And the winner is – Jens Spahn

208 Abgeordnete sind eigentlich gar nicht so wenige. Früher nannte man so etwas eine „Personaldecke“. Als man die aber zur Wahl des Fraktionsvorsitzenden gelüftet hat, war nur noch Jens Spahn zu finden.

Meine ernsthafte Suche nach Gegenkandidaten, die bei der so genannten Wahl gegen Jens – Maskendeal – Spahn angetreten wären, blieb erfolglos. Er hat insgesamt 167 Stimmen erhalten. Nach meiner Rechnung sind das 80,3 Prozent. Weil aber nur 196 Abgeordnete von CDU und CSU an der Wahl teilgenommen haben, sieht das Ergebnis der offiziellen Rechnung mit 86,5 Prozent (von 94,2 %) schon etwas besser aus, wenn auch nicht mehr so gut wie bei seiner ersten Wahl.

Also, eine Wahl war das nicht.

Wer ehrlich berichtet, sagt, er wurde im Amt bestätigt.

Mich treibt die Frage um, welches Ergebnis Spahn hätte einfahren müssen, um nicht bestätigt zu werden.

Nehmen wir an, es hätten nur 49 Prozent der an der Befragung Teilnehmenden für Spahn votiert. Für einen Kanzler wäre das ein K.O. Ergebnis. Absolute Mehrheit verfehlt. Punkt. Aus. Fertig.

Aber braucht ein Fraktionsvorsitzender die absolute Mehrheit?

Ich weiß es nicht, vermute aber, dass auch eine einfache Mehrheit ausreicht.

Es kommt natürlich darauf an, wie Enthaltungen und ablehnende Voten gewertet werden.

Lässt man Enthaltungen unter den Tisch fallen und wertet die Nein-Stimmen so, als repräsentierten sie einen virtuellen Gegenkandidaten, dann könnten 25 Prozent für Spahn, bei 20 Prozent gegen Spahn und 55 Prozent Enthaltungen immer noch den Sieger Spahn aufs Treppchen bringen.

Wirft man hingegen Enthaltungen und Nein-Stimmen in den großen Topf der Irrelevanz, dann würde eine einzige Stimme, womöglich seine eigene, genügen, um ihn zu bestätigen.

Wie gesagt: Ich weiß es nicht.

Falls sich jemand mit diesem Prozedere auskennt, bitte ich um erkenntnisfördernde Informationen.

Wenn ich nämlich Abgeordneter der CSU wäre – CDU geht ja nicht, bin in Bayern gemeldet – wäre ich aufgestanden und hätte meine Kandidatur für den Fraktionsvorsitz angemeldet. Lachen Sie nicht. Das ist rein hypothetisch. Aber wo es in meinem Leben Gelegenheiten gegeben hat, gestalterisch Einfluss zu nehmen, und ich überzeugt war, das Rüstzeug dafür mitzubringen, habe ich mich erboten, den Job zu übernehmen.

Was sind das also für Abgeordnete?

Glaubt keiner, den Job besser machen zu können als Jens Spahn?  Ich würde schätzen, dass mindestens fünf Prozent der Abgeordneten das Zeug dazu hätten. Warum also gibt es keine Konkurrenz um den Job? Traut sich keiner, Jens Spahn den Job streitig zu machen? Und, wenn ja, warum nicht? Unterliegt vielleicht selbst die Wahl des Fraktionsvorsitzenden der Fraktionsdisziplin? Haben sich Söder und Merz auf Spahn geeinigt und dieses Ergebnis dann so vorgegeben?

Es kann ja sein, dass es unter den Abgeordneten der Fraktionsgemeinschaften tatsächlich niemanden gibt, der Jens Spahn als Zuchtmeister der Fraktion das Wasser reichen könnte.

Aber:

Welcher frei gewählte Abgeordnete wählt sich schon freiwillig einen Fraktionsvorsitzenden, der so perfekt funktioniert, dass es in der Fraktion bei keiner Frage jemals noch einen Abweichler geben könnte?

Und überhaupt: Wem nützt ein Fraktionsvorsitzender? Diese Frage geht jetzt weit über die Union hinaus.

Meine Wahrnehmung ist die, dass der Fraktionsvorsitzende nur  dazu da ist, den Willen des/der Parteivorsitzenden in zählbare Stimmen der Fraktion umzusetzen.

Da ist es wieder, das Problem der umgekehrten Hierarchien, bzw. der ausgehebelten Gewaltenteilung in unserer Demokratie.

