Paukenschlag am Donnerstag
No. 10/2009
vom 12. März 2009

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

keine
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OPEL, zum Beispiel

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2009 (ältere)
1 Steinbrück, Peer
2 Die Würde des Menschen ist nicht mehr ertastbar
3 Asymmetrisches Treiben
4 Wenn Banken baden geh'n - Bad Bank
5 Schuldenbremser
6 Die Liquiditätsblase
7 Abwrackprämie für Bänke
8 Bankenkrisenprotektion
9 Währungskrieg gegen die Eurozone
 
 
 Antides
 
 Volkszornindex

Der aktuelle Wert
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
OPEL, zum Beispiel
 
OPEL ist nicht nur in die Krise, sondern - sehr zur Freude profilierungsbedürftiger Politiker - zugleich auch in den Bundestagswahlkampf geraten.
 
Während sich die einen vor ihrer Klientel rühmen, allerlei gute Argumente für die Rettung des Autobauers vorgetragen zu haben, erhoffen sich andere Applaus dafür, dass sie sich bemüht haben, mindestens ebensogute Argumente gegen die Rettung von zigtausend Arbeitsplätzen in die Debatte geworfen zu haben.
 
Dass sich die meisten dieser Argumente qualitativ kaum von den windigen Ausreden unterscheiden, mit denen das untätige Abwarten und die peinliche Entscheidungsschwäche der Regierung bemäntelt werden sollen, macht es nicht leichter, sich im Wirrwarr des Geschwätzes, in der Kakophonie der Stellungnahmen der Großkoalitionäre zurechtzufinden.
 
OPEL wäre - das wird jetzt überdeutlich - ein wunderbares Beispiel, um zu erklären, wie Politik in Deutschland funktioniert.
 
Weil das "Problem OPEL" nicht von der Politik und ihren Spin-Doktoren sorgfältig geplant und inszeniert wurde, weil es sich nicht um eines der üblichen manipulativen Scheinproblemchen handelt, mit denen, ganz nach Belieben, Stimmung gemacht oder Ablenkung angeboten werden soll, sondern weil das "Problem OPEL" die Politik unvorbereitet getroffen hat, wird das Fehlen jeglicher Grundsätze und Prioritäten, die Abwesenheit echter Wertvorstellungen und zuverlässig fester Charaktere so peinlich offenbar, dass man sich fragen muss, ob es wirklich stimmt, dass jedes Volk die Regierung hat, die es verdient.
 
Aber das ist eine andere Geschichte.
 
 
Das "Problem OPEL" lässt auch einen Einblick in das Funktionieren des Kapitalismus zu.
 
Das darzustellen, ist in der akuten Krise des Kapitalismus wichtiger, als sich mit den Symptomen der längst chronischen Krise unserer dahinsiechenden Demokratie zu befassen.
 
 
Fakt:
OPEL ist ein Teil der weltweiten Automobilindustrie.
 
Fakt:
 
Die Gesamtkapazität der weltweiten Automobilindustrie ist höher als die weltweite Nachfrage nach Automobilen.
 
Spruchblasen:
 
  • Es bestehen Überkapazitäten.
  • Der Markt muss bereinigt werden.
  • Die Stärksten und Besten werden überleben.
  • Wer OPEL rettet, schadet allen anderen Automobilherstellern.
  • ...und OPEL ist sowieso zu klein, um eigenständig überleben zu können.
 
Wahr ist:
 
Zwischen Nachfrage und "Bedarf", Begriffen, die leicht zu verwechseln sind, besteht ein grundlegender Unterschied.
 
Bedarf
an Neuwagen gäbe es weltweit so viel, dass die gesamte Automobilindustrie weltweit auf Jahre hinaus ihre Kapazitäten auslasten könnte.
 
Nachfrage
ist leider aber erst dann zu verzeichnen, wenn der Bedarf mit der notwendigen Kaufkraft einhergeht.
 
Um die notwendige Nachfrage zu erzeugen, müssten diejenigen, die den Bedarf haben, auch das Geld haben, um die vielen neuen Autos, die hergestellt werden könnten, bezahlen zu können. Sie haben es aber - trotz Abwrackprämie - längst nicht alle.
 
Es heißt, die weltweite Krise sei daran schuld.
Doch hinter der weltweiten Krise steckt die weltweite Globalisierung.
Und hinter der weltweiten Globalisierung stecken die Global Player und die Regierungen, die ihnen die Standorte für ihre Spielchen zur Verfügung stellten und stellen.
 
Gleichnis:
 
Ein Schiff ohne Schotten läuft sehr schnell vollständig voll,
wenn sich irgendwo unterhalb der Wasserlinie ein Leck auftut.
Ein Schiff mit Schotten, ein Land, ein Staat, eine Volkswirtschaft ...
 
Eine Volkswirtschaft, die in der Lage ist, die Schotten dicht zu machen, wenn es darauf ankommt, kann - allen neoliberalen Lügenmärchen zum Trotz - die Havarie aus eigener Kraft überstehen und den sicheren Hafen erreichen.
Ein Staat, der den Kräften des Kapitals Tür und Tor weit öffnet und sich verpflichtet, die Interessen des internationalen Kapitals höher zu achten, als die angestammten Rechte der eigenen Bevölkerung, ist über kurz oder lang dem Untergang geweiht.
 

Aber wir wollten über OPEL sprechen.
 
Fakt:
 
OPEL ist ein Teil der industriellen Erzeugung am Standort Deutschland.
 
