Das Bordell

Sollte John Grisham noch auf die Idee kommen, die Geschehnisse um Jeffrey Epstein in einem Roman zu behandeln, der Titel hieße höchstwahrscheinlich „Das Bordell“.

Wenn man nämlich sämtliche Spekulationen, Mutmaßungen und Gerüchte beiseite schiebt, dann bleibt von allem nichts übrig als ein Bordell.

Von diesem Punkt der Erkenntnis aus, kann man die Spekulationen, Mutmaßungen und Gerüchte noch einmal betrachten und sie in das Bild vom Bordell einfügen, und, siehe da, da passt dann manches wieder perfekt dazu.

Erinnern Sie sich an John Clelands Klassiker „Fanny Hill – Memoiren eines Freudenmädchens“, der 1749 in London erschienen ist, den Verleger zu einem reichen Mann gemacht und Cleland ein Gerichtsverfahren eingebracht hat. Das Urteil: Cleland wurde verboten, jemals wieder ein Buch solchen Inhalts zu veröffentlichen – und, damit ihm das leichter falle, wurde ihm zur Sicherung seines Lebensunterhalts eine Pension zugesprochen.

In diesem Buch ist das Bordell vor allem ein Ort der Begegnung. Flüchtiger Begegnungen, lebhafter Begegnungen und sehr intensiver Begegnungen. Der Endzweck, nämlich Sex zwischen Freiern und Freudenmädchen (Freudenmädchen, nicht Prostituierten) nimmt zwar ebenfalls breiten Raum ein, doch beeindruckender ist die Szenerie, das zwischenmenschliche Klima, die Offenheit, das Zusammenspiel von erwarteter, erhoffter, miterlebter und selbst erfahrener Lust in einer Clique von Verschworenen, die am nächsten Tag wieder in ihre normalen bürgerlichen Rollen schlüpften und über das Erlebte Stillschweigen wahrten.

Doch auch im 18. Jahrhundert ließ Fanny Hill in ihren Memoiren einen Unterschied aufleuchten, der wie ein zeitloser Lichtstrahl auch auf Epsteins Bordell hindeutet.

Fanny hatte mit einem jungen Mann vom Lande ein Abenteuer und kam danach ins Sinnieren. Ich zitiere aus der deutschen Übersetzung:

„… dass ein so hohes Vergnügen nicht ganz undankbar von mir vergessen und unterdrückt werden durfte, nur weil ich’s mit einem Menschem von niedrigem Stande fand, wo es, beiläufig gesagt, oft reiner und freier gefunden wird als unter den falschen und lächerlichen Verfeinerungen, durch welche die Höheren sich so grob durch ihren Stolz hintergehen lassen. Die Höheren! Obgleich wir unter denen wenige finden, die wissender und geübter sind in der wahren Kunst zu leben, nach der wir handeln! Sie, die immer Gegenstände des Vergnügens ergreifen, die der wahren Natur fremd sind, …“

Jeffrey Epstein ist es gelungen, das steht zweifelsfrei fest, das perfekte Bordell für die „Höheren“ zu erschaffen, wo es stets möglich war, jene „Gegenstände des Vergnügens zu ergreifen, die der wahren Natur fremd sind“. Minderjährige, mit falschen Versprechen angelockte Zwangsprostituierte, waren das Mindeste, was er seinen Gästen zu liefern hatte, dazu absolute Diskretion, wie sie außerhalb seiner Liebesinsel kaum zu finden gewesen wäre. Dass er darüber hinaus noch so manchen Kitzel anzubieten hatte, der „draußen“ nicht, und schon gar nicht so einfach zu finden war, dürfte die Erklärung für ein immer wiederkehrendes Stammpublikum gewesen sein. Dass dieses Stammpublikum sich bei den Partys begegnete, dass man sich kannte, dass man um die jeweiligen Vorlieben und Perversionen wusste, war die beste Versicherung auf Gegenseitigkeit dafür, dass nie ein Wort nach außen dringen würde. Die Höheren waren unter sich, und die Gegenstände ihrer Lust würde man auf die eine oder andere Weise zum Schweigen bringen, und sollte doch jemand plaudern, vielleicht sogar Anzeige erstatten, war sicher, dass dem niemand ernsthaft nachgehen würde. Mit den Höheren legt man sich nicht an, und je höher so eine Anzeige in der Hierarchie nach oben gelangt, desto sicherer konnte man sein, dass die Angelegenheit stillschweigend erledigt würde.

