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Die öffentliche Diskussion um die Schwarzarbeit hat, so wird es immer deutlicher, hauptsächlich ein Ziel:

Die Diffamierung der Arbeitslosen.

Der neue Volksschädling, der Arbeitslose und Schwarzarbeiter in Personalunion ist entdeckt und soll erbarmungslos bekämpft werden. Schon Anfang Dezember wies ich in einem Leserbrief an den Spiegel darauf hin, daß die Zahlen zur Schwarzarbeit nur als Grober Unfug betrachtet werden können.

Am 4. Juni 2003 griff die Sendung ZDF-Reporter das Thema wieder auf und verbreitete aufs Neue die seit einiger Zeit umlaufende Information:
"In Deutschland werden jährlich 370 Milliarden Euro in Schwarzarbeit erwirtschaftet"

Dies veranlasste mich zu folgender Zuschrift an das ZDF




Redaktion
ZDF-Reporter

Schwarzarbeit



Es gibt Potemkinsche Dörfer, Irakische Massenvernichtungswaffen und die Deutsche Schwarzarbeit.

Wenn man Politikern gemeinhin zugesteht, dass sie sich im Umgang mit Informationen auf das Behaupten und das Dementieren beschränken, so erwartet man von Journalisten doch immer noch, dass sie recherchieren, bevor sie berichten.

In Ihrer Sendung vom 4. Juni 2003 "berichteten" Sie, daß in Deutschland jährlich 370 Milliarden Euro durch/mit/in Schwarzarbeit "erwirtschaftet" würden.

Diese Zahl geistert seit geraumer Zeit durch die Medien (Spiegel Heft 49/02: 350 Milliarden) und durch die politische Diskussion, ohne dass sich bisher jemand bemüht hätte, durch Anwendung der Grundrechnungsarten die Wahrscheinlichkeit der Richtigkeit dieser Aussage zu überprüfen.

Das deutsche Statistische Bundesamt gibt die Höhe der Brutto-Löhne und -Gehälter der deutschen Beschäftigten für das Jahr 2002 mit 911,78 Milliarden Euro an, ein Betrag, der von 34,5 Millionen Arbeitnehmern verdient wurde.

Selbst wenn man unterstellt, Schwarzarbeiter würden von ihren Auftraggebern zu Brutto-Löhnen engagiert, bedeuteten die genannten 370 Milliarden "erwirtschafteter" Schwarzarbeitseinkünfte ein Heer von 14 Millionen Menschen, die sich ganztags der Schwarzarbeit widmen.

Korrigiert man diese Werte auf tatsächliche, realistische Schwarzarbeiterstundenlöhne, die bei Handwerkern zwischen 8 und 12 Euro liegen dürften, bei Haushaltshilfen und Aushilfskellnern noch deutlich darunter, dann nähert man sich der Zahl von 25 Millionen Vollzeit-Schwarzarbeitern, die erforderlich wären um jene ominösen 370 Milliarden zu erwirtschaften.

Auch ein Vergleich mit dem Bundeshaushalt, der mit rund 250 Milliarden vergleichsweise ärmlich aussieht, macht die 370 Milliarden ziemlich fragwürdig.

Nimmt man am Ende die Tatsache, dass die Deutschen zwar brutto 911 Milliarden verdient haben, netto davon vermutlich aber nur 600 Milliarden ausbezahlt erhielten, dann fragt man sich, wer die 370 Milliarden wovon bezahlt haben soll.

370 Milliarden das ist eine ganz großzügig geschätzte Zahl des Umfangs der Schwarzarbeit zu Handwerkerpreisen inklusive Material zu Listenpreisen zzgl. Mehrwertsteuer.

Bei vernünftiger Betrachtung kommt heraus, dass das Volumen der Schwarzarbeit bei 30, höchstens 35 Milliarden Euro liegen kann. Das dabei verbrauchte Material haben sich die Schwarzarbeiter und ihre Auftraggeber für schätzungsweise 100 Milliarden Euro, vielleicht auch noch um einiges teurer, ganz regulär im Baumarkt und im Fachhandel gekauft.