Fakt:
 
Die Gesamtkapazität der deutschen Industrie ist größer als die inländische Nachfrage nach den Produkten der deutschen Industrie.
 
 
 
Spruchblasen:
 
  • Wir sind Exportweltmeister.
  • Unsere Stärke ist der Export.
  • Wehe uns, wenn der Export einbricht!
  • Der Export sichert unsere Arbeitsplätze.
  • Ohne den Export träfe uns die Krise noch viel stärker.
  • Dass der Exportweltmeister unter einer internationalen Krise besonders leidet, ist klar, doch darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass es uns ohne Export noch viel schlechter ginge.
 
 
Wahr ist:
Inländische Nachfrage bedeutet natürlich auch im Inland mehr als nur bloßen Bedarf. Damit Bedarf zu Nachfrage wird, brauchen die Bedarfsträger Geld.
Es ist nun aber auch in Deutschland nicht genügend Geld vorhanden, um alle neuen Autos - und überhaupt alle Produkte der deutschen Industrie - an die deutsche Bevölkerung verkaufen zu können.
 
Aha:
Die Globalisierung hat eine gleichmacherische Komponente.
Es besteht kein Unterschied mehr zwischen Deutschland und dem Rest der Welt.
Die Kapazitäten sind im Kleinen wie im Großen insgesamt größer als die Nachfrage.



Intermezzo

Gelegentlich google ich nach Stichworten aus meinen eigenen Texten. Das führt dann regelmäßig in Foren, wo sich Menschen, mal ernsthaft, mal belustigt, mal friedlich mal streitbar, mal höflich, mal beleidigend über den einen oder anderen Satz aus dem einen oder anderen Aufsatz hermachen.
 
Neulich bin ich auf eine Diskussion gestoßen, bei der mehrere Poster ein Problem mit der folgenden Argumentation hatten:
    (sinngemäß)
    In einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit gewinnorientierten Unternehmen sind die Preise der Waren und Leistungen höher als die Löhne der in den Unternehmen Beschäftigten. Die Beschäftigten sind also niemals in der Lage, die von ihnen erzeugten Güter und Leistungen zu kaufen.

 

 
Ein Poster kam in diesem Forum auf die glorreiche Idee, diese Argumentation führe in ein unauflösliches Paradoxon:
    Sollte die Kaufkraft nicht ausreichen, die Güter und Leistungen zu den geforderten Preisen abzunehmen, könnte es ja auch keine Gewinne geben. Da es aber Gewinne gibt, müsse ich mich fragen lassen, wo das Geld für die Gewinne herkommt.

 

 
Nun, ich habe mich dort nicht eingemischt.
 
Der Poster hat Recht. Jedenfalls vom Ansatz her.
Das Geld für die Gewinne ist nicht da.
In der globalisierten Welt schon gar nicht.
Aber wir haben ja glücklicherweise Banken.
Banken vergeben Kredite.
Kredite bringen Kaufkraft in den Markt.
Solange stets mehr Kredit gewährt wird, als an Tilgung (und Zins) zurückfließt, kann auch mehr Nachfrage auftreten, als mit den Löhnen in den Markt gebracht wird,

...und schon ist auch das Geld für die Gewinne da.


Aber wir wollten über OPEL sprechen.
 
Um die Frage zu beantworten, ob OPEL als deutscher Automobilproduzent gerettet werden soll (wie, ist noch gar nicht relevant), bräuchte die Politik zunächst einmal nichts anderes, als eine eindeutige Meinung zu der Frage:
 
Gibt es in Deutschland einen ausreichenden Bedarf
(nicht Nachfrage)
an Neufahrzeugen,
der die Erhaltung der Kapazitäten von OPEL rechtfertigt?
 
 
Und es braucht dazu tatsächlich lediglich die Bekundung einer Meinung, meinetwegen sogar die Verkündung einer gefestigten Überzeugung.
Eine wissenschaftlich fundierte Lösung für die vorliegende Gleichung mit ihren vielen Unbekannten ist für eine klare politische Richtungsentscheidung überflüssig.

Aber genau diese scheinperfekte Lösung, diese vor lauter Unwägbarkeiten vollkommen haltlose Aussage erwartet unser neuinstallierter und von der ersten Sekunde an ungeahnt medienpräsenter Wirtschaftsminister, dessen Adelsprädikat in Würdigung seiner Omnipräsenz vom einfachen "von und zu" auf das ausdruckstärkere "von und immerzu" aufgeblasen werden sollte. Der detaillierte und nachprüfbare Rettungsplan, den er von den OPEL-Managern verlangt, wäre selbst dann nicht mehr als eine Ansammlung hoffnungsfroher Prognosen, die jeder hergelaufene Kaufmannslehrling mit aus der Luft gegriffenen Annahmen in eben dieser zerreißen könnte, handelte es sich bei OPEL nicht um die Tochter von GM in Amerika ...


Zurück zur Fragestellung:

Wenn die Regierung der Meinung sein sollte, ein Bestand von rund 40 Millionen Pkw sei - unter Abwägung aller Aspekte -- von Straßenbau und Parkgebühren bis Umweltschutz und Mineralölsteueraufkommen -- vollkommen ausreichend für 80 Millionen Bürger
- und die Kapazitäten von Mercedes und Ford, BMW und VW, Audi und Porsche, sowie der nicht vom Markt zu verbannenden Importmarken seien vollkommen ausreichend, um den Ersatzbedarf zu befriedigen -
 
dann kann man OPEL ruhig untergehen lassen.

