Es sieht zunächst einmal so aus, als hätten Selenski, Netanjahu und Brosius-Gersdorf überhaupt nichts miteinander zu tun, außer, dass ihre Namen ungefähr gleichzeitig in den Schlagzeilen auftauchen.
Vielleicht noch die Tatsache, dass sich hinter diesen Namen Lagerbildungen erkennen lassen.
Gräbt man da etwas tiefer, fällt auf, dass alle drei mit dem Problem leben müssen, sicher geglaubte Zustimmung zu verlieren und dabei ziemlich einsam dazustehen.
Brosius-Gersdorf, von der SPD nominiert, um die Chancen für ein AfD-Verbot durch das Bundesverfassungsgericht zu erhöhen,
Selenski, vom Westen eingesetzt, um Russland zu schwächen, und
Netanjahu, vom Westen als Staatschef der einzigen Demokratie im Nahen Osten zum Brückenkopf aufgebaut,
erleben soeben ihr persönliches Waterloo.
Die Ursache dafür liegt in allen drei Fällen außerhalb ihres „Aufrags“.
Frauke Brosius Gersdorf hat sich damit hervorgetan, die Menschenwürde an spezielle Bedingungen zu knüpfen, was den Schluss nahe legt, dass sie im Zweifelsfall Abtreibungen bis unmittelbar vor der Geburt kein Grundrecht mehr in den Weg legen würde.
Netanjahu hat mit seinem durchaus an einen Genozid erinnernden Maßnahmen gegen die Palästinenser eine ganz ähnliche Gesinnung an den Tag gelegt, nämlich eine auch für den kriegsgewohnten Westen zu weit gehende Übertretung von Menschen- und Völkerrecht.
Selenski hingegen hat sich in seinem Krieg gegen Russland wohnlich eingerichtet und will trotz der Friedensbemühungen von Trump und Putin nicht aufhören, zwangsrekrutierte Ukrainer beim Verschrotten westlicher Militärtechnik zu opfern, obwohl sein Krieg – sieht man von mancherlei anfallenden Profiten ab – längst sinnlos geworden ist.
Es sieht so aus, als zeichnen sich in allen diesen Spielen, wenn auch spät und weit nach hinten verschoben, doch rote Linien ab, die vom Wirken eines Zeit- oder Weltgeistes zeugen, der dort eingreift, wo die Durchsetzung von Interessen in Barbarei umzuschlagen droht. Dass diese Verteidigungslinien von unterschiedlichen Kräften getragen werden, macht die Sache noch interessanter.
Hinter Brosius-Gersdorf, die von konservativen Kräften zu Fall gebracht wurde, versammeln sich immer noch Grüne, Linke und SPD, und haben – wenn ich wild spekulieren darf – vielleicht sogar jenes Gegenfeuer gelegt, das sich hinter den Plagiatsvorwürfen verbergen könnte, um von den befremdlichen Gedanken ihrer Kandidation für das Verfassungsgericht abzulenken.
Hinter Netanjahu, der vor allem von Links angegriffen wird, versammeln sich die konservativen Kräfte der Union, welche die deutsche Staatsräson schon mit der Muttermilch eingesogen haben und jede Kritik an Israel als Angriff auf das Existenzrecht des Staates Israel interpretieren. Dass ausgerechnet der CDU-Kanzler die rote Linie gezogen hat, kann daher nur mit Erstaunen zur Kenntnis genommen werden. Schließlich hat er damit seine politische Existenz aufs Spiel gesetzt.
Hinter Selenski, der wiederum nur von Russland angegriffen wird, hat sich, nach der Abwendung Trumps, zwar die EU zu versammeln versucht, doch deren Reihen sind brüchig und ihre Siegesgewissheit klingt schon lange wie das Pfeifen im Walde. Sein Aufmucken gegen den Trump-Putin-Gipfel, der anscheinend soweit vorbereitet ist, dass sich daraus eine Friedenslösung ergeben könnte, kann ihm keine Freunde schaffen, denn auch die Kosten für seine Unterstützung erweisen sich nach drei Jahren Krieg doch allmählich als erhebliche Belastung.
Über Selenski wird schon lange geschrieben, er werde entweder abdanken und seine Millionen im US-amerikanischen Exil genießen, oder auf unschöne Weise aus dem Weg geräumt werden.
Bei Netanjahu ist es noch nicht ganz soweit, doch wird sich die Einstellung immer weiter verbreiten, dass sein Abdanken ein Segen für die weitere Entwicklung im Nahen Osten wäre. Der Druck auf ihn ist jetzt schon groß. Meines Erachtens nur eine Frage der Zeit, bis er dem nachgeben wird, bzw. wegen fehlenden Rückhalts in der eigenen Koalition nachgeben muss.
Frauke Brosius-Gersdorf ist bereits zurückgetreten. Das fiel leicht, denn der Absturz vom Status der Kandidatin auf das vorherige Niveau wies eben doch nur eine ganz geringe Fallhöhe auf, so dass der Schaden für sie überschaubar bleibt. Schlimmer ist es für Lars Klingbeil und die SPD. Die Niederlage im Kandidatenstreit hat schon richtig weh getan. Wird er versuchen, mit neuen Vorschlägen endlich den Sieg zu erringen, oder wird die SPD zur Besinnung kommen und ihr Vorschlagsrecht verantwortungsvoller, also weniger ideologiegetrieben wahrnehmen? Klingbeil hat die Wahl, sich wie Selenski einfach nicht geschlagen geben zu wollen, oder die Kampfzone ohne weiteren Gesichtsverlust zu verlassen.
Ich bin geneigt festzustellen: Wir stehen in drei kritischen Problemstellungen unmittelbar vor der Wende zum Guten.