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Paukenschlag
am Donnerstag
No. 30 /2018
vom 9. August 2018


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


 
Iransanktionen
oder die Ohnmacht der EU
 
 
 
Das Video mit Lisa Minelli anzusehen, macht es wesentlich einfacher, den nachfolgenden Text emotional richtig einzuordnen.
 
Diese Szene aus dem Film "Cabaret" vermittelt eindrücklich die Obszönität der unersättlichen Gier nach Geld und lässt ahnen, dass Menschen, die von dieser Suchtkrankheit befallen sind, vor keiner Art von Beschaffungskriminalität zurückschrecken.
 
Zu den Finten dieser Beschaffungskriminalität gehört es auch, Konkurrenten um den Stoff, aus dem die Träume sind, davon fernzuhalten.
 
Genau das tut Donald Trump mit den neuerlichen Sanktionen gegen den Iran: Er hält die EU von einem künftigen "Aufschuldungsgebiet" fern.
 
Das muss, obwohl schon oft beschrieben, auch in diesem Aufsatz wenigstens in aller Kürze noch einmal erklärt werden.
 
  • Geld an sich zu bringen ist sehr schwer, wenn es, außer auf den eigenen Konten, kaum mehr welches gibt.
  • Folglich muss immer wieder frisches Geld geschaffen werden.
  • Dieses Geschäft erledigen die Banken, indem sie an neue Schuldner neue Kredite vergeben.
  • Wenn die neuen Schuldner mit diesem Geld Rechnungen bezahlen, sei es für Lieferungen und Leistungen, sei es in Form von Reparationszahlungen oder schlicht als Schutzgeld, kann es ohne große Umwege dem eigenen Geldspeicher hinzugefügt werden.
Mit der Aufhebung eines Teils der Sanktionen gegen den Iran durch Obama wurde der Iran zum potentiellen Großschuldner erhoben.
 
Die neue Ausrüstung für die Ölförderung, auch neue Militärgüter und die Befriedigung der größten Not der Bevölkerung, die im oberen Bereich bei einem eklatanten Mangel an Luxuskarossen aus Untertürkheim beginnt und sich über die Versorgung mit Medikamenten bis hin zu billigsten Konsumartikeln für den unteren Bereich erstreckt, hätten in den nächsten Jahren hunderte von Millilarden Dollar per Kredit aus dem Nichts entstehen lassen.
Milliarden, die sich so zügig wie sie enstanden in Richtung USA und EU verflüchtig hätten. Für die Tilgung hätten dann in Teilen die Chinesen, in Teilen jene anderen Staaten gesorgt, die ebenfalls iranisches Öl importiert hätten. Trump stellt nun die Frage:
 
Warum teilen, wenn wir auch alles haben können?
America first!
 
Donald Trumps Plan, die Waren- und Geldströme der Weltwirtschaft neu zu ordnen und dies durch einen Handelskrieg gegen EU und China zu erzwingen war durch den (zumindest schon teilweise) sanktionsbefreiten Iran gefährdet.
 
Was hilft es, wenn der eigene Markt abgeschottet wird, die Exporteure aber auf einen neuen, noch weitgehende ungesättigten Markt mit hohem Aufschuldungspotential ausweichen können?
 
Die Argumentation, der Iran arbeite weiter an Atomwaffen und Trägersystemen, ist so vordergründig, dass man weinen möchte, ob der Naivität jener, die daran glauben, dass davon, selbst wenn es wahr wäre, für die USA eine Gefahr ausginge. Wenn die USA alle Staaten dieser Welt, die bereits über Atomwaffen verfügen, mit gleicher Vehemenz sanktionieren würden, um den Abbau des atomaren Potentials zu erzwingen, wie es - vielleicht - gegenüber Nordkorea gelungen scheint, wäre es etwas anderes. So aber ist es nichts als ein Vorwand für den Einsatz der Mittel der bereits angesprochenen Beschaffungskriminalität.
 
Nein. Ziel der harten Sanktionen gegen den Iran ist es, die Europäer aus diesem Markt fernzuhalten und sie so in die Zange zu nehmen, zwischen USA-Einfuhrzöllen und Ausfuhrverboten, die ja nicht nur gegenüber dem Iran sondern auch gegenüber dem noch größeren, potentiellen Markt der Europäer, nämlich Russland, von den USA ausgesprochen wurden und von den Vasallen in Brüssel und Berlin in geradezu hündischer Ergebenheit befolgt werden.
 
Da das Zoll-Spiel zugleich gegen China gespielt wird, ergibt sich zumindest anfangs, bis China die Umstellung von Produktion und Verteilung zu Gunsten des eigenen Binnenmarktes vollzogen haben wird, ein Überangebot an Produkten aller Art, für das sich die entsprechende Nachfrage kaum schaffen lässt.
 
Die EU soll dabei so tief in die Knie gehen, dass sie vom Konkurrenten zum Bittsteller wird. Zudem sollen die Rivalitäten innerhalb der EU und die davon ausgelösten Fliehkräfte verstärkt werden.
 
Das Aufschuldungsgebiet Iran geht ja nicht verloren.
 
