Der Bundeskanzler weilte im Sommerurlaub am Tegernsee. Niemand hätte ihm drei Wochen Entspannung in absoluter Untätigkeit missgönnt. Nur er selbst, F. Merz, hat es offenbar nicht ausgehalten, die Füße stillzuhalten. BILD berichtet: “ Nach BILD-Informationen saß Merz täglich mehrere Stunden am Schreibtisch. Täglich gabs die „strategische Lage“. Urlaubsbonus: Statt um 8 Uhr erst um 8.30 Uhr.“
Viel telefoniert haben soll er auch, mit Ministern, Mitarbeitern, Stäben und Partei. Auch auf engste Mitarbeiter konnte er nicht verzichten. Nina Warken, die Neue im Kanzleramt, musste für zwei historische Tage am Tegernsee mit Merz hart arbeiten.
Zurück aus der schweißtreibenden Sommerfrische zog es ihn in die Eifel, wo er mit kundigem Blick die Asche des größten nordrhein-westfälischen Waldbrandes seit der Schlacht im Teutoburger Wald musterte, was ihm die historischen Worte auf die Zunge legte: „Das ist der Klimawandel.“ Und, nachdem das schon einmal heraus war, fügte er, wie von Red Bull beflügelt, noch hinzu: „Ich will allen Leugnern des Klimawandels sagen: Schauen Sie sich das genau an, was hier passiert ist.“
| Triggerwarnung für Erstleser
Nicht alles, was F. Merz sagt, ist so auch richtig. Unter „Klima“ versteht man den Durchschnitt aus den Wetterdaten von 10.957 Tagen. Von „Klimawandel“ wird gesprochen, wenn sich dieser Durchschnittswert signifikant verändert. Ein abgebrannter Wald hingegen ist ein abgebrannter Wald. Es wird keinesfalls 30 Jahre dauern, bis es wieder ein gesunder Wald sein wird. Macht aber nichts, denn die Rede des Friedrich M. vor den Baumruinen nahe Hürtgenwald, gerichtet an alle Leugner des Klimawandels ging sowieso ins Leere. Niemand leugnet den Klimawandel, denn das Klima wandelt sich, seit die Erde eine Atmosphäre hat – und das ist sehr lange her. Bestritten – nicht geleugnet – wird, mit guten Argumenten übrigens, die aktuelle Erwärmung sei eine Folge der CO2-Emissionen der Menschheit. Leicht zu widerlegen, weil es Warmzeiten gegeben hat, lange bevor die Menschheit einen nennenswerten Beitrag zum atmosphärischen CO2 leisten konnte. |
Es war aber nicht das Wichtigste, was der in den Arbeitsmodus zurückgekehrte Sommerfrischler vom Tegernsee den gespannt wartenden Journalisten und den Menschen im Lande zu sagen hatte.
Erinnern Sie sich an Nero?

Der soll, nachdem er den Staat mit seinem kostspieligen Lebensstil in die Pleite getrieben hatte und dann versuchte, die Vermögen reicher Römer zu beschlagnahmen, die Stadt Rom in Brand gesteckt haben, wozu er – die Laute schlagend – gesungen haben soll. Nicht überliefert ist, dass er wenige Tage vorher verkündet hätte: „Wir haben vor der Sommerpause historische Beschlüsse dazu gefasst. Jetzt müssen sie so schnell wie möglich umgesetzt werden.“
Es muss an dieser Stelle eingeräumt werden, dass Nero Beschlüsse von vor der Sommerpause niemals als „historisch“ bezeichnet hätte. Die Römer gingen sehr sorgfältig mit der Wahl ihrer Worte in ihrer präzisen Sprache um, und, dumm war Nero auch nicht gerade, hatte er doch keinen Geringeren als Seneca als Lehrer.
Vor der Sommerpause von einer Koalition hurtig gefasste Beschlüsse, die während der Sommerpause von Teilen der Koalition schon wieder in Frage gestellt wurden, die zudem erst noch durchs Parlament müssen, wo, wie es heißt, hinten nie das herauskommt, was vorne hineingeschoben wird, gleich nach Abschluss der Sommerpause als „historisch“ einzuordnen, zeugt entweder von hellseherischer Weitsicht, die in ihrer Prägnanz weit über alle Prognosen der biblischen Propheten hinausreicht, oder von der verzweifelten Suche nach schmückenden Adjektiven für eine bereits vermurkste Sache, an der aber festgehalten werden muss, weil sonst nichts da ist, woran man sich noch festhalten könnte.
(puhhh – was für ein Satz!)
Doch, wie sagte schon Salomo:
Es gibt nichts Neues unter der Sonne!
So, wie am ersten Tag der Kanzlerschaft des F. Merz die Anweisung an das Innenministerium, die Grenzen zu schließen, nicht ergangen ist, so, wie sich auch nach rund 470 Tagen seiner Kanzlerschaft nicht feststellen lässt, dass „links“ vorbei sei – man ist eher geneigt anzunehmen, dass „links“ in diesem Jahrhundert noch nie stärker war als heute, so wie auch viele weitere historische Ansagen des F. Merz wirkungslos verhallt sind, so dürfte es auch diesmal wieder sein. F. Merz hat es ja selbst indirekt bereits eingeräumt, kaum mehr als einen Wimpernschlag nach dem Satz mit den historischen Beschlüssen von vor der Sommerpause, kam die Bekräftigung, die sich schon wie ein Rückzug anfühlt:
„Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das hinbekommen. Es geht um eine schnelle und umfassende Entlastung für die Wirtschaft, gerade auch für Handwerk und Mittelstand.
Deswegen reden wir darüber in der Kabinettsklausur.
Ich werde das Team auf diese Aufgabe einschwören.“
Historische Beschlüsse. Über die am Dienstag und Mittwoch geredet werden soll, obwohl sie schon gefasst sind? Historische Beschlüsse, auf die ER das Kabinett am Dienstag und Mittwoch einschwören wird?
Es hätte heißen müssen: Auf die ich das Kabinett einschwören „möchte“ – bestenfalls „will“.
Die Jahreszeiten der Reformen wiederholen sich. Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter finden statt – und nach dreißig Jahren werden sie Klima geworden sein. Das ist gewiss. Ähnlich gewiss ist, dass die Zahl der Worte, die nicht verwendet werden dürfen, um F. Merz zu charakterisieren, weiter wachsen wird. Möglicherweise wird „Hobby-Historiker“ dazugehören.
Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss
ist alle Wiederkehr.
Die Zukunft liegt in Finsternis
und macht das Herz uns schwer.
Dabei muss man aber sagen, dass die 30 Jahre eine lächerlich geringe Zeit sind, um feststellen, dass das Wetter zu Klima geworden ist. Was sind schon so ein paar lächerliche Wimpernschläge zum Erdalter. Dabei wandern auch die 30 Jahre immer noch mit. Also in meinen Augen ist das Humbug, dadurch bedingt, dass der Mensch so eine kleine Lebensspanne bezüglich der Dinge hat, die sich im Laufe des Erdzeitalters abgespielt haben bzw. noch abspielen werden.