Ein Witz aus der ersten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt von einem russischen Soldaten, der mit einer erbeuteten Taschenuhr zum Uhrmacher kommt. „Urr kapputt!“, radebrecht er. Der Uhrmacher öffnet das Gehäuse und zieht schon nach wenigen Sekunden eine Laus aus dem Räderwerk und hält sie dem Besatzer unter die Nase. Der guckt staunend auf den Fund und sagt dann: „Oh, ich verstähen, Maschinist sein tot.“
Daran habe ich mich erinnert als ich heute Morgen vom neuesten CDU-Vorstoß zur Rettung des deutschen gesetzlichen Gesundheitswesen gelesen habe.
Richtig gelesen. Gesetzliches Gesundheitswesen. Wer immer noch nur von der „gesetzlichen Krankenversicherung“ spricht, unterschlägt die Tatsache, dass über Krankheit, Heilung und Gesundheit, weit weg von Arztpraxis und Krankenhaus, ausschließlich im Elfenbeinturm der Parteizentralen der jeweiligen Koalitionsparteien entschieden wird.
Sie erinnern sich an Karl, den großen Gesundheitspolitiker?
Die Übergriffigkeit der Politik auf die „Herde“ ist während der Corona-Panik ja nur besonders deutlich sichtbar geworden. Dass der Patient schon immer und auch weiterhin nur das bekommt, was ihm die Politik zubilligt, weil die Gesundheitsversorgung möglichst billig sein soll, gerät sehr leicht aus dem Blickwinkel.
Der jüngste Geistesblitz, diesmal aus dem Dunstkreis der CDU-Parteizentrale, ist das strafbewehrte Verbot, einen Facharzt aufzusuchen, ohne vorher die Erlaubnis eines Allgemeinmediziners (Hausarzt, Primärarzt) eingeholt zu haben.
Für die einmalige eigenmächtige Missachtung des Facharztverbots soll ein Bußgeld von 200 Euro fällig werden. Dafür kann man zweimal einen Schwerbehindertenparkplatz missbräuchlich nutzen und dabei erwischt werden, und hat immer noch 13 Euro mehr übrig als bei der missbräuchlichen Nutzung eines Facharztes.
Diese Idee, die auch Dornröschen im hundertjährigen Schlaf hätte einfallen können, haarscharf zwischen Genie und Wahnsinn angesiedelt, ist doch nichts anderes als die Bankrotterklärung der Gesundheitspolitik – und wenn man annehmen wollte, die Gesundheit sei das Wichtigste, für einen rohstoffarmen Staat wie Deutschland, und käme in der Rangreihe noch vor der Bildung, und stellt dann fest, dass weder Gesundheit, noch Bildung, derzeit noch vernünftig organisiert und finanziert werden können, dann ist es nicht die Gesundheitspolitik, sondern der Staat als solches, der haltlos in den Bankrott schlittert. Ich komme darauf gleich noch zurück, doch zunächst soll noch das Hausarzt-Facharzt-Konzept beleuchtet werden.
Es ist noch gar nicht so lange her, dass mit dem (guten) Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz jene blödsinnig-kontraproduktive Regelung wieder aufgehoben wurde, die es den Hausärzten zwar nicht verboten hat, mehr Patienten zu versorgen als von der Politik erlaubt, aber dadurch, dass mehr Behandlungen an mehr Patienten mit höheren Kosten als erlaubt, schlicht nicht bezahlt wurden, geschah es, dass die Hausärzte reihenweise verkündeten, dass neue Patienten nicht mehr erwünscht sind, folglich auch keinen Termin erhalten. Sollen sie sich doch eine andere Praxis suchen.
Die zweite Folge war die Verkürzung der Sprechstunden. Mein Hausarzt öffnet seine Praxis auch weiterhin nur noch zu folgenden Zeiten: Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag 7.30 – 12.00 Uhr, Mittwoch (Notfallsprechstunde) 10.30 – 11.30 Uhr, Montag 16.00 – 18.30 Uhr, Donnerstag 16.00 – 18.00 Uhr. In Summe sind das 21,5 Stunden pro Woche. Das ist immer noch weniger als jene 23 Pflichtstunden, die ein bayerischer Gymnasiallehrer, der ausschließlich wissenschaftliche Fächer unterrichtet, wöchentlich abzuleisten hat. Ja, auch dafür gibt es eine Verordnung …
Dass bereits heute in ländlichen Gebieten die Versorgung mit Hausärzten unzureichend ist, scheint an jenen Köpfen, die sich die Wiederbelebung der Hausarzt-Pflicht ausgedacht haben, vollständig vorübergegangen zu sein. Von daher kann man auch nicht davon ausgehen, dass ihnen bekannt sein könnte, dass in Deutschland schon in 10 Jahren rund 11.000 Hausärzte fehlen werden. Man kann dazu durchaus gesicherte Prognosen abgeben. Die Altersstruktur der praktizierenden Hausärzte weist nach, dass bis 2035 ungefähr 30.000 Hausärzte in den Ruhestand gehen werden, und die Zahlen derjenigen, aus denen sich der Nachwuchs rekrutieren könnte, sehen absolut nicht danach aus, dass wenigstens alle aufgelassenen Praxen auch von jungen Ärzten übernommen würden.
