11 Freunde sollt ihr sein

„Wer sich von einem gehässigen Laienorchester in seiner Taktik beeinflussen lässt, hat die Rückfahrkarte bereits gebucht. Wenn der Mob die Taktik bestimmt, hast du verloren.“

Gerhard Mersmann

Diese Sichtweise hat mich irritiert, als ich mir nach sechs Stunden Schlaf und ausreichend Kaffee die Kommentierungen angesehen habe. Beim Grübeln, wie Mersmann zu dieser Sicht kommen konnte, ist mir viel durch den Kopf gegangen. Den Mob, der die Taktik bestimmt haben soll, konnte ich nicht finden. Oder, um es verständlicher zu machen: 80 Millionen Bundestrainer hat es seit dem Beitritt der neuen Bundesländer bei jeder WM gegeben. Vor 89 waren es ein paar Millionen weniger, aber Kritik, auch lautstarke, auch boshafte, hat es immer gegeben. Allerdings verstummten die Kritiker nach jedem gewonnenen Spiel ein bisschen mehr, und wenn Deutschland im Finale stand, wenn Deutschland gar Weltmeister wurde, waren sie immer schon für alles gewesen.

Ich bin der Überzeugung, dieser Gesinnungwandel hätte sich auch im Verlauf dieser WM eingestellt, wenn – ja wenn die Nagelsmann-Elf denn weitergekommen wäre.

Gerhard Mersmann kommt am Ende seiner Analyse zu einem nochmals überraschenden Fazit:

„Es fehlt nicht an Technik, nicht an Finesse, nicht an Können und nicht an Wissen. Es herrscht der Dilettantismus, und der macht das alles zunichte. Ordnung und Verantwortung sind nicht gefragt. Soviel zum nächtlichen Ausscheiden.“

Drei Sätze, ein einziger Widerspruch. 

Dilettantismus bezeichnet üblicherweise die Abwesenheit von Können, Wissen, Technik, Finesse. Wo dies alles vorhanden ist, darf von Dilettantismus nicht mehr die Rede sein.

Nun kenne ich Gerhard Mersmann gut genug, um zu wissen, dass ihm solche Fehlinterpretationen generell nicht unterlaufen. Erst allmählich ist mir aufgegangen, dass er eine klare Unterscheidung getroffen hat, zwischen der Mannschaft, mit all den darin vorhandenen Fähigkeiten, und dem Trainer, der einfach nicht das Standing hatte, sich vom Mob, vom Laienorchester nicht beirren zu lassen. Er geht sogar noch weiter und spricht Nagelsmann ab, überhaupt einen schlüssigen Plan gehabt zu haben, sieht in ihm den Dilettanten, der alles zunichte gemacht hat.

Das wiederum, meine ich, ist zu kurz gegriffen.

Schon als Nagelsmann 2021 beim FC Bayern als Trainer angetreten ist, war eigentlich offensichtlich, dass die erfolgsgewohnte und selbstbewusste Mannschaft mit dem erfolgshungrigen, ja gierigen Mann, der den Eindruck erweckte, eher als Einpeitscher, denn als Coach aufzutreten, nicht warm werden würde. Es war noch genug Qualität, genug Teamgeist, genug „Mia san mia“ in der Mannschaft, um trotz Nagelsmann die Meisterschale zu gewinnen, doch danach dämmerte es den Vereinsoberen, dass das nicht lange gutgehen würde. Noch vor Ende der Saison wurde Nagelsmann freigestellt.

Im August 2023 habe ich das so zusammengefasst:

EWK – Tageskommentar vom 13. August 2023

(…)

Beginnen wir mit den Trainern. Der Fehlschlag mit dem hochgejubelten, aber ergebnisschwachen Jürgen Klinsmann, der von der Mentalität her einfach nicht zu den Bayern-Spielern passte, wurde noch schnell überstanden. Mit Niko Kovac, dessen Gastspiel beim FCB nur vier Monate dauerte, begann die jüngste Serie der Trainerfehlbesetzungen. Ihm folgte Hansi Flick, der den Bayern wieder das Siegen beibrachte, doch Flick war für die FC Bayern Bosse offenbar nicht standesgemäß genug. Ein von Kovac „mitgebrachter Co-Trainer“ konnte nur eine Notlösung sein. Danach musste unbedingt wieder eine strahlende Siegerfigur her, und die schien mit Julian Nagelsmann gefunden. 

Ein Zeichen dafür, dass der Vorstand, insbesondere der Sportvorstand Hassan Salihamidzic, einst als  Zögling von Uli Hoeness zum FCB gekommen, jedes Gefühl dafür verloren hatte, welchen Typus Trainer eine von den Erfolgen der Vergangenheit mit Selbstbewusstsein bis zum Stehkragen angefüllte Mannschaft braucht, um ihr Potential auszuspielen. Einer, der auf der Erfolgsleiter zwar weit, aber noch lange nicht bis ans oben gekommen war, und – selbst hungrig bis gierig – gekommen ist, die anderen anzutreiben,  ist nicht der Mann, der einen Spieler, der die eigenen Stärken kennt und weiß, dass sie allemal ausreichen, um die Meisterschaft erneut einzufahren, mit der Taktik von Zuckerbrot und Peitsche noch motivieren könnte. Eher im Gegenteil. Julian Nagelsmann war nicht „Mia san mia fähig“.  Als sich der Verein Ende März 2023 von ihm trennte, war eigentlich schon alles zu spät. Der frisch ins Boot geholte Thomas Tuchel konnte die Mannschaft zwar motivieren, wenigstens noch die Meisterschale zu gewinnen, doch,  dass mit dem Gewinn der Meisterschaft Salihamidzic und Oliver Kahn aus dem Vorstand ausschieden, in dem neben den beiden Bankern, Jan Christian Dreesen und Michael Diederich , sowie dem Marketing Mann Andreas Jung, nun niemand mehr mit Fußballerblut vertreten ist, ist ein weiteres Zeichen für die Trennung zwischen dem Management, das an Rendite interessiert ist, und den Spielern, denen es auf fußballerische Erfolge und persönliche Weiterentwicklung ankommt.

