagt hat: „Du hast drei Wünsche frei“, ist nicht überliefert.

Ich vermute, beides liegt außerhalb des Märchenmöglichen, ist schon zu verkopft, um noch wahr sein zu können.

Aber wie weit reicht das Märchenmögliche?

Und was sagt das über die Fee.

Wenn man so eine Fee mit dem ersten Wunsch um einen Kabeljau bitten würde, nur so zum Beispiel, und sie erfüllt diesen Wunsch, dann muss sie doch ganz genau gewusst haben, was ein Kabeljau ist, sie muss gewusst haben, wo ein Kabeljau zu finden ist, und sie muss gewusst haben, wie sich der von ihr gefundene Kabeljau im Nu aus dem Ozean zu ihr hin bewegen lässt.

Weil dies nicht nur für den Kabeljau zutrifft, sondern auch für Kaninchen, Ritterrüstungen, ganze Schlösser, aber auch für Meerjungrauen und Bratkartoffeln, sogar für Mondraketen, muss das Wissen so einer Fee phänomenal sein, ebenso ihre Fähigkeit in der Anfertigung von Kopien oder auf dem Gebiet der Teleportation.

Von keinem lebenden Menschen ist bekannt, dass er einer lebenden Fee auf dem Gebiet der Wunscherfüllung das Wasser reichen könnte. Auch eine KI würde das wahrscheinlich so nicht hinkriegen.

Aber, so wie der Mensch an seine Grenzen gelangt, und auch die KI nicht allmächtig ist, muss es doch auch eine Grenze geben, an der die Fee scheitert.

Ich habe versucht, bis an diese Grenze vorzustoßen.

 

Ich erkannte die Fee sofort – und sie mich auch.

„Du möchtest also drei Wünsche freihaben?“, fragte sie mich ohne jegliche Einleitung, Begrüßung und andere Umschweife. Ich nickte.

„Du musst mir eine Frage beantworten. Liegst Du richtig, wird je ein Wunsch freigeschaltet. Liegst Du falsch, verschwinde ich auf der Stelle.“

„Ja, weiß ich. Ist o.k.“

„Dann lautet die erste Frage: Was ist höher als links?“

Glücklicherweise hatte ich in der Vorlesung über subjektive Koordinatensysteme aufgepasst, ließ mir das alles noch einmal schnell durch den Kopf gehen – hinten, vorne, rechts, links, oben, unten – und antwortete mit fester Stimme: „Oben.“

„Interessant“, meinte die Fee, „aber richtig. Ich hatte gehofft, du würdest die Frage politisch verstehen und an der Lösung verzweifeln. Das hätte mir viel Arbeit erspart. Nun, wie lautet dein erster Wunsch?“

„Demokratie!“, rief ich. „Ich wünsche mir Demokratie!“

„Ernsthaft?“, fragte die Fee zurück, und, „bist du dir da ganz sicher?“

„Ernsthaft“, antwortet ich, „ich bin mir ganz sicher.“

„Na dann“, grinste die Fee, „dein Wunsch ist bereits erfüllt.“

„Wie?“, fragte ich. „Ich merke doch überhaupt nichts davon.“

„Altes Feengesetz, was einer schon hat, kann er nicht noch einmal bekommen.  Und Demokratie hast du schließlich schon.“

Ich holte tief Luft und wollte zu einer Entgegnung ansetzen, doch die Fee legte verschwörerisch den Zeigefinger an ihre Lippen, und ermahnte mich dann: „Sei vorsichtig, was du jetzt sagst. Es könnte dein zweiter Wunsch sein. Also, lass sacken, und konzentriere dich lieber auf meine zweite Frage: Was ist biegsamer als das Recht?“

Au weia! Das war schwer. Ich überlegte fieberhaft. Klar, das Recht lässt sich beugen. Aber wie weit? Bis zum Unrecht. Da ist Schluss. Das wären gewissermaßen 180 Grad. Was kann man weiter biegen? Alles Mögliche. Eisenstangen, Weidenruten, sogar Glas, wenn man es heiß macht. Aber das meint sie nicht. Das Recht ist ja ein abstrakter Begriff, also erwartet die Fee einen ebensolchen Begriff … Endlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich sagte ganz spontan, ohne noch weiter nachzudenken: „Das ist die Wahrheit.“