Das hat ja auch lange funktioniert.

Noch einmal zurück zum Bordell. Ein Bordell ist ein Wirtschaftsbetrieb, der Gewinne abwerfen soll. Eine Insel, ein Privatjet, luxuriöse Einrichtung, auserlesene Speisen und Getränke, die Akquisition der „Opfer“, das ist alles nicht umsonst zu haben. Das muss wieder eingespielt werden. Und, Milliardär war Epstein eben nicht.

Versucht man, die Spur des Geldes aufzunehmen, eröffnen sich grundsätzlich zwei Szenarien.

1. Epstein als Eigentümer und Betreiber des Bordells

Das hätte es erfordert, das Unternehmen als eine Art Club zu organisieren, dessen Mitglieder jährliche Mitgliedsbeiträge im sechs- oder siebenstelligen Bereich entrichten, um freien Zugang zu den jeweiligen Events zu erhalten. Sexsüchtige Multimilliardäre zahlen am meisten, Adlige und Schauspieler, die als Staffage gebraucht werden, kommen billiger davon, und bei den Politikern entscheidet Epsteins Interesse an deren Teilnahme ob sie überhaupt einen Beitrag zu entrichten haben, und falls ja, in welcher Höhe.

Denn das Geschäft des Bordellbetreibers könnte ja zugleich das Geschäft mit den Daten gewesen sein. Kompromittierende Fotos und Videos anzufertigen soll auf Love Island nicht besonders schwer gewesen sein. Dass diese Informationen (je nach Zielperson auch mehreren) Geheimdiensten angeboten wurden, ist sehr wahrscheinlich, und dass diese Dossiers angekauft wurden und dann nur darauf warteten, dass sie bei passender Gelegenheit, verbunden mit einer Bitte, die man nicht abschlagen kann, auf den Tisch gelegt werden können, ist ebenfalls sehr wahrscheinlich. 

Epstein selbst kommt meines Erachtens als Erpresser seiner Gäste nicht in Frage. Er wäre sehr schnell aufgeflogen und vermutlich auch nicht in einer Gefängniszelle gestorben, sondern – viel früher – und auf ganz andere Weise. Im Grunde war seine Diskretion seine Geschäftsgrundlage und Lebensversicherung zugleich.

2. Epstein als Manager des Bordellbetriebs 

In diesem Fall wäre davon auszugehen, dass ein Geheimdienst einer Regierung diesen Honeypot konstruiert und in Betrieb genommen hat, mit dem „unverdächtigen“ Geschäftsmann Epstein als Manager eines Edelbordells, das von den Höheren der ganzen Welt frequentiert wird und daher weitgehenden Schutz von allen Seiten genießt. Wobei es nicht stimmt, dass da die Höheren der ganzen Welt zugange waren. Nach allem, was ich bisher den Veröffentlichungen entnehmen konnte, handelt es sich eher um Personen aus dem engeren westlichen Wertebündnis, die Epsteins Dienste in Anspruch nahmen. 

Die Honepot-Story eines Geheimdienstes würde allerdings voraussetzen, dass sich auf der Insel – zumindest immer dann, wenn gerade nichts los war – einige Geheimdienstler aufgehalten haben müssen, die ihre speziellen Einrichtungen installierten und in Stand hielten, und Epstein und Maxwell gezielt Anweisungen gegeben haben. Das ließe dann darauf schließen, dass alle jetzt veröffentlichten Epstein-Files lediglich das Privatarchiv des Managers darstellen, während die wirklich brisanten Informationen nie in die Akten der Ermittler gelangten. (Prinz) Andrew, über eine vollständig bekleidete Frau gebeugt, mag zwar ein Indiz für seine Anwesenheit sein, mehr aber nicht, und wenn im Netz schon vermutet wird, es könne sich auch nur um Erste Hilfe gehandelt haben, dann wäre dies durchaus eine – aus dem Foto ableitbare,  unglaubhafte, aber nicht widerlegbare – Erklärung.

