30. Januar 2018

11.30 Uhr Woche der Wahrheit - Tage der Empörung

Auch der Titel dieses Tageskommentars bezieht sich auf den Themenschwerpunkt, den ich mir mit dem nächsten Paukenschlag gesetzt habe. Der erscheint wie üblich am Donnerstag und trägt den Titel: "Was ist überhaupt noch wahr?"

Der Innenbalkon von Kirchen, "Empore" genannt, ist der rechte Platz für rechtschaffene Empörung. Wer dort seinen Platz gefunden hat, darf sicher sein, sich im Vollbesitz der Wahrheit zu befinden und infolgedessen auch als oberste moralische Instanz über das Tun und Lassen seiner Mitmenschen zu richten.

Die Kirchen haben ihre Anziehungskraft verloren und bleiben meist leer, doch die Emporen der Empörung sind weiterhin voll besetzt. Es scheint ein Grundbedürfnis vieler entsprechend konditionierter Menschen zu sein, sich über alle anderen zu erhöhen und sich von der Empore aus, gut sichtbar und hörbar für alle, eifernd zu empören.

Tatsächlich gibt es durchaus gute Gründe für Empörung genug, doch wer solcherlei Empörung pflegt, muss den Mut aufbringen, sich den Großen und Mächtigen in den Weg zu stellen, unangenehme Fragen aufzuwerfen, die besseren Lösungen vorzutragen. Diesen Mut bringen jedoch nur wenige auf, und viele davon müssen ihren Mut bitter büßen, denn die Großen und Mächtigen lassen sich nicht so leicht in die Suppe spucken.

Tausendmal angenehmer ist es, sich zum Vorbeter oder Mitläufer einer Empörung zu machen, die - wie es heute so schön heißt - sachgrundlos aufbraust, weil die Großen und Mächtigen dem Pöpel ein Bauernopfer für die Empörung vor die Füße werfen und gewiss sein können, dass der Mob schon ganze Arbeit leisten wird. Ist das Bauernopfer auf dem Altar der Empörung vollständig verbrannt, hat sich zwar an den Zuständen bestenfalls nichts verbessert, aber die Empörten können sich in der ruhigen Gewissheit, das Richtige getan zu haben, so lange selbst beweihräuchern, bis die nächste Empörung ausgerufen und/oder durchs Dorf getrieben wird.

Soweit, so schlecht. Zeigt sich doch immer wieder, dass Empörung umso leichter herzustellen ist, je weniger die sich Empörenden mit Konsequenzen aus ihrer Empörung zu rechnen haben, ja dass sich freudig jeder mit-empören kann, dem es ein Grundbedürfnis ist, mit den Schafen zu blöken, zur Herde zu gehören und einfach immer auf der richtigen Seite zu stehen.

Die reiche deutsche Sprache hat ein Wort hervorgebracht, das die Träger solchen Verhaltens treffend kennzeichnet: "Vollpfosten".

Dumm, wie ein Stück in die Erde gerammtes Holz, soll der Vollpfosten sein, stur an seinem Platz beharrend, unbeweglich, unerschütterlich, unbelehrbar und in keiner Weise der Konsequenzen seines Da- und So-Seins bewusst.

Heute brandet Empörung auf wie anderswo ein loderndes Osterfeuer, weil Versuche zur Schädlichkeit von Stickoxyden vorgenommen wurden. Dazu hat man mehrere Affen unter kontrollierten Bedingungen für einige Zeit mit Stickoxyden angereicherte Luft atmen lassen.

Einem Mitteleuropäer, dem Affen selten auf der Straße begegnen, kann dies als eine besonders perfide Form der Tierquälerei erscheinen. Dass in weiten Teilen dieser Welt sich Affen und Menschen den Lebensraum "Stadt" teilen und beide gleichermaßen eine mit Verbrennungsabgasen angereicherte Luft atmen, eine Situation, der Millionen von Menschen und Tieren unablässig ausgesetzt sind, tritt hinter jenen zehn Affen, um die es geht, so vollständig in den Hintergrund, dass an der Vollpfostenheit der Empörer kaum noch ein Zweifel möglich ist.

