Paukenschlag am Donnerstag
No. 29/2009
vom 23. Juli 2009

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Der ungerechte Lohn

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2009 (ältere)
1 Steinbrück, Peer
2 Die Würde des Menschen ist nicht mehr ertastbar
3 Asymmetrisches Treiben
4 Wenn Banken baden geh'n - Bad Bank
5 Schuldenbremser
6 Die Liquiditätsblase
7 Abwrackprämie für Bänke
8 Bankenkrisenprotektion
9 Währungskrieg gegen die Eurozone
10 Opel, zum Beispiel
11 Billionen- und Konsonantenverdoppelung
12 Im falschen Film -
Die Krisen-Illusion
13 Wie aber soll eine neue Welt entstehen?
14 Schokohasen - Opium fürs Volk
15 Zwischenhirnwesen
16 System-Relevanz-
Syndrom
17 Komm, lieber Mai, und mache
18 Rentner und Milliardäre
19 Die gestärkten Rechte des EU-Parlaments
20 Gute Banken, schlechte Banken 
21 Eine Zensur findet nicht statt
22 Staatsbank
23 Deutschland geht unter
24 Gesunde Unternehmen retten
25 Oasen Peer
26 Geld in der Krise Kreislauf des Irrsinns
27 Bundestagswahl
28 Rentenpolitische Paradoxien
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Der ungerechte Lohn
 
Kleine Rechenexempel
um Geld und Leistung
Teil 1
 

Als es den Mächtigen zu dumm geworden war,
ließen sie durch ihre Experten erklären:
 
"Ein gerechter Lohn ist unmöglich!"
 
Das sahen die Lohnempfänger ein und hörten auf, einen gerechten Lohn zu fordern, ja sie hörten sogar auf, einen gerechten Lohn überhaupt noch zu denken. So kam es dazu, dass ausgerechnet die lebenswichtigen Arbeiten, zu denen wir im Grunde alle befähigt sind, weil wir nämlich sonst, kurz nachdem der aufrechte Gang erfunden wurde, schon ausgestorben wären, in unserer arbeitsteiligen Welt besonders schlecht bezahlt werden, weil sich der Nachfrager unter den vielen, die sich dafür anbieten, leicht denjenigen auswählen kann, der seine Leistung für den geringsten Lohn (freiwillig oder gezwungen, als Ehrenamtlicher, als 1-Euro-Jobber, als Praktikant, Niedrigst- und/oder Kombilöhner) anbietet.
 
Jeder, der seine fünf Sinne beieinander hat, erkennt die abgrundtiefe Ungerechtigkeit, die sich damit rechtfertigt, dass die sog. "Gesetze des Marktes" eben nicht die Qualität einer vollbrachten Arbeit oder die innerhalb einer bestimmten Zeit hervorgebrachte Leistung belohnen könnten, sondern dass sich der jeweils gezahlte Lohn ausschließlich am Verhältnis von Angebot und Nachfrage bemessen könne - an was denn sonst.
 
Das ist aber kein Naturgesetz, sondern eine in unsinnige Formeln verkleidete Lüge, die soweit vom Problem ablenkt, dass es von dieser entfernten Position aus einer Lösung nicht mehr zugeführt werden kann.
 
Daher ist es an der Zeit, den Formeln der marktradikalen Irrlehrer einige einfache und für jedermann nachvollziehbare Rechenexempel entgegenzustellen, die das Gegenteil beweisen und damit das Problem wieder lösbar und den gerechten Lohn nicht nur als möglich, sondern sogar als zwingend notwendig erscheinen lassen.
 
 
Bedarf und Nachfrage
 
Bedarf ist, was die Menschen brauchen.
 
Nachfrage ist hingegen das, was die Menschen haben wollen und auch bezahlen können.
In einer Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft, entwickelt sich das, was die Wirtschaft hervorbringt, immer weiter vom Bedarf weg, hin zur Befriedigung einer immer kapriziöseren Nachfrage.
 
