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Das Duell

ein ehrsamer Kommentar von Egon W. Kreutzer
zum ersten Aufeinandertreffen von Schröder und Stoiber

(26.08.2002)

Ein Duell hatte ich mir immer anders vorgestellt.

Angereichert mit romantischen Accessoires - wallende Nebel im ersten Schein der aufgehenden Sonne, ein Wäldchen, wenn nicht gar der oft strapazierte Birkenhain als Kulisse, Sekundanten in geschäftigem Hin und Her, die Liebste des einen, oder des anderen, oder beider - versteckt hinter dem schwarzen Tuch des Vorhangs am Fenster der Kutsche, der Wundarzt bei der letzten Kontrolle des martialischen Bestecks - und dann - siebzehn Schritte, PengPeng und Ende.

Aufgeregtheit, Trauer Schmerz und Freude, befreiendes Lachen und ergriffenes Schluchzen, alle Emotionen dieser Welt in einer Inszenierung, in der es um nichts anderes geht, als um die Ehre.

Lange habe ich mich gefragt, ob das "Pseudo-Duell" vom Sonntagabend einen Kommentar wert wäre, oder nicht. Jetzt, 18 Stunden nach dem den Moderatoren die Fragen ausgegangen waren, weiß ich, daß ich die Farce nicht einfach übergehen kann.

Alle Parteien haben sich geäußert, alle Parteienforscher, alle Institute für Demoskopie, die Leitartikler Land auf, Land ab haben ihren Senf bereits dazugegeben und sind im Wesentlichen zu den gleichen Schlüssen gekommen. Ich will das nicht alles wiederholen.

Ich will statt dessen einen anderen Aspekt der Veranstaltung beleuchten, einen Begriff in den Brennpunkt der Betrachtung stellen, der seine besten Zeiten (zu Unrecht, wie ich meine) längst gesehen hat. Es geht mir um die Ehre. Das soll nicht gleich die schnell verletzliche Ehre von rauflustigen Duellanten sein, auch nicht die Ehre, die sich in braun und khaki selbst verherrlicht, nein, nur die einfache Ehre eines ehrbaren Mannes, einer ehrbaren Frau.

In dieser Inszenierung, die von einem der Moderatoren, kurz bevor die Werbung respektlos über mich hereinbrach, noch als "Fernseh-TV-Duell" angekündigt wurde, wurden allenfalls Versatzstücke ehrbaren Verhaltens vorgeführt, als z.B. der Kanzler dem Kandidaten zugestand, sich auch an der Elbe umsehen zu dürfen und als umgekehrt der Kandidat dem Kanzler versicherte, er hätte die ersten Hilfeleistungen selbst auch nicht besser auf den Weg bringen können.

Doch leider ging es dabei nicht wirklich darum, die Ehre des anderen zu bewahren - Zweck der Übung war es, Souveränität zu zeigen, eine Rechtfertigung vorweg zu nehmen und aus der Opposition heraus die Regierungsfähigkeit für sich zu reklamieren. Letztlich bewegte sich das sogenannte Duell über weite Strecken auf dem Niveau der geschickten Ehrabschneiderei. Wo bleibt die Ehre, wenn zwei Männer in hohen Ämtern sich gegenseitig bezichtigen, die Unwahrheit zu sagen und ums Verrecken nicht versuchen, das diesem Vorwurf ganz offensichtlich zugrundeliegende Mißverständnis aufzuklären? Ein Beispiel?

Wer mit einem Hauch von Interesse das politische Theater in unserer Republik verfolgt, weiß, daß die Verschiebung steuerlicher Entlastungen keine Steuererhöhung ist, weiß auch, daß der Zugriff auf den Bundesbankgewinn nicht neue Schulden, sondern die Nicht-Tilgung alter Schulden bedeutet. Warum müssen zwei intelligente Männer an solchen und anderen Stolpersteinen dem Publikum immer wieder vorführen, welcher Begriffsstutzigkeit sie fähig sind? Könnte es sein, daß es ihnen einzig und allein darum geht, dem Gegner die Ehre abzuschneiden?

Nichts anerkennen, von dem, was eine Regierung in vier Jahren geleistet hat, ist das Wahrheitsliebe oder ist es Ehrabschneiderei?

Dem angriffslustigen Kandidaten nicht zugestehen wollen, daß seine Vorschläge auch von der Sorge um Menschen und Staat getragen sind und durchaus auch gutes Potential beinhalten, ist das noch Souveränität oder schon ehrverletzende Arroganz?

Sie haben sich offenbar beide nicht wohlgefühlt, in diesem Duell, das nichts anderes war, als die aufs Stichwort folgende, sequentielle Aufzählung von grob geschnitzten Wahlparolen. Gerhard Schröder hat man es von Anfang an angesehen und das betörende Lächeln des Kandidaten, der seine Texte ohne lange nachzudenken und folglich fast "aehm-frei" herunterratterte, ganz so, wie Dieter Thomas Heck in seinen besten Tagen, erschien mit der Zeit immer mehr als schlecht sitzende Maske, und ließ beim Zuschauer das Hoffen aufkeimen, die Sendezeit möge sich endlich gnädig ihrem Ende zuneigen.

Das Ende kam unauffällig.

Ohne Peng. Ohne Trauer. Ohne Freude. Ohne Wundarzt. Ohne Ehre.

Manche hoffen, es könnte im öffentlich-rechtlichen Umfeld besser werden.
Vielleicht wird es lauter. Vielleicht turbulenter. Vielleicht wirft sogar einer zur romantischen Illumination des Spektakels die Nebelmaschine an.

Die Ehre der Kontrahenten wird, so glaube ich, erneut auf der Strecke bleiben und ich glaube, Guido Westerwelle sollte sich freuen, daß ihm ein gütiges Schicksal die Teilnahme verwehrte.


Ich bin, gottseidank, kein Politiker. Aber ich hoffe, Sie gehen, wie ich, trotz des Duells zur Wahl.

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