Selbst wenn OPEL bis dato ein Segment bedient hätte, das von den übrigen Herstellern vernachlässigt wurde - es würde nicht lange unbesetzt bleiben. Die Industrie holt die Kaufkraft ab, wo sie zu finden ist.
 
Ist eine Regierung jedoch der Auffassung, dass 40 Millionen Pkws längst nicht ausreichen,
um die erwünschte Mobilität der Bevölkerung herzustellen, dann, und nur dann,
wird die Beantwortung der Frage, ob OPEL gerettet werden sollte, oder lieber nicht, etwas diffiziler.
 
Dann muss man sich nämlich fragen, ob der Untergang des Herstellers OPEL die Herstellung der erwünschten Mobilität der Bevölkerung behindern würde.
Ist das nicht der Fall, kann man OPEL über die Klinge springen lassen.
 
Besteht jedoch keine "günstigere" Möglichkeit, die Versorgung mit Automobilen sicherzustellen, dann muss man OPEL retten.
 
Aha:
 
Ist OPEL gerettet, wird man feststellen, dass sich die Situation nicht im geringsten verändert hat. Es wird weiterhin Überkapazitäten geben, denen eine viel zu geringe Kaufkraft gegenübersteht, um sie auszulasten.
 
Das Ziel,
die Bevölkerung mit mehr Autos zu versorgen,
wird nämlich nicht dadurch erreicht,
dass man ausreichend viele
Automobilfabriken im Lande hat ...
 
 

Es geht ja auch gar nicht um Autos.

Es geht um die Frage:
 
"Wie viel Wohlstand soll der Bevölkerung zugebilligt werden?"
 
Hätte sich Deutschland nicht mit vereinten Kräften von Politik und Wirtschaft ins Zeug gelegt, um das Einkommen der breiten Masse der Bevölkerung im Verhältnis zum Sozialprodukt radikal zu senken, hätte Deutschland sich nicht angestrengt, seine Produktivität mit Dumpingpreisen in den Export zu drücken, wir hätten nicht nur die Fabriken im Lande, wären nicht nur Produktionsstandort, wir hätten zum Angebot auch die Nachfrage, zum Bedarf auch das Geld. Wir hätten mehr Kaufkraft im Binnenmarkt und die Bevölkerung, die sich in den Fabriken damit beschäftigt, Autos und andere Güter herzustellen, könnte einen größeren Teil dessen, was sie erzeugt, auch für den eigenen Bedarf nutzen.

Intermezzo zwei

ungefähr so intelligent wie die Argumentation in manchen Internetforen, ist die Argumentation jener Politiker, die fordern, der Staat müsse Steuern und Beiträge senken, damit den Menschen "MEHR NETTO VOM BRUTTO" bliebe.

Zu suggerieren, Geld, das beim Staat landet, sei für die Menschen verloren, weil es der Staat auf eine unerklärliche Art und Weise vernichtet, sobald es ihm zufließt, ist ungefähr ebenso seriös, wie die Suggestion, Gewinne, die ausländischen Investoren aus der Tätigkeit der ihnen eigenen inländischen Unternehmen zufließen, seien ein Segen für die Republik. Eine Behauptung, die sich,ohne je ausgesprochen worden zu sein, aus der gebetsmühlenartig vorgetragenen Forderung, Deutschland habe unter allen Umständen für ausländische Investoren attraktiver zu sein, als jede andere Region dieser Welt, im Rückschluss zwangsläufig ergibt.
 
OPEL, das von General Motors beherrschte Unternehmen, hat in Deutschland keine Steuern bezahlt. Dass es Politiker gibt, die dies jetzt entdecken und damit voll gespielter Empörung Stimmung gegen die OPEL-Rettung machen, ist skandalös.

    Praktisch jedes Unternehmen, das eine Mutter oder eine Tochter im steuergünstigeren Ausland hat, hat die Möglichkeit, seine Gewinne da anfallen zu lassen, wo die Steuerlast am geringsten ist. Das gilt auch für sogenannte "deutsche" Unternehmen, wie etwa Siemens, Daimler oder die Post (Deutsche Post World Net heißt die Aktiengesellschaft, der Herr Zumwinkel vorstand) und viele, viele andere. Politiker wissen das, sie geben es aber nur selten zu.
 
 
Fakt:
Geld, das beim Staat landet, wird von diesem innerhalb kürzester Zeit und nahezu rückstandsfrei wieder in den Markt gegeben.
 
  • Die Löhne und Gehälter der Arbeiter und Angestellten der Öffentlichen Hand sind Kaufkraft.
  • Die Besoldung von Soldaten und Beamten ist Kaufkraft.
  • Die Zuschüsse des Staates zu den Sozialsystemen bringen, so wie die Sozialsysteme selbst, Kaufkraft für Rentner und Arbeitslose, für Kranke und den Medizinbetrieb.
  • Die Investitionen des Staates fließen an Unternehmen aller Wirtschaftszweige und sind notwendige Bestandteile der Löhne und Gehälter der dort Beschäftigten.
 
 
 
Und auch das ist Fakt:

Mehr Netto vom Brutto

für die Lohn- und Einkommensteuerpflichtigen,
heißt auf der anderen Seite der Medaille:
 
  • Weniger öffentliche Investitionen,
  • weniger Beschäftigte im Öffentlichen Dienst,
  • noch weiter sinkende Renten,
  • noch weiter sinkende Leistungen an Arbeitslose,
  • noch schlechtere medizinische Versorgung -
  • und damit noch größere Gewinnchancen für eine längst über das sinnvolle Maß hinaus aufgeblasene Exportwirtschaft.