Werfen Sie einen kurzen Blick auf diesen Artikel über Neu Delhi, eine Stadt, die sicherlich die Luftqualitität eines schweizer Alpenkurorts aufweist. Es werden sich Fragen auftun, ob die kurzzeitige, kontrollierte Belastung von Versuchstieren mit Luftschadstoffen nicht gegenüber der andauernden Exposition in Neu Delhi vorzuziehen sei.

Dabei geratenn wir an die Frage der Freiwilligkeit - und weil die für Affen von uns kaum abschließend beantwortet werden kann, kommen wir zum zweiten Anlass der aktuellen Empörungswelle, den "Menschenversuchen".

Es ist kein Geheimnis, dass überall auf der Welt medizinische Versuche an Menschen vorgenommen werden. Es ist ebenfalls kein Geheimnis, dass viele dieser Menschenversuche mit Wissen und Einverständnis der Versuchspersonen erfolgen. Ein Teil, vermutlich der größte Teil, dieser Versuchspersonen nimmt an den Versuchen teil, weil die Teilnahme bezahlt wird.

Es haben sich also Menschen bereiterklärt, sich gegen Bezahlung für eine gewisse Zeit unter medizinischer Beobachtung einer mit Autoabgasen angereicherten Atemluft auszusetzen.

Werfen Sie einen kurzen Blick auf diesen Artikel über die Smog Belastung in China. Es werden sich auch hier Fragen auftun, ob die kurzzeitige, kontrollierte Belastung von Versuchspersonen mit Luftschadstoffen nicht der andauernden Exposition in chinesischen Ballungsräumen vorzuziehen sei.

Weder den Affen, noch den Menschen, die in die Untersuchungen eingebunden waren, wurde also etwas ganz und gar außergewöhnlich Schlimmes angetan. Es ging darum, die Wirkungen der allgegenwärtigen Schadstoffe in der Luft auf tierische und menschliche Organismen zu untersuchen.

Die Zahl neuer, von Menschen konstruierter chemischer Verbindungen auf dieser Welt ist Legion. Ganz gleich, ob diese in Pflanzenschutzmitteln, Kosmetika, Kunststoffen, Farben, Konservierungsmitteln oder Pharmazeutika genutzt werden.

Der Nachweis der Ungefährlichkeit oder der Toxizität dieser Stoffe ist in den allermeisten Fällen, bei Arzneimitteln zu 100 Prozent an Versuche mit Versuchstieren und menschlichen Probanden gebunden.

Das Ergebnis solcher Versuche sind Anwendungsempfehlungen und Grenzwerte, also die Unterscheidung zwischen Nutzen und Schaden, abhängig von der Dosis.

Fragt man die Empörer, ob sie in einer Welt leben möchten, in welcher - wegen der unzumutbaren Belastung für Versuchstiere oder Versuchspersonen - lieber gar keine Grenzwerte festgelegt werden, oder in einer Welt, in welcher vorsichtshalber alles verboten wird, was neu und unbekannt ist, wird man sich vor lauter Ausflüchten, vor einer Flut von "ja, aber" nicht mehr retten können. Am grellsten scheint die Vollpfostenheit auf, wenn jene, die sich in barmherzigster tierschützerischer Attitüde gegen jegliche Tierversuche wehren, sich auf die Pharma-Industrie stürzen, wenn ein - zugelassenes - Medikament im Langzeit-Einsatz nicht erwartete Nebenwirkungen zeigt. Dann steigen die Empörten auf ihre Empore und beklagen, dass die gierigen Pharma-Unternehmen aus Gewinnsucht auf die nötigen Studien verzichtet hätten, die man ihnen vorher aus Gründen des Tierwohles am liebsten ganz und gar verboten hätte.

Im aktuellen Fall wird auf die Empörung über den Missbrauch von Mensch und Tier eine zweite Empörungsstufe aufgesetzt, nämlich darüber, dass es doch unmöglich sei, dass die Automobilindustrie solche Studien in Auftrag gäbe. Dies diene ja nicht der Wahrheitsfindung sondern lediglich der Reinwaschung von allen Umweltsünden.

