Der Jammerlappen-Winter

Wenn die Tagesschau alles hintenan stellt und zwei Drittel der Sendezeit damit füllt, dass es geschneit hat, immer noch schneit und wieder schneien wird, weshalb die Menschen, die nicht unbedingt müssen, unbedingt zu Hause bleiben sollen, dann muss eine Naturkatastrophe sondersgleichen übers Land hereingebrochen sein, wie sie, seit Ötzi in den Alpen erfroren ist, nicht wieder vorgekommen ist.

Eigentlich wird ja angenommen, dass das Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks speziell auf die Gruppe der über 70-jährigen zugeschnitten ist, was sich schon mit einem schnellen Blick auf die Angebote der  von der Geriatrie dominierten Werbeblöcke leicht verifizieren lässt, doch in diesen Tagen scheint etwas anders zu sein.

Ich bitte Sie! Die Alten haben doch ganz andere Winter erlebt und leben immer noch.

Wir sind in den fünfziger und sechziger Jahren bei jedem Wetter in die Schule gegangen. Betonung auf „gegangen“. Wir sind dann auch bei jedem Wetter  zur Arbeit gegangen – jedenfalls diejenigen, die nicht auf dem Bau gearbeitet haben. Wir hatten Autos ohne Schnickschnack. Motor, Getriebe, vier Räder. Teils noch ohne Servolenkung. Oft mit Hinterradantrieb. Ohne Gurte, ohne Navi. Ohne ABS, ohne ESP. Es gab keine Winterreifenpflicht, und die Promillegrenze lag bis 1973 bei 1,5, danach bei 0,8 Promille. Aber wir haben unsere Autos ausgegraben, auch wenn nach dem Schneefall in der Nacht nichts mehr von ihnen zu sehen war, und sind losgefahren – oft im zweiten oder dritten Gang – und wir sind angekommen. Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, das war Mitte der 80er Jahre, nach hunderten Kilometern auf Neuschnee, Matsch und festgefahrenem Schnee, irgendwo in der Eifel – als ich beschlossen habe, umzukehren, statt mich weiter durch die Schneeverwehungen zum Tagungshotel durchzukämpfen. Eisregen? Ja, und? Das Problem war eher, den Zentimeter Eis von der Winschutzscheibe zu kratzen und das eingefrorene Türschloss aufzutauen. Dann gings los, von München nach Augsburg, vier Stunden Schleichfahrt auf der Autobahn, aber wir sind angekommen.

Da fühle ich mich von der Tagesschau doch schon ein bisschen veralbert.

Mag natürlich daran liegen, dass die Winter in Deutschland seit geraumer Zeit mehr oder minder ausgefallen sind, dass die Jüngeren Winter nur noch vom Ski-Urlaub auf Kunstschneepisten kennen und sich nicht mehr zu helfen wissen, wenn es schneit und der Schnee dann auch noch eine Weile liegen bleibt.

Ich frage mich allerdings, warum man dazu rät, zuhause zu bleiben, statt Tipps zu geben, wie man auch im Winter auf den Straßen zurechtkommt. Es geht nämlich.

Aber dann genügt es, zu erkennen, wie hilflos die Bahn sich bei Schnee und Eis verhält, um zu wissen, dass dieses Land viel weiter degeneriert ist als man es sowieso schon befürchtet hat, als in den Innenstädten Hitzeschutzzonen ausgewiesen wurden, weil im Sommer einmal ein paar Tage lang die Sonne schien und die Höchsttemperaturen an der dreißig Grad Marke kratzten, also Zustände herrschten, wie genau da, wo die Schlechtwetterdeutschen über Jahrzehnte ihre Sommerurlaube verbrachten, ohne tot  umzufallen.

Vermutlich steckt etwas ganz anderes dahinter.

Die Wut über den ausgefallenen Klimawandel ist es nicht. Man weiß doch, dass auch dieser Winter eine Folge der Erderhitzung ist. Vom Golfstrom bis zum Polarwirbel ist doch durch den Klimawandel alles kaputt. Klar, dass es zu Extremwetterereignissen kommt. Je kälter es wird, desto wichtiger ist es, die CO2-Emissionen weiter zu reduzieren. Alles andere wäre unverantwortlich.

Richtig ist aber nach wie vor, dass alles, was die Aufmerksamkeit ablenken kann, genutzt wird, um die Aufmerksamkeit abzulenken. Ohne das bisschen Schnee würde vielleicht noch immer über die Sabotage der Stromversorgung in Berlin nachgedacht. Schön, vom Linksterrorismus ablenken zu können.

Ohne das bisschen Schnee würde vielleicht die Nachricht, dass Zalando in Erfurt 2.700 Mitarbeiter auf die Straße setzt, für Aufregung sorgen. Zalando, das ist doch nicht energieintensive Schwerindustrie. Das ist doch Mode. Mode geht doch immer? Und wenn sie nicht mehr geht? Woran liegt das?

Ohne das bisschen Schnee würde vielleicht darüber geredet, warum Herr Weimer immer noch Staatsminister im Bundeskanzleramt ist, warum Herr Günther öffentlich mehr Zensur fordern darf, wie es kommt, dass der Herbst der Reformen ausgefallen ist und nun alle Hoffnungen auf den Merz des Aufschwungs gerichtet werden müssen, weil es sonst keine Hoffnung mehr gibt.

Ohne das bisschen Schnee könnte die Bevölkerung verunsichert werden, daduch, dass Donald Trump Venezuela überfallen hat, Kolumbien mit Militärgewalt droht, einen Plan für die Übernahme Grönlands ausarbeiten lässt und kurz davor steht, den Iran zu bombardieren.

Ohne das bisschen Schnee würden sich die Leute vielleicht darüber wundern, dass der Außenminister Wadephul davon ausgeht, dass die NATO Grönland gegen die NATO-Führungsmacht USA verteidigen werde.

Die Aufzählung könnte noch endlos fortgesetzt werden.

Glücklicherweise beherrschen die meinungsprägenden Medien die Kunst aus einer Maus einen Elefanten zu machen in Perfektion. Es genügt, die richtige Perspektive zu finden. Nicht von oben her die Lage großflächig betrachten, sondern das Detail – möglichst ohne Vergleichsmaßstab herausstellen.

So werden auch 5 Zentimeter Schnee zu einer bedrohlichen Masse, vor allem, wenn vorher ein wenig geschippt worden ist:

 

 

Ach so, ja, eines noch!

Jetzt kommt gleich der Eisregen.

Bleiben Sie zuhause. Schalten sie die Tagesschau ein.

Sie werden rund um die Uhr bestens informiert, jedenfalls was den Winter betrifft.