Produziert eine Wirtschaft aber nicht mehr für den Bedarf, sondern nur noch für die Nachfrage, lässt sie einen Teil des verfügbaren Leistungspotentials ungenutzt. Es entsteht Arbeitslosigkeit. Die verminderte Kaufkraft der Arbeitslosen vermindert die Nachfrage zusätzlich und führt dazu, dass ein weiterer Teil des Bedarfs nicht mehr befriedigt wird.
 
Die Propagandisten der freien Märkte erklären auch in dieser Situation weiterhin ohne Sinn und Verstand, das Problem bestünde darin, dass die Lohnansprüche so hoch seien, dass nur derjenige Teil der angebotenen Arbeitskraft abgenommen wird, für den sich, zum jeweiligen Preis, eine kaufkräftige und zahlungswillige Nachfrage einstellt.
 
Dies scheint nur deshalb richtig, weil die Distanz zum eigentlichen Problem hier bereits zu groß ist, um es überhaupt noch wahrnehmen zu können.
 
Wenn nämlich in einer Volkswirtschaft mit einer Bevölkerung von beispielsweise 100 Millionen Menschen der Bedarf von 10 Millionen Menschen (arbeitslos/Hartz-IV/1€-Job usw.) nicht vollständig befriedigt werden kann, weil die Kaufkraft dieser 10 Millionen Menschen schon lange vor der Bedarfsdeckung erschöpft ist, dann wird sich bei diesen 10 Millionen Menschen keine zusätzliche Ware, keine weitere Leistung mehr verkaufen lassen, gleichgültig, wie billig und zu welchem Hungerlohn sie produziert wird!
 
 
Starten wir an dieser Stelle ein
 
erstes Rechenexempel:
 
90 Millionen Menschen decken ihren Bedarf vollständig und zahlen dafür  950 Mrd.
10 Millionen Menschen decken ihren Bedarf nur zur Hälfte und zahlen dafür   50 Mrd.
Gesamtumsatz  1.000 Mrd.
 

Lässt sich der Gesamtumsatz von 1.000 Mrd. halten, wenn Löhne und Lohnnebenkosten um 50 Mrd. gesenkt werden?
 
Ja, unter folgenden Bedingungen (einzeln oder in Kombination)
 
a) Die Preise bleiben unverändert,
die Senkung der Löhne fließt den Unternehmern und Anteilseignern als Gewinn zu, den diese jedoch vollständig verkonsumieren.
 
b) Die Preise bleiben unverändert,
es werden Ersparnisse aufgelöst und/oder Sachwerte veräußert, um den Bedarf weiterhin befriedigen zu können.
 
c) Die Preise bleiben unverändert,
es werden Kredite aufgenommen, um den Bedarf weiterhin befriedigen zu können.
 
 
Im Umkehrschluss gilt:
 
Solange die durch die Lohnsenkung gestiegenen Gewinne nicht vollständig in den Konsum fließen, ist Markträumung nur bei Umverteilung von Ersparnissen und Sachvermögen oder wachsender Verschuldung zu erreichen. Fließen die Gewinne aber in den Konsum, hat dies zur Folge, dass die Nachfrage sich qualitativ verändert, weil die Kaufkraft von den Artikeln des Massenkonsums abwandert, hin zu den Artikeln des Luxusbedarfs.
 

 Anmerkung, es gibt noch einen weitere Möglichkeit:

    d) Die Preise sinken,
    so dass der Konsum auch bei gesunkenem Einkommen befriedigt werden kann. Allerdings werden damit nur die gleichen Mengen (Stück) abgesetzt, der Umsatzwert (Euro) sinkt.
     
    Dieser Fall ist hier jedoch ohne Relevanz, weil er keinerlei direkte Auswirkungen auf Beschäftigung und Kaufkraft hat, sondern nur den Geldwert beeinflusst. Indirekt wird allerdings die Rückzahlung von Krediten erschwert.
 