Seit wann ist es einem Angeklagten verboten,
Beweise für seine Unschuld beizubringen?

In allen Gerichtssälen dieser Welt finden tagtäglich die Auseinandersetzungen zwischen Gutachtern der Streitparteien statt.

Die Automobilindustrie und der von der Automobilindustrie genutzte Verbrennungsmotor als Antriebsaggregat können in diesem Fall als "die Angeklagten" betrachtet werden.

Sie sind angeklagt, alleine durch den Stickoxyd-Ausstoß der Dieselfahrzeuge jährlich für das vorzeitige Ableben Hunderttausender Menschen verantwortlich zu sein. Sie sind angeklagt, den wesentlichen Anteil daran zu haben, dass der von der EU-Kommission willkürlich festgelegte Grenzwert von 40 Mikrogramm NOx pro Kubikmeter Luft an einigen wenigen Messstellen nicht eingehalten wird.

Ankläger ist in Deutschland zumeist die "Deutsche Umwelthilfe". Ein etwas merkwürdiger Verein, über den selbst die FAZ in ihrer Ausgabe vom 26. Mai 2016 relativ kritisch berichtet. Ein Verein, der nach meiner Einschätzung maßgeblich an der Entfachung der Anti-Auto-Empörung teilhat.

Der Unterschied zwischen den Grenzwerten für Betriebsstätten (Maximale Arbeitsplatz Konzentration, MAK), welche für den dauerhaften Aufenthalt der Beschäftigten gilt, und den Grenzwerten für maximal befahrene, innnerstädtische Kreuzungen, an denen sich Menschen allenfalls für Minuten aufhalten, lässt sich "wissenschaftlich" nur dadurch aufrechthalten, dass die maximal belastete Kreuzung eben auch der 24/7-Lebensmittelpunkt vorbelasteter Personen sein könnte...

Das Umweltbundesamt bestätigt, dass die MAK-Werte auf Untersuchungen, Versuchen und Studien beruhen, also ggfs. auch durch Tier- und Menschenversuche hinreichend abgesichert sind. Es übernimmt allerdings (kritiklos) die Vorgaben der EU und der WHO für NOx-Konzentrationen in der Außenluft, wobei ich hierbei darauf hinweisen möchte, dass die 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Außenluft als "Jahresmittelwert" zu interpretieren sind.

Wenn Automobilhersteller mit eigenen Studien herauszufinden versuchen, ob die ihnen gemachten Vorgaben in einem klaren Zusammenhang mit tatsächlichen Schadwirkungen stehen, dann ist das ihr gutes Recht - und wenn sie sich dazu der gleichen Methoden bedienen, wie sie zur Festlegung der MAK-Werte verwendet werden, dann besteht kein Grund zur Empörung, im Gegenteil, denn so wird "Vergleichbarkeit" erst möglich.

Wegen 10 Affen und einer nicht bekannten Zahl von Versuchspersonen, die unter kontrollierten Bedingungen Belastungen ausgesetzt wurden, denen sie als Großstadtbewohner mit hoher Wahrscheinlichkeit außerhalb der Studie ebenfalls, allerdings ohne medizinische Kontrolle, ausgesetzt sein dürften, rechtfertigen das jetzt losgetretene Bohei der Tierschützer absolut nicht!

Auch dann nicht, wenn es von den Empörten wieder einmal pauschalisierend als "stellvertretend" für die Leiden aller Versuchstiere dargestellt werden sollte.

Das Ziel ist es, der deutschen Automobilindustrie Schaden zuzufügen.

... und wem nutzt das?

Dass sich inzwischen die beteiligten Unternehmen bemühen, sich der Empörung zu beugen und sich für ihr Verhalten zu entschuldigen, statt es vernünftig zu begründen, ist ganz bestimmt kein gutes Zeichen. Solche Nachgiebigkeit kann zwar dazu beitragen, die Empörung schneller verebben zu lassen, sie trägt aber auch dazu bei, der Öffentlichkeit die Scheinargumente der Empörten als korrekt und glaubhaft erscheinen zu lassen.

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