Für mich, als den selbsternannten Protokollführer der Arbeitsplatzverluste in Deutschland, ist es immer wieder herausfordernd, die Entwicklung meiner Statistik zu erklären.
Wie kommt es zum Beispiel, dass zwischen dem 27. August und dem 5. September 2025 plötzlich 46.544 abgebaute Stellen erfasst werden?
Wie kommt es, dass die BA in ihrer Arbeitslosenstatistik weit weniger Zuwachs ausweist, als es sich über den Stellenabbau vermuten ließe?
Nun, es ist ein großes Durcheinander, ein Tohuwabohu, ein Dschungel, der auch mit der Machete kaum zu durchdringen ist. Die beiden angerissenen Fragen beantworte ich gleich noch, vorher aber erläutere ich mein Vorgehen.
Meine Systematik
Das Ziel meiner Statistik ist es, die Dynamik des Stellenabbaus sichtbar zu machen. Daher erfasse ich möglichst zum frühestmöglichen Zeitpunkt alle öffentlich bekanntgewordenen Fälle von eingetretenem und angekündigtem Stellenabbau.
Eingetretener Stellenabbau
Berichte über tatsächlich eingetretenen Stellenabbau sind zwar häufig, aber für mich meistens problematisch, weil die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass dem – Monate oder Jahre vorher – Ankündigungen über eben diesen Stellenabbau vorangegangen sind. In vielen Fällen erinnere ich mich mehr oder weniger deutlich und durchsuche dann die Archive. War der Stellenabbau, so wie nun als vollzogen gemeldet, schon früher angekündigt, darf er natürlich nicht noch einmal erfasst werden. Stellt sich heraus, dass mehr Stellen abgebaut wurden als ursprünglich angekündigt, wird die Differenz nachgemeldet. Sieht es so aus, als ob weniger Stellen abgebaut wurden als angekündigt, stellt sich bei Recherchen meist heraus, dass die aktuelle Meldung sich nur auf „die Letzten“ bezieht, von denen einer das Licht ausmachen muss, während die Belegschaft bis dahin schon munter abgebaut worden war.
Es ist einigermaßen sicher, dass meine Zahlen in den Fällen eingetretener Arbeitsplatzverluste korrekt sind.
Angekündigter Stellenabbau
Ein weites Feld.
Es gibt Ankündigungen, in denen es klipp und klar heißt, bis Ende des Jahres werden 250 Stellen gestrichen. Das ist einfach. Die werden so übernommen und fertig.
Es gibt Ankündigungnen, in denen es heißt, bis 2029 werden 1.000 Stellen abgebaut. Das ist schwierig. Kann man die wirklich schon erfassen, oder muss man da noch abwarten? Da muss man ein bisschen nachforschen, die Wirtschaftsnachrichten der letzten Jahre durchsuchen, auf die Ursache für den Stellenabbau eingehen. Zumeist sieht es so aus, dass der Stellenabbau unmittelbar bevorsteht oder bereits begonnen hat, und dass der genannte Zieltermin für den vollständigen Abbau lediglich bedeutet, dass dann wirklich die letzten, noch mit Aufräumungsarbeiten Beschäftigten entlassen werden. Das Gros der Mitarbeiter wird jedoch schon lange vorher freigestellt. Dann gehen die 1.000 Stellen sofort in die Statistik. Scheint es sich hingegen um einen Plan zu handeln, bei dem z.B. erst noch ein Standort im Ausland gesucht wird, bin ich vorsichtiger, nehme die Meldung entweder gar nicht auf, oder erwähne sie als Vorwarnung, ohne Zahlen zu erfassen. Gelegentlich nehme ich auch nur einen Teil der Stellen, von dem ich annehme, dass er ziemlich sicher entfallen wird.
Es gibt Ankündigugen, bei denen ein Sparziel von 5 Millionen Euro jährlich genannt wird, das auch über Personalabbau erreicht werden soll. Da ist die erste Frage, ob es sich um ein personalintensives Unternehmen handelt, was Aufschluss darüber gibt, wie hoch der Anteil der Personalkostenersparnis an den 5 Millionen sein dürfte. Die zweite Frage lautet, wie hoch die durchschnittlichen Bruttolöhne plus AG-Anteil zur Sozialversicherung dort sein dürften. Daraus lässt sich dann errechnen, wie viele Mitarbeiter abgebaut werden müssen, um das Sparziel zu erreichen. Das sehe ich mir dann noch einmal genau an, ob diese Zahl auch plausibel sein kann. Am Ende steht eine Zahl mit dem Hinweis „geschätzt“ in der Tabelle.