(…)

Genau hier beginnt meines Erachtens die Verantwortung des DFB, der nichts Besseres zu tun wusste, als den beim FC Bayern gescheiterten Nagelsmann zum Bundestrainer zu machen, wohl auch um den Interims-Underdog und ewigen Co-Trainer Hansi Flick schnellstmöglich gegen einen „richtigen“ Trainer auszutauschen.

Hansi Flick hat sein Ding gemacht. Unbeirrt von Mob und Laienorchester. Und er macht sein Ding immer noch – als erfolgreicher Trainer des FC Barcelona.

Lassen Sie mich ein bisschen spekulieren, im Blick auf die EM in 2 Jahren.

Nagelsmann hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er seinen Vertrag erfüllen und die DFB-Auswahl auch in die EM führen wird. Das hat natürlich auch etwas mit Geld zu tun, das ihm zustehen würde, sollte der DFB ihn in die Wüste schicken. Mehr hat es m.E. damit zu tun, dass er nicht in der Lage ist, die Ursache für das Ausscheiden im ersten K.O.-Spiel bei sich selbst zu erkennen. Sein emotionaler Ausbruch im Interview nach dem Spiel, als es um das aberkannte Tor in der Verlängerung ging, war außerordentlich aufschlussreich. Nicht auf die Frage einzugehen, ob es denn in einem solchen Spiel überhaupt zu der Situation kommen dürfe, dass eine Fehlentscheidung im Spiel gegen den Außenseiter Paraguay über Sieg oder Niederlage entscheidet, zeugte ebenfalls nicht von souveräner Selbsterkritik.

Sollte er dennoch Bundestrainer bleiben, was ich nicht für unwahrscheinlich halte, wird er sich  eine völlig neue Mannschaft zusammensuchen müssen. Viele junge, unerfahrene Spieler, die noch zum Trainer aufschauen, seinen Anweisungen ohne inneres Murren folgen und gierig genug sind, ihren ersten internationalen Titel zu holen – damit könnte er ins Achtelfinale und vielleicht noch weiter kommen. Dies kann aus seinen Erfolgen in Leipzig abgeleitet werden.

Jeder Spieler aus dem aktuellen Kader, der zur EM noch mit auflaufen sollte, reduziert die Erfolgschancen allerdings. Da fehlt das Vertrauen.

Das ist fast so schlimm, als würden Bärbel Bas, Lars Klingbeil, Stefanie Hubig, Boris Pistorius, Carsten Schneider und Verena Hubertz von der SPD als Minister in eine von der AfD geführten Koalitionsregierung entsandt.

 

2 Kommentare

  1. Okay, Nagelsmann ist zwar der Kopf des Ganzen, aber er kann allein auch nichts ausrichten. Wenn man nur mittelmäßige Spieler hat, die sich als Favoriten fühlen, wird es gaaaanz schwer zu gewinnen. Wer in die Nachspielphase muss, um gegen die Elfenbeinküste noch zu gewinnen, wer einen schwachen Sieg gegen Ecuador rausspielt und sich so etwas von freut, dass man die Fußballer einer kleinen Insel, die man mit einem Likör in Verbindung bringt, ganz toll haushoch geschlagen hat … naja, der Rest ist Geschichte. Die Mannschaft fliegt zurück. Richtig so. Ich bin selbst Leistungssportlerin in der DDR gewesen. Man darf sich mental nie als Favorit fühlen, dann geht es immer in die Hose. Sportler müssen mit Ehrgeiz an ihre Aufgabe gehen. Und bei einer WM sollte der Ehrgeiz sich auch darauf richten, dass es eine Ehre und ein Ansporn sein sollte, sein Land zu repräsentieren und für sein Land alles zu geben. Nun ja, das sehe ich bei der Mannschaft nicht. Ist es nicht bemerkenswert, dass seit dem unser Land den Wokismus zum alles beherrschenden Thema gemacht hat, auch die Fußballmannschaft (ich sage bewusst nicht Nationalmannschaft) nichts mehr auf die Reihe bringt? Man stelle sich vor, dass die Mannschaft weitergekommen wäre und dazu noch bis ins Endspiel, wie dann die Linken jubelten, dass das nur durch Migration möglich gewesen wäre. Irgendein Linker hat so etwas Ähnliches ja schon im BT einem AfD-Politiker ins Gesicht geschleudert, als es um die Wirtschaft ging. Ich bin froh, dass es dazu nicht gekommen ist.

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