Die verheerende Wirkung geringfügig sinkender Umsätze

Jedes dritte Unternehmen leidet unter Auftragsmangel, schreibt der Spiegel, unter Berufung auf das Ifo-Institut.

Das BIP sei stärker geschrumpft als bisher vom Statistischen Bundesamt vermeldet, heißt es bei verschiedenen Quellen. Manche sehen darin die Tatsache, dass Deutschland bereits wirklich in der Rezession steckt, andere lesen unter dem Strich doch noch einen Aufwärtstrend heraus, kommt halt darauf an, welchen Abschnitt der Datenreihe man betrachtet.

Die US-Zölle von 15 Prozent auf so ziemlich alles, was von Deutschland in die USA geht, würden die deutsche Wirtschaft belasten. Darüber herrscht Einigkeit. Wie groß der Schaden ausfallen wird, darüber gehen die Abschätzungen wieder auseinander.

Alles in allem sieht es aber immer so aus, als ob sich die Verluste im Durschschnitt über alles noch im ganz niedrigen einstelligen Bereich bewegen. 

Das kann doch nicht so schlimm sein.

Es ist schlimm. Es ist viel schlimmer, als es aussieht.

Warum es so schlimm ist, will ich heute, ganz langsam und zum Mitdenken erklären.

 

Stellen wir uns vor, es produziert jemand hochwertige Bratpfannen. Feine Aluminium-Legierung für den Formguss, hochwertige Beschichtung, ergonomischer Griff. Dafür steht eine große Fabrikhalle auf der grünen Wiese, vollgestellt mit Maschinen, zwischen denen ein paar Gabelstapler herumfahren, und über der Halle die Büros für die Konstrukteure, die Fertigungstechniker, die Kaufleute und den Vertrieb.

Alles was da beschafft werden musste, um Bratpfannen herstellen zu können, hat 120 Millionen Euro gekostet. Die sollen im Laufe von 10 Jahren wieder hereingespielt werden. Das ergibt jährliche Kosten von 12 Millionen, die in der Kalkulation als Abschreibungen berücksichtigt werden müssen. Wir nennen solche unveränderlichen Kosten, die anfallen, unabhängig davon ob, oder wie viel produziert wird, Fixkosten. Es gehören dazu noch einige ander Kosten, nämlich eine Mindestbelegschaft in der Verwaltung, Versicherungsbeiträge, auch die Kosten für die Heizung, etc.

Insgesamt summieren sich die Fixkosten unseres Bratpfannenproduzenten auf 15 Millionen Euro pro Jahr, darin 12 Millionen für Abschreibungen, also Kapitalkosten, und der Rest für das Sonstige.

Das sieht dann in der grafischen Aufbereitung so aus:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie sehen, ganz unabhängig von der Entwicklung der Produktions- und Umsatzzahlen, stehen die Fixkosten als unveränderlicher Block im Diagramm, und es besteht unter normalen Umständen keine Chance, diesen Kostenblock zu verändern.

Bei näherem Hinsehen kann man erkennen, dass die Fixkosten zwar in ihrer Gesamthöhe unveränderlich sind, dass pro produzierter Bratpfanne aber mit unterschiedlichen Fixkostenanteilen kalkuliert werden muss. Würde zum Beispiel nur eine einzige Bratpfanne hergestellt, dann müsste die für 15 Millionen Euro + X  verkauft werden, wenn die Kosten wieder hereinkommen sollen.

Werden 200.000 Stück produziert, entfäll noch ein Fixkostenanteil von 75 Euro auf die einzelne Bratpfann. Geplant ist, jährlich 1 Million Pfannen zu produzieren, was einem Fixkostenanteil von 15 Euro pro Pfanne entspricht. Bei Ausnutzung aller Möglichkeiten, Sonderschichten, Überstunden, Leiharbeitnehmer zur Überbrückung der Urlaubszeit, könnten maximal auch 1,2 Millionen Pfannen gefertigt werden.

Mit den Fixkosten alleine lässt sich jedoch keine Pfanne produzieren. 

Für jede Pfanne wird eine bestimmte Menge Material benötigt. Aluminium für den Guss, Beschichtungsmaterial, hitzefeste Legierungen für den Griff, außerdem braucht jede Pfanne ihre Verpackung, und so leppert sich das. Obendrein müssen auch Menschen in der Produktion beschäftigt werden, deren Arbeitszeit sich anteilig sehr gut auf die einzelne Pfanne umlegen lässt. Zu den Fixkosten kommt also für jede Pfanne ein bestimmter, pro Stück unveränderlicher Anteil von Variablen Kosten hinzu, und das sieht dann so aus:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Gesamtkosten unserer Pfannenschmiede wachsen also mit jeder produzierten Pfanne um 12,50 Euro. Bei 1 Million Pfannen sind das (fixe+variable Kosten) schon 27,5 Millionen.

Wenn allerdings die vorhandene Kapazität vollständig ausgenutzt werden soll, ist ein Anstieg der variablen Kosten nicht mehr zu vermeiden. Die Personalkosten nehmen überproportional zu, weil entweder Überstunden bezahlt oder Leihkräfte eingesetzt werden müssen, die oft weniger Leistung erbringen, auch kostspielige Fehler machen können, sprich Ausschuss produzieren, und weil außerdem die Maschinen und Anlagen durch Überbeanspruchung, bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Wartung zu Ausfällen neigen und teure Reparaturen nötig machen können, was wiederum, um das SOLL zu erreichen, nochmals zu Sonderschichten und Überstunden führt.

