Paukenschlag am Donnerstag
No. 14/2009
vom 9. April 2009

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Schokohasen - Opium fürs Volk?

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2009 (ältere)
1 Steinbrück, Peer
2 Die Würde des Menschen ist nicht mehr ertastbar
3 Asymmetrisches Treiben
4 Wenn Banken baden geh'n - Bad Bank
5 Schuldenbremser
6 Die Liquiditätsblase
7 Abwrackprämie für Bänke
8 Bankenkrisenprotektion
9 Währungskrieg gegen die Eurozone
10 Opel, zum Beispiel
11 Billionen- und Konsonantenverdoppelung
12 Im falschen Film -
Die Krisen-Illusion
13 Wie aber soll eine neue Welt entstehen?
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Schokohasen - Opium
fürs Volk?
 
Ostern, das Fest der Christenheit schlechthin, hat unter sehr vielen Menschen des christlich-abendländischen Kulturkreises seinen christlich-abendländischen Sinn verloren. Die Tünche der Religion ist allenthalben vollständig abgeplatzt, und darunter kommt die ursprüngliche Freude über das Ende des Winters in allerlei ostereierbunten Bräuchen und Ritualen zum Vorschein.
 
Die nachstehende, mit scharfer Ironie und mildem Zynismus angereicherte Festerklärung wendet sich nicht gegen den Gedanken der Nächstenliebe, die es unter den "Heiden" als Teil ihrer Menschlichkeit schon gegeben hat, bevor sie zu Christen konvertierten.

Es gibt auch keinen Grund, die Tröstungen der Religion zu schmähen.
Menschen, die herbe Verluste hinnehmen mussten, Menschen, die dem eigenen Tod begegnen, sind für Trost und Beistand dankbar, wobei es keinen Unterschied macht, ob Trost und Beistand von nahen Angehörigen, vom in Tierfelle gehüllten Schamanen oder vom in seine Amtstracht gewandteten Seelsorger gebracht werden - solange der Trostbedürftige dementsprechend sozialisiert ist.
 
Vieles, was menschliches Leben und Zusammenleben erträglich macht, wird von den Religionen als Verpflichtung angesehen und gelebt. Viele Religionsgemeinschaften überleben jedoch auch nur, weil sie ihre Mitglieder mit dem Kitt aus Trost, Beistand und Nächstenliebe an sich binden und zusammenhalten.
 
Menschlichkeit ist jedoch älter, als die christliche Religion.
 
Christen, die dem widersprechen wollen, müssen sich Überheblichkeit und Arroganz vorhalten lassen.
 
Menschlichkeit ist auch in der Christenheit, trotz des Gebots der Nächstenliebe, nicht weiter verbreitet, als außerhalb der Christenheit.
 
Christen, die dem widersprechen wollen, sollten sich mit der Geschichte der Mutter Kirche auseinandersetzen und auch die Gegenwart und die jüngste Geschichte nicht auslassen. Guantanamo wurde von einem der mächtigsten Christen dieser Welt errichtet - und Christen sträuben sich dagegen, den dort gequälten Opfern jener Folterknechte, die man heutzutage verharmlosend Verhörspezialisten nennt, in ihren Heimatländern Asyl zu gewähren.
 
 
Zu Ostern feiert die Christenheit nicht ihre Erlösung,
sondern die Verschiebung ihrer Erlösung
auf unbestimmte Zeit.
 
 
Und das geht, weil wir nun mal Rituale brauchen, so:
 
 
Donnerstag:
 
Menetekel am nullten Tag
 
Allüberall legen wildgewordene Hasen Eier, auch lebendgeborene Hasennachbildungen, überwiegend aus Schokolade mäßiger Qualität zu unmäßigen Preisen, werden in sogenannte "Nester" gelegt. Kinder ab 2 Jahren - auf der nach oben offenen Kindisch-Skala - stopfen daraufhin schnellstmöglich alles Schokoladig-Zuckrige in sich hinein, dessen sie habhaft werden können.
 
Die Menschen kratzen sich verwundert am Kopf, noch ist ja nichts passiert.
Gegen Abend verschwinden die Hasen so unvermittelt, wie sie erschienen sind.
Kein Wunder. Die drei Tage, um die es geht, haben ja noch gar nicht begonnen.
Das Hasenspektakel ist nicht biblischen Ursprungs.
 
 
Freitag:
 
Fischeslust beim Gedenken an den ersten Tag
 
Allüberall wird einer Hinrichtung gedacht, die vor etwa 1979 Jahren auf einem Hügel nahe Jerusalem stattgefunden hat. Wo die Folterungsszene von frommen Christenmenschen nicht nachgespielt oder wenigstens nachgestellt wird, ergötzt man sich an bildlichen Darstellungen davon und erbaut sich an den Reden, die von den Erinnerungspredigern zur Erinnerung an das bittere Leiden gehalten werden.
 
Aus unerfindlichen Gründen ist der Genuss des Fleisches von Säugetieren und Vögeln verpönt, stattdessen wurden schon Wochen vorher, in Vorbereitung auf das Gedenken an die Hinrichtung, die Meere, Seen und Bäche leergefischt, da das Fleisch der Fische aus unerklärlichen Gründen verzehrt werden darf.
 
Zur gleichen Religion gehört aber auch das Erinnern an den allerersten ersten Tag. Von den Geschehnissen am ersten ersten Tag berichtet ein ungenannt bleiben wollender Augenzeuge: "Gott sah, daß das Licht gut war und schied das Licht von der Finsternis."
 
 
 
Samstag:
 
Intermezzo am zweiten Tag
 
Säugetier- und Vogelfleisch, auch Fischfleisch, sowie die restlichen Schokoladeneier stehen auf dem Speiseplan. Die Kruzifixe hängen wieder unbeachtet da, wo sie immer hängen.
 
Am ersten zweiten Tage, daran sei hier kurz erinnert, machte Gott, nach den Worten des anonymen Chronisten, die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste.
 
Am zweiten Tag, dem Tag nach der Kreuzigung, ging in Jerusalem alles seinen gewohnten Gang. Die Pharisäer pharisäten, die Römer römerten und die Jünger trauerten.
 
Das Gedenken an den zweiten zweiten Tag bleibt daher auch in unserer Zeit eher diffus bis indifferent. Es werden kaum diesbezügliche Reden geredet.
 
Die Menschen kratzen sich weiterhin verwundert am Kopf.
Es ist immer noch nichts Außergewöhnliches geschehen.
Wiewohl der dritte Tag unmittelbar bevorsteht.
 
 
Sonntag:
 
Der dritte Tag
 
Auf! Aufer! Am Aufsten!
Aufstehen! Auferstehen!
 
Der dritte Tag ist im christlich-abendländischen Kulturkreis der Tag der Lämmer. Mit Kräutern der Provence kommen sie auf den Tisch. Fleisch, das am Freitag, dem Tag des Gedenkens an die Hinrichtung, verpönt war, ist am dritten Tag die Krönung der Festtafel.
Die Auferstehung der Lämmer ist nicht geplant. Womöglich ist die Erinnerung daran aber auch nur verlorengegangen, in den letzten 2.000 Jahren.
 
Am ersten dritten Tag, auch daran erinnert der bereits erwähnte Chronist, befahl Gott dem Wasser, sich an besondere Örter zu sammeln, dass man das Trockene sehe.
 
 
Montag:
 
Resteessen und Regeneration
 
Die drei stressigen Tage mit Fisch und Folter, Fleisch und Auferstehung sind vorbei. Bei schönem Wetter darf nun nach Kräften ausgeflogen werden. Dafür wurde vorher vom geschäftstüchtigen Einzelhandel eingeflogen, was auf dem Seewege verdorben wäre.
Erdbeeren aus Israel, zum Beispiel, direkt neben der Via Dolorosa gepflanzt, gedüngt, bewässert und geerntet, österlicher gehts nicht mehr - sind als Dessert in jedem besseren Restaurant im Angebot.
 
Am vierten Tage gebot Gott der Erde, so der Chronist, Gras und Kräuter und fruchtbare Bäume hervorzubringen.
Vom ersten bis zum vierten Tag eine (wenn auch verkürzte) Reihenfolge, wie aus dem Lehrbuch der Evolutionsgeschichte. Ein Gedanke, für den man vor ein paar hundert Jahren auch schon mal als Ketzer verbrannt werden konnte, wenn die Kirche glaubte, mit einem Fanal ihre Allmacht beweisen zu müssen.
 
Menschen mit Weitblick beginnen am vierten Tag die Planung der Speisefolge des Pfingstfestes.
 
 
Dienstag:
 
Tag eins nach Ostern
 
Der Abwrackprämienbeantragungsserver ist weiterhin überlastet.
Frau von der Leyen übt sich erneut in der wundersamen Vermehrung der Deutschen.
Zu Guttenberg sagt ein paar mehr oder minder bereits bekannte Sätze.
 
Wieder einmal alles gutgegangen.
Der Supergau ist ausgeblieben.
Normalität kehrt ein.
 
Stellen Sie sich vor, was hätte geschehen können!
Stellen Sie sich vor, christlicher Glaube hätte sich in Realität verwandelt!
Stellen Sie sich vor, das Jüngste Gericht träte zusammen und erhöbe Anklage gegen Sie!
Stellen Sie sich vor, Sie hätten versäumt, sich rechtzeitig Ihre Sünden vergeben zu lassen!
Stellen Sie sich vor, diese kleine Unterlassung würde ab sofort mit ewiger Verdammnis bestraft!
 
Jesus ist gestorben, heißt es, damit Sie sich retten lassen können.
Aber Sie hätten es wollen müssen. Vorher!
 
GAME OVER
 
 
Das Kleingedruckte:
Berechtigte Kritik am Papst alleine berechtigt ebensowenig zur Teilnahme an der ewigen Herrlichkeit
wie ein einwandfreies Führungszeugnis.

Wenn Sie wüssten, was Sie da, laut Taufschein und Kirchensteuerbescheid alles glauben,
würden Sie möglicherweise anfangen, darüber nachzudenken.
 
 
Jetzt, wo Ostern vorbei ist,
sei zuletzt auch eine verallgemeinernde Betrachtung
über das Sterben von Hoffnungsträgern gestattet.
 
Die meisten großen Hoffnungsträger starben eines gewaltsamen Todes.
Fragt man sich, warum, fällt es einem wie Schuppen von den Augen:
 
Während Hoffnungslosigkeit zu Resignation, Resignation zu Duldsamkeit, Duldsamkeit zu Folgsamkeit führt, macht Hoffnung die Gedanken frei, zeigt auf, was alles möglich wäre, schärft den Blick für die Hindernisse und öffnet dem Entschluss zur Tat die Pforten.
 
Abraham Lincoln, Mahatma Ghandi, Martin Luther King, John F. Kennedy, Che Guevarra, John Lennon, Rudi Dutschke und Anwar al Sadat seien hier nur beispielhaft erwähnt, um mit den Namen der Bekanntesten die Erinnerung daran zu wecken, dass Jesus nicht die Ausnahme, sondern nur eine Bestätigung der Regel war.
Wer die Spuren Hunderter weiterer gemeuchelter Hoffnungsträger finden will, muss etwas tiefer in der Geschichte nachgraben*). Da findet er sie, einen nach dem anderen.
 
Eine allgemeine Hoffnung für das Volk darf niemals auf die Gegenwart gerichtet sein. Wer solche Hoffnung schürt, macht sich über kurz oder lang, nach geschriebenen oder ungeschriebenen Gesetzen strafbar.
 
 
Hoffnung muss stets auf eine ferne Zukunft (in Perfektion auf das Jenseits) bezogen sein, dann macht sie die Hoffnungslosigkeit der Realität erträglich, dann werden Resignation, Duldsamkeit und Folgsamkeit zu Tugenden - und jeglicher Versuch einer Auferstehung oder gar eines Aufstands des individuellen oder gemeinschaftlichen Freiheitswillens gerät unweigerlich zur Sünde.
 
 
Hosianna!
 
Haben Sie nicht auch ein bisschen Angst um Obama?
 
 
 
 

*) Hier, zum Beispiel:
 
 
 
Heben Sie Ihren Lieblingspaukenschlag ins Buch.
 

Der EWK-Verlag plant eine Art "best of"-Auswahl aus allen Aufsätzen und Paukenschlägen der Jahre 2003 bis 2009 als Hardcover-Ausgabe herauszubringen. Die Auswahl der besten Aufsätze überlassen wir Ihnen.

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Reaktionen auf diesen Paukenschlag

Verehrter Herr Kreutzer,
dieses störrisch-vorbehaltlose Denken, diese eigensinnige Logik und Ihre sonstigen Unarten in dieser Richtung wird man Ihnen schon noch abgewöhnen. Keine Sorge, in ein paar Jahren werden 'die' es geschafft haben.


Frohe Ostern und danke!




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