Das ist einmal ein Ziel, das sich Friedrich Merz da gesetzt hat.
Leider, leider hat der Kanzler gänzlich darauf verzichtet, zu erwähnen, an welchen Kriterien die Stärke der deutschen Armee gemessen werden soll.
Ich schlage daher eine neue Kennzahl für den Vergleich vor. Ich nenne sie „Verteidigungsfähigkeits-Kennzahl“.
Die Herleitung ist ein bisschen kompliziert, ich gehe jedoch davon aus, dass Sie mir folgen können.
Da wir ja alle nichts anderes wollen, als uns gegen Aggressoren zu verteidigen, spielt zunächst einmal die Größe dessen, was es zu verteidigen gilt, eine Rolle. Das war seit Urzeiten schlicht und einfach das Land, der Grund, die Fläche. Daran hat sich nichts geändert und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.
Eine große Landesfläche erfordert mehr Verteidigungsaufwand als eine kleine. Das beginnt bereits mit der Länge der zu verteidigenden Grenzen, hat aber auch viel mit dem zu tun, was auf der Fläche vorhanden ist, von der Landwirtschaft bis zum Militärflughafen, von der Eisenbahnlinie bis zu den Wohnsiedlungen. Von den Hochöfen bis zur Automobilfabrik.
Trotz aller Schwächen, die sich schon aus der Bevölkerungsdichte ergeben, habe ich die Landfläche der Staaten als den wichtigsten Parameter zur Feststellung seiner Verteidigungsfähigkeit ausgewählt.
Dem, was zu verteidigen ist, muss gegenübergestellt werden, wie viel Verteidigungspotential zur Verfügung steht. Da ist, ganz und gar unbestreitbar, zu allererst die Mannschaftsstärke der Armee (ohne Reserve) zu berücksichtigen.
Aus Landfläche und Armeestärke ergibt sich eine erste, durchaus schon interessante Kennzahl, nämlich die Zahl der Soldaten pro Quadratkilometer.
Zum Üben:
Deutschland hat aktuell
- 184.190 Soldaten unter Waffen,
- eine Landesfläche von 357.000 Quadratkilometern.
Das ergibt etwas mehr als einen halben Soldaten (0,516) pro Quadratkilometer.
Ist das viel, ist das wenig? Da kommt es auch auf die Bewaffnung an.
Bewaffnung kostet Geld. Wie viel Geld, lässt sich am Wehretat ablesen. Der deutsche Wehretat liegt aktuell bei 97 Milliarden Dollar (Zur weiteren Vergleichbarkeit ist der Dollar hilfreich). Die Frage ist, wie man die nun in Beziehung setzen soll, zu Fläche und Armeestärke.
Ich bin der Überlegung gefolgt, dass
- je kleiner die Armee (und)
- je größer das Land
- desto mehr Geld erforderlich ist, um eine effektive Verteidigung auf die Beine zu stellen.
Wenige Soldaten in Relation zur Fläche bedeutet, dass die Kampfkraft pro Soldat hoch sein muss, das kostet Geld, und eine große Fläche bedeutet, dass allerorten Verteidigungsanlagen errichtet werden müssen, dass Depots angelegt werden müssen, von denen viele womöglich nie gebraucht werden, usw.
Dieses wird in der Verteidigungsfähigkeits-Kennzahl (VFK) ausgedrückt, indem die Soldaten pro Quadratkilometer mit dem Wehretat in Milliarden multipliziert wird.
Für Deutschland bedeutet dies 0,516 x 97 = 50,1
Aussagefähig wird das aber erst im Vergleich mit den Werten anderer europäischer Staaten.
Da sieht die Bundeswehr gar nicht so schlecht aus. Nur die Briten, mit einer VFK von 62,2 und die Ukraine mit 96,4 stehen besser da. Eine vollständige Tabelle der europäischen Staaten finden Sie am Ende dieses Beitrags.
Um Ihre Kritik an dieser Kennzahl vorweg zu nehmen: Diese Betrachtung vermittelt nur so lange ein korrektes Bild, wie der Ausbildungsstand der Soldaten vergleichbar ist, und die Verteidigungsausgaben in vergleichbar effiziente Rüstungsgüter umgesetzt werden.
Dazu ein beeindruckendes Beispiel aus dem letzten Jahr.
Vom 5. bis zum 23. Mai 2025 fand in Estland das NATO-Manöver „Hedgehog“ statt.
In dessen Verlauf wurden zwei NATO-Bataillone (etwa 1.500 – 2.000 Soldaten) von nur 10 Ukrainern im Verlaufe eines halben Tages vollständig aufgerieben.
Die Ukrainer hatten Kampferfahrung – die beiden NATO-Bataillone nicht. Die Ukrainer setzten Drohnen ein – die NATO-Bataillone Panzer und Infanterie
Der Kommandeur der NATO-Truppen soll nach diesem Fiasko geäußert haben: „Wir sind am Arsch.“
Natürlich übt man, um daraus zu lernen. Von daher kann damit gerechnet werden, dass es bei einem nächsten solchen Zusammentreffen etwas schwieriger werden wird, zwei NATO-Bataillone aufzureiben.