Nein, es geht nicht um Autos.
 
Die Frage lautet:
Wollen wir wirklich immer noch Wohlstand für alle?
 
Wer Banken Hunderte von Milliarden zur Verfügung stellt -- gleichgültig zu welchen Anteilen als Geschenk, als Beteiligung oder als Bürgschaft -- tut nichts für den allgemeinen Wohlstand.
 
Im Gegenteil.
Wer Banken Hunderte Milliarden zur Verfügung stellt, unterstützt ausschließlich die Eigentümer der Banken und rettet das Vermögen der Anleger.
 
Wer zur Begründung dieser Milliardengeschenke die Behauptung aufstellt, Banken seien "systemrelevant", der muss sich die Frage gefallen lassen,
 
Was ist das denn für ein obskures System?
Und warum muss ein so seltsames System, das ohne Banken, die Hunderte von Milliarden verzocken, nicht lebensfähig ist, auf unsere Kosten erhalten werden?
Welchen Nutzen haben wir von diesem System, das in seiner Gier nach Geld weit unersättlicher ist, als die Drachen der Sagenwelt in ihrer Gier nach Jungfrauen?

Wo bleibt St. Georg?
 
 
Wendet man auf dieses obskure System die Entscheidungslogik an, die man auf OPEL anwenden sollte, dann müsste die Regierung Ihre Meinung zu folgender Frage auf den Tisch legen:
      Gibt es in Deutschland einen ausreichenden Bedarf
      an innovativen Finanzprodukten,
      der die Erhaltung bankrotter Banken rechtfertig?

 

 
Und auch dabei kann es es sich lediglich um eine Meinung handeln, meinetwegen um eine gefestigte Überzeugung, wie man sie in Parteiprogrammen niederschreibt, aber nicht um die wissenschaftlich fundierte Lösung einer Gleichung mit mehreren Unbekannten.
Da es auch diese Lösung nicht geben kann -- es sind ja die Politiker selbst, die am lautesten behaupten, kein Mensch verstünde mehr, wie die "toxischen Produkte" die uns die Systemrelevanz der Banken beschert hat, eigentlich funktionieren -- ist es besser, man bildet sich die Meinung per Augenschein und Bauch, denn die Folgen sind offensichtlich, und das bescheidene Gefühl, das die Krise auslöst, sollten auch Politiker verspüren, wenn sie in stiller Stunde mit ihrem Gewissen alleine sind.
 
Wenn eine Regierung meint,
für die Aufrechterhaltung des Giro-Systems, und für die Aufrechterhaltung der Kreditversorgung der Volkswirtschaft wäre weder die HRE noch die IKB erforderlich, dann kann man beide ruhig untergehen lassen (und noch einige weitere dazu).
 
Ist eine Regierung jedoch der Auffassung,
dass die Bankenlandschaft der Republik bei weitem nicht ausreicht, um das erwünschte Maß der Anlage- und Spekulationsgeschäfte zu bewältigen, in das man die Bevölkerung zur Sicherung des allgemeinen Wohlstands treiben will, dann, und nur dann, wird die Beantwortung der Frage, ob die HRE oder die HSH, die IKB oder die BayernLB gerettet werden sollte, oder lieber nicht, etwas diffiziler.
 
Dann muss man sich nämlich fragen, ob der Untergang der HRE und anderer am Tropf hängender Banken die Anlagewünsche und Spekulationsgelüste der Bevölkerung behindern würde. Ist das nicht der Fall, kann man die HRE und alle weiteren wankenden Banken getrost über die Klinge springen lassen.
 
Besteht
jedoch keine "günstigere" Möglichkeit, die als notwendig erachtete Versorgung mit Geldanlagen und Spekulationsgelegenheiten sicherzustellen, als auch die letzte bankrotte Bank zu retten, dann muss man die HRE und die HSH und wie sie alle heißen, retten.
 
 
Aha:
 
Ist die HRE gerettet, wird man feststellen, dass sich die Situation nicht im geringsten verändert hat. Die Banken werden, eingedenk ihrer Systemrelevanz weiterhin gefährliche Blasen und über diese Blasen gefährliche, aber systemrelevante Krisen in einem Ausmaß erzeugen, dass selbst der Staat kaum in der Lage sein wird, die Schäden zu reparieren.
 
Das Ziel,
die Spekulanten mit Spielgeld zu versorgen,
wird nämlich nicht dadurch gelöst,
dass man ausreichend viele Banken im Lande hat ...
 

Es geht ja auch gar nicht um Banken.
Es geht um die Frage:
 
"Wie viel Wohlstand soll dem Volk zugebilligt werden?"
 
 
Was in die Rettung der Banken fließt, das ist schon einmal auf der sicheren Seite. Da kann sich das Volk nur noch die Finger danach abschlecken.
Und je mehr in die Rettung der Banken fließt, je mehr dieses System, für das die Banken von besonderer Relevanz sind, mit neuen Staatsschulden gefüttert wird, desto weniger wird die Bevölkerung an dem Wohlstand teilhaben, den eben diese Bevölkerung (nicht etwa dieses System) hervorzubringen in der Lage ist, wenn man die Voraussetzungen dafür schafft.
 
