Weder das Bundeskanzleramt, noch der Reichstag, verfügen über einen Glockenturm, auch die CDU-Zentrale verfügt über keinen solchen. Da stellt sich dem braven Simplicissimus doch die Frage: Wo, um Himmels Willen, hat Friedrich Merz dieses hunderttägige Einläuten vollbracht, von dem er im Brustton der Überzeugung für die Mikrofone sagt: Der Politikwechsel in Deutschland sei eingeläutet.
Weil er im weiteren Verlauf auch sagte, wir haben die Wirtschaftswende „eingeleitet“, muss zu seinem Nachteil angenommen werden, dass er den Unterschied zwischen leiten und läuten kennt, und wirklich meint, der Politikwechsel, also ALLES, für was er vor der Wahl zu stehen versprach, sei eben nicht eingeleitet, sondern eingeläutet.
Bim. Bam.
Der Duden meint übrigens lakonisch, „einläuten“ bedeute, den Beginn von etwas anzukündigen.
Wenn dem so ist, dann hieße das, Friedrich Merz habe am 100. Tag seiner Kanzlerschaft beschlossen, dass das mit der Politikwende jetzt beginnen möge.
Wie bei Olympia, wenn das Feuer brennt:
„I declare open the games of Berlin …“
Damit deckt sich das Empfinden des gegenwärtigen Kanzlers mit dem Empfinden der großen Mehrheit im Lande: Bis jetzt ist von Politikwende nichts zu merken. Die Schuldenermächtigung, das war ja noch vor den hundert Tagen, das zählt nicht, und, wenn man seinen Beteuerungen glaubt, dann hat sich auch an den Grundsätzen der Israel-Politik nichts geändert, auch wenn es ein großes Geschrei darum gegeben hat.
Nun, er hat bekannt, auch etwas eingeleitet zu haben. Erinnert an den Versuch der Ärzte in der Geburtsklinik, bei einer Schwangeren, die einfach nicht zu Potte kommt, die Geburt spätestens für den Freitag einzuleiten, damit das Wochenende gesichert bleibt.
Es ist also möglich, dass etwas eingeleitet wurde, auch wenn das Publikum beim Einleiten ausgeschlossen bleibt und – wie so oft – dran glauben muss.
Doch – tückische Analogie! – womit mag die deutsche Wirtschaft wohl schwanger gehen, und wann fand die Befruchtung statt, und wer hat seinen Samen beigesteuert? Ist die Leibesfrucht überhaupt schon reif und lebensfähig, und falls ja, müssen die Gene dann nicht noch vom Verantwortlichen aus der Vorgängerregierung stammen?
Fragen über Fragen, und eine mögliche Antwort furchterregender als die andere.
Und wissen wir überhaupt schon, was es wird? Na klar. Eine Wirtschaftswende, sagt er ja, dass er die eingeleitet hat, aber was wird es sein: Junge, Mädchen, Divers?
Wann diese Einleitung zum Erfolg führen wird, war auch nicht zu erfahren. Nur, dass in Deutschland wieder investiert würde, hat der Onkel Doktor berichtet, und dass die Stimmung in der Wirtschaft langsam besser werde. Wer ihm das erzählt hat, weiß ich leider nicht. Mit dem hätte ich mich gerne einmal unterhalten. Auf Basis meiner Informationen kann ich beides nicht bestätigen. Da kann der DAX noch so stabil über 24.000 Punkten verharren. Der Blick auf den DAX sagt so gut wie nichts über die deutsche Wirtschaft aus. Unternehmen, die zu mehr als der Hälfte ausländischen Investoren gehören, ihr Geschäft zu weiten Teilen im Ausland machen, und ihre Gewinne zum überwiegenden Teil im Ausland abliefern, bilden die wirtschaftliche Lage in Deutschland jedenfalls nicht ab.
Die meisten Großprojekte der Transformation, von Batteriefabriken über grünen Wasserstoff bis zu den Chipfabriken sind mit mehr oder minder lautem Knall bereits geplatzt, da ist jetzt höchstens noch die Nachgeburt zu erwarten. Stuttgart 21 wird weiterhin nicht fertig, und wie die Bahn mit den Mehrkosten umgehen wird, ist auch nicht klar. Der Bahnvorstand Lutz wurde zwar gerade abgeschossen, muss aber mit grimmigem Gesicht noch weitermachen, bis ein Nachfolger gefunden ist (wer macht das denn noch freiwillig?), und bis der eingearbeitet ist, könnte die aktuell amtierende Regierung schon wieder Vergangenheit sein.
Bleibt noch der letzte Null-Satz zu erwähnen, der das Einläuten wie ein gregorianischer Gesang aus dem Halbdunkel einer zerfallenen Klosterruine begleitet hat:
„Deutschland ist wieder verlässlicher Partner in Europa und weltweit.“
Hätte er getwittert: „Deutschland ist wieder verlässlicher Partner des Deep State der USA in der Europa- und Weltpolitik“, wäre dies vermutlich eine Spur näher an der Wahrheit, aber immer noch ein Euphemismus.
Die Trump-Administration in Washington hält Deutschland für einen Staat, in dem es massiv an der Meinungsfreiheit mangelt, in Russland kommt man, ganz unabhängig von Jeffrey Sachs, auf die Idee, in Deutschland seien Kriegstreiber am Werke. In Israel ist man entsetzt über das Embargo gazakriegstauglicher Waffen. Die Chinesen sehen Deutschland immer mehr als Gegner, denn als Handelspartner, und dass sich in Europa die Skatrunde Starmer, Macron und Merz zusammengefunden hat, um Selenski zu huldigen und sich irgendwie in die Friedensgespräche zwischen Trump und Putin hineinzuquetschen, das ist ein Bündnis, in dem die Verlässlichkeit der Partner erst noch auf die Probe gestellt werden wird, und zwar genau dann, wenn Trump und Putin sich geeinigt haben werden. Der Knall kommt nicht unbedingt schon heute, am Freitag, aber er wird kommen, da bin ich ganz sicher, denn Macron und Starmer verfolgen ihre eigenen Interessen. Von Friedrich Merz weiß man das noch nicht so genau, der wird vermutlich nur als williges „Stimmvieh“ mitgeschleppt.
Wer sich den Vorwurf mangelnder Zuverlässigkeit schon vom eigenen Koalitionspartner einhandelt, weil der Richter-Deal um Frauke Brosius-Gersdorf in die Hose gegangen ist, wer sich den Vorwurf des Bruchs sämtlicher Wahlversprechen gefallen lassen muss, weil es im Grunde das war, was in diesen hundert Tagen geschehen ist, und dann behauptet, zuverlässiger Partner sehr viel ferner stehender Interessen zu sein, der muss sich schon fragen lassen, ob es angesichts der Entwicklung in Deutschland einen Grund gibt, darauf stolz zu sein, und er muss sich zudem fragen lassen, woher diese Gewissheit kommt. Es könnte sein, dass es die im Ausland noch üblichen Formeln der diplomatischen Höflichkeit sind, die diesen Eindruck beim weitgereisten Hundert-Tage-Kanzler hinterlassen haben. Vielleicht hätte er sich vorher von Annalena Baerbock in die Kunst der Reisediplomatie einführen lassen sollen.
Gut. Fertig. Eingeläutet ist’s.
Bim. Bam.