Paukenschlag am Donnerstag
No. 9/2009
vom 5. März 2009

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

keine
Druckversion
 Kommentare lesen / schreiben

Währungskrieg gegen die Eurozone

Impressum
Startseite
EWK-Verlag
Newsletter
Paukenschläge 2007
Paukenschäge 2008
Weitere Kommentare
Leserbriefe
 
Paukenschläge 2009 (ältere)
1 Steinbrück, Peer
2 Die Würde des Menschen ist nicht mehr ertastbar
3 Asymmetrisches Treiben
4 Wenn Banken baden geh'n - Bad Bank
5 Schuldenbremser
6 Die Liquiditätsblase
7 Abwrackprämie für Bänke
8 Bankenkrisenprotektion
 
 
 Antides
 
 Volkszornindex

Der aktuelle Wert
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
Währungskrieg gegen
die
Eurozone
 
Alexander Czerny, dessen scharfsinnige Analysen ich sehr schätze, hat erneut ein Papier vorgelegt, das im wahrsten Sinne des Wortes hochbrisanten Sprengstoff enthält.

Weil dieses Papier vom Aufbau her den üblichen Lesegewohnheiten widerspricht, nämlich auf einer umfangreichen Betrachtung von Entwicklungen und Entscheidungen der letzten 20 Jahre aufbauend, erst in einer als "Nachtrag im Februar 2009" bezeichneten Schlusssequenz die entscheidenden Folgerungen zieht, habe ich mir erlaubt, dieses Dokument, dessen Original über diesen Paukenschlag verlinkt ist, so mit einleitenden Worten zu versehen, dass es die gebührende Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird.
 
 
Czerny ist schon 2004 zu der Erkenntnis gelangt:
 
Deutschland erklärt der Eurozone den Krieg

(Die Arbeit über diese Erkenntnis, mit dem Titel: "Der Währungskrieg der Bundesbank", hat sein ehemaliger Professor H.A. Winkler an der Humboldt Universität Berlin seinerzeit übrigens mit der Bestnote ausgezeichnet.)
 
 
Knapp fünf Jahre später, im Februar 2009,
stellt Czerny die alles entscheidende Frage:
 

 

    Was wäre, wenn
     
    es nach dem erwarteten Kollaps des US-Dollars und nach dem Bruch der Eurozone zur
     
    Wiedereinführung der D-Mark käme?
 
und auch die Antwort bleibt er nicht schuldig:
 

 

    Deutschland
    hätte dann eine Weltleitwährung, deren einziger Konkurrent allenfalls der japanische Yen wäre.
     
    Die Deutsche Mark
    wäre die härteste Währung der Welt.
     
    Deutschland
    würde die Rolle der USA übernehmen und
     
    die Bundesbank
    wäre die mächtigste Zentralbank der Welt.
     
    Deutsche Großkonzerne beherrschen seit langem den Weltmarkt.
    Deutsche Banken
    würden mit dem Zusammenbruch von Dollar und Euro die Finanzierung der Leistungsbilanzdefizite aller Staaten übernehmen:
    Die Auslandsschulden aller Staaten lauteten dann auf D-Mark, deutsche Banken entwickelten sich zum Hauptgläubiger der Welt und Deutschland stiege zur Supermacht auf.

     
    Dies mag heute noch verschwörerisch klingen.
     
    Aber anders lässt sich der mangelnde Wille von deutscher Seite zur wirtschaftspolitischen Kehrtwende - und damit zur Rettung des Euro - kaum mehr erklären.
 
 
Den Link auf das Original-Czerny-Dokument finden Sie am Ende dieses Paukenschlags.
 
Für alle, die sich zunächst einen Überblick über die wesentlichen Inhalte verschaffen wollen, habe ich eine gekürzte Fassung - Auslassungen sind mit (...) gekennzeichnet -
für Sie vorbereitet:
 

 

    Deutschland erklärt der Eurozone den Krieg
    Zusammenhänge zwischen der Blockadepolitik der Bundesbank in den 1990er Jahren und der neoliberalen Reformpolitik in Deutschland nach der WWU.
     