Es gibt auch Berichte, in denen nur von einem umfangreichen, manchmal auch von einem massiven Stellenabbau die Rede ist, mit dem Hinweis, dass das Unternehmen die Maßnahmen zwar einigermaßen konkret beschreibt, sich zu konkreten Zahlen aber bedeckt hält. Da gilt es, zunächst einmal herauszufinden, wie viele Mitarbeiter dieses Unternehmen überhaupt gegenwärtig hat. Häufig gibt dabei die Website des Unternehmens schon viele Anhaltspunkte, manchmal findet sich die gesuchte Zahl auch direkt. Gerne werden auch Fotos – Luftaufnahmen – des Firmengeländes gezeigt. Da helfen schon die Abmessungen, um abschätzen zu können, wie viele Menschen dort arbeiten könnten, was natürlich von Branche zu Branche unterschiedlich ist. Zur Kontrolle ein Blick zur Auskunftei North-Data. Nicht immer, aber häufig, finden sich dort auch Bilanzen, bzw. G+V-Rechnungen, aus denen sich ebenfalls Rückschlüsse auf die Belegschaft ergeben können. Die letzte Frage lautet dann: Was bedeutet umfangreicher oder massiver Stellenabbau.
Am Ende steht auch hier wieder eine Zahl mit dem Hinweis „geschätzt“. Wenn dazu später Berichte über den real durchgeführten Stellenabbau erscheinen, stellt sich meist heraus, dass meine Schätzung einigermaßen zutreffend , bzw. etwas zu niedrig ausgefallen war. Wenn die Differenz groß genug war, gibt es eine nachträgliche Korrektur.
Insolvenzen
Auch wenn das moderne Insolvenzrecht darauf ausgerichtet ist, alle Chancen für den Erhalt des insolventen Unternehmes auszuloten und damit auch Arbeitsplätze zu erhalten, ist die Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung doch immer ein starkes Indiz für Probleme, die sowohl aus dem Markt kommen können, wie z.B. branchenweite Überkapazitäten, als auch aus dem Unternehmen selbst (veraltete Ausrüstung, technisch überholte Produkte, Qualitätsmängel, zu hohe Kosten, etc.). Die Insolvenz, als eine Art „Selbstreinigungsprozess“, hilft der Branche allerdings am besten, wenn das insolvente Unternehmen – als das letzte in der Rangreihe der (Un-) Wirtschaftlichkeit – vollständig verschwindet. Wird es gerettet, weil die Gläubiger auf Forderungen verzichten, Personal abgebaut und unwirtschaftliche Betriebsteile aufgegeben werden, kann es sein, dass es in dieser Rangreihe nach oben rutscht. Dafür wird dasjenige Unternehmen, das dann die rote Laterne mit sich führt, mit hoher Wahrscheinlichkeit in Schwierigkeiten geraten.
Aus dieser Überlegung heraus übernehme ich bei Stellung des Insolvenzantrags die komplette Zahl der Beschäftigten in meine Statistik. Sollte später tatsächlich die Rettung aus der Insolvenz gelingen, handelt es sich nur zu oft um eine Scheinblüte, die wiederum oft, von einem neuen Eigner genutzt wird, um nach Abschöpfung materieller und immaterieller Vermögensgegenstände in eine neuerliche Insolvenz oder schlicht die Einstellung des Geschäftsbetriebs überführt wird.
Wie ist es dann gestern zu den 46.544 abgebauten Stellen gekommen?
Nun, der Großhandelsverband hat offenbar seine Mitglieder aufgefordert, wie alle Jahre ihre Personalzahlen per Juni 2025 zu melden. Dann hat man diese Zahlen mit denen von vor einem Jahr verglichen und festgestellt, dass 43.000 fehlen. 43.000 – das sind die Erwerbstätigen einer kleinen Großstadt, bzw. eines ganzen Landkreises mit knapp über hunderttausend Einwohnern. Die sind alleine im Großhandel innerhalb von zwölf Monaten abgebaut worden. Das Handelsblatt hat darüber berichtet.
Nun habe ich diese Zahl aber nicht einfach flott übernommen. Ich habe die Archive durchgesehen und festgestellt, dass ich vom Personalabbau im Großhandel nur knapp 2.000 Stellen mitbekommen habe. Wie ist das möglich?
Der Großhandel tritt kaum öffentlich in Erscheinung. Dabei sind dort rund 1,9 Millionen Menschen beschäftigt. Kaum zu glauben! Der Abbau von 43.000 Mitarbeitern macht an der Gesamtzahl nur 2,2 Prozent aus. Das ist im Rahmen dessen, was man „natürliche Fluktuation“ nennt, also das altersbedingte Ausscheiden von Mitarbeitern, sowie ordentliche und außerordentliche Kündigungen. Das dürften in diesen 12 Monaten alleine über 50.000 Fälle gewesen sein. Davon wurde allerdings nur ein Bruchteil durch Neueinstellungen ersetzt, so dass sich am Ende der Saldo von -43.000 ergeben hat. Über dieses schleichende Sterben von Arbeitsplätzen schreibt jedoch keine Zeitung. Ist doch normal, dass jemand in Rente geht. Und dass die Rentner nicht ersetzt werden, ist erst recht nichts, was eine Zeitung in Erfahrung bringt.