Beide Szenarien sind in sich schlüssig

Das Ende des Geschäftsmodells passt jedoch nur zu einer Version. Es hätte ja alles 2008 schon einmal zu Ende gebracht werden können. Damals war eine Staatsanwaltschaft in Florida auf Epstein aufmerksam geworden. Es kam zu einem Deal:  Epstein bekannte sich schuldig, Klienten mit minderjährigen Mädchen versorgt zu haben, wanderte – bei 12 Stunden Freigang täglich –  für 13 Monate ins Gefängnis, doch eine Verhandlung vor einem Bundesgericht blieb ihm erspart. 

Rückblickend muss dies als eine Panne betrachtet werden, ein staatsanwaltlicher Akt, der nie hätte geschehen dürfen, der aber, einmal im Rohr und schon zu weit gediehen, nur noch auf diese schonende Weise zu einem Ende gebracht werden konnte.

Elf Jahre später, im Juli 2019, war die Sachlage anders. Die Anklage entsprach zwar im Wesentlichen den Vorwürfen von 2008, Epstein habe zwischen 2002 und 2005 einen Sexhandelsring aufgebaut und Dutzende minderjährige Mädchen sexuell ausgebeutet und missbraucht. Doch Epstein wurde am 6. Juli verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Am 10. August wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden.

Was war anders?

Trump war seit gut zwei Jahren im Amt. Trotz der von den Demokraten und ihrem Fußvolk veranstalteten Hexenjagd hat er sich im Weißen Haus gehalten. War Epstein als Kronzeuge vorgesehen, um noch einen Skandal loszutreten? Leicht möglich, aber dann hätte er am Leben bleiben müssen.

Bestand die Gefahr, dass er Indiskretionen über die Clintons in Umlauf bringt? Leicht möglich, und das hätte verhindert werden müssen.

Man muss sich klar machen: Ob Epstein sein Bordell als Alleinunternehmer betrieben hat oder nur der Manager war: Alles, was geeignet gewesen wäre, jemanden zu kompromittieren, war mit höchster Wahrscheinlichkeit bereits bei den zahlenden Empfängern angekommen. Das einzige große Geheimnis, das nur Epstein selbst kannte und das nirgends verzeichnet war, das war die Identität seines Auftraggebers.

Ohne einen solchen Auftraggeber ergibt die ganze Geschichte keinen Sinn. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft konnte kein Interesse an Epsteins Tod haben, Donald Trump, der jetzt die Akten freigegeben hat, war wohl tatsächlich sauber und konnte auch kein Interesse an Epsteins Tod haben. Die Demokraten, Obama, Clinton, Biden, hätten mit den Clinton-Enthüllungen kein großes Problem gehabt. Der Mann hatte seinen Skandal mit Monica Lewinsky schon hinter sich, was hätte dem noch passieren sollen?

Meine Erklärung:

Epsteins Bordell hatte ausgedient. Zu viele Jahre, zu viele Besucher, vermutlich auch bereits zu viele Erpressungen. Klappe zu.

Es genügte vermutlich die Sorge, Epstein könnte irgendwann seine Memoiren veröffentlichen und dabei mehr verraten als gut gewesen wäre. Das Eintreten dieser Eventualität musste verhindert werden. Ist gelungen.

Das ganze Bohei jetzt? Jahre später?

Futter für die Meute.

Aufgeklärt wird nichts. Kleine Kollateralschäden werden in Kauf genommen. Oder sind die Vorgänge vom 22. November 1963 und  die vom 11. September 2001 jemals aufgeklärt worden? Und was ist aus den RKI-Files geworden?

 

Wer sämtliche Spekulationen, Mutmaßungen und Gerüchte beiseite schiebt, wird erkennen: Es war nur ein Bordell.

Bordelle wird es immer geben. Bordelle werden auch immer genutzt werden, um sowohl Informationen als auch kompromittierendes Material zu gewinnen.