Es sollte niemand glauben machen wollen, daß mit der Abschaffung der Schwarzarbeit plötzlich Steuer- und Abgabenmilliarden in die Kassen sprudeln würden. Eher würden weitere Einnahmen wegbrechen (Material). Es fehlt nämlich nicht nur dem Staat am Geld, es fehlt den Haushalten und vielen Unternehmern auch und das nicht, weil sie es verschwendet hätten, sondern weil es der realen Wirtschaft durch Spekulation, Geldhortung und die wachsende gesamtwirtschaftliche Zinslast entzogen wird.

Ich halte die ZDF-Reporter für ein seriöses Magazin, das sich der üblichen Stimmungsmache weitgehend enthält. Es würde mich freuen, wenn Sie versuchen, den 370 Milliarden Potemkimscher Schwarzarbeit nachzurecherchieren und gelegentlich darüber berichten.

Mit besten Grüßen

Egon W. Kreutzer



Nachtrag - nicht Bestandteil des 'Leser'-briefes

Natürlich habe ich inzwischen herausgefunden, wer die Schwarzarbeitszahlen in die Welt setzt.

Es ist dies der Volkswirtschaftsprofessor Dr. Friedrich Schneider, Linz, der seit vielen Jahren mit dem abenteuerlichen sog. "Bargeldansatz" das Volumen der Schattenwirtschaft in Österreich, der Schweiz und Deutschland schätzt.

Dabei zählt er zum Volumen der Schattenwirtschaft jede Leistung, die erbracht, aber aus welchen Gründen auch immer nicht im BIP ausgewiesen wird. So ist nach dieser Definition auch das, was der Heimwerker zu Hause am eigenen Haus, am eigenen Auto renoviert, repariert oder sonstwie arbeitet und selbstverständlich auch die legale Nachbarschaftshilfe ein Teil der Schattenwirtschaft.

Die eigentliche Schwarzarbeit ist folglich nur ein Teil dieser sog. Schattenwirtschaft.

Den Umfang der Schattenwirtschaft hat Prof. Schneider für Deutschland im Jahr 2002 auf 350 Milliarden Euro geschätzt, nicht den Anteil, den die Schwarzarbeit daran hat.

Dass dann bei der Vermarktung der Zahlen zwischen Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft nicht mehr hinreichend differenziert wird, ist verwunderlich genug, läßt sich aber schon durch einen Blick in die Presseerklärungen seines Tübinger Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) leicht nachweisen. Dass bei der Weiterverbreitung solcher Zahlen in den Medien dann aber auch niemand mehr nachfragt, weder nach der Definition von Schwarzarbeit, noch nach der angewandten Methodik, ist kaum noch zu verstehen.

Das Schätzverfahren, das Professor Schneider anwendet, basiert auf der epochalen Erkenntnis, dass Schwarzarbeit bar bezahlt wird, und so baut er seine Spekulationen über den Umfang der Schwarzarbeit auf der Vermutung auf, dass die Veränderung der Nachfrage nach Bargeld der beste Indikator für eine Veränderung des Volumens der Schwarzarbeit sei.

Das ist ungefähr ebenso genial, wie der Versuch, aus der Nachfrage nach Sonnenbrillen die Durchschnittstemperaturen oder die Jahresniederschlagsmengen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu ermitteln. Allerdings: Solange das gewünschte Ergebnis bekannt ist, ist auch das ein durchaus lösbares Problem!

Und so multipliziert der Professor seit vielen Jahren - vermutlich in hochkomplizierten Formeln und mit tausendundzwei spontan ersonnenen, variablen Korrekturfaktoren - aus den Veränderungen des Bargeldumlaufes das Volumen von Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft heraus, bis ihm das Ergebnis gefällt.

Dies ist für mich nicht anderes als akademisch verbrämte Kaffeesatzleserei, die nur deshalb nicht massiv kritisiert wird, weil die Ergebnisse so gut in die Argumentationskette passen. Und dass diese Zahl gelegentlich durch eine Vergleichsrechung überprüft wird, die unterstellt, ein Zuwachs des Stromverbrauchs, dem kein entsprechender Zuwachs des BIP entgegenstünde, ließe auch direkte Schlüsse auf das aktuelle Volumen der Schwarzarbeit zu, ist nur die Bestätigung der einen unhaltbaren Hypothese durch eine andere, also wertlos.