Wichtigste Voraussetzung:

Dem Bedarf, der durch die Irrwege der neoliberalen Lehre in immer größerem Umfang unbefriedigt bleibt, durch Zufuhr von Geld, da wo es fehlt, die Chance zu geben, als Nachfrage aufzutreten.
 
Dann entstehen übrigens auch Arbeitsplätze.

 
Epilog und Moral
 
Wer OPEL rettet, ohne gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die notwendige Kaufkraft für die Abnahme der Produktion geschaffen wird, ist ein Narr.
 
Autos kaufen nämlich keine Autos.
 
Wer die HRE rettet, ohne gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Rettungsmilliarden innerhalb kürzester Zeit vollständig von denen wieder aufgebracht werden müssen, denen sie jetzt zufließen, ist ein noch größerer Narr.
 
Nicht, weil Autos keine Autos kaufen, nein, nein.
Weil neben dem Zocker, der verliert,
immer auch ein Zocker sitzt, der den Einsatz kassiert.
 
 
Dass Banken jetzt die Werte ihrer Aktiva berichtigen müssen, sagt doch nur, dass es reihenweise Schuldner gibt, die nicht mehr zahlen können.
Es sagt nichts über den Verbleib des Geldes, das an diese Schuldner verliehen wurde.
 
Die Schuldner haben es offenbar nicht mehr.
Es ist, und das kann niemand bestreiten, inzwischen wohlbehalten bei den Einlegern angekommen. Es hat sich auf unterschiedlichen Wegen in Guthaben von Begüterten verwandelt.
 
Dass man die Kredite niemals hätte ausreichen dürfen, stört aber diejenigen, die jetzt über die Guthaben verfügen, nicht im geringsten.
Die erwarten in aller unbescheidenen Dreistigkeit, dass jetzt der Staat das ausbügelt, was von Seiten der Banken immer noch als einen Art "Naturkatastrophe" dargestellt wird, was aber weder eine Naturkatastrophe noch Fahrlässigkeit, auch keine grobe Fahrlässigkeit, sondern ganz eindeutig Vorsatz war.
 
Vorsatz, dessen Ausführung bis in die höchsten Kreise der Währungshüter und der Regierungen hinein nach Kräften unterstützt wurde.

Moral

wird vergeblich gesucht.
 
 

Aber die Frage nach den Arbeitsplätzen bei OPEL,
die sollte noch beantwortet werden.


Ein System, das es nicht gestattet, bei steigender Produktivität über die Verkürzung von Tages-, Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeiten die notwendige Arbeit so zu verteilen, dass jeder einzelne sowohl einen angemessenen Teil der Arbeit verrichtet, wie auch einen angemessenen Teil des Erarbeiteten über die Entlohnung für sich beanspruchen kann, ist ein unsoziales, ungerechtes und unwürdiges System von Bereicherung durch Ausbeutung.
 
Wenn wir OPEL nicht brauchen, um die erwünschte Mobilität der Bevölkerung herzustellen und zu erhalten, dann müssen nicht zwangsläufig jene 100.000 Menschen, deren Job direkt oder indirekt an OPEL hängt, in die Arbeitslosigkeit entlassen werden.
 
Es würde völlig genügen, die wöchentliche Arbeitszeit aller Erwerbstätigen der Republik um 6 Minuten zu verkürzen.


Wirtschaftsweise halten das für unausgegorenen Blödsinn.
Sechs Minuten würde niemand spüren.
 
Aber gegen jede Forderung nach einer noch so geringen Arbeitszeitverkürzung wettern sie, als ginge es um Leben und Tod.
 
Was soll man da glauben?
 
Faustformel:
 
1 Stunde Wochenarbeitszeit (mehr oder weniger)
= 1 Million Arbeitslose (mehr, oder weniger)


Die hier aufgezeigte Sicht auf das System,
die Frage nach den tatsächlichen Funktionen dieses Systems,
und die Frage nach dem Systemversagen, das im Grunde kein Versagen,
sondern das in langen Zyklen immer wieder angestrebte Ziel ist, mit dem das finale Abräumen ermöglicht wird,

können Sie mit Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre, Band II, "Globale Konzepte", durchaus noch vertiefen.

Aber vermutlich haben Sie davon für heute schon genug.
Morgen können Sie ja hier mal klicken...
 WWW II -Globale Konzepte


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Reaktionen auf diesen Paukenschlag

An dieser Stelle werden Leser-Reaktionen in der Reihenfolge des Eingangs (jüngster Beitrag oben) veröffentlicht.
Ich behalte mir dabei Kürzungen vor und veröffentliche Reaktionen zum Schutz der Absender grundsätzlich anonymisiert.
Sehr geehrter Herr Kreutzer.

Meine Gedanken zu folgendem Kommentar zum Opel-Paukenschlag:
(es ist der hier ganz unten aufgeführte Kommentar)

Zitat:

"Sehr geehrter Herr Kreutzer!

Ich stimme Ihnen im grossen und ganzen zu. Zu Intermezzo No. 1 habe ich aber folgendes anzumerken: Der Gewinn des Unternehmers stellt genau wie das Einkommen des Arbeitnehmers Kaufkraft dar. Im Unterschied zu dieser wird diese jedoch groesstenteils nicht konsumiert, sondern investiert. Investiert der Unternehmer, so fuehrt das im guenstigsten Falle zu einer Nachfrage nach Investitionsguetern wie etwa nach Maschinen, Anlagen usw. Die Investitionsgueterindstrie beschaeftigt ebenso wie die Konsumgueterindustrie Arbeitnehmer. Die Produkte der Konsumgueterindustrie werden aber von den Arbeitnehmern sowohl der einen als auch der anderen Industrie gekauft. Somit ist zum Kauf der Produkte der Konsumgueterindustrie mehr Kaufkraft vorhanden, als der Unternehmer seinen Arbeitnehmern auszahlt, da ja die Kaufkraft der inder Investitionsgueterindustrie beschaeftigten Arbeitnehmer hinzukommt. Die Unternehmensgewinne stammen nicht aus Krediten.

