Neulich komme ich nach Hause, will mir schnell einen Kaffee kochen, da stolpere ich doch in der Küche fast über einen dicken fetten Rand, der da auf den Fliesen liegt.
„Wo kommt denn dieser Rand her?“, rufe ich aus der Küche in Richtung Wohnzimmer.
„Der kommt vom Abgrund, war heute in der Post. Als ich das Paket öffnete, ist er herausgefallen.“
„Und du hast ihn einfach da liegen gelassen?“
„Versuch du doch mal, den wegzubringen. Viel zu schwer. Geht gar nicht.“
So stand ich also am Rand vom Abgrund. Ein ziemlich schräges Gefühl ist das, wenn man so ganz dicht am Rand steht, den Abgrund aber trotzdem nicht sehen kann. Der Rand ist da, der Abgrund ist zuhause geblieben.
Es steht ja alle paar Wochen in der Zeitung, dass viele, die Deutsch sprechen, gerade noch einfache Sätze verstehen und nicht mehr in der Lage sind, längere Texte aufzunehmen und ihre Bedeutung zu erfassen.
Deswegen gibt es inzwischen auch die Tagesschau in einfacher Sprache:
„(…) Auch die Parteien die Linken und die FDP sind gewählt worden. Dieser Mann ist Hendrik Wüst. Er ist der Chef von der Partei CDU in Nordrhein-Westfalen. Die CDU ist eine konservative Partei. Wüst sagt: Die CDU hat ihr Ziel erreicht. (…)“
Hier, in der Tagesschau vom 15. September ist es aber nicht „der Rand vom Abgrund“, sondern „der Chef von der Partei“. Grammatikalisch läuft das aufs Gleiche hinaus, inhaltlich sollte man lieber nicht nach Parallelen suchen.
„Wem sein Chef ist der Herr Wüst denn?“, möchte man bei der einfachen Sprachschau in einfacher Sprache anfragen, denn dies – und das ist meines Erachtens das Wichtigste – wird leider nicht gesagt.
Vermutlich hat man sich bei der einfachen Tagessprache gedacht, dass die Leute, die das einschalten, schon noch ein bisschen Sprachgefühl mitbringen, also wissen, dass es „die CDU“ ist, von der der Herr herkommt. Deshalb dürfe man sie nicht mit einer Formulierung irritieren, in der es einfach nur heißt: „Er ist – der Chef – der Partei.“ Viele würden reklamieren, dass es die CDU ist und nicht der CDU. Von anderen würde der Satz gar als eine sinnlose Aufzählung angesehen – genau so unverständlich wie: „Er ist – der Chef – der Hut – der Bratpfanne.“
Beim Abgrund, den ich übrigens so nicht bei der Schau vom einfachen Tag gefunden habe, kann die Erklärung noch trivialer sein. Man weiß zwar, dass es „des Abgrunds“ heißen müsste, könnte das zwar auch schreiben, kann es aber einfach nicht so aussprechen, dass bei den einfach Hörenden nicht der Eindruck von „des Abgrunz“ entstehen und damit Schweinestallassoziationen ausgelöst würden.
Früher, als es noch gemächlicher (und – Achtung! Nicht lachen! – gründlicher und sorgfältiger, also auch nachhaltiger) zuging auf der Welt, sagte man noch, man stehe am Rande des Abgrundes. Zwei Buchstaben mehr. Soviel Zeit hat heute niemand mehr, und wer sie noch hätte, der traut sich nicht, um nicht für komplett verrückt und ewig-gestrig gehalten zu werden.
Kurz, zackig, muss die Sprache sein. Kurze Wörter, kurze Sätze, kaum Inhalt. Dann stimmt alles.
Machen wir einen kurzen Test. Welcher der beiden folgenden Textausschnitte gefällt Ihnen besser?
| Text 1
Diese Frau ist die Chefin vom Bundestag. Sie guckt erst nach oben. Da sieht sie die Kuppel und den Himmel. Dann guckt sie weiter hinunter. Da sieht sie die Besucherplätze. Dann guckt sie ganz hinunter auf die blauen Stühle der Abgeordneten. Sie sieht, dass nur wenige Abgeordnete da sind. Aber das macht nichts. Die Chefin vom Bundestag kann bestimmen, dass genug da sind. |
| Text 2
Langsam verabschieden sich ihre Augen vom Manuskript der Tagesordnung, langsam hebt sie den Kopf, nimmt unter dem nachtschwarzen Himmel das filigrane Gerüst der Kuppel, unter der Kuppel die leeren Besucherplätze, und noch einmal darunter, sozusagen auf der Talsohle der Demokratie, die leeren blauen Sessel der Plenarsaalsbestuhlung wahr und stellt wieder einmal, wie schon so oft, fest, dass dieser Bundestag, besetzt mit kaum mehr als jenen achtzig oder hundert Abgeordneten, die fraktionsintern im Losverfahren zur Teilnahme verpflichtet worden waren, nie und nimmer beschlussfähig wäre, wenn sie es, Kraft ihres präsidialen Amtes, nicht stillschweigend feststellen und bestätigen würde. |
Der erste Text hat neun Sätze mit 63 Wörtern. Der zweite Text besteht aus nur einem Satz mit 96 Wörtern.
Sie können nun abstimmen:
Wie kommen Sie mit diesen Texten zurecht? Wähler insgesamt: 219
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Natürlich hat diese Abstimmung einen weit über diesen Artikel hinausgehenden Sinn. Ich habe mich da an Microsoft orientiert. Microsoft prüft ja auch immer wieder und mit wachsender Begeisterung, ob meine Hardware geeignet ist, um vom Betriebssystem 11 betrieben zu werden. Wenn Sie hier teilgenommen haben, haben Sie sich mit Antwort 2 als Leser für die „Spätlese“ qualifiziert. Wer sich für Antwort 1, 3, 4 oder 5 entschieden hat, wird an der Spätlese keine Freude haben. Die mit Antwort 5 vielleicht noch am meisten.