Bis es aber so weit sein wird, dass 10 NATO Soldaten mit Drohnen Jagd auf 10 Ukrainer mit ihren Drohnen machen, kann noch viel Zeit vergehen.
Was also meint Friedrich Merz, wenn er von der Bundeswehr als der künftig stärksten Armee Europas spricht?
Es lohnt sich bei dieser Frage einen Blick auf das Münchner-Startup „Helsing“ zu werfen. Hier wird künstliche Intelligenz für Waffensysteme entwickelt und implementiert.
Unter anderem ein KI-Autopilot für Kampfflugzeuge, der bereits in einem simulierten Luftkampf eine schwedische „Gripen“ steuerte, die gegen zwei Flugzeuge mit menschlichen Piloten kämpfte und dabei ziemlich gut abgeschnitten hat.
Helsing liefert auch bereits Kamikaze-Drohnen an die Ukraine. Die sollen nicht nur vergleichsweise teuer sein, sondern auch im Einsatz nicht gerade begeistert haben. Die Bundeswehr hat die nun für gut eine halbe Milliarde Euro bestellt, um ausgerechnet eine Panzerbrigade (Panzerbrigade 45, Litauen, im Aufbau) damit auszurüsten.
Drohnen sind eine Plage.
Letztlich wird der von einer KI gesteuerte Kampfjet sich als eine Fehlentwicklung erweisen. Er ist eben nicht mehr als eine sauteure Drohne und wird von ebensolchen sauteuren Drohnen der Gegenseite ebenso dezimiert werden, wie heute schon die Drohnenschwärme, die losgeschickt werden müssen, um die feindliche Luftabwehr zu überlasten, damit am Ende einige wenige durchkommen und ihre Ziele erreichen.
Diese Form des Krieges entwickelt sich zu rapiden Abnutzungsgemetzeln bei denen es letztlich darauf ankommt, dass der Nachschub nicht abreißt.
Dies trifft auf Drohnen mit großer Reichweite ebenso zu, wie auf jene kleineren Gefechtsfelddrohnen, die sich auf Panzer oder einzelne Soldaten stürzen.
Mir stellt sich die Frage, ob der Drohnenkrieg nur eine vorübergehende Erscheinung ist, die sich schon in wenigen Jahren als eine verrückte Sackgasse erweisen wird.
Der beste Schutz vor den Kamikazedrohnen auf dem Gefechtsfeld besteht doch offenbar darin, ihnen keine Ziele zu bieten. Das führt im Ukraine-Krieg bereits dazu, dass es vorrückende Panzerkolonnen in Frontnähe kaum noch gibt. Die stehen gut getarnt in ihren Stellungen und übernehmen klassische Artillerie-Aufgaben.
Langstrecken-Drohnen, ob nun mit Kampf- oder Aufklärungsauftrag, sind eher leichte Ziele für die Luftabwehr, wobei es natürlich problematisch ist, eine vier Millionen Dollar Patriot-Rakete in den Himmel zu jagen, um eine hunderttausend Dollar Drohne abzuschießen. Hier liegt noch viel Potential in der Entwicklung von adäquaten Abwehrsystemen und die ersten Laserwaffen zur Drohnenabwehr sind ja bereits im Einsatz.
Dennoch bleibt diese Form der Kriegsführung unbefriedigend, weil die Ergebnisse, gemessen in Gebietsgewinnen, in keinem vernünftigen Verhältnis zu den Verlusten und zum materiellen Aufwand stehen – jedenfalls dann, wenn es sich um in etwa ebenbürtige Gegner handelt.
Kriege gegen technisch unterlegene Staaten sind mit den modernen Mitteln der Kriegsführung natürlich auch weiterhin relativ schnell erfolgreich zu führen, doch dies kommt ja für die Bundeswehr als Verteidigungsarmee nicht in Frage. Unterlegene Staaten würden Deutschland von sich aus nicht angreifen, und sie von uns aus anzugreifen, verbietet das Grundgesetz.
Die stärkste Armee Europas, die Friedrich Merz vorschwebt, kann sich nur gegen einen einzigen Gegner verteidigen wollen, nämlich gegen Russland.
Sie wäre dabei zugleich ein Teil der NATO, die es ja immer noch gibt, oder zumindest Teil jener EU-NATO, von der immer häufiger die Rede ist, weil man sich von den USA als Schutzmacht emanzipieren will.
Nun habe ich keine Vorstellung, was geschehen müsste, um Russland zu einem Angriff auf Deutschland oder ein anderes EU-NATO Land zu bewegen, aber wenn es einen derartigen Anlass geben sollte: Wie würde Russland dann vorgehen?
Wie in der Ukraine?
Dort wurden innerhalb von vier Jahren Krieg rund 120.000 Quadratkilometer besetzt. Im Tagesdurchschnitt ein Vormarsch um 8 Kilometer auf einer Breite von 10 Kilometer, oder – realistischer – ein Vormarsch um 80 Meter auf einer Frontlänge von 1000 Kilometern? 2,5 Kilometer pro Monat? 30 Kilometer pro Jahr?