Die Fee wirkte für einen Augenblick zutiefst erschrocken, dann aber gewann sie ihr Lächeln zurück. „Du bist ein schlaues Kerlchen. Das hätte ich selbst nicht gewusst. Aber deine Antwort ist zweifellos richtig. Das macht mir fast ein bisschen Angst.“

Für eine kleine Weile war sie dann noch sehr nachdenklich, in sich versunken, ganz und gar abwesend, bis sie wieder zu sich fand und fragte: „Nun, was ist dein zweiter Wunsch?“

Da hatte ich nun ein nicht geringes Problem. Mein Plan war ja gewesen, mir erst eine wahre Demokratie zu wünschen. Dabei hatte ich schon die stille Hoffnung, sie würde versagen, wie alle, die das bisher versucht haben. Aber wenn es ihr gelungen wäre, dann hätte ich mir zur Demokratie einen Rechtsstaat gewünscht. Das wäre mein zweiter Wunsch gewesen.

Mit ihrer Erklärung, dass ich etwas, was ich schon habe, nicht noch einmal bekommen kann, hatte sie mich ausgetrickst. Zweifellos würde sie auch meinen Wunsch nach dem Rechtsstaat mit der gleichen Begründung verweigern. Und die Begründung hatte ich ihr mit der maximalen Biegsamkeit der Wahrheit sogar noch selbst geliefert. Was also jetzt noch wünschen?

Natürlich könnte ich mir jetzt erst recht noch einmal eine Demokratie wünschen, aber die müsste ich bis ins allerkleinste Detail beschreiben, abweichend von jener Demokratie, die ich schon habe. Mir wurde schnell klar, dass mir das nicht gelingen würde. Ein Ideal bis ins Detail zu beschreiben, heißt ja, es zu zerstören. Außerdem wurde die Fee ungeduldig.

„Was ist, sag schon. Was wünschst du dir noch? Ich habe nicht ewig Zeit.“

Mir kam eine kühne Idee. Das würde sie nicht schaffen, und sie würde sich auch kaum wieder herausreden können. Also sagte ich, ein bisschen ausführlicher als bei meinem ersten Wunsch: „Ich wünsche mir, dass es unser Kanzler und alle seine Minister ab sofort nur noch gut meinen mit ihrem ganzen Volk. Keinen bevorteilen, keinen benachteiligen. Für jeden nur das Beste.“

„Ernsthaft?“, fragte die Fee zurück, und, „bist du dir da ganz sicher?“

Da wurde mir schon ein bisschen mulmig. Das hatte ich doch schon einmal gehört. Aber dann dachte ich mir, die spielt mir doch nur den Pilawa vor, um mich zu verunsichern, und antwortet standhaft: „Ernsthaft. Ich bin mir ganz sicher.“

„Na dann“, grinste die Fee, „Pech gehabt. Das geht leider nicht. Du hast dir Demokratie gewünscht, und bekommen. Dein zweiter Wunsch ist mit dem ersten leider nicht vereinbar. Ich könnte ihn erfüllen. Schwierig zwar, sehr schwierig, doch ich könnte ihn erfüllen, zumindest für ein paar Jahre. Aber dann müsstest du auf die Demokratie verzichten.

„Wie?“, fragte ich. „Das verstehe ich nicht.“

„Vielleicht bist du gar nicht so schlau, wie ich zuerst den Eindruck hatte. Demokratie, mein Lieber, ist doch die Konsequenz aus der Erkenntnis: ‚Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.‘ Demokratie soll doch dafür sorgen, dass mal die einen, mal die anderen ein größeres Stück vom Kuchen bekommen. Solange, bis die Benachteiligten merken, dass sie benachteiligt werden, was sehr lange dauern kann, und sich eine Regierung wählen wollen, die dann wieder sie bevorteilt und die anderen benachteiligt. Aber dazu brauchen sie eine Mehrheit, und das kann noch einmal sehr lange dauern. So ein Volk ist doch keine homogene Masse in der alle einzelnen Menschen exakt das Gleiche wollen, weil sie es für gut für sich halten. Aber was rede ich? Ich bin nicht hier, um dich zu belehren.