    Von Alexander Czerny
     
     
    Einleitung
    Die europäische Währungsunion war das Resultat der berechtigten Bestrebungen einiger Staaten der Europäischen Gemeinschaft, insbesondere von Frankreich, sich von der wirtschaftspolitischen Vorherrschaft der deutschen Zentralbank zu befreien, wobei die Bundesbank ihrerseits mit allen Mitteln versuchte, die geplante WWU zu verhindern.
    (...)
    Kennt man die Hintergründe, erscheinen die neoliberalen Reformen in Deutschland plötzlich in einem anderen Licht: Deutschland sollte nach der Einführung des Euro durch intensive Lobbyarbeit der Wirtschaftsführer nicht nur in einen Billiglohn-Standort reformiert werden, um den deutschen Grosskonzernen kurzfristig Rekordgewinne zu verschaffen. Der einseitige deutsche Deflationskurs zielt längerfristig auch darauf ab, die Eurozone auseinanderbrechen zu lassen.
    (...)
    Der Zusammenbruch des Wechselkurssystems von Bretton Woods im Jahre 1973 erzwang von allen Regierungen gravierende Veränderungen in den nationalen wirtschaftspolitischen Zielstellungen. Konnte bis zu diesem Zeitpunkt aktive, auf den Binnenmarkt ausgerichtete, Konjunkturpolitik betrieben werden, so änderten sich die wirtschaftspolitischen Ziele mit dem Übergang zu frei floatenden Wechselkursen und der Aufhebung von Kapitalverkehrskontrollen einschneidend.
    (...)
    Zwischen den nationalen Währungen setzte ein Attraktivitäts-Wettbewerb ein, der vorrangig über die Schwächung der eigenen Binnennachfrage ausgetragen wurde, um die Inflationsrate gegenüber den anderen Konkurrenzwährungen zu senken. Geldpolitisch erfolgte dies mittels Hochzinspolitik, fiskalpolitisch über eine höhere Besteuerung und Erweiterung der Bemessungsgrundlagen der unteren Einkommensschichten.
    (...)
    In dieser Situation erdachten sich 1978 Helmut Schmidt und Valery Giscard D'Estaing, der französische Staatspräsident, ein neues Festkurs-Währungssystem innerhalb der EG, um die Währungsbeziehungen der Mitgliedsstaaten zu stabilisieren. Die Besonderheit am Europäischen Wechselkurssystem (EWS) war der ECU (European Currency Unit), eine künstliche Ankerwährung, die jedoch während der gesamten Existenz des EWS ein unbedeutendes Schattendasein fristete. Denn auch innerhalb des EWS herrschte wider Erwarten Währungskonkurrenz: Scharenweise flüchteten Anleger in die inflationsarme D-Mark, die obendrein lukrative Zinsen versprach.
    So kam es, dass nicht etwa der ECU, sondern die DM faktische Ankerwährung im EWS wurde. Von nun an bestimmte die deutsche Zentralbank die geld- und wirtschaftspolitischen Spielregeln innerhalb der Staaten des EWS, denn diese mussten nun - womit sie nicht gerechnet hatten - darauf achten, ihre Zinssätze stets oberhalb der Bundesbank-Zinsen zu halten.
    (...)
    Es war den EWS-Staaten entgegen ihren Erwartungen nicht vergönnt, zum wirtschaftspolitischen Kurs der Bretton-Woods-Ära zurückzukehren. Seit etwa 1980 mussten alle EWS-Staaten hohe Arbeitslosenzahlen und einen starken Verlust ihrer binnenwirtschaftlichen Dynamik in Kauf nehmen.
    Ab Mitte der 1980er Jahre wurde der Machtzuwachs der Bundesbank mit zunehmendem Unbehagen beobachtet. 1985 nahm der französische Präsident der EG-Kommission, Jacques Delors, die im Werner-Plan formulierte Idee einer einheitlichen europäischen Währung wieder auf.
    "Auf längere Sicht schien es ihm [Delors] unannehmbar, dass die anderen EG-Staaten in einem System leben sollten, in dem ein Land - die Bundesrepublik - praktisch die Währungspolitik für den gesamten Kontinent bestimmte. Konkrete Bemühungen um die Währungsunion würden nicht nur für den ab 1993 geplanten "Binnenmarkt" von Vorteil sein, sie würden auch einen enormen politischen Fortschritt bedeuten. Im Übrigen wäre es ein Weg zu einer gerechteren Verteilung der wirtschaftlichen Macht, wenn man die dominierende Position der D-Mark beseitigte."
     