Im Gegenteil! Je länger die Bevölkerung Persiens unter den Sanktionen leidet, desto einfacher wird es für die CIA, wieder einmal einen Aufstand gegen die Führer einer islamischen Republik zu entfachen und die Aufständischen mit Waffen, Munition und Aufklärungsergebnissen zu versorgen, bis auch der Iran als failed state in die Hände der US-Oligarchen fällt.
 
Und sah es auch bis vor Kurzem so aus, als könnte der Nordkoreaner die Iraner bei der Vollendung der atomaren Bewaffnung unterstützen, sie also per Abschreckung unangreifbar machen: Seit sich Kim und Donald getroffen haben, ist vermutlich auch diese Achse zerbrochen, zumindest angeknackst.
 
Alles in Allem schaut die ganze Welt in hilfloser Ohnmacht zu, wie Donald Trump als Imperator die Weltkarte nach seinen Vorstellungen Schritt für Schritt neu ordnet.
 
Die in Europa registrierten Unternehmen, die sich jetzt eiligst den US-Sanktionen gegen den Iran beugen und schon die Russland-Sanktionen mitgetragen haben und weiter mittragen, werden, wenn die Bänder in Richtung Iran endgültig zerschnitten sind, ihr blaues Wunder erleben, wenn Trump sie danach endgültig vom US-Markt ausschließt. Sie werden die Erfahrung machen müssen, dass devote Unterordnung um des schnöden Mammons willen, nicht mit Dank, sondern mit einem abfälligen Grinsen quittiert wird.
 
Wer sich mit hochflexiblem Rückgrat präsentiert, wird immer neuen Forderungen ausgesetzt sein, immer noch exotischere Verbiegungen vorführen zu müssen.
 
Der EU-Beschluss, EU-Unternehmen vor den Folgen der US-Sanktionen zu schützen, wäre ein ehrenwertes Unterfangen, würde der ganze Schutz nicht darin bestehen, den Ersatz des Schadens - irgendwie - von den USA einfordern zu wollen. Nur weil die EU in ihrer Schwäche selbst zulässt, dass europäische Unternehmen Milliarden über Milliarden an Strafen in Richtung USA entrichten, meint sie offenbar, sie könne aus ihrer Position der Schwäche heraus die gleichen Rechte gegen den Staat USA geltend machen. Das ist absurdes, irrationales Theater.
 
Stärke sähe so aus, dass die EU alle in den USA tätigen europäischen Unternehmen unter Strafandrohung zwingt, ihr dortiges Geschäft aufzugeben und zudem sämtliche Exporte in die USA, sowie sämtliche Importe aus den USA verbietet.
 
Stärke sähe so aus, dass die EU die USA auffordert, ihre sämtlichen, auf EU-Territorium befindlichen Truppen binnen sechs Monaten vollständig abzuziehen, mit der Drohung, deren Standorte ansonsten von der Infrastruktur (Energie, Kommunikation, Verkehrswege, Wasser, Lebensmittel, etc.) vollständig abzukoppeln.
 
Stärke sähe so aus, dass die EU auf die US-Sanktionen gegenüber Dritten pfeift und ihre Geschäfte dort macht, wo sie sich anbieten, nicht nur dort, wo sie vom großen Bruder geduldet werden.
 
Stärke sähe so aus, dass die EU die Nutzung von US-Dollar in allen EU-Staaten verbietet und die in Dollar gehaltenen Reserven der Zentralbanken innerhalb weniger Monate vollständig abbaut.
 
Doch mit dem Kunstprodukt EU ist es wie mit der künstlichen Intelligenz (KI). Beiden fehlt es an einem eigenen Bewusstsein. Ohne Bewusstsein gibt es keinen Willen und keine eigenständigen Ziele. Das Verhalten mag noch so intelligent wirken, so lange die Rahmenbedingungen einigermaßen stabil bleiben und der von den Schöpfern vorgegebene Zweck innerhalb des vorgegebenen Handlungsspielraums erreichbar scheint - doch ändern sich die Rahmenbedingungen schwerwiegend, so dass die Zweckbestimmung nicht mehr erfüllt werden kann, eröffnet sich als Perspektive entweder das schnelle Scheitern im vollständigen Systemversagen oder eine lange Phase chaotischer Experimente (von der KI gerne als "Selbstlernprozess" bezeichnet), die wie ein Tornado eine Spur der Verwüstung hinterlassen, bis letztlich doch die Energie verbraucht ist und der Himmel wieder klar wird.
 
Bertold Brecht meinte:
 
Wer kämpft, kann verlieren.
Wer nicht kämpft, hat schon verloren.
 
Dem wäre aus heutiger Sicht hinzuzufügen:
 
Wer den Kopf in den Sand steckt,
darf sich über den Tritt in den Hintern nicht wundern.
 
 

Natürlich ist unsere Demokratie weit davon entfernt, perfekt zu sein.
 
Aber auch das ist kein abgekartetes Spiel, sondern das Ergebnis von Machtkämpfen und Kompromissen. Der IST-Zustand ist kein Endzustand. Wir können die weitere Entwicklung beeinflussen.
 
Ich habe ein Buch über den Zustand unserer Demokratie geschrieben.
 
Peter Haisenko hