Bärbels Klassenkampf

Frau Bas, 1968 als Tochter eines Bus- und LKW-Fahrers geboren und mit fünf Geschwistern aufgewachsen, kam garantiert nicht mit dem goldenen Löffel im Mund zur Welt. Ihre Karriere hat ganz unten begonnen. Sie hat es geschafft über viele Stationen, über Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen dahin zu gelangen, wo sie heute steht: An der Spitze der wirkmächtigsten Partei Deutschlands.

Von da aus hat sie nun zum Kampf gegen die Arbeitgeber aufgerufen.

Da bieten sich durchaus psychologische Erklärungsversuche an, die an ihrer Vita ansetzen. Es muss ja nicht Neid sein. Es kann sich ebenso um ein Gerechtigkeitsempfinden handeln, das die eigenen Anstrengungen, und die oft vergeblichen Anstrengungen von Millionen von Bürgern mit jener Leichtigkeit vergleicht, mit der die Reichen im Maßanzug ihren Platz in den Polstersesseln gefunden haben.

Es ist der grundlegende Irrtum des Sozialismus, der hier in schönster Klarheit zum Ausdruck kommt.

Man kann für diesen Irrtum, je nach Blickwinkel, höchst unterschiedliche Formulierungen wählen. Hier nur eine kleine Auswahl:

  • Ohne Unternehmer ginge es allen besser.
  • Allen Menschen gebührt der gleiche Anteil.
  • Das System hindert uns am Aufstieg.

 

„Wahr“ – nach logischem Maßstab – ist nur die dritte Aussage.

Es gibt tatsächlich ein System, das viele am Aufstieg hindert. Diese Funktion des Systems dient einerseits dem Selbstschutz, weil das System an der Unfähigkeit zugrunde gehen würde, stünde jedem jede beliebige Position offen. Selbst Sozialisten begreifen dies noch, wo die Gefahren, die aus der Unfähigkeit erwachsen, offenkundig sind. Kein Sozialist, der ansonsten bei Verstand ist, würde in ein Flugzeug einsteigen, wenn er wüsste, dass als Pilot ein arbeitsloser Metzgergeselle im Cockpit sitzt, der aufgrund eines Softwarefehlers von der Arbeitsagentur an die Fluggesellschaft vermittelt wurde.

Andererseits ist die Aufstiegsverhinderungsfunktion des Systems erforderlich, um bei einem Überangebot an Bewerbern drohende Konflikte zu verhindern. Deutschland hat zum Beispiel nur einen Bundeskanzler. Dies nicht, weil es nur eine einzige Person gäbe, die dieser Aufgabe gewachsen ist, es hat sicherlich seit Adenauer bis auf den heutigen Tag immer eine große Zahl von Staatsbürgern gegeben, die das Amt noch besser hätten ausfüllen können. Doch was wollen wir mit 20 Bundeskanzlern, wo führt es hin, wenn 20 verschiedene Personen als Inhaber der Richtlinienkompetenz auftreten, wie wären im Zweifelsfall 20 gleichzeitig regieren wollende Koalitionen zu ertragen? Die Katholiken haben es immer wieder einmal mit zwei Päpsten – Papst und Gegenpapst – versucht, aber lange gehalten hat das nie.

Es gibt dabei noch einen weiteren Aspekt, dessen Problematik gerade in den letzten Jahren immer stärker in Erscheinung getreten ist. Wo der Aufstieg – und sei es nur bis zum Hochschulabschluss – immer mehr jungen Menschen gelingt, zeigt sich an anderer Stelle ein ebenfalls wachsender Mangel an Fachkräften. Eine Entwicklung, die sich kaum korrigieren lässt, denn wer mit fast 30 Jahren ein Studium abgeschlossen hat, wegen der Akademiker-Schwemme aber keinen Job findet, der wird auch keinen Ausbildungsbetrieb mehr finden, in dem er das Bäcker- oder das Installateurshandwerk erlernen könnte. Diese Leute sind für die Wohlstandsmehrung schlicht verloren.

 

„Falsch“ – im Sinne der Logik – ist die erste Aussage.

Ohne Unternehmer ginge es allen schlechter, nicht besser.

Das Problem der Sozialisten besteht darin, dass sie mit dem Begriff „Unternehmer“ einfach nichts anfangen können, außer ihn mit „Ausbeuter“ gleichzusetzen. So, wie für sie der Liebe Gott mit gewaltigem Rauschebart neben einem Engelein mit Harfe auf einer Wolke sitzt, und zuschaut, was seine Menschen auf Erden so treiben, sitzt für sie der Unternehmer den lieben langen Tag hinter seinem schweren Schreibtisch, womöglich mit einem Engelchen auf dem Schoß, und schaut zu, wie sich sein Vermögen jeden Tag vermehrt.

Dass der erfolgreiche Unternehmer von seinem Handwerk mindestens so viel wissen und verstehen muss, wie der Pilot im Cockpit einer Boeing 747 verstehen sie nicht, weil sie dazu keine Bilder im Kopf haben. Ein Cockpit haben sie schon einmal gesehen. Eine unüberschaubare Menge an Anzeigen, Schaltern, Hebeln – da staunen sie, wie man sich das überhaupt merken kann, was da was ist und wann man welchen Knopf, welchen Hebel betätigen muss. Das muss schwer sein.

Ein Chefbüro haben die Meisten auch schon einmal gesehen. Aber das unterscheidet sich halt kaum vom heimischen Wohnzimmer. Ein bisschen größer vielleicht, teurere Möbel vielleicht, aber im Grunde ist da als „Arbeitsplatz“ nicht mehr als ein Tisch, ein Stuhl und ein Telefon. Das löst dann den Impuls aus: Das kann weg. Das braucht doch niemand, und das Gehalt verteilen wir dann lieber unter der Belegschaft.

Wenn allerdings das Unternehmen in Probleme gerät, dann sind sie schnell dabei, vom Management-Versagen zu sprechen, und, dass die da oben schuld sind, wenn fleißige Männer und Frauen ohne eigenes Verschulden den Job verlieren. Da blitzt plötzlich ein Gedanke daran auf, dass die Unternehmer in ihren dicken Polstersesseln doch wenigstens so etwas wie Verantwortung zu tragen hätten.

Den geistigen Spagat, dass ohne Unternehmer, also letztlich ohne das Management, alles besser wäre, womöglich, weil Management-Versagen ohne Management gar nicht vorkommen kann, den halten sie offenbar schmerzfrei aus.

 

Unausgegoren ist die zweite Aussage.

Da fehlt es nämlich an den Voraussetzungen. Die mindeste Voraussetzung wäre die Errichtung einer totalen Staats- und Planwirtschaft, bei der alle Erträge in eine einzige große Kasse fließen, aus der dann alle zu gleichen Teilen bedient werden. Anders geht das nicht.

Die zweite, ausschlaggebende Voraussetzung, wäre die Heranzüchtung von Menschen, denen es gelingt, zwischen ihrer Leistung für die Gesellschaft und dem Lohn, den sie von der Gesellschaft erhalten, keinen Zusammenhang mehr sehen zu können. Menschen, die für den Einheitslohn jeden Tag 12 Stunden als Chirurg am OP-Tisch stehen und zufrieden sind, wenn sie dafür den gleichen Lohn erhalten, wie die Garderobenfrau im Theater.

An der ersten Voraussetzung hat man sich versucht. Die totale Staats- und Planwirtschaft ist möglich. Die große Kasse ebenfalls, aber dass daraus wirklich alle zu gleichen Teilen bedient worden wären, das hat noch niemand geschafft.

Die zweite Voraussetzung ist bisher ein Traum geblieben, dient aber immer noch als Argument für den angestrebten Systemwechsel, zum Beispiel für die Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). 

 

Der Kampf gegen die Arbeitgeber

führt nach meiner Einschätzung in eine finstere, unwirtliche Sackgasse. Ich hoffe für Deutschland, dass Bärbel Bas das auch nicht wirklich so gemeint hat. Käme es im Kampf gegen die Arbeitgeber nämlich zum Sieg der werktätigen Massen, sie hätten sich damit siegreich das eigene Grab geschaufelt.

Wenn es zur Behebung durchaus vorhandener sozialer Unwuchten eines Kampfes bedarf, dann sollte das ein Kampf für die Arbeitnehmer sein.

Das ist ein himmelweiter Unterschied.

Nach Merkel, Scholz, Habeck, Merz und Klingbeil muss ein Kampf für die Arbeitnehmer nämlich zugleich ein Kampf für die Unternehmer und Arbeitgeber sein. Ein Kampf, der sich gegen Energieverteuerung und Deindustrialisierung richtet, ein Kampf der sich gegen die himmelschreiende Staatsquote und die quälende Verengung des zulässigen Meinungskorridors richten muss. Ein Kampf der sich gegen erdrückende Steuer- und Abgabenlasten richtet, die uns aus ideologischen Gründen ebenso aufgebürdet werden wie das Verbrennerverbot und die auf unsere Kosten weiterhin florierende Armutsmigration.

Das Dilemma von Bärbel Bas besteht darin, dass sie diesen Kampf nicht anführen kann, weil sie, im übertragenen Sinne, mit ihren Genossen selbst auf der Gegenseite auf den Barrikaden steht. Den Kampf für die Arbeitnehmer müsste sie folglich gegen sich selbst führen.