Tendenziell dürfte sich damit das bei den Fachärzten bereits als lebensgefährlich einzustufende Problem, einen Termin früher als in vier, fünf oder noch mehr Monaten in der Zukunft zu erhalten, auch auf die Hausarzt-Praxen ausdehnen, selbst dann, wenn die Hausarzt-Pflicht nicht kommen sollte.
Man kann schon bei der derzeitigen Versorgungslage eigentlich nur zu dem Schluss gelangen, dass entweder die ärztliche Versorgung in Deutschland bereits auf Kante genäht ist, oder dass mit dem Gesundheitszustand der Deutschen etwas ganz fürchterlich im Argen liegen muss, wenn die Ärzte, statt sich über zusätzliche Patienten zu freuen, gegenüber ihrer Kundschaft eine harte Abwehrhaltung einnehmen.
Es dürfen an dieser Stelle auch einige Vermutungen zum „mündigen Patienten“ nicht unterschlagen werden.
Natürlich gibt es eine nicht unbeträchtliche Zahl von Menschen, die – in Panik versetzt von Pharma-Werbung und den Gesundheits-Tipps aus der Programmzeitschrift und anderen Käseblättern – bei jedem kleinsten Anzeichen von irgendwas, in die Wartezimmer der Fachärzte und die Notaufnahmen der Krankenhäuser einfallen und in ihrer Blödheit die ärztlichen Kapazitäten blockieren. Es wäre viel geholfen, wenn man peinlich-oberflächliche Symptom-Analysen nicht stets mit der Aufforderung, einen Arzt zur Abklärung aufzusuchen, versehen würde. Da dies aber womöglich strafbar wäre und ggfs. Schadensersatzpflichten nach sich ziehen könnte, wird es wohl ewig so weitergehen, bis die „harten Zeiten“ endgültig über uns hereingebrochen sein werden.
Aber es gibt selbstverständlich auch jene überwiegende Zahl von Patienten, die nach zwei Jahren zunehmender Beschwerden in der Hüfte von selbst den Weg zum Orthopäden finden und dort auch genau den Arzt gefunden haben, der ihnen helfen wird. Was ist der Unterschied, zwischen dem wehen Zahn und der wehen Hüfte und den peinigenden Kreuzschmerzen? Das gleiche gilt für die meisten Hautprobleme. Der Patient sieht, dass das, was sich auf seiner Haut breit macht und ihn vom Juckreiz her fast zum Wahnsinn treibt, eine Sache für den Dermatologen ist. Da geht er hin, so wie ein anderer ohne vorherige Hausarzt-Konsultation den Augenarzt aufsucht, wenn er merkt, dass er die Verkehrsschilder erst erkennt, wenn er schon vorbei ist. Diese Sorte Patient wird auch ganz von alleine bei unklaren Beschwerden zuerst den Hausarzt aufsuchen, statt bei Schwindelgefühlen beim Proktologen aufzuschlagen und bei Magendrücken in die Radiologie zum MRT zu rennen.
Es ist meine Einschätzung, die ich nicht statistisch belegen, sondern nur durch das begründen kann, was ich zu diesem Themenkreis von Betroffenen erfahren habe, wenn ich zu dem Schluss komme, das Problem, mit dessen Lösung das deutsche Gesundheitssystem geheilt werden könne, sei eben nicht die Neigung der Patienten, den Hausarzt zu umgehen.
Daraus ergibt sich zwangsläufig der Verdacht, dass es gar nicht darum geht, das System zu verbessern oder zu entlaseten, sondern nur um jene 200 Euro Bußgeld, die zur Finanzierung des Systems von allen eingesammelt werden sollen, die direkt zum Facharzt gehen, unabhängig davon, ob dies die richtige oder vielleicht doch die falsche Entscheidung gewesen sein sollte.
Um es klar und deutlich auszusprechen: Ich halte das Primärarzt-System grundsätzlich für richtig. Aber der Versuch, es mit irre hohen Bußgeldern durchzudrücken, erscheint mir als der falsche Weg. Es sollte vielleicht wirklich erst einmal festgestellt werden, in welchem Umfang es tatsächlich dazu kommt, dass der Patient bei einem Facharzt aufkreuzt, der nicht zuständig ist, also z.B. mit Schmerzen im Knie zum Kardiologen geht.