 
Beschäftigungsgrad in Massen- und Luxusproduktion
 
Wenn Kaufkraft aus dem Konsumgütermarkt der Massenversorgung abgezogen wird, hat das Auswirkungen auf die Beschäftigung in der Produktion und im Handel. Hier gehen gute und zumeist einigermaßen sinnvolle Arbeitsplätze verloren.
Die Neu-Allokation der Kaufkraft wird zwar in Summe zu neuen Arbeitsplätzen führen, deren Zahl wird jedoch absehbar kleiner sein als die Zahl der dafür geopferten Arbeitsplätze. Das liegt daran, dass die Kalkulation der Luxusgüter aufgrund hochwertiger Materialien und aufgrund der 1a-Innenstadtlagen, in denen sich die Läden der Juweliere und die Edelboutiquen befinden, einen noch geringeren Personalkostenanteil ausweist, als die Kalkulation derjenigen Dinge, die es bei Lidl, Aldi, Schlecker, Ikea und OBI zu kaufen gibt - und dass zudem die Gehälter der Angestellten - zumindest im Verkauf, oft aber auch in der Produktion - um einiges höher liegen, als die Gehälter der Massenproduktion, was zu weniger Beschäftigung bei gleichem Personalaufwand führt.
 
Gehen wir nur von einem Verhältnis von 2 : 1 aus,
ergibt sich daraus ein
 
zweites Rechenexempel
 
Selbst wenn die durch Lohnsenkung gestiegenen Gewinne voll in den Konsum fließen, ergeben sich Verwerfungen, denn die entfallene Massengüterproduktion von 50 Mrd. Euro stürzt fast 5 Millionen Menschen in prekäre Lebensverhältnisse, während das Erstarken der Luxusbranche nur maximal 2,5 Millionen eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation ermöglicht. In Zahlen:
 
87,5 Millionen Menschen decken ihren Bedarf nur noch unvollständig und zahlen dafür  887 Mrd.
12,5 Millionen Menschen decken ihren Bedarf nur zur Hälfte und zahlen dafür   63 Mrd.
10.000 Menschen verkonsumieren zusätzlich Luxusartikel

 50 Mrd.

Gesamtumsatz  1.000 Mrd.
 
 
Lohnsenkungen führen also selbst im besten Fall nicht zu mehr, sondern zu weniger Beschäftigung und dazu, dass sich die Unternehmer und Anteilseigner trotz sinkender Beschäftigung mehr Luxus leisten können, weil weitere 2,5 Millionen Menschen auf den niedrigsten Lebensstandard herabgestuft werden und alle verbleibenden Erwerbstätigen und ihre Angehörigen (einschl. der Rentner) aufgrund gesunkener Kaufkraft Wohlstandsverluste hinnehmen müssen.
 
 
 
Die Exportlüge
 
Die Gewinner der von ihnen hochgehaltenen marktradikalen "Gesetzmäßigkeiten" fühlen sich von solchen Rechenexempeln bedroht und holen ihre Experten hervor, die mit gesträubtem Haar und geschärftem Sinn zu der Erklärung ansetzen, mit der sie die Republik Schritt für Schritt in die bescheidene Situation gebracht haben, in der wir uns heute befinden. Diese Erklärung heißt:
 
Es kann sich niemand dem internationalen Wettbewerb verschließen.
Gerade Deutschland, als Exportweltmeister, muss auf den Weltmärkten konkurrenzfähig bleiben.
Lohnsenkungen in Deutschland verbessern unsere Exportchancen.
Verbesserte Exportchancen erhöhen den Auftragseingang und die Auslastung der Fabriken.
Damit werden wieder mehr Mitarbeiter gebraucht.
Die Lohnsumme steigt.
Die Beiträge zu den Sozialsystemen steigen
Die Kosten der Arbeitslosigkeit sinken.
 