So wie der Bundestag eigentlich die Gesetze machen sollte, an die sich die Regierung zu halten hätte, während es umgekehrt so abgeht, dass nämlich die Regierung die Gesetze macht, die von den Abgeordneten der Regierungsparteien nur noch abgenickt werden, ist es doch im Kleinen, in der Fraktion auch. Eigentlich sollten die Abgeordneten, nur ihrem Gewissen verpflichtet, bei Abstimmungen so stimmen, wie sie es für richtig halten. Stattdessen wird ihnen vom Fraktionsvorsitzenden erklärt, wie sie abzustimmen haben – und welche Folgen es für jene haben wird, die sich nicht daran halten.

Wenn dies aber tatsächlich nicht nur dem Anschein nach, sondern tatsächlich der Kern des parlamentarischen Geschäfts sein sollte, dann kann es sich bei der so genannten „Wahl“ des Fraktionsvorsitzenden doch nur um eine reine Showveranstaltung handeln. Quasi die kollektive Übung, genüsslich den Kakao zu schlürfen …, nachdem der/die Fraktionsvorsitzende vor der Wahl vom Parteivorstand festgelegt wurde.

Natürlich kann das gar nicht sein.

Nicht in unserer Demokratie.

Schon Platon hat mit seinem Höhlengleichnis verdeutlicht, dass nichts so ist wie es scheint. Folglich kann auch ich ja nur die Schatten der Demokratie an der Höhlenwand erkennen, während sich die wahre Demokratie quasi „hinter meinem Rücken“ abspielt.

Warum nennt man dieses Spiel mit den Schatten dann aber überhaupt Demokratie?


Diese naive Fragerei erinnert mich an ein Kinderbuch, das ich vor zwanzig Jahren geschrieben habe. Es heißt „Die kleine Katze mit den weißen Pfoten“  und handelt von einer kleinen Katze, die nicht aufhören wollte, Fragen zu stellen.  Hier daraus das 4. Kapitel:

4  Das vierte Kapitel
Wie die kleine Katze mit den weißen Pfoten einen Unterschied macht, zwischen den Dingen und den Namen der Dinge, und, wie sie in der Schule ganz zufällig fünf Buchstaben kennen lernt.

Die kleine Katze mit den weißen Pfoten war ziemlich kleinlaut, am Donnerstag. Sie wusste nämlich genau, dass sie sich für heute vorgenommen hatte, herauszufinden, was ein Buchstabe ist, aber sie hatte den Verdacht, dass sie es nicht herausfinden würde. Während sie sonst nämlich immer ziemlich genau wusste, worum es bei ihren Fragen geht, hatte sie diesmal überhaupt nicht die kleinste Ahnung, was ein Buchstabe sein könnte.

Sie hatte es einmal gehört, als sich zwei Kinder unterhielten. Da war dieses Wort gefallen: Buchstabe! Die kleine Katze mit den weißen Pfoten hatte sich sofort in dieses Wort verliebt. „Wie herrlich das klingt: Buuuch s t abe! So ein schönes Wort. Was das wohl bedeuten mag?“

Und weil es so ein schönes Wort war, wollte sie unbedingt herausfinden, was es bedeutet. Bei vielen anderen Worten war ihr das schließlich auch gelungen – und meistens ging das so:  Sie hatte ein Wort gehört – und erst einmal nicht verstanden. Dann hat sie das Wort wieder gehört, und noch einmal und schön langsam glaubte sie zu ahnen, welche Bedeutung es hat, und irgendwann war ihr ganz klar, dass mit Schüssel eine Schüssel gemeint war, dass es um ihre weiße Pfote ging, wenn jemand Pfote sagte und dass das Wort Haus Haus bedeutete, dass Türe eine Türe und Straße eine Straße war, und dass das Wort Blume gesagt wurde, wenn von einer Blume gesprochen wurde.

Es gab die Dinge.

Das war das eine.

Und es gab die Namen der Dinge.

Das war das andere.

 

Die Dinge, die waren ganz normal, ganz einfach, einfach da. Eine Wiese war eine Wiese. Da war Gras auf der Erde und zwar nicht nur ein bisschen, sondern ganz viel. Wenig Gras, auf wenig Erde ist keine Wiese.