Der 200-Euro-Vorschlag suggeriert, dass dies ständig in einer Vielzahl von Fällen vorkommt, dass möglicherweise die Hälfte der Kapazität aller Fachärzte von irrtümlich dort auftretenden Patienten beansprucht wird. Ich glaube das nicht. Wenn es hochkommt, sind es ein bis zwei Prozent – und davon geht ein gesundes Gesundheitssystem nicht unter.
Deutschland kaputt – Die Maschinisten sterben aus
Wer sich etwas leisten will, muss etwas leisten. Das ist das Grundprinzip des arbeitsteiligen Wirtschaftens.
Wenn sich ein Staatsvolk ein funktionierendes Gesundheitswesen leisten will, muss es aus seiner Mitte heraus die Leistung erbringen, die ausreicht, dieses Gesundheitswesen zu „ernähren“. Das gleiche gilt für die Altersrenten. Aus der Mitte des Staatsvolkes heraus müssen die Leistungen erbracht werden, die es ermöglichen, die Rentner zu ernähren. Es gilt für die Bildung, es gilt für die Verkehrswege, es gilt für die Wasserversorgung. Es gilt erst recht für den Verwaltungsapparat, für die Ordnungshüter, für die Gerichte, es gilt für die Streitkräfte, für die Werbetexter, die Zeitungsausträger und die Schuhputzer.
Wenn die produktive Leistung des Staatsvolkes nicht ausreicht, um alles, was an „Dienstleistern im weitesten Sinne“ kreucht und fleucht, davon zu versorgen, dann knirscht es im Gebälk – und wenn es lange genug geknirscht hat, dann geben die Balken nach.
2024 zählten die Statistiker in Deutschland 46 Millionen Erwerbstätige, davon 35 Millionen, also gut drei Viertel, im Dienstleistungsbereich. Das heißt:
Die rund 11 Millionen produktiv Tätigen haben bei einer Bevölkerung von 83 Millionen über den eigenen Lebensunterhalt hinaus die Versorgung von 72 Millionen nicht Erwerbstätigen und Dienstleistern sicherzustellen.
Das heißt außerdem, dass dem produktiv Tätigen von 1.000 Euro Lohn für sich selbst nur 133 Euro übrig bleiben.
445 Euro werden an Rentner, Kinder und Jugendliche, Arbeitsunfähige, Arbeitslose und nicht erwerbstätige Migranten verteilt,
422 Euro erhalten Amtsrichter und Anlageberater, Bademeister und Bürgermeister, Chirurgen und Chiropraktiker, Dentisten und Dendrologieprofessoren, Eheberater und Elefantenwärter, Finanzbeamte und Fördermittelbewilliger, Gefreite und Generäle, und so weiter, und so weiter.
Es ist klar, dass es sich hier um eine Art magisches Dreieck handelt, bei dem sich nicht nur das weitere Schrumpfen der Produktiven und der Produktivität zwangsläufig auf den Unterhalt der Nichtproduktiven auswirkt, sondern auch jede Verschiebung zwischen den drei Töpfen auf die beiden anderen, mindestens jedoch auf einen der anderen auswirken muss.
- Mehr Produktion – mehr Verteilungsmasse, weniger Produktion – weniger Verteilungsmasse.
- Mehr Rentner, Kranke, Arbeitslose, Migranten – weniger Geld für Dienstleister und/oder Produktive.
- Mehr Ärzte, Krankenpfleger und Apotheker – weniger Geld für Rentner, Kranke, Arbeitslose, Migrante und/oder Produktive.
Letzlich hängt aber alles am Anteil der Produktiven und deren Leistungsvermögen. Was von denen nicht kommt, kann auch nicht verteilt werden. Wenn sich die Leistung aber nicht lohnt – und so weit sind wir in Deutschland gekommen – dann schrumpft die Leistung ganz von alleine noch weiter. Keine Kinder in die Welt zu setzen, weil man sie sich nicht leisten kann, ist ja nur ein Gesicht des Niedergangs. Das Bürgergeld-Dilemma ist ein anderes, die Bildungsmisere noch mal eines. Man darf sich gar nicht mehr umschauen in diesem Land ohne vom kalten Grauen überfallen zu werden.
Bußgelder für Facharztbesuche ändern an der Verteilungsmasse nichts und können daher auch das Problem nicht lösen, das entstanden, bzw. verschärft wurde, als Deutschland im Rausch der Dekarbonisierung in die Deindustrialisierung gerutscht ist und folglich immer weniger produktive Leistung erbracht wird.
Sanktionen gegen erwerbsfähige Bürgergeldbezieher helfen übrigens auch nichts, wenn die Arbeitsplätze fehlen, an denen man sie beschäftigen könnte. Es ist ja nicht nur die Arbeit, die sich nicht mehr lohnt. Auch zu investieren, Unternehmen zu gründen oder weiterzuführen erscheint in Deutschland längst nicht mehr besonders attraktiv.