Das Märchen verkündet, weil die Schöne freundlich und lieb zum Biest war, hätte es sich in einen strahlenden Prinzen verwandelt.
Merz hat es versucht. Er hat nachgegeben, zugestimmt, sich selbst klein gemacht und zurückgenommen, aber der Koalitionspartner ist nur immer dreister und biestiger geworden. Selbst der Aufruf, Klingbeil doch nicht zu kränken, er sei ja so sensibel, der ja nicht unerhört geblieben ist, trotz des unerhörten Verhaltens der SPD und ihrer Vorsitzenden, hat das raumgreifende Dominanzverhalten der SPD nur noch verstärkt.
Frau Reiche hat aufgehört daran zu glauben, dass hinter dem Partner im Finanzministerium ein Prinz stecken könnte, den es durch Entgegenkommen und Liebe zu erlösen gilt. „Alles Larsifari“, mag sie gedacht haben, und, „woll’n doch mal sehen, ob er nicht auf die harte Tour zu knacken ist.“
Sie hat also allen ihren Mut zusammengenommen, und ihren wirtschaftlichen Sachverstand dazu, und ist Klingbeil mit seinem angemaßten „Wirtschaftsgipfel“ krachend in die Parade gefahren. Merz würde ihr den Rücken stärken, glaubte sie, denn Merz hatte sich kurz vorher ja durchaus in ihrem Sinne gegen die SPD-Vorschläge positioniert.
Herr Merz hingegen fand das befremdlich – und von überall, selbst aus der CDU erscholl der Ruf: „Reiche entlassen! Sofort!“
Nun sitzen sie in der Villa Borsig zusammen, die Koalitionsspitzen. Das Kanzleramt war ihnen wohl zu popelig. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Klingbeil und Bas sehnen offenbar die Zeiten zurück, als Scholz sich noch von Robert Habeck am Nasenring durch die Manege führen ließ und gute Miene zum Dekarbonisierungsspiel machte. Der Reiche misstrauen sie zutiefst. Die hat schließlich Ahnung. Damit ist sie unberechenbar. Man weiß ja nicht, was sie sonst noch wissen und vorschlagen könnte.
Söder hält sich dezent zurück. Es ist ja nicht seine Koalition. Er hat ja nicht die Richtlinienkompetenz. Selbst Postion beziehen wird er erst, wenn die Veranstaltung vorbei ist. Herauskommen wird sowie nichts, und darüber lässt sich besser lästern als über die Position von Klingbeil oder die Position von Reiche. Warum sich Feinde machen, wenn der Merz alleine alle Speere auf sich zieht, wie einst Arnold von Winkelried in der Schlacht bei Sempach.
Merz allerdings brilliert erneut in der Rolle des Ritters von der traurigen Gestalt.
Was soll er auch tun. Klingbeil und Bas in die Schranken weisen? Gegen die kommt er nicht an. Die texten ihn hoffnungslos zu, da kommt er gar nicht mehr zu Wort. Die Koalition aufkündigen? Oh Gott! Unmöglich. Wohin denn dann? Unmöglich. Vollkommen unmöglich.
Frau Reiche opfern? Wäre schon irgendwie ungerecht. Andererseits: Sie kann sich ja auch nicht durchsetzen. Was aber ist eine Ministerin, die sich nicht durchsetzen kann? Natürlich. Verzichtbar. Da kann sie noch so viel Sachverstand mitbringen.
Außerdem würde er damit ein Zeichen seiner eigenen Durchsetzungsstärke setzen.
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