    Auf sein Betreiben hin wurde 1987 das Ziel einer Währungsunion in der Einheitlichen Europäischen Akte verankert.
    (...)
    In Deutschland gab es auf politischer Ebene unter Kanzler Kohl keine Bedenken. Die Buba jedoch, die mit der WWU der Hauptverlierer wäre, meldete nach Erscheinen des Delors-Berichtes Zweifel an. Ihr blieb zunächst nichts anderes übrig, als erst einmal still zu halten.
    (...)
    Mit dem Fall des eisernen Vorhangs überstürzten sich jedoch die Ereignisse. Eine Expansion der Bundesrepublik im Zuge der deutsch-deutschen Wiedervereinigung erschien den Nachbarstaaten unter den Machtverhältnissen im EWS wenig verlockend.
    Die europäische Währungsunion musste daher ihrer Meinung nach schnellstmöglich unter Dach und Fach gebracht werden.
    Während die EG-Staaten mit Frankreich als treibende Kraft fieberhaft bemüht waren, die Diktatur der Bundesbank mittels einer europäischen Gemeinschaftswährung zu beenden, fiel ihnen mit dem Einheitskanzler das Glück förmlich in den Schoß. Kohl, dem zuvorderst eine politische Union am Herzen lag, war bestrebt, seinen Nachbarn die Furcht vor einer Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zu nehmen und wollte unter allen Umständen beweisen, dass auch die Deutschen "gute Europäer" seien. Bei einem Treffen zwischen Kohl und Mitterand im April 1990 versprach der Kanzler schließlich dem französischen Präsidenten, die D-Mark zugunsten einer europäischen Gemeinschaftswährung zu opfern und erhielt sodann Mitterands Segen zur deutschen Wiedervereinigung.
     
    Die Bundesbank war entsetzt. Dem damaligen Bundesbankpräsidenten Karl-Otto Pöhl wurde klar, dass es bei diesem "rein politischen Kuhhandel" darum ging, die Macht der Bundesbank zu brechen. Sollte eine Währungsunion tatsächlich zustande kommen, wäre sie der Hauptverlierer. Anstatt sich quer zu stellen und damit die politische Wut Europas auf sich zu ziehen, wählte Pöhl eine viel ausgeklügelte Strategie: Wenn er Delors von Anfang an auf die Nerven gehen würde, könnte er unmöglich den Stempel der Buba auf den Maastrichter Vertrag drücken. Wenn er sich jedoch zumindest interessiert zeigte, dann könnte er wenigstens die Vertragsbedingungen bestimmen.
    (...)
    Nun wählte die Buba eine andere Strategie, um die WWU zu verhindern: Wenn sie sie nicht von außen zu Fall bringen konnte, musste sie versuchen, das Konstrukt von innen zu unterminieren. Die Bundesbank beschloss, die europäische Währungsunion nach außen hin zu unterstützen, sie zugleich aber dadurch zu blockieren, dass sie Bedingungen stellte, die für die anderen Staaten unannehmbar sein mussten.
    (...)
    Die Forderungen der Buba, denen ihrer Meinung nach kaum ein Land nachkommen wollen würde, waren unter anderem:
     
    • die Struktur der geplanten Europäischen Zentralbank sollte eine originalgetreue Kopie der Bundesbank werden.
    • Die Zentralbanken der EG-Staaten müssen von ihren Regierungen absolute Unabhängigkeit erlangen. (Von allen Mitgliedsstaaten der EG besaß nur Deutschland eine von der Regierung unabhängige Zentralbank).
    • Diese nationalen Zentralbanken und die EZB dürfen keine Kredite mehr an die öffentliche Hand vergeben.
     
    Damit wäre keine Regierung mehr in der Lage, bei Haushaltsdefiziten Zentralbankkredite aufzunehmen - weder von der EZB, noch von ihrer "eigenen" Zentralbank. Jede Regierung müsste sich dann die nötigen Geldmittel über Anleihen besorgen oder sich bei den regulären Banken verschulden. Darüber hinaus forderte die Buba als Bedingung für die Teilnahme der EWS-Staaten an der dritten Stufe der WWU die strikte Erfüllung folgender Kriterien:
    • maximales jährliches Haushaltsdefizit im Verhältnis zum BIP: 3%,
    • maximale Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP: 60%,
    • eine durchschnittliche Inflationsrate, die nicht höher als 1,5% über der Inflationsrate
      derjenigen Staaten liegt, die das beste Ergebnis auf dem Gebiet der Preisstabilität erzielt haben,
    • einen durchschnittlichen Nominalzinssatz, der nicht höher als 2% über dem Zinssatz
      derjenigen Staaten liegt, die das beste Ergebnis auf dem Gebiet der Preisstabilität erzielt haben,
    • stabile Wechselkurse und Abwertungsverbot im EWS bis zur dritten Stufe der WWU.
     