Zu solch zweckmäßiger Methodik passt dann auch die Tatsache, dass Friedrich Schneider zusammen mit Meinhard Miegel zu jenen hundert erstunterzeichnenden Nationalökonomen gehört, die in ihrer Resolution zur Agenda 2010 zum Ausdruck bringen, dass sie es gar nicht erwarten können, den weiteren, unbedingt erforderlichen Kahlschlag in den Arbeitsverhältnissen, Tarifverträgen und Sozialversicherungen in Deutschland und ganz Europa auf den Weg zu bringen.



Noch ein Nachtrag
(06.06.2003)

An drei Problemstellung wird deutlich, dass ein Anwachsen der Schwarzarbeit, wie von Prof. Schneider behauptet, eher unwahrscheinlich ist, und dass der Bargeldansatz selbst, aus gravierenden Gründen
a) systematisch falsch ist und
b) durch Einflüsse außerhalb der Schwarzarbeit enorm und ebenso unkontrollierbar verfälscht wird.


Problem 1

Auch Schwarzarbeit erfordert Kaufkraft

Der Binnenmarkt einer Volkswirtschaft verfügt über ein bestimmtes Maß an Kaufkraft, das im Zeitverlauf durch steigende/fallende Löhne, durch steigende/fallende Transferleistungen (Rente, Krankengeld, usw.), durch vermehrtes Sparen oder die Auflösung von Sparguthaben und durch vermehrte Kreditnachfrage oder die forcierte Tilgung von Krediten steigt und fällt.
Diese Kaufkraft tritt als Nachfrage sowohl am legalen Markt, als auch bei den Anbietern von Schwarzarbeit auf. Die Kaufkraft kann zwar in einer Periode z.B. durch Sparen vermindert, in einer anderen Periode durch Auflösung von Sparguthaben vergrößert werden, diese Manipulationen gleichen sich jedoch über die Zeit aus, so daß am Ende die Erkenntnis bleibt, dass Kaufkraft nicht beliebig vermehrbar ist, sondern im Wesentlichen von der Summe der Brutto-Löhne und -Gehälter begrenzt wird. Kaufkraft, die sich Bargeld beschafft, um Schwarzarbeit zu bezahlen, steht also zwangsläufig nicht mehr zur Verfügung. Die Barabhebung vom Konto mindert das verfügbare Giralgeld. Ein Zuwachs der Schattenwirtschaft ist daher nur möglich, wenn bei unveränderter Kaufkraft und bei vergleichbaren Wertansätzen, ein gleich großer Rückgang der legalen Wirtschaftsleistung zu beobachten ist.

Die Reallöhne stagnieren seit geraumer Zeit, das BIP wächst (zwar langsam, aber es wächst) - wo und von wem also, soll die angeblich immens gewachsene Schwarzarbeit abgenommen worden sein?


Vorsicht, Herr Professor! Falls Sie obige Argumentation angreifen wollen, mit der Hypothese, die Schwarzarbeiter würden ihre "Schwarzeinkünfte" im vollen Umfang wieder ausgeben und damit den von mir unterstellten Kaufkraftausfall ihrer Auftraggeber ausgleichen, dann sollten Sie vorher versuchen herauszufinden, ob unter dieser Annahme von der Schwarzarbeit überhaupt ein volkswirtschaftlicher Schaden ausgehen kann. Fiktiv ja, weil Steuern und Abgaben erspart werden. Praktisch nein. Denn das Geld das benötigt würde, um die fiktiv entgangenen Steuern und Abgaben aufzubringen, entsteht nicht dadurch, daß eine Leistung netto, zu Schwarzarbeiterpreisen erbracht wird. Das ist leider so.



Problem 2

Schwarzarbeit verändert den Bargeldbedarf nur, wenn der Schwarzarbeiter Bargeld hortet - das aber ist nicht der Fall.