Mit freundlichen Gruessen"

1) Selbst wenn dem so wäre, wie geschildert: Wieso soll die Konsumgüterindustrie ihre Güter zu so niedrigen Preisen anbieten, dass am Ende Kaufkraft übrig bleibt?

2) Wenn dem so wäre, wie geschildert (ständige Reinvestition der Investitionsrückflüsse) , müssten wir ein exponentielles Wachstum der Produktionskapazitäten beobachten. Davon kann nur in Einzelfällen die Rede sein. Im Gesamtbild der Volkswirtschaft(en) ist davon nichts zu sehen - derzeit sogar das Gegenteil.

3) Es ist eine Verkehrung von Ursache und Wirkung. Nicht Gewinne sind Voraussetzung für Investitionen, sondern Investitionen sind die Voraussetzung für Gewinne. Wenn eine Investition aus Gewinnen finanziert wird, dann sind das Rückflüsse vorangegangener Investitionen.
Wenn er recht hätte, wäre auf diesem Planeten nie ein Unternehmen gegründet worden, weil es ja vor seiner Gründung keinen Gewinne macht. Tatsächlich ist die Gründung eines Unternehmens - ohne das juristische Drumherum - eine reine Investition.

4) Es ist eine Verwechslung von Gewinn und GewinnERWARTUNG. Letztere geht tatsächlich der Investition voraus.
Wenn also jemand in seiner Sonntagsrede fordert, die Unternehmer müssen Gewinne machen, um wieder investieren zu können, fordert er in Wahrheit nichts anderes, als dass die Unternehmer ihre Gewinnerwartungen noch höher schrauben dürfen. Auf Deutsch: "Freie Fahrt für Habgier, Missgunst, Menschen- und Naturverachtung."

5) Viele Menschen können nur statisch denken, also nur momentane Zustände einigermaßen kognitiv erfassen. Dynamisch denken, also die Änderung von Zuständen über die Zeitachse zu erfassen, fällt viel schwerer.
Eine Denkkrücke ist es, mehrere Perioden (Jahre) als eine zu betrachten. Genau das tun ja auch Leute, die investieren: Sie betrachten nicht nur ein Geschäftsjahr, sondern die komplette Amortisationsperiode, an deren Ende die Investition mehr Geld eingebracht haben muss, als sie gekostet hat. Dass ein Unternehmer angeblich Gewinne erziele, um (später) Investitionen zu finanzieren, ist ein Trugschluss, der durch die Beschränkung der Betrachtung nur eines Geschäftsjahres ensteht (allgemeiner: der durch die Beschränkung der Betrachtung einer Periode entsteht, die kürzer ist als die Amortisationsperiode).
Man kann es einem Laien zeitlich noch weiter UND einfacher erklären: Ein Unternehmen ist nichts anderes als die Summe der in es gesteckten Investitionen. Am Ende seines GANZEN Lebens muss es mehr eingebracht haben, als für Gründung, Erfüllung seines Zwecks und Abwicklung aufgewendet wurden.

Auch werden häufig "Ersparnis" und "Investition" irrtümlich verwechselt oder (mit Täuschungsabsicht) gleichgesetzt.
Auch wird z. B. in der Argumentation pro Kapital gedeckte Rente ständig zwischen monetärer und realer Betrachtung gewechselt.

Daraus habe ich einmal die Idiotentestfrage entwickelt:
Wieviel Euro müssen gespart werden, um eine Investition von einer Million Euro zu finanzieren?
Übliche Antwort:
Eine Million Euro.
Richtige Antwort: null Euro.

Zu "brutto" und "netto" stellte ich in zwei Internetforen folgende Idiotentestfrage:

# In Land A werden Dir für einen Job
3000 Euro netto geboten, Abzüge vom Brutto (Steuern & Sozialabgaben): 50 %.
# In Land B werden Dir für exakt den gleichen Job
6000 Euro netto geboten, Abzüge vom Brutto: 90%.

Ein Drittel der Befragten entschied sich doch tatsächlich für den Job in Land A, wo weit weniger brutto wie netto für den gleichen Job in Land B bezahlt wird. Begründung: "Weil es in Land A gerechter zugeht."
Die üblichen Verdächtigen fingen an zu argumentieren: "ceteris paribus" sei gar nicht haltbar, Inflation in Land B.... oder zeigten sich sonstwie unfähig, auf eine einfache Frage zu antworten.

Fazit:
1) Zwei Drittel Hoffnung.
2) Der Gerechtigkeitssinn der Menschen lässt sich leicht fehlleiten.

(Die Frage lässt sich auch in der Variante stellen: Den gleich begabten Zwillingen A und B wird der gleiche Job in der Firma C geboten. Dem A zu den Konditionen x, y, z, dem B zu den Konditionen u, v, w. Wer von den beiden wird benachteiligt?)

Mit freundlichen Grüßen


Lieber Herr Kreutzer,

mir platzt der Kragen. Diese unsägliche Diskussion über die Automobilindustrie ist, mit Verlaub gesagt, eine Lachnummer.