    So wurden die berühmt-berüchtigten Maastrichter Konvergenzkriterien geboren und dienten als Eintrittsbedingungen für die (am 1.1.1999 gestartete Endstufe der) WWU. Die Bundesbank war überzeugt davon, dass kaum ein Land diese Kriterien dauerhaft erfüllen könne.
    (...)
    Die Bank spekulierte darauf, mit ihren rigorosen Bedingungen den für Dezember 1991 geplanten Maastrichter EG-Gipfel platzen zu lassen. Womit sie nicht rechnete: Im Vorfeld von Maastricht verabredeten die EG-Nachbarn, dem Vertragsentwurf ohne Umwege und Diskussionen zuzustimmen, gewissermaßen "Ja" und "Amen" zu sagen, denn das eigentliche Ziel der WWU war nicht unbedingt die Einheitswährung per se. Diese diente ja vorrangig dazu, um sich von der Diktatur der D-Mark zu befreien.
    Das Resultat von Maastricht war wie ein "Faustschlag ins Gesicht" der Buba. Damit war das Ende der Vorherrschaft der D-Mark in Europa besiegelt.
    (...)
    Der eigentliche Krieg der Währungen begann nach Maastricht. Die Buba konnte zwar nicht lautstark gegen das Ergebnis protestieren (was sie später teilweise aber doch noch tat), versuchte aber mit Gewalt, den Integrationsprozess in die gewünschte Richtung zu lenken: Grundlage für die Teilnahme an der dritten Stufe der WWU war die Teilnahme am EWS - und dieses versuchte die Bundesbank nun zu sprengen.
    Zehn Tage nach Maastricht erhöht die Bundesbank den Diskontsatz auf den Rekordwert von 8 Prozent - ungeachtet des wirtschaftlichen Kollapses in den neuen Bundesländern! Nun wurde Europa zum Pulverfass. Obwohl alle EWS-Staaten notgedrungenerweise ihre Zinsen anheben mussten, konnten sie nicht verhindern, dass die deutschen Zinsen wie ein Staubsauger wirkten. Massenhaft wurde D-Mark gekauft, und die restlichen Währungen gerieten unter erheblichem Abwertungsdruck. Weil alle Staaten, die an der WWU teilnehmen wollten, auf restriktiven Sparkurs gegangen sind, stieg deren Verschuldung auch durch das extreme Zinsniveau rapide an. Die europäische Wirtschaft war wie gelähmt, und die Arbeitslosenquoten erreichten verbreitet Rekordwerte. Zur gleichen Zeit kamen, angelockt durch Höchstzinsen, Anleger aus aller Welt und suchten sich die Währung mit dem jeweils höchsten Zinsniveau. Währungen, wie z.B. die italienische Lira, versprachen mit Zinsen von über 17% Rekordrenditen. Doch die Sicherheit war trügerisch. Denn die stabilen Wechselkurse im EWS beruhten auf Fiktion. Politischer Ehrgeiz und die Aussicht, Finanzgeschäfte später in einer Weltwährung abwickeln sowie Importe in eigener Währung bezahlen zu können, lockten auch ausgesprochene Weichwährungsländer ins EWS. Als letztes Land vor dem großen Krach erklärte Portugal im April 1992 den Beitritt.
    (...)
    Das NEIN Dänemarks zur WWU am 2. Juni 1992 schlug ein wie eine Bombe. "Der politische Unterbau des EWS wurde mit einem Schlag weggefegt. Maastricht war kein Fakt, und die unantastbare Koppelung der europäischen Währungen im EWS war keine politisch vollendete Tatsache." Andere Staaten baten die Buba um ein Zeichen von Verständnis, denn die Luft zum Atmen wurde immer dünner. Doch die deutsche Zentralbank reagierte schon seit langem zynisch:
    "Eines sehen unsere Nachbarn durchaus: Die D-Mark ist nun mal derzeit die Leitwährung in Europa, und es läge nicht in ihrem Interesse, wenn die D-Mark eine Inflationswährung wäre."
    Während Europa unter der Last der Buba-Zinsen stöhnte, erhöhte die Bundesbank am 17. Juli ein weiteres Mal den Diskontsatz auf einen abermaligen Rekordwert von 8,75 Prozent. Dies war eine öffentliche Kriegserklärung an das EWS und die WWU.