 

 

 

 
Dass ausgerechnet die Befürworter der totalen Globalisierung, wenn es ihnen in den Kram passt, so argumentieren, als sei Deutschland eine Insel im Ozean der Globalisierung, ist ein schlechter Witz.
 
Diese Argumentation darf getrost als starkes Indiz dafür gedeutet werden, dass man zwar vorne, an der Wirtschaftsfront, wo im Kampf um die Gewinne maßlos billig produziert und maßlos überteuert konsumiert werden muss, versucht, alle Erdenbürger global gegeneinandner auszuspielen, dass aber die Gewinne, die zwischen billigster Produktion und teuerstem Verkauf abgegriffen werden, nur jenen wenigen Neofeudalisten zufließen, die sich nach wie vor in regionalen bzw. nationalen Gliederungen ihre Claims abgesteckt haben.
 
Der in Deutschland produzierende Exportindustrielle - gleichgültig ob er sich nun als in- oder als ausländischern Investor bezeichnen lässt - muss Deutschland zum Niedriglohnland machen, weil er sonst im Vergleich mit seinen Konkurrenten, die sich darauf spezialisiert haben, die Bevölkerung der Schwellenländern auszubeuten, bald als "armer Verwandter" dasteht.
 
Davon, dass wir in Deutschland den Gürtel enger schnallen, entsteht allerdings nirgends auf der Welt eine zusätzliche Kaufkraft.
 
Davon, dass wir in Deutschland den Gürtel enger schnallen, ermöglichen wir bestenfalls den Konsumenten in den Importländern, dass sie mit ihrer Kaufkraft etwas mehr Güter und Leistungen erhalten, als bei Eigenproduktion oder bei Import von einem teureren Anbieter.
 
Wir geben also den Empfängern der durch unseren Lohnverzicht verbilligten Waren, ohne dass die auch nur die geringste Gegenleistung zu erbringen hätten, die Chance, ihren Wohlstand zu erhöhen.
 
Das ist das Grundprinzip des Kolonalismus, dessen garstige Fratze an jeder Ecke hinter den schönen Kulissen des freien Welthandels und der Globalisierung lauert.
 

Wäre es nicht besser,
die für den Exportüberschuss eingesetzte Arbeitskraft
für die Befriedigung des Bedarfs im Binnenmarkt einzusetzen?

Wäre es nicht besser, zu arbeiten,
um den eigenen Wohlstand zu mehren, statt den eigenen Wohlstand zu reduzieren,
um arbeiten zu dürfen?

 
 
Unterstellen wir die vollkommen abwegige Idee, unsere Exporteure wollten mit der Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten den eigenen Gewinn um keinen Cent steigern, sondern lediglich zusätzliche Arbeitsplätze und zusätzliches Einkommen schaffen, gelangen wir zu einer neuen, hochinteressanten Betrachtung.
Sofern die Senkung der gesamten Lohnsumme um 50 Milliarden in den Exportpreisen weitergegeben wird, was zu einer im Export generierten Steigerung der Gütermengen (Stück) um 10% führt, hat das - wegen des Preisnachlasses, dennoch nur eine Steigerung des Umsatzwertes (Euro) um 5 Prozent zur Folge.
 
 
drittes Rechenexempel
 
Aus ehedem 90 Millionen Menschen, die vom Verdienst der Erwerbstätigen unter ihnen ihren Bedarf befriedigen konnten, werden jetzt 90 Millionen Menschen, die ihren Konsum um 5 % reduzieren müssen. Doch dafür partizipieren 9 Millionen, die bisher ihren Bedarf nur zur Hälfte decken konnten, vom Aufschwung.
 
90,0 Millionen Menschen reduzieren ihren Bedarf um 5% und zahlen dafür
905 Mrd. 
9,0 Millionen Menschen steigen auf, decken ihren Bedarf ebenso reduziert mit
  90 Mrd.
1,0 Millionen Menschen decken ihren Bedarf nur zur Hälfte und zahlen dafür

 5 Mrd.

Gesamtumsatz im Binnenmarkt  1.000 Mrd.
 

