Deutsche und Deutschinnen, Gewalttäter und Gewalttäterinnen

Ich habe mich ja schon oft gefragt, in welchem Land ich eigentlich lebe, aber nach Verkündigung der dunkelsten Dunkelfeldstudie seit Beginn der Aufzeichnungen hat mein Entsetzen noch einmal eine vollkommen neue Qualität angenommen.

Sie haben es auch gehört. Oder gelesen. Müssen es gehört und gelesen haben, denn was die gewaltfreie Frau Prien und die unverdächtigen Herren Dobrindt und Münch – letzterer ist Chef des Bundeskriminalamtes, die beiden anderen sind keine Unbekannten – an Greueltaten an die Öffentlichkeit gebracht haben, übersteigt die Offenbarungen der Epstein-Files und die neuen Pläne der Koalition zur Reform von Rente, Kranken- und Pflegeversicherung bei Weitem und übertrifft auch die Verdi-Forderungen der aktuellen Tarifrunde noch deutlich.

Die so genannte LeSuBia-Studie, mit der schwerpunktmäßig Erfahrungen mit Gewalt in Paarbeziehungen, aber auch mit sexualisierter Gewalt und Gewalt im digitalen Raum erhoben wurden, erweckt – zumindest bei mir – den Anschein, als habe der Staat weniger die Sorge sein Gewaltmonopol zu verlieren, als vielmehr den Anspruch, es in erheblichem Maße noch auszuweiten.

Wer nicht mit rosa lackierten Scheuklappen durchs Leben schlittert, weiß, dass es in so ziemlich jeder Paarbeziehung einmal scheppert. Lässt sich dies nach mehrfacher Wiederholung nicht mehr kitten, trägt das Scheidungsrecht maßgeblich dazu bei, dass die Streithanseln gegenseitig kein gutes Haar mehr an sich lassen und auch vor wüsten Beschimpfungen und Falschbezichtigungen nicht zurückschrecken.

Behörden sollen effiziente und wirksame Maßnahmen entwickeln,  um diese Formen von Gewalt, nämlich, 

„Ständiges Beschimpfen, Lächerlichmachen, Erniedrigen oder Anschreien, Drohungen,  sowie übergriffige Kontrolle von Handys, finanziellen Entscheidungen oder sozialen Beziehungen“,

zu bekämpfen (bekämpfen = Kampf, Kampf = Gewalt, behördlicher Kampf = Staatsgewalt, Gewaltmonopol).

Dass 48,7 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer mindestens einmal im Leben lächerlich gemacht, oder beschimpft, oder angeschrien wurden, glaube ich sofort. Dass es sich dabei um Gewalt handelt, halte ich für eine groteske Überdehnung des Gewaltbegriffs, und dass die Betroffenen das genauso sehen, ist meiner Auffassung nach der Hauptgrund dafür, dass so etwas weder als Gewalt empfunden wird, noch als ausreichende Ursache, um mit einer Anzeige zur Polizei zu rennen – die sich wahrscheinlich für nicht zuständig erklären würde.

Dass hier nicht 98 Prozent der Frauen und 95 Prozent der Männer angegeben haben, eine solche Erfahrung bereits gemacht zu haben, kann ich mir nur so erklären, dass ein Teil der Befragten zum Zeitpunkt der Befragung einfach noch zu jung – und/oder vielleicht zu verliebt war.

Gut. Das war zwar die Grube, in der die Befrager am häufigsten fündig wurden, aber nicht alle Gewalt im Dunkelfeld war vergleichbar harmlos.

40,4 Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal im Leben sexuelle Gewalt ohne Körperkontakt erlebt zu haben. Früher nannte man das allenfalls Anzüglichkeiten. Heute ist Gewalt daraus geworden, wenn eine attraktive Frau bewundernde Männerblicke auf sich zieht, oder der knackige Hintern eines Mannes von Frauen angestarrt wird. Was es früher nicht gab, war die „digitale Gewalt“, also die Zusendung unerwünschter Bilder, Videos oder Nachrichten per Internet. Aber früher gab es eben auch die Löschtaste noch nicht.

Der Staat zeigt mit dieser Studie seine Absicht, dass nicht mehr die Menschen selbst entscheiden dürfen sollen, wie sie miteinander und ihren Missverständnissen umgehen, sondern dass er sich berufen fühlt, apodiktisch Gewalt zu definieren, hinter jeder Fensterscheibe zu detektieren und zu bekämpfen.

Früher, als es nur zwei Geschlechter gab und sich der Geist noch nicht so weit von der Biologie emanzipiert hatte wie heute, war die Anziehungskraft zwischen eben diesen beiden Geschlechtern noch ziemlich hoch. Beide sendeten eindeutige Signale der Paarungsbereitschaft aus, bis es entweder zu einer übereinstimmenden Willenserklärung kam – oder eben nicht. Das „Balzritual“, das zu dieser Entscheidung hinführte, konnte von beiden Seiten jederzeit abgebrochen werden, und wenn das notgeile Männchen gar nicht ablassen wollte, dann kam der große Bruder des Weibchens und hat den Triebgesteuerten vertrieben. Ggfs. mit den Mitteln körperlicher Gewalt. In der Regel hat das geholfen –  nachhaltiger als jede reuige Aufarbeitung im Stuhlkreis beim Therapeuten.

Sind wir, die gewalttätigen Deutschen und Deutschinnen inzwischen so weit degeneriert, dass uns das natürliche Verhalten nicht mehr möglich ist, dass wir den Staat zu Hilfe rufen müssen, weil wir die Signale des Balzrituals nicht mehr zu interpretieren und angemessen darauf zu reagieren wissen?

Oder handelt es sich bei den Aussagen der Studie nur um in Richtung Gewalt gepolte Interpretationen des Erfragten?

An dieser Stelle versuche ich den dieser Studie innenwohnenden „Gewaltbegriff“ so zu definieren, wie er mir erscheint:

Demnach gilt alle Interaktion, die von einem Menschen ausgeht und auf einen anderen Menschen trifft, der dies im Augenblick gerade nicht mag, grundsätzlich als Gewalt, unabhängig davon, ob dabei ein Körperkontakt erfolgt, und falls er erfolgt, auch unabhhängig davon, ob dadurch ein körperlicher Schaden oder ein physischer Schmerz ausgelöst wird.

Diese Vorrede soll helfen, die Aussagen von 40,8 Prozent der Frauen und 12,3 Prozent der Männer richtig einzuordnen, die angegeben haben, im Laufe ihres Lebens schon einmal eine sexuelle „Belästigung mit Körperkontakt“ erlebt zu haben. Was war das wohl? Vergewaltigungen oder Gruppenvergewaltigungen wurden hier wohl nicht abgefragt.

 

So viel Geschrei, um so viel NICHTS und um fast nichts. Dieser Medienhype, womöglich konstruiert, um dahinter die Mauer des Schweigens um tausendfache wirkliche Gewalt zu verbergen, macht in meinen Augen den Kontrast nur noch stärker.

Auf die Maßnahmen zur Bekämpfung bin ich gespannt. 

Wird es neue „Verbotszonen“ geben, und wie werden die dann heißen, und wie werden die Pictogramme aussehen, die solche Verbote signalisieren?

Das Mindeste ist ein neues Gesetz, schon,  weil überall Wahlkampf ist.

1 Kommentar

  1. einfach nur gruselig!
    Wer einen Blick in die Zukunft wagen möchte, dem sei die Rezeption des Filmes „Idiocrazy“ ans Herz gelegt
    Ihr werdet es nicht bereuen 😉
    Getreu dem alten ZonenMotto
    „Mir nach, ich folge!“

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