    Am 8. September 1992 war es dann soweit. Das EWS, das offiziell dazu gedacht war, Spekulationen einzudämmen, wurde für Devisenspekulanten zu einer Spielbank, in der man fast nur gewinnen konnte. Als erstes Land musste Finnland seine Markka abkoppeln. Das zweite Ziel der Spekulanten war die italienische Lira, die schließlich am 13. September abgewertet werden musste. Einen Tag nach der Lira-Abwertung senkte die Buba den Diskontsatz um einen halben Prozentpunkt. Als Rache für dieses Zugeständnis lud einen Tag später der neue Bundesbankpräsident Schlesinger in einem Interview im Wallstreet Journal den Berufsspekulanten George Soros indirekt zu einem Angriff auf das britische Pfund ein. Dieser nahm nun einen Kredit über 10 Milliarden Pfund auf und tauschte sie zunächst in DM. Die 10 Mrd. Pfund, die bei dieser Transaktion schlagartig auf den Devisenmarkt gespült wurden, waren für Anleger und Spekulanten das Signal, sich auf die britische Währung zu stürzen. Die Interventionen der Bank Of England zur Verteidigung des EWS-Kurses sollen innerhalb weniger Stunden mehr gekostet haben, als der Golfkrieg von 1991. Am 16. September gab Großbritannien auf und verließ das EWS. Soros tauschte nun seine DM in Pfund zurück - zu einem neuen Wechselkurs - und hatte mal eben eine Milliarde Pfund hinzuverdient.
    Nun waren die Devisenspekulanten nicht mehr zu halten. Italien musste endgültig aussteigen, die Peseta wertete um 5% ab, und am 19. November verließ Schweden das EWS. Ende November mussten Spanien und Portugal erneut abwerten. Norwegen kehrte am 10. Dezember dem EWS den Rücken. Januar 1993 wurde das irische Pfund um 10% abgewertet. Doch die Buba fährt weiterhin rigorose Hochzinspolitik, wenngleich sie den Diskontsatz unerträglich langsam bis auf 6,75% (Juli ´93) senkt. Das Finale der von der Buba provozierten EWS-Krise bildete das Gefecht um den französischen Franc. Verzweifelt versuchte die Banque de France den Wechselkurs des Franc zu verteidigen, doch die Buba beschloss am 29.7. trotz aller Bitten Frankreichs um Zinssenkungen, den Diskontsatz unverändert zu lassen. Anleger und Spekulanten flohen in Massen aus dem Franc. Um den Wechselkurs zu halten, musste am 30.7. die französische Zentralbank ihre sauer verdienten Devisenreserven auf den Markt werfen, um150 Milliarden Franc aufzukaufen.
    Das ursprüngliche EWS zerbrach am 2. August. Die Schwankungsmargen wurden von 2,25 auf 15 Prozent erweitert. Lediglich die Niederlande und Deutschland behielten bilateral das alte Wechselkurssystem bei. Dennoch schien es, als hätte die Bundesbank aufgegeben.
    (...)
    Deutschland, das "Land mit der roten Laterne", betreibt noch immer orthodoxe radikal-neoliberale Wirtschaftspolitik, versucht noch immer erfolglos die öffentlichen Haushalte mittels Ausgabenkürzungen zu konsolidieren und - erfolgreich - mit "Agenda 2010", "Hartz IV" und Schuldenhysterie die Kaufkraft im Binnenmarkt zu vernichten. Gleichzeitig werden, nachdem die Besteuerung von Gewerbekapital und großen Geldvermögen praktisch eingestellt wurde, weiterhin die Spitzensteuersätze gesenkt, in der Hoffnung, damit die Wirtschaft zu beleben. Und während sich Hans Eichel über immer größere Haushaltslöcher wunderte und sein Heil darin suchte, öffentliches Eigentum an Konzerne zu verscheuern (die so genannten "Privatisierungen"), geraten ganze Bevölkerungsschichten in Armut und finanzielle Verzweiflung, erreichen die Privat- und Unternehmensinsolvenzen Rekordwerte, geraten die Kreditinstitute in Not, werden die Gewerkschaften entmachtet, zeichnet sich eine regelrechte Bildungskatastrophe ab und erhält der deutsche Rechtsextremismus starken Zulauf. Und: In keinem Land wird antizyklische Konjunkturpolitik derart als "gefährlicher Keynesianismus" denunziert, wie in der Bundesrepublik.
     