Welche Informationen gewonnen wurden, wer womit erpresst wurde, werden wir nie erfahren. Was wir vielleicht erfahren, sind Informationen über sexuelle Vorlieben von diesem oder jener. Belanglos.

 

5 Kommentare

  1. Nach meiner Einschätzung dient die Veröffentlichung dieser Epstein-Files hauptsächlich dazu, uns weiter daran zu gewöhnen, dass gewisse Menschen einfach tun und lassen können was sie wollen ohne dass sie in irgendeiner Weise zur Rechenschaft gezogen werden. Eine weitere Inszenierung der Reihe, in der auch die RKI-Files stehen. Das Unappetitliche, das Falsche, die Erpressung, das Unmoralische wird immer mehr zur Normalität, ja zur Banalität. Jede und jeder erpresst jeden und jede. Manchmal fällt jemand aus dem immer schneller fahrenden Zug, wie Jeffrey Epstein, aber ansonsten geht’s einfach weiter. Die einen lügen, betrügen, bereichern sich und gehen ungehemmt ihren Obsessionen nach, die anderen bezahlen die Schow.

  2. Ehrlich gestanden,wenn mich etwas an dem Fall interessiert, dann ist es die Art und Weise, wie mit ihm öffentlich umgegangen wird. Es wechseln Neid und Häme. Gegen letztere vermag ich mich auch nicht ganz zu verschließen, wenn ich betrachte, dass es in den USA die Dems waren, die die Veröffentlichung ins Rollen gebracht haben. Jetzt hörtman aus dieser Ecke nichts mehr. Das aus dieser Ecke verfolgte Ziel, den Don zu stürzen, wurde jedenfalls nicht erreicht.

  3. Es ist mir ein Bedürfnis mich hier kurz zu äußern. Normalerweise kommentiere ich nicht, auch nicht auf anderen Portalen. Es ist eine fast absolute Ausnahme, dass ich mit einem Artikel meines Göttergatten nicht konform gehe. Diesen Artikel finde ich aber einfach zu verharmlosend. Nach meinem Dafürhalten spielen diese „Sex-Geschichten“ doch nur eine untergeordnete Rolle. Durch die Epstein-Akten sind Dinge ans Tageslicht gekommen, die wir vorher in diesem Maße nicht wussten. Zum Beispiel über den Aufbau einer Pandemie-Ökonomie. Oder die Epstein-Verbindungen zu Palantir. Aber ok, ich möchte hier auch nicht zu weit ausholen. Und mal ganz im Ernst: Dass Jeffrey Epstein Selbstmord begangen hat, glaubt doch wohl auch niemand so wirklich, oder?

  4. ich habe mich ewig gefragt , wer ist / sind , der Deep State !
    jetzt bin ich mir persönlich sicher – Eppstein war der Geschäftsführer des DPS ,
    und seine „GÄSTE “ waren die Mächtigen der westl. Welt , die sich gegenseitig benutzt haben , da sie alle schrecklich Geheimnisse , von einander wissen .
    Respekt vor Trump , der sein Versprechen , zur Veröffentlichung , gehalten hat !
    deswegen gibt es auch das Buch _ Trump gegen den Deep State _ !

  5. Die Relevanz des Geschehens liegt m.E. weniger im moralischen Bereich, sondern darin, dass hier jemand in großem Maßstab die Eliten der westlichen Welt kompromittiert und erpressbar gemacht hat. Schon die Mengen an Material, die Epstein erzeugt hat, sprechen gegen die „Edelpuff-These“.
    Es sind wiederum mehrere Hypothesen darüber denkbar, wer dies aus welchem Motiv getan hat. Epstein könnte z.B. aus eigenen Interessen gehandelt und seinen Einfluss und seine Informationen an verschiedene Akteure verkauft haben. Vielleicht trifft es zu, dass er auch russische Kunden hatte.
    Entscheidend ist aber m.E. die Frage danach, welche der kompromittierten Personen ggf. von wem zu welchem Verhalten erpresst wurden. Dass nun selbst der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe nahelegt, dass es vielleicht doch ein Problem mit der „globalen Elite“ gibt, zeigt, welche Sprengkraft das Thema hat.

Kommentare sind deaktiviert.