Aber zuerst einmal muss ich Ihre Aussage:

„Niemand (der einigermaßen bei Trost ist) strebt Gewinne an, um sie zu investieren. Was hätte er denn davon?“

als Inhaber eines 20 Mitarbeiter zählenden Unternehmens relativieren. Es gibt noch Unternehmen, sehr viele sogar, die so arbeiten und nicht auf schnelles Geld sondern vielmehr auf Nachhaltigkeit ausgelegt sind. Diese Unternehmen sind es, die die Steuerlast in Deutschland schultern. Sie bezahlen damit ihren eigenen Untergang durch Sponsoring der Großunternehmen, die ihnen mit diesem Geld Wettbewerb machen. Wir haben keine Zeitarbeiter sondern nur gut bezahlte Mitarbeiter, die auch die Sozialvorschriften einhalten. Wenn wir eine Investition tätigen, sind wir ein „schlechter“ Kunde da wir nicht über Finanzierungen verhandeln, sondern über den Preis und die Skontohöhe.

Aber zu Opel. Ja hallo ????? haben denn hier alle Realitätsverlust ?

BMW und Daimler haben im Jahr 2008 jeder 700 Millionen für Leasingrückläufer abgeschrieben.
VW hat am 17.02.09 400 Millionen von der EIB bekommen. VW hat am 18.02.09 2 Milliarden vom SoFFin als Zusage erhalten.


VW 2,4 Milliarden Euro / Opel ?????
=0 A

Volkswagen behauptet: für die Händler und Endkunden. Die VW-Bank gibt keinem Händler (ausser Konzerneigenen) auch nur einen Euro zur Finanzierung von Autos (die wissen warum).
VW lässt sich die Mitarbeiter über Kurzarbeit bezahlen und keinen stört es. VW bekommt EU und Bundeszuschüsse ohne Ende und keinen stört es.
Über Schäffler und Merkle wird öffentlich diskutiert. Ja logisch, die Banken bewerten neu und erkennen so bei denen eine Finanzierungslücke, die über Privatvermögen verfügen. Dessen wollen sie natürlich habhaft werden.
Anders ist der Fall VW und Porsche. Durch die Bürgschaften und Zuwendungen (nur positive Pflichtmitteilungen) wird natürlich VW von den „Bankstern“ anders bewertet. Dies ist auch dringend
notwendig, da Porsche seit Wochen erfolglos über die Verlängerung ihres 10 Milliarden Kredites zur VW-Übernahme verhandelt. Da wird VW als Sicherheit bewertet und wir Deppen zahlen es.
=0 A

Zum Abschluss noch eines. Opel hat einen Gewinnabführungsvertrag mit GM. Das ist auch normal so.
Der Gewinn von VW rekrutiert sich so:
30 % durch Höchstpreise in Deutschland und Europa
30 % durch VW-Bank (nur Endkunden keine Autohäuser)
30 % durch zwanghafte Belieferung der Werkstätten mit Ersatzteilen (über Vertriebszentren)

Und dieses traurige Ergebnis (90 % durch depperte Käufer in Deutschland ) schaffen sie nur durch massives Sponsoring der Steuerzahler. Nur ein Beispiel: wer hat denn bitte die Aktion 5000X5000 bezahlt?


Ich beende jetzt meinen Beitrag da sonnst die Gefahr besteht das ein Buch daraus wird


Lieber Herr Kreutzer,

diesen Paukenschlag wünsche ich mir als Kommentar in den "Tagesthemen" der ARD. Ich bezweifele allerdings, dass auch nur ein Bruchteil der zu dieser späten Stunde vor der Glotze hängenden, schrumpfhirnigen Bundesmichel diese Botschaft auch nur ansatzweise begreifen würden.

Ich bitte, diese drastische Ausdrucksweise zu entschuldigen, es ist nur leider so, dass ich nach vielen, vielen Gesprächen und Diskussionen mit meinen Mitbürgern zu der Überzeugung gelangt bin, dass es absolut keinen Sinn macht, diesen das Prinzip und die Funktionsweise des Kapitalismus erklären zu wollen. Dies gilt sowohl für den sogenannten "Otto Normalverbraucher" als auch für die selbsternannten "Eliten", also Politiker, Rechtsanwälte, Unternehmer, Professoren und Beamte. Selbst bei den "Linken" stößt man auf vollkommenes Unverständnis - die glauben tatsächlich, dass sie die Lösung bei Karl Marx finden werden, wenn sie nur lange genug suchen!

Ich muss Ihnen ganz ehrlich gestehen, dass ich, obwohl ich als Wirtschaftsingenieur eigentlich über ausreichende Kenntnisse verfügen sollte, bis vor kurzem ebenfalls überhaupt keine Ahnung hatte, warum der Kapitalismus auf lange Sicht immer wieder existenzielle Krisen hervorgebracht hat und jetzt wieder hervorbringt. In meinem Studium wurden grundsätzlich nur die wunderbaren Kreislaufmodelle auf der Basis von Adam Smith´s "Wohlfahrt der Nationen" dargestellt, wo aus Angebot auch immer Nachfrage wird und der Zins ganz nebenbei und vollautomatisch für die "optimale Allokation der Ressourcen" sorgt.