    Es sieht so aus, als wäre der Währungskrieg der Buba innerhalb Europas noch nicht beendet.
     
    Voraussetzung für ein längerfristiges Funktionieren der europäischen Währungsunion sind harmonisierte Inflationsraten der Mitgliedsstaaten der Eurozone. Doch Deutschland betreibt, mittlerweile völlig isoliert, weiterhin radikale Sparpolitik, während andere Regierungen mit einem Mix aus Angebots- und Nachfragepolitik ihren Binnenmarkt wieder belebten. Das Problem: Die deutsche Deflationspolitik sorgt hierzulande dafür, dass Löhne und Preise stagnieren (und sich bis auf Preise fuer Lebensmittel, Energie und Mieten mittlerweile im Sinkflug befinden), während Löhne und Preise in den restlichen Staaten der Eurozone dort größere Wachstumsraten verzeichnen. Die Differenz der Inflationsraten zwischen der Bundesrepublik und der Rest-EU scheint auf den ersten Blick mit durchschnittlich 2,5% pro Jahr nicht allzu hoch zu sein. Aber nach vielen Jahren Stagnation bei Löhnen und Preisen in der Bundesrepublik haben sich bereits jetzt erstaunliche Preis- und Lohnniveaudifferenzen zu den restlichen Staaten der Eurozone entwickelt - bei gemeinsamer Währung!
    Dies führt schon jetzt zu Verwerfungen und verzerrten Wettbewerbsbedingungen im europäischen Binnenmarkt und unterzieht mittelfristig die Gemeinschaftswährung einer Zerreißprobe.
     
    Ganz offensichtlich scheint der Währungskrieg in eine neue Phase zu treten, denn allzu deutlich lässt man es auf einen, von deutscher Seite forcierten, Bruch der Einheitswährung ankommen.
    (...)
    Massive Schützenhilfe scheinen hierbei die Führungsetagen von ein paar Dutzend Großunternehmen zu leisten, denen die neoklassisch-neoliberale Lohnsenkungspolitik zu "Wachstum und Wohlstand" verhilft: Während die Löhne am "Wirtschaftsstandort Deutschland" stagnieren bzw. sinken, steigen ja die Preise in den europäischen Nachbarstaaten weiterhin, womit im Außenhandel erstaunliche Rekordgewinne erzielt werden, denn über 50 Prozent der gesamten deutschen Exporte werden innerhalb der Eurozone abgesetzt!
    Doch weder zahlen diese Konzerne nennenswerte Steuerbeträge, noch schaffen sie Arbeitsplätze, sondern drohen permanent mit Standortverlagerung, wenn der Sparkurs der Regierung nicht verschärft werde. Man beachte den Zusammenhang!
    (...)
     
    A.C. im November 2004
     
     
    Nachtrag im Februar 2009:
     
    1.
    Das zunehmende Ungleichgewicht im innereuropäischen Handel hat sich in den letzten 5 Jahren durch den einseitigen Deflationskurs Deutschlands weiter verschärft.
    (...)
    Überspitzt ausgedrückt: Deutschland brüskiert ausländische Exportunternehmen und verweigert ihnen den Zugang zum deutschen Markt. Neoliberale Zyniker nennen für die schwindene Wettbewerbsfähigkeit der Nachbarn folgenden Grund: Mangelnde Disziplin. Deutschland sei umgeben von lauter undisziplinierten Nachbarn.
     
    Die Wahrheit ist jedoch, dass Deutschland ihnen den Wirtschaftskrieg erklärt hat.
    Das folgende Diagramm veranschaulicht die deutsche Übermacht:
     
     
     
     
    2.
    Mit den deutschen Billigimporten importieren diese Länder zudem auch die Arbeitslosigkeit, da ausländische Unternehmen zunehmend der deutschen Konkurrenz zum Opfer fallen. Ein weiteres Problem für unsere Nachbarn sind sogar die deutschen Opfer der neoliberalen Agenda: Heerscharen von deutschen Billiglohnarbeitern suchen Jobs in den Nachbarstaaten und konkurrieren dort um Arbeitsplätze.
    (...)
     