Du hast noch einen Wunsch. Hier ist deine letzte Frage: „Warum gibt der Klügere nach?“

Bis dahin war ich mir sicher, dass diese Weisheit von den Klügeren ersonnen wurde, um die Dümmeren leichter zum Nachgeben zu bewegen, jedenfalls in den Fällen, in denen beide sich – ansonsten gleich stark – im Streit gegenüberstehen. Das hieße aber, dass nicht wirklich der Klügere, sondern der Dümmere, der Eitlere derjenige ist, der nachgibt, und niemals wirklich der Klügere, der doch Mittel und Wege wüsste, gegen den eitlen Dummen zu bestehen.

Wenn aber eine Fee die Frage stellt, warum der Klügere nachgibt, dann muss da ja aber doch etwas dran sein. Eine Frage, die auf einer falschen Erkenntnis aufsetzt, das geht nicht. Nicht, wenn eine Fee fragt.

Die Minuten rannen dahin. Die Fee zeigte schon wieder starke Anzeichen von Ungeduld, starrte mich an und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hinter ihrer unbeweglichen Mimik ein arrogantes Grinsen nur mit Mühe noch zurückgehalten werden konnte.

Diese Frage war nicht fair. Und als die Fee dann tatsächlich spöttisch die Lippen öffnete und nichts als ein kleines, fragendes „Na?“ herauskam, da war mir alles egal und es brach aus mir heraus: „Das ist Bosheit. Die reine Bosheit. Schikane …!“

„Du hast es also doch gewusst?“, fragte die Fee. Sie war wirklich sehr überrascht, und mir wurde ganz langsam klar, dass die Fee meinen Ausbruch gar nicht auf sich bezogen hat, sondern die „Bosheit“ als  Antwort auf ihre Frage angesehen hat. Das musste ich erst verdauen. Klar. Der Klügere gibt nach, um den Dümmeren in die Falle laufen zu lassen. Er lässt die Dummheit des Dummen damit sichtbar werden, macht sie, nur durch sein Nachgeben sichtbar. So führt man Koalitionsverhandlungen, um bei der nächsten Wahl zu gewinnen. So lässt der Politiker dem anderen den Vortritt bei der Kandidatur, nur um beim nächsten Mal als unbestrittener Sieger antreten zu können. Man könnte es auch Kalkül nennen, und damit die Klugheit rühmen, aber am Ende ist es doch nur Bosheit, verlogene, heimtückische Bosheit, nicht nur dem Konkurrenten gegenüber, der dies ja durchaus verdient haben kann, sondern auch dem Volk gegenüber, das auf diese Weise immer wieder erst durch Schaden klug werden muss.

So in Gedanken versunken hörte ich erst gar nicht, dass ich aufgefordert wurde, meinen dritten Wunsch zu äußern. Nun musste ich noch einmal auf die Schnelle alle meine Sinnen zusammen nehmen. Was könnte ich mir noch wünschen, um die Fee scheitern zu lassen?

Da wurde mir klar, dass ich nachgeben musste, wenn ich als der Klügere gewinnen wollte.

„Ich habe schon noch einen Wunsch“, begann ich, vorsichtig tastend.

„Es ist allerdings ein ziemlich schwer zu erfüllender Wunsch. Weitaus schwieriger als Demokratie oder eine gutmeinende Regierung. Wie ist das, was geschieht eigentlich, wenn du nicht in der Lage sein solltest, einen Wunsch zu erfüllen?“

„Das ist die sonderbarste Frage, die mir je gestellt wurde. Ist es denn dein Wunsch, das zu erfahren?“

Da war sie wieder, tricky, wie immer, aber ich war vorbereitet. „Nein, das ist nicht mein dritter Wunsch. Es ist nur eine einfache Frage. Du kannst mir darauf antworten, wenn du magst, du musst aber nicht.“