Von daher war es absolut gerechtfertigt, diese Zahl, abgerundet auf 40.000 in die Statistik zu übernehmen.
Was es dazu zu bedenken gilt: Der Nichtersatz der natürlichen Fluktuation findet nicht nur im Großhandel statt, sondern praktisch überall. Ja, ja ….
Warum sieht man den Stellenabbau nicht in diesem Maße in der Arbeitslosenstatistik?
Gute Frage.
Seit den Sozialreformen von Schröder und Hartz vor über zwanzig Jahren versteht sich die BA als eine Institution, die beauftragt ist, die kleinstmöglichen Zahlen zur Arbeitslosigkeit zu ermitteln. Nur wer monatlich den ausführlichen Bericht genau studiert, findet weit mehr Arbeitslose als in den dicken Überschriften. Schon wer nur 58 Jahre alt ist, wird bis zum Renteneintrittsalter 67 in der Regel nicht mehr als arbeitslos gezählt. Wer vom Amt in eine Maßnahme gesteckt wurde, gilt ebenfalls nicht als arbeitslos. Wer eine Arbeit hat, und sei sie noch so geringfügig – so genannte Unterbeschäftigung – wird ebenfalls nicht als arbeitslos gezählt. Da werden aus drei Millionen schnell sechs Millionen. Aber das hat noch nichts damit zu tun, dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit weit hinter den Zahlen meiner Statistik zurückbleibt.
Es gibt einen kleinen Effekt, an dem meine Statistik schuld ist, nämlich die Berücksichtigung des erst angekündigten Stellenabbaus. Da hat die BA die echten Daten erst, wenn der Abbau eingetreten ist, doch das dürfte sich über die Jahre weitgehend ausgleichen, weil mein „Vorlauf“ bei der BA im „Nachlauf“ aufscheint.
Ein weitaus größerer Effekt kommt von der Rente. Auch Arbeitslose gehen in Rente, und wenn da drei Millionen gezählt sind, dann dürften davon jährlich 80.000 bis 90.000 aus der Arbeitslosigkeit in die Rente wechseln.
Wenn sich die Arbeitsplatzverluste in meiner Statistik vom 3. September 2024 bis zum 5. September 2025 auf 465.000 belaufen, dann bleiben davon für die BA nur rund 375.000 übrig. Das ist noch nicht alles: Wer 58 und noch nicht 67 ist, wird zwar mit der Entlassung arbeitslos, aber nicht als arbeitslos gezählt. Das dürften aus diesen 465.000 überproportional viele sein, weil Älteren meist zuerst gekündigt wird. Ich schätze, dass davon bis zu 10 Prozent betroffen sind, also weitere 45.000, die gar nicht erst in die BA-Statistik eingehen, bleiben 330.000.
Wie sieht es bei der BA aus? Da standen
Ende August 2024 bereits 2.872.000 Arbeitslose in den Büchern,
Ende August 2025 sind es 3.025.000.
Ein Zuwachs von lediglich 153.000 Arbeitslosen.
Hier muss ein scharfer Blick auf den öffentlichen Dienst geworfen werden. Im Gegensatz zur Wirtschaft findet da nämlich ein Aufbau an (nichtproduktiven!) Stellen statt. Waren es Ende 2020/Anfang 2021 noch 4,968 Millionen, ist diese Zahl bis Ende 2024 um 412.000 auf 5,380 Millionen angestiegen. Mit zunehmender Tendenz, alleine von 2023 auf 2024 vermehrten sich Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes um 110.000 Köpfe.
Es kann guten Gewissens angenommen werden, dass sich dieser Trend auch in 2025 fortgesetzt hat, dass also aus etwa 110.000 Steuer- und Abgaben zahlenden Beschäftigten 110.000 von Steuern und Abgaben lebende Beschäftigte geworden sind.
Damit schrumpft die Lücke zwischen den Statistiken auf 43.000 Arbeitsplätze zusammen.
Das dürfte jene Zahl sein, die etwas darüber aussagt, wie viele Arbeitsplätze in bestimmten Branchen und Unternehmen in einem Jahr neu geschaffen wurden.
Ins Verhältnis zu den 465.000 aus meiner Statistik gesetzt heißt dies, dass nur für jede zehnte abgebaute Stelle anderswo eine neue Stelle geschaffen wurde.
Interessant, wie sich dieses Verhältnis mit den Zahlen des deutschen Großhandels deckt! 10 Stellen weg, eine neu dazu!
Ob es sich bei den neu geschaffenen Stellen wieder um gut bezahlte Jobs für qualifizierte Fachkräfte gehandelt hat, oder um niedrig bezahlte Jobs im Logistikzentrum oder um Fahrerjobs von Lieferdiensten kann nicht abschließend beantwortet werden. Bekannt ist lediglich, dass sowohl Billigjobs als auch Teizeitjobs überproportional zunehmen.