    3.
    Was ich im November 2004 noch nicht erkannte: Nahezu unbemerkt von der Oeffentlichkeit haben die privaten Grossbanken unter der Fuehrung der Deutschen Bank ab dem Jahr 2000 eine Deflationsoffensive gestartet und dem deutschen Binnenmarkt den Geldhahn zugedreht, um die von den Exportkonzernen geforderte neoliberale Umstrukturierung Deutschlands im Akkord mit Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen zu unterstuetzen.
    (...)
     
    4.
    Der politische Wille zur Rettung des Euro ist - abgesehen von Sonntagsreden - nach wie vor nicht vorhanden.
     
    Im Gegenteil: In den letzten 5 Jahren hat sich der neoliberale Kurs der Bundesregierung nicht zuletzt durch die Einführung von Hartz 4 drastisch verschärft. Die Wiederanhebung der Steuersätze fuer Besserverdiener und Reiche auf zumindest europäisches Durchschnittsniveau blieb bis heute aus, so dass dem Staatshaushalt weiterhin die finanziellen Mittel fehlen, die noetig wären, um den Deflationskurs von Grossbanken und Grosskonzernen auszubalancieren - und letztendlich um den Euro zu retten.
    (...)
     
    5.
    Der einseitige Deflationskurs der Bundesrepublik ist so offenkundig, dass es sich lohnt, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, um herauszufinden, welche Bundesbank-Strategen jetzt in welchen Positionen sitzen.
     
    Tietmeyer und die INSM sind nur ein Beispiel, das ich 2004 kurz andeutete. Leider habe ich derartig verschwörerische Zusammenhänge nicht weiter verfolgt, empfehle aber allen Interessierten, genau an dieser Stelle weiterzurecherchieren.
     
    Noch einmal:
    Was wäre, wenn ?
 
 
 


hier nun der versprochene Link auf das Original-Dokument von Alexander Czerny
 A. Czerny Währungskrieg
 
und der Link auf Czernys gesammelte Werke auf egon-w-kreutzer.de
 Gastbeitrag Czerny.html
 
Sie möchten direkt mit Alexander Czerny in Kontakt treten?
E-Mail an A.Czerny
Eine Kopie dieser Mail geht an mich und wird ggfs. als Kommentar zu diesem Paukenschlag - natürlich ohne Namensnennung - veröffentlicht. Wenn Sie das nicht wünschen, löschen Sie meine E-Mail-Adresse vor dem Versenden.

Heben Sie Ihren Lieblingspaukenschlag ins Buch.

Der EWK-Verlag plant eine Art "best of"-Auswahl aus allen Aufsätzen und Paukenschlägen der Jahre 2003 bis 2009 als Hardcover-Ausgabe herauszubringen. Die Auswahl der besten Aufsätze überlassen wir Ihnen.

Wählen Sie Ihre Favoriten - Sie haben Zeit bis zum 30. April 2009
 HIER


     
     
    "Unter Bankstern"
    von Artur P. Schmidt ist am 3. März im EWK-Verlag erschienen und wird bereits in vielen Online- und Offline-Publikationen besprochen.

     
    Dieses Buch bringt Licht in das Dunkel eines wesentlichen weiteren Zweiges der Weltfinanzwirtschaft und ihrer destruktiven Strategien.
    Mehr Infos: Cover
    anklicken
     

    Wer Czerny liest, wird auch Artur P.Schmidt gerne lesen.

     nach oben  Newsletter bestellen


    Übrigens: Newsletter-Abonnenten erhalten den Link auf den jeweils neuesten Paukenschlag immer, sobald er fertig ist. Manchmal am Montag, häufig am Dienstag, meist am Mittwoch - wenn auch Sie schneller sein wollen, melden Sie sich an


Reaktionen auf diesen Paukenschlag

An dieser Stelle werden Leser-Reaktionen in der Reihenfolge des Eingangs (jüngster Beitrag oben) veröffentlicht.
Ich behalte mir dabei Kürzungen vor und veröffentliche Reaktionen zum Schutz der Absender grundsätzlich anonymisiert.
u
Suchmaschinenoptimierung mit Ranking-Hits