„Dann schweige ich lieber.“

„Dann frage ich halt mal anders. Wie ist das mit dir, liebe Fee, wenn du einen Wunsch hast, kannst du dir den selbst auch erfüllen?“

„Ich habe keine Wünsche. Ich bin wunschlos geschaffen worden, vor langer Zeit. Was also sollte ich mir selbst erfüllen wollen. Da gibt es nichts, und mir fehlt da auch nichts. Alles gut.“

„Dann, liebe Fee, höre meinen letzten Wunsch: Ich wünsche mir, dass du jetzt sofort selbst einen Wunsch hast. Einen großen Wunsch, nur für dich selbst, und dass du ihn dir erfüllst. Sofort!“

„Oh mein Gott!“, hauchte die Fee. Das ist ein fürchterlicher Wunsch. Du bringst mich um! Tausend Gedanken stürmen auf mich ein. Was will ich denn? Ein Schloss? Eine Yacht? Schöne Kleider? Und ich habe nur diesen einen Wunsch. Und ich sehe das viele Unrecht und möchte helfen, aber wem, mit nur einem Wunsch? Dem hungrigen Kind im Kriegsgebiet? Dem verzweifelten Unternehmer, der Insolvenz anmelden muss? Dem Soldaten, den im nächsten Augenblick die Kugel treffen wird? Der Dirne, die von ihrem Zuhälter verprügelt wird? Soll ich mir wünschen, dass ich nichts von alledem mehr sehe? Ach, wie war ich doch so zufrieden, als ich mich noch nicht für einen Wunsch entscheiden musste! Ach, wie habe ich mich doch amüsiert, wenn die Menschen mit ihren törichten Wünschen zu mir kamen. Die meisten wollten ja nur Geld. Die einen, indem sie im Spiel gewinnen, die anderen, indem sie reich erben, aber an einen, der mit seiner Hände Arbeit reich werden wollte, kann ich mich nicht erinnern. Weißt du denn nichts, was ich mir wünschen könnte?“

Ich spürte Mitleid mit der Fee.

„Kann ich meinen Wunsch zurücknehmen, wenn es dich so sehr belastet?“

„Nein, das geht nicht. Ich muss zugesagte Wünsche erfüllen. Hast du denn keine Idee, was ich mir wünschen könnte, ohne an den tausend Möglichkeiten, mir etwas zu wünschen, zu zerbrechen, weil ich sie mit nur einem freien Wunsch unerfüllt lassen muss?“

„Dann wünsch dir doch einfach, wieder wunschlos zu sein!“

„Geht nicht. Das wäre die Rückgängigmachung deines Wunsches. Erinnere dich an Schneewittchen, die sich an der Spindel stechen musste. Feenzauber. Konnte nur abgemildert werden. 100 Jahre Schlaf, statt Tod.“

„Dann fällt mir nur noch ein Wunsch ein, etwas, was du dir wünschen könntest, obwohl es eigentlich mein Wunsch ist.“

„Das geht. Natürlich kann ich mir etwas wünschen, was du dir wünschst, aber das muss dann auch funktionieren. Nichts mit Demokratie, die es ja schon gibt, und auch nichts mit dem Kanzler und seinen Ministern, die es auf einmal gut meinen sollen, mit ihrem Volk. Schon etwas Einfacheres.“

Da wusste ich, was sie sich wünschen sollte.

„O.K., wünsch dir etwas Einfaches, etwas Ergebnisoffenes. Wünsch dir, dass es in Deutschland noch in diesem Jahr Neuwahlen gibt. Mehr nicht. Egal, was herauskommt. Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Ich denke, das deutsche Volk hat jetzt eine bessere Regierung verdient. Mit Neuwahlen könnte ich feststellen, ob ich damit recht habe.“

„Das ist lieb von dir. Das wünsch ich mir. Das schaffe ich.“

 

Dann war sie fort.

Ich warte jetzt ab. Das Jahr ist ja noch lang. Ob sie es schafft?

Falls ja, dann hätte ich nicht herausgefunden, wo die Grenzen des Märchenmöglichen liegen.

 

Aber das wäre mir dann auch so was von egal.

 

 

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