Ich habe das hier mit einem zusätzlichen kleinen Feld in lila eingezeichnet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist ein ziemlich steiler Anstieg, und der ist durchaus realistisch.

Nun soll mit der Pfanne aber auch Geld verdient und ein Gewinn gemacht werden. 

Unser Pfannenfabrikant war überzeugt, jährlich eine Million Exemplare absetzen zu können. Seine Kalkulation hat ergeben, dass pro Stück Kosten von 27,50 Euro anfallen, und daher einen Netto-Verkaufspreis von 33,00 Euro für den Zwischenhandel festgelegt, der die Pfanne dann für knapp 80 Euro, einschl. MwSt. ins Schaufenster stellen wird.

Vom Gewinn in Höhe von 5,50 Euro pro Pfanne, bzw. 5,5 Millionen Jahresgewinn bei 1 Million Pfannen, dürfte das Finanzamt an Körperschafts- und Gewerbesteuer eine gute Million beanspruchen, so dass die Investition von 120 Millionen immer noch eine Kapitalrendite von knapp über drei Prozent abwerfen dürfte.  Das ist nicht viel, kaum mehr als auf dem Sparbuch, aber das Bratpfannengeschäft bewegt sich halt auf einem umkämpften Markt.

Sehen wir uns nun an, was wirklich übrigbleibt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier ist jetzt der Umsatz eingetragen. Wenn wir diese grüne Linie aufmerksam betrachten, links unten, bei 0 beginnend, ist unschwer zu erkennen, dass der Umsatz über einen weiten Bereich, nämlich bis genau 454.455 verkaufter Pfannen nicht ausreicht, um wenigstens die Fixkosten wieder hereinzuspielen. Doch darüber hat sich bereits ein Gebirge variabler Kosten aufgebaut, dass von der grünen Linie erst hier

 

 

 

 

 

 

 

 

 

wo der blaue Pfeil gesetzt ist, bei fast schon 800.000 verkauften Pfannen durchstoßen wird. Der Umsatz liegt ab hier über den Kosten, es entsteht mit jeder zusätzlichen Pfanne ein Gewinn. Der Gesamtgewinn steigt bis zur Millionsten Pfanne pro Pfanne an. Danach bleibt er gleich, weil, wie vorstehend erläutert, die variablen Kosten an der Grenze der Kapazitätsauslastung noch einmal ansteigen.

Unser Pfannenproduzent hat vor der Rezession das Jahresziel von 1 Million Pfannen erfüllen können und vor Steuern rund 4,6 Prozent Kapitalrendite erzielt. Das ist zwar nicht viel, aber immerhin mehr als ein Sparbuch abwirft.

Über  die letzten drei Jahren ist sein Umsatz um 3 Prozent zurückgegangen. Das sieht auch nicht schlimm aus. Bleibt doch immer noch genug. Doch das täuscht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Er hat also nur noch 970.000 Pfannen verkauft, damit 32,01 statt 33,00 Millionen Euro Umsatz gemacht. Entspricht minus 3 Prozent.
Die Kosten für die Herstellung von 970.000 Pfannen beliefen sich auf 27,125 Millionen statt 27,5 Millionen Euro. Entspricht minus 1,4 Prozent.
Die Kosten sinken also weniger stark als der Umsatz. 

Klar, es sinken ja nur die variablen Kosten. An den Fixkosten ändert sich nichts. 

Deswegen ist der Gewinn vor Steuern deutlich stärker gesunken als der Umsatz! Nämlich um 11,2 Prozent auf 4,885 Millionen Euro. Die Kapitalrendite nähert sich mit 4,0 % schon dem Sparbuch mit mehrjähriger Festschreibung.

Weil es aber voraussichtlich mit der deutschen Wirtschaft noch weiter nach unten geht, woran nicht nur, aber auch Trumps Zölle schuld sein dürften, wird es ganz bald ganz eng werden, für den Bratpfannenproduzenten.

Unterstellen wir nun, für nur ein Drittel der ursprünglichen Investitionen sei ein Kredit aufgenommen worden, der jährlich mit 10 Prozent, also mit 4 Millionen zu tilgen ist, dann ist dies ein Aufwand, der aus dem Gewinn zu bezahlen ist. 

Noch ein bisschen Umsatzrückgang, und der Gang zum Insolvenzgericht wird sich nicht mehr vermeiden lassen.

Anmerkung:

Über die Kostenansätze im Bratpfannenbeispiel kann man streiten.
Grundsätzlich gilt jedoch, je höher der Fixkostenanteil, und den Fixkostenanteil kann man durchaus gleichsetzen mit dem Automatisierungsgrad, desto verheerender wirkt sich ein Umsatzrückgang auf den Gewinn aus. Die menschenleere Fabrik voller Roboter, oder die Anlagen der Chemieindustrie, die so gut wie keine Bedienungsmannschaft mehr brauchen, sind besonder gefährdet.

Jedes Prozent BIP, das verschwindet, muss als Alarmsignal angesehen werden.