Aha!
Geht doch wunderbar auf!
 
Die Gesamtbevölkerung hat weiterhin ihre Billion und kann die unter sich aufteilen.
90 Prozent müssen auf etwas Wohlstand verzichten. 9 Prozent, die vorher nicht arbeiten mussten, müssen jetzt arbeiten und können sich davon genau das mehr leisten, worauf die anderen verzichten - und nur 1 Million bleibt weiterhin auf Hartz IV sitzen
 
Geht wunderbar auf?
Und was hat das ganze gebracht?
 
Man hat innerhalb der Gesamtbevölkerung Transferleistungen gestrichen und dafür Löhne bezahlt. Die zusätzliche Produktion ist jedoch rückstandsfrei aus dem Binnenmarkt verschwunden.
 
Und der zusätzliche Export?
 
50 Milliarden Lohnverzicht haben den Gesamtumsatz auf 1.050 Milliarden anwachsen lassen. Diese zusätzlichen 50 Milliarden sind direkt in die Taschen der Unternehmer und Anteilseigner der Exportwirtchaft geflossen.
 
Erst jetzt geht die Rechnung wunderbar auf.
 
Es ist nicht nur eine absolut abwegige Idee, es ist auch rechnerisch gar nicht so einfach, aus einem durch Lohnsenkung erkauften Mehrumsatz im Export am Ende nicht einen heftigen Gewinnzuwachs übrig zu behalten, während sich die Situation Bevölkerung - wenn überhaupt - dann doch nur mäßig verbessert.
 
 
Die Gretchenfrage
 
Wie kommt es,
 
dass es einerseits unbefriedigten Bedarf gibt,
andererseits einen Exportüberschuss
und
darüberhinaus noch Massenarbeitslosigkeit?
 
 
Die Antwort liegt auf der Hand:

Weil keine gerechten Löhne gezahlt werden.
 
Gerechter Lohn impliziert, dass eine Volkswirtschaft das, was sie als Leistung hervorbringt, letztlich auch wieder konsumiert.
Dabei sind leistungsabhängige Abstufungen zwischen den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft keineswegs ungerecht, im Gegenteil, sie stellen die Feinjustierung der Gerechtigkeit im Detail dar.
Ungerecht sind leistungsfreie Einkommen, die dem Erpressungpotential großer Vermögen entspringen, insbesondere dann, wenn sie nicht in den Konsum fließen, sondern zur Vergrößerung des Erpressungspotentials gehortet werden.
Unsere Wirtschaftsordnung fördert diese Ungerechtigkeit, denn sie basiert auf einer Gleichung, die niemals aufgehen kann:
 
 
viertes Rechenexempel
 
Die (be-)trügerische Gleichung des Kapitalismus sieht so aus:
 
Lohn + Gewinn = Preis x Menge
 
(Dass im Lohn auch alle Lohnnebenkosten und der gesamte Aufwand des Staates enthalten sind, im Gewinn auch alle Erlöse aus Eigentum an Sachwerten und Rechten, sei hier nur am Rande erwähnt.)
 
Solange der Lohn aber nicht ausreicht, um die produzierte Menge abzusetzen, und der Gewinn nicht vollständig in den Konsum fließt, heißt die wahre Gleichung:
 
Lohn + Neuverschuldung = Preis x Menge
 
Dass in der Neuverschuldung auch alle Zinslasten enthalten sind, die für die Gesamtverschuldung aufzubringen sind, muss hier betont werden, denn dies führt dazu, dass schon bei unverändertem Absatz die jährliche Neuverschuldungsrate ständig steigen muss.
 