Der leider schon viel zu früh verstorbene Hermann Benjes brachte mich mit seinem Buch "Wer hat Angst vor Silvio Gesell?" das erste Mal zum Grübeln. Und er führte mich über einige Umwege schließlich zu Egon W. Kreutzer, dem ich zu verdanken habe, dass ich endlich verstanden zu haben glaube, wie der Kapitalismus tatsächlich funktioniert. Vielen Dank dafür!

Leider gelingt es mir persönlich nur selten, anderen Menschen anhand des Tagesgeschehens die grundsätzliche Problematik deutlich zu machen. Die allermeisten Menschen können und wollen anscheinend nicht verstehen, bzw. sie sind aufgrund ihrer Vorbildung mit so vielen Brettern vor dem Kopf belastet, dass sie gar nicht verstehen können. Leider machen sie sich auch gar nicht erst die Mühe, verstehen zu wollen.

Viele, viele Ihrer Texte habe ich an mir bekannte Politiker weitergeleitet, an Landtagsabgeordnete der CDU, an Bundestagsabgeordnete der LINKEN, an Wirtschaftswissenschaftler, an Kabarettisten. Das Ergebnis war leider immer gleich Null!

Trotzdem werde ich nicht aufhören, die an sich so einfache Botschaft weiterhin allen zu verkünden, die ein offenes Ohr dafür haben, oder zumindest haben müssten:


"In einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit gewinnorientierten Unternehmen sind die Preise der Waren und Leistungen höher als die Löhne der in den Unternehmen Beschäftigten. Die Beschäftigten sind also niemals in der Lage, die von ihnen erzeugten Güter und Leistungen zu kaufen. Und solange stets mehr Kredit gewährt wird, als an Tilgung (und Zins) zurückfließt, kann trotzdem mehr Nachfrage auftreten, als mit den Löhnen in den Markt gebracht wird."

Egon W. Kreutzer


Leider handelt es sich hierbei um ein Schneeballprinzip. Spätestens wenn sich keine weiteren Schuldner mehr finden lassen, bricht alles in sich zusammen.

Mit besten Grüßen


Hallo Herr Kreutzer,

erfreulicher Weise ist Ihr Kommentar zu „Opel, …“, tiefgründig und scharfsinnig. Es wird klar, um was es hierbei wirklich geht.

Auch mir ist bereits seinerzeit, als unsere brillante Babuschka aus dem Kanzleramt davon sprach, dass Opel nicht systemrelevant sei, diese Merkwürdigkeit aufgefallen. Ich habe daraus geschlossen, dass für die Regierung das gesamte Finanzwesen sakrosankt ist, wohingegen alle anderen Unternehmen, welche noch echte Wertschöpfung hervorbringen, entbehrlich sind.

Die Metamorphose der BRD zur BRDF (Bundesrepublik für Finanzen) ist voll im Gange.

Dazu passt in geradezu idealer Weise unser neuer (...-)minister, Herr von und zu, oben und unten Karl-Theodor Guttenberg, (...). Ihn zum Wirtschaftsminister zu machen, halte ich für die total richtige Entscheidung, denn er wird sich als der perfekte Wirtschaftsminister für den Untergang erweisen.

Und dann fangen wir alle wieder neu an, aber dieses Mal, wie es sich gehört: Systemrelevant!

Viele Grüße


Sehr geehrter Herr Kreutzer!

Ich stimme Ihnen im grossen und ganzen zu. Zu Intermezzo No. 1 habe ich aber folgendes anzumerken:

Der Gewinn des Unternehmers stellt genau wie das Einkommen des Arbeitnehmers Kaufkraft dar. Im Unterschied zu dieser wird diese jedoch groesstenteils nicht konsumiert, sondern investiert. Investiert der
Unternehmer, so fuehrt das im guenstigsten Falle zu einer Nachfrage nach Investitionsguetern wie etwa nach Maschinen, Anlagen usw. Die Investitionsgueterindstrie beschaeftigt ebenso wie die Konsumgueterindustrie Arbeitnehmer. Die Produkte der Konsumgueterindustrie werden aber von den Arbeitnehmern sowohl der einen
als auch der anderen Industrie gekauft. Somit ist zum Kauf der Produkte der Konsumgueterindustrie mehr Kaufkraft vorhanden, als der Unternehmer seinen Arbeitnehmern auszahlt, da ja die Kaufkraft der in
der Investitionsgueterindustrie beschaeftigten Arbeitnehmer hinzukommt. Die Unternehmensgewinne stammen nicht aus Krediten.

Mit freundlichen Gruessen
___________________
Anmerkung von Egon W. Kreutzer

Leider kann ich dieser Auffassung absolut nicht zustimmen, obwohl es ausreichend viele sog. Experten gibt, die versuchen, diese Sicht der Dinge in die Köpfe zu schwätzen.

Gewinn entsteht erst, wenn die Investition bezahlt ist, sich also amortisiert hat. Allen abweichenden kalkulatorischen und steuerlichen Sichtweisen zum Trotz.
Investitionen sollen Gewinne abwerfen, nicht Gewinne verschlingen - und sie tun das ganz überwiegend auch.
Vermehrte Investitionen sollen vermehrte Gewinne abwerfen - und auch das funktioniert.

Niemand (der einigermaßen bei Trost ist) strebt Gewinne an, um sie zu investieren. Was hätte er denn davon?

Es bleiben also durchaus in ganz nennenswertem Umfang Gewinne übrig, die in Deutschland bei mindestens 400 Milliarden Euro jährlich liegen dürften - von denen nicht ein Cent in Sachinvestitionen fließt.

u
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