Aber das Wort Wiese das war etwas ganz anderes. Wenn jemand Wiese sagte, dann war vielleicht gar keine richtige Wiese da, aber jeder, der das Wort Wiese hörte, konnte sich sofort vorstellen, wie eine Wiese aussieht, mit viel, viel Gras auf der Erde. Sogar auf der Kachelofenbank, von wo aus wirklich keine Wiese zu sehen war, musste man sofort an eine Wiese denken, wenn jemand Wiese sagte. Das war so eine Art Zauber, mit den Worten.

Die kleine Katze mit den weißen Pfoten war sehr stolz gewesen, als sie diesen Wortzauber herausgefunden hatte. Seitdem wollte sie immer mehr Worte kennen, damit sie sich immer mehr vorstellen konnte, wenn in ihrer Nähe Worte gesprochen wurden. Es gab nur ein Problem: Erst wenn man das Wort wirklich richtig verstanden hatte, konnte es seinen Zauber vollbringen und im Kopf die Bilder von den Sachen zeigen, die mit dem Wort gemeint waren.

Dummerweise hatte sie das Wort Buchstabe seither nie mehr gehört. Sie hatte kein Bild davon, mehr so einen leeren, weißen Fleck im Kopf, wo das Bild von dem Buchstaben hätte sein sollen und je mehr sie sich darüber ärgerte, dass sie nicht wusste, was ein Buchstabe ist, desto öfter dachte sie daran. Es klang ihr in den Ohren Buchstab, Buchstabe, Buchstaben, Buchstabe, Buchstab…

Aber so sehr sie sich auch anstrengte, dazu ein Bild zu finden, es war einfach keines da.

Heute, das hatte sie sich vorgenommen, wollte sie herausfinden, was Buchstaben sind. Weil sie das Wort zuerst von Kindern gehört hatte, dachte sie: “Jetzt gehe ich einfach einmal da hin, wo die Kinder sind.“

Sie wusste, dass die Kinder am Montag, am Dienstag, am Mittwoch, am Donnerstag und am Freitag alle in ein großes Haus gingen, mit vielen großen Zimmern, in denen Tische und Stühle waren und Tafeln an der Wand und Kreide und Zeigestöcke und Landkarten und lauter aufregende Dinge.

Die kleine Katze dachte immer sofort an dieses Haus und an die Zimmer und die aufregenden Dinge in den Zimmern und an die Kinder und an Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, wenn sie das Wort Schule hörte. Denn dieses Haus war die Schule.

„Vielleicht“, dachte sich die Katze, „sagen die Kinder ja wieder einmal Buchstabe und zeigen mit dem Finger darauf. Dann weiß ich auch, wer der Buchstabe ist. Oder was das Buchstabe ist. Oder die Buchstabe?“

Im Erdgeschoß der Schule stand ein Fenster offen. Die kleine Katze mit den weißen Pfoten machte einen riesigen Satz, denn das Fenster war sehr hoch. Sie sprang auf die Fensterbank und machte sich ganz klein, damit die Kinder sie nicht sehen konnten. Sie selbst konnte das ganze Zimmer überblicken.  Vorne, an der Tafel, stand ein Mensch, der kein Kind mehr war, der hatte in der einen Hand einen Zeigestock, mit dem er ganz wild herumfuchtelte, und in der anderen Hand ein Stück Kreide, mit dem er, wenn er gerade nicht mit dem Zeigestock herumfuchtelte, weiße Striche auf die grüne Tafel machte, was manchmal ganz schlimm quietschte, fast so, wie wenn eine Katze ganz laut miaut. Auf einmal schlug der kleinen Katze mit den weißen Pfoten das Herz bis zum Hals. Der Zeigestockfuchtelmensch hatte das Wort gesagt! Ganz deutlich. Und jetzt noch einmal. Die kleine Katze wurde vor lauter Aufregung ganz zappelig. Dann sagte sie aber zu sich selbst: „Jetzt beruhige dich, du dumme Katze, und hör genau zu. Vielleicht findest du ja ganz schnell heraus, wie Buchstaben aussehen.“

Tatsächlich, schon im nächsten Augenblick sagte der Mensch: „Das ist der Buchstabe A“, und zeigte mit dem Zeigestock auf die Kreidestriche an der Tafel, die ganz genau so aussahen:

A

Die kleine Katze mit den weißen Pfoten war überglücklich, dass sie jetzt wusste, was ein Buchstabe ist und dass er so spitz aussieht und dazwischen einen kleinen Querstrich hat und jubelte innerlich: „Jetzt weiß ich, was ein Buchstabe ist, jetzt weiß ich, was ein Buchstabe ist“, dass sie gar nicht merkte, dass der Kreidestrichmachemensch schon wieder Kreidestriche an die Tafel gemacht hatte. Als er dann sagte: „Das ist der Buchstabe B“, und mit dem Zeigestock auf die Kreidestriche zeigte, die ganz genau so aussahen:

B

Da war die kleine Katze ganz verwirrt. Vorhin hatte der Buchstabe doch ganz anders ausgesehen. Viel spitzer!