Vergleicht man die beiden Gleichungen, stellt sich heraus, dass Gewinn und Neuverschuldung austauschbare Größen sind, folglich gilt:
 
Gewinn = Neuverschuldung
 
Die Überlegung lässt sich weiter treiben. Beziehen wir den Außenhandel in die Überlegung ein, so ergibt sich folgendes Bild:
 
Lohn + Neuverschuldung + Exporterlöse = Preis x Menge + Import
 
Daraus folgt:
 
Gewinn = Neuverschuldung + (Exporterlöse - Import)
also:

Gewinn = Neuverschuldung + Exportüberschuss
 
Lohn = Preis x Menge - Gewinn
 
Und aus alledem lässt sich ein Gerechtigkeitsquotient ermitteln, der besagt, wieviel von dem, was die Bevölkerung einer Volkswirtschaft hervorbringt, dieser Bevölkerung letztlich für den eigenen Bedarf zur Verfügung steht.
 
     

Gerechtigkeitsquotient =

 Lohn : Menge
   Preis  

Wenn die Menge der hergestellten Güter sich vom Lohn vollständig bezahlen lässt, ergibt sich ein Gerechtigkeitsquotient von 1,0 - d.h. es wird ein gerechter Lohn bezahlt.
(z.B. Lohn = 1.000, Menge = 1.000, Preis = 1)
 
Lässt sich die Menge der hergestellten Güter vom Lohn nur zur Hälfte bezahlen, ergibt sich ein Gerechtigkeitsquotient von nur noch 0,5.
(z.B. Lohn = 1.000, Menge = 1.000, Preis = 2; oder: Lohn = 500, Menge = 1.000, Preis = 1)
 
 
Ich habe eingangs behauptet, der gerechte Lohn lasse sich nicht nur darstellen, er sei sogar zwingend notwendig. Der Beweis für die Notwendigkeit des gerechten Lohnes lässt sich auf der Basis dieser Vorüberlegungen jetzt führen:
 
Unabhängig davon, ob wir über eine einzelne, mit der Umwelt über Export- und Importbeziehungen im Austausch stehende Volkswirtschaft sprechen, oder ob wir die Welt als einen einzigen globalen Markt ansehen, bei dem sich die Betrachtung der Export- und Importbeziehungen der Nationalökonomien schlicht erübrigt; grundsätzlich gilt:
 
Gewinn = Neuverschuldung
 
Da es im Wesen der Verschuldung liegt, dass dem Schuldner ein Gläubiger gegenübersteht, der mit dem Schuldschein keinen realen Wert in der Hand hält, sondern lediglich einen Anspruch auf Geld, liegt die Erkenntnis auf der Hand, dass auch alle gehorteten Gewinne, die ja ausschließlich aus der Neuverschuldung ermöglicht werden, keinen realen Wert sondern lediglich Ansprüche an die Schuldner darstellen.
 
Während nun die Bevölkerung, um ihre selbst hervorgebrachten Erzeugnisse nutzen und konsumieren zu können, sich ständig neu verschulden muss (!), wachsen die Ansprüche der wenigen Gläubiger nicht nur Jahr für Jahr um den Betrag des einbehaltenen Gewinns, sondern zudem um die aus den wachsenden Schulden fällig werdenden Zinsen. Dabei entsteht eine Anspruchsblase, der zu keinem Zeitpunkt ein reales, werthaltiges Gut gegenübersteht.
 
Die Folge ist zunächst eine galoppierende Inflation im Bereich der Geldanlagen. Aktienkurse und Grundstückspreise, Edelmetallnotierungen und die Wettquoten auf allerlei spekulativen Tand aus den Hexenküchen der Finanzjongleure jagen sich gegenseitig in die Höhe. Hier werden jetzt "Gewinne" in die Bücher geschrieben, die nur noch aus heißer Luft bestehen.
 