Dann stünden die Russen bei ihrem Angriff auf die EU nach fünf Jahren allenfalls vor Warschau.
Das kann ich mir nicht vorstellen.
In einem solchen Krieg ginge es vom ersten Augenblick an um das Überleben Russlands, bzw. der Russischen Föderation. In einem solchen Krieg wäre der Auftakt die Ausschaltung der Elektrizitätsversorgung.
Da gehört nicht viel dazu. Da müssten noch nicht einmal Raketen fliegen. Es genügt, wenn ein Dutzend Sabotagetrupps zeitlich koordiniert an den richtigen Stellen das tun, was die Vulkan-Gruppe zuletzt in Berlin veranstaltet hat. Dann fährt sich das übrige Stromnetz ganz von alleine herunter.
Die Raketen schlagen zehn Minuten später ein.
Dagegen helfen weder Panzer noch Fregatten, weder Tornados noch Kamikaze-Drohnen.
Dagegen hilft nur eine hochgradig effektive Luftverteidigung – oder eben doch Diplomatie.
Die VFK-Tabelle (ganz unten zum Vergleich: Israel)
| Mann | Etat Mrd $ | Fläche Tsd km² |
Kennzahl | Mann/km² | |
| Ukraine | 900.000 | 64,7 | 604 | 96,41 | 1,49 |
| V.Königsreich | 184.860 | 81,7 | 243 | 62,16 | 0,76 |
| Deutschland | 184190 | 97,0 | 357 | 50,06 | 0,52 |
| Niederlande | 41.380 | 23,2 | 34 | 28,21 | 1,22 |
| Polen | 202.100 | 38,0 | 313 | 24,54 | 0,65 |
| Frankreich | 200.000 | 63,8 | 552 | 23,13 | 0,36 |
| Italien | 165.500 | 38,0 | 301 | 20,87 | 0,55 |
| Schweiz | 101.584 | 6,7 | 41 | 16,66 | 2,48 |
| Russland | 1.320.000 | 149,0 | 17098 | 11,50 | 0,08 |
| Griechenland | 142.700 | 8,0 | 132 | 8,67 | 1,08 |
| Belgien | 25.000 | 8,6 | 31 | 6,90 | 0,81 |
| Spanien | 133.300 | 24,6 | 505 | 6,50 | 0,26 |
| Dänemark | 20.000 | 10,0 | 43 | 4,63 | 0,47 |
| Rumänien | 81.300 | 8,7 | 238 | 2,98 | 0,34 |
| Tschechien | 28.000 | 6,5 | 79 | 2,31 | 0,35 |
| Ungarn | 41.600 | 4,7 | 93 | 2,12 | 0,45 |
| Bulgarien | 37.000 | 4,3 | 111 | 1,44 | 0,33 |
| Portugal | 24.000 | 4,6 | 92 | 1,21 | 0,26 |
| Slowakei | 19.500 | 2,8 | 49 | 1,13 | 0,40 |
| Österreich | 16.000 | 5,3 | 84 | 1,00 | 0,19 |
| Zypern | 14.500 | 0,6 | 9 | 0,96 | 1,61 |
| Litauen | 23.000 | 2,6 | 65 | 0,93 | 0,35 |
| Serbien | 25.000 | 2,3 | 77 | 0,75 | 0,32 |
| Norwegen | 23.250 | 10,4 | 324 | 0,75 | 0,07 |
| Schweden | 24.400 | 12,0 | 450 | 0,65 | 0,05 |
| Malta | 1.600 | 0,1 | 0,3 | 0,58 | 5,33 |
| Finnland | 24.000 | 7,3 | 338 | 0,52 | 0,07 |
| Belarus | 63.000 | 1,5 | 208 | 0,45 | 0,30 |
| Kroatien | 14.325 | 1,6 | 57 | 0,41 | 0,25 |
| Lettland | 17.250 | 1,4 | 65 | 0,38 | 0,27 |
| Slowenien | 7.300 | 1,0 | 20 | 0,35 | 0,37 |
| Luxemburg | 1.000 | 0,9 | 3 | 0,29 | 0,33 |
| Estland | 7.700 | 1,4 | 45 | 0,25 | 0,17 |
| Kosovo | 10.000 | 0,2 | 11 | 0,15 | 0,91 |
| Irland | 7.800 | 1,3 | 70 | 0,15 | 0,11 |
| Nordmazedonien | 9.000 | 0,4 | 25 | 0,13 | 0,36 |
| Albanien | 6.600 | 0,5 | 29 | 0,12 | 0,23 |
| Bosn.+Herzego. | 12.770 | 0,2 | 51 | 0,06 | 0,25 |
| Moldau | 9.500 | 0,1 | 33 | 0,03 | 0,29 |
| Montenegro | 2.350 | 0,2 | 13 | 0,03 | 0,18 |
| zum Vergleich: | |||||
| Israel | 170.000 | 46,5 | 22 | 359,32 | 7,73 |
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