Der war ja jetzt doppelrund und gerade außerdem. Was war jetzt der richtige Buchstabe, was der falsche? „Auf jeden Fall“, sagte sich die kleine Katze, „ist ein Buchstabe aus Kreide und auf der Tafel, so wie eine Wiese aus Gras und auf der Erde ist.“

Doch auch das schien nicht zu stimmen. Denn nach einer Weile fingen die Kinder an, zu sprechen: „Das ist der Buchstabe A“, und dabei zeigten sie nicht mit dem Zeigestock an die Tafel, sondern mit dem Zeigefinger in ihre Hefte, und dort war jetzt ein Bleistiftkrikel zu sehen, den die Kinder in das Heft gemacht hatten, und der sah wieder so spitz aus, wie der Buchstabe am Anfang ausgesehen hatte. Gleich darauf sagten die Kinder: „Das ist der Buchstabe B.“ Dazu zeigten sie mit dem Zeigefinger auf Bleistiftkrikel, die so aussahen, wie das, was der große Mensch zuletzt mit Kreide an die Tafel gemalt hatte, und die kleine Katze mit den weißen Pfoten sagte sich: „Also das ist ja kompliziert. Scheinbar kann ein Buchstabe aus Kreide sein und auf der Tafel, oder aus Bleistift und im Heft, und aussehen kann er entweder spitz mit Querstrich, oder doppelrund und gerade außerdem. Ob ich mir das je merken kann?“
Sie musste sich jetzt ganz dringend räkeln und strecken und dehnen und machte auf dem Fensterbrett den allergrößten Katzenbuckel, den sie nur machen konnte. Da hatten sie die Kinder natürlich schnell entdeckt und riefen: „Herr Lehrer, da ist eine Katze, da ist ein Katze! Bitte sagen Sie uns, Herr Lehrer, welche Buchstaben braucht man, um ‚Katze’ zu schreiben.“

Da sagte der Mensch, der kein Kind mehr war, dass das ziemlich kompliziert wäre, aber weil die Kinder jetzt schon den Buchstaben A und den Buchstaben B so gut gelernt hätten und noch ein bisschen Zeit sei, bis zur Pause, wolle er ihnen ganz schnell die Buchstaben zeigen, aus denen das Wort Katze besteht.

„Das ist ein K und ein A und T und ein Z und ein E.“

Dann schrieb er die Buchstaben an die Tafel und sagte bei jedem Buchstaben laut: „Das ist der Buchstabe K, das ist der Buchstabe A, das ist der Buchstabe T, das ist der Buchstabe Z, das ist der Buchstabe E und zusammen sind sie das Wort Katze, und jeder, der lesen kann, denkt, wenn er das Wort Katze sieht, sofort an ein Tier, das aussieht, wie das, das da auf der Fensterbank sitzt.“

Die Katze war ganz stolz. Schlau wie sie war, hatte sie zwei Dinge auf einmal begriffen. Erstens, dass man Worte nicht nur mit dem Mund sprechen und mit den Ohren hören kann, sondern dass man sie mit der Hand mit Kreide oder Bleistift auch schreiben und dann mit den Augen wieder lesen kann, und dass sie auf diese Weise aufgehoben werden können. Ein gesprochenes Wort ist ja vorbei, wenn es gesprochen ist. Aber ein aufgeschriebenes Wort, das bleibt stehen und kann immer wieder gelesen werden, ohne dass es immer wieder geschrieben werden muss, jedenfalls solange, wie niemand die Tafel abwischt.

Das Zweite, was sie begriffen hatte, war, dass Worte aus Buchstaben bestehen und dass es mindestens fünf verschiedene Buchstaben gibt und dass man aus den Buchstaben A, E, K, T und Z, wenn man will, das Wort Katze schreiben kann, und dass alle, die das lesen, dann sofort an sie denken würden. An die kleine Katze mit den weißen Pfoten.

Und so hatte die kleine Katze mit den weißen Pfoten – ganz ohne es zu merken – in der Schule das Gleiche gemacht, wie die Kinder, nämlich wieder etwas dazu gelernt.

 

 

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