Das Geld, das zur Bezahlung des Schwarzarbeiters benötigt wird, wächst nicht im Blumentopf des Nachfragers. Der Nachfrager muß sich die Kaufkraft vorher verdienen, und zwar ganz überwiegend mit legaler Arbeit. Wenn der Nachfrager nun sein sauer Verdientes in bar von der Bank holt, ist es höchst wahrscheinlich, dass dieses Bar-Geld vom Schwarzarbeiter ganz überwiegend unmittelbar zur Bezahlung seines Konsums verwendet wird - was soll der Schwarzarbeiter sonst damit?

Bargeld horten? Wer Bargeld horten kann, braucht nicht mehr arbeiten. Geld horten ist das Geschäft der Kapitalisten, nicht der Arbeiter, schon gar nicht derjenigen Arbeiter, die sich durch Schwarzarbeit etwas dazuverdienen (müssen). Das Bargeld verweilt also nicht beim Schwarzarbeiter, es fließt über die Ladenkassen sehr schnell wieder zurück zu den Banken, die es unmittelbar an die Zentralbank zurückgeben, sobald ihre Kassenhaltung das zuläßt. Schließlich muß sich die Geschäftsbank das Bargeld gegen Zinsen von der Zentralbank leihen! Der von Prof. Schneider vermutete Effekt der vermehrten Bargeldnachfrage entpuppt sich in diesem Licht als ziemlich fragwürdig.

Bargeld, daß der Schwarzarbeiter in der Tasche hat, braucht er sich nicht vom Bankautomaten holen, wie er es ohne Schwarzarbeit getan hätte. Er wird es ausgeben, und wenn er Einnahmen aus Schwarzarbeit anspart, dann dadurch, daß er seinen Dispositonskredit in geringerem Umfang in Anspruch nimmt, oder sogar einmal Giralgelder auf seinem Konto stehen läßt, statt Bargeld unterm Kopfkissen zu halten.

Problem 3

Bargeldnachfrage der Steuerflüchtlinge und anderer Straftäter


Im Wirtschaftsgebiet Deutschland werden ungefähr 90 Milliarden Euro Bargeld vermutet, weil entsprechende Mengen an Banknoten und Münzen von der Zentralbank an die Geschäftsbanken verliehen wurden. Diese Vermutung verwendet man in weiteren Rechnungen als die Größe "Bargeldumlauf". Dass enorme Mengen des ausgegebenen Bargeldes (manche Schätzungen gehen von bis zu 50% aus) keineswegs in Umlauf, sondern von Ausländern und Inländern hauptsächlich im Ausland in Schließfächern und privaten Safes deponiert sind, ist bekannt.

Die Umstellung auf den Euro hat diese Bargeldbestände allerdings massiv reduziert. Weil der direkte Umtausch aus verständlichen Gründen für viele Schwarzgeldbestände nicht möglich war, wurden damit auf Umwegen Sachwerte erworben. So konnte Vermögen erhalten werden. Nun setzt sich der Prozess der Bargeldhortung nicht nur fort, es besteht an verschiedenen Stellen auch die Notwendigkeit, ehemalige DM-Bestände als Euro-Bestände wieder aufzubauen. Aus dieser Ecke kommt eine nicht zu unterschätzende Nachfrage nach Bargeld.

Ob Prof. Schneider dafür irgendwie eine Korrektur schätzt, oder ob jede Euro-Reserve, die in den Safes der Russenmafia angelegt wird, von ihm als Ausweitung der Schwarzarbeit interpretiert wird, ist für mich leider nicht erkennbar. Vielleicht äußert er sich ja einmal dazu.

Noch ein Nachtrag,

denn gerade eben habe ich in der SZ vom 6.6.03 gelesen, was die Rockwool Stiftung zur Schwarzarbeit zu sagen hat, es ist eine Bestätigung meiner Einschätzung



ca. 1,3 % vom BIP, wenn Schwarzarbeit zu Schwarzarbeitspreisen bewertet wird. Das sind das 27 Milliarden Euro, 30 bis maximal 35 war meine Schätzung,

Nun ja, ich kann nicht auch noch Professor für Volkswirtschaft in Linz werden....


a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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