Gewinne, hinter denen der Produktivitätszuwachs der Realwirtschaft längst weit zurückgeblieben ist. Um nur halbwegs nachzuziehen und zu vermeiden, mit den Papierbillionen der reinen Finanzakrobaten aufgekauft zu werden, müssen in der Realwirtschaft die Kosten gesenkt werden, was heißt, dass Löhne und Qualität miteinander im Sturzflug in den Keller rauschen. Gleichzeitig sind alle produzierenden Unternehmen überall auf der Welt auf der Suche nach Gebieten, in denen die erforderlichen Bonitätsreserven verfügbar sind, die benötigt werden, um die produzierten Schrottmengen - an neue Schuldner absetzen zu können.
(Die trapsende Nachtigall heißt z.B. EU-Osterweiterung)
 
In Deutschland steht die Neuverschuldungsmaschine wegen Überhitzung unmittelbar vor dem Kolbenfresser. Auch die Neuverschuldung des Staates ist - wie vorstehend dargelegt - zugleich Gewinn der Wirtschaft, insbesondere der Finanzwirtschaft.
 
Wofür wird diese Schuldenlast also in Kauf genommen?
 
Doch für nichts anderes, als zur Aufrechterhaltung der Illusion, die Anspruchsblase der Gläubiger könne irgendwann durch Tilgung befriedigt werden, obwohl diese Blase überhaupt nur auf der Basis der Differenz zwischen gerechtem und tatsächlich gezahlten Lohn entstehen konnte - und selbst bei gerechtem Lohn in ihrer Entwicklung nur zum Stillstand kommen könnte.
 
Solange aber - und das ist der Schlusspunkt der Beweisführung - kein gerechter Lohn bezahlt wird, solange aus der Produktion über die Erzeugnisse hinaus fiktive Ansprüche generiert werden, die als Gewinn bezeichnet werden, muss die Gesamtverschuldung ständig weiter wachsen.
 
Gerechter Lohn, der dazu führt, dass die Hervorbringungen einer Nationalökonomie ohne die Notwendigkeit zusätzlicher Verschuldung genutzt und konsumiert werden können, ist auch die einzige Möglichkeit, den Wohlstand - des Einzelnen, wie der Gesamtbevölkerung - direkt an der hervorgebrachten Leistung zu bemessen.
Gerechter Lohn folgt der Formel:
 
Lohn = Preis x Menge
 
Gewinne, Zinsen, Pachten, Verwertungsrechte, die, wenn sie denn in die Preise einkalkuliert werden, nur bewirken, dass der vollständige Absatz der Produktion nur mittels Neuverschuldung erreicht werden kann, stellen Formen der ungerechtfertigten Bereicherung dar, die von einer entwickelten Gesellschaft nicht länger toleriert werden sollten.
 
Und die Lösung?
 
Folgt nächste Woche.
Muss ja schließlich auch irgendwie haushalten, mit meiner Zeit.
 
 
 
 

 
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Reaktionen auf diesen Paukenschlag
Lieber Herr Kreutzer,

Experten mit "gesträubtem Haar" und "geschärftem Sinn" ... köstlich!

Vielen Dank für einen wie immer erhellenden Paukenschlag.

Ich halte soeben auch das neue Buch in den Händen. Sieht klasse aus und wird auch deswegen einen Spitzenplatz in meinem Regal bekommen, damit ich es immer griffbereit habe.
Zwei Kapitel sind, so glaube ich wenigstens, aus meinen Fragen an Sie entstanden (DRECKsperten und Albrecht Müllers Frage). Das macht dieses Buch für mich natürlich umso wertvoller.

Mit besten Grüßen


Guten Morgen Herr Kreutzer,

wieder eine Erhellung eines trüben Morgens, die Enkel die uns diesen Irrsinn als "soziale" Marktwirtschaft in Zeiten der Glöbalisierung verkaufen, sollten sich die Worte ihrer Großväter zu Herzen nehmen:

Ahlener Programm / CDU 1947:
"Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. (...)
Inhalt und Ziel (einer) sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten,
die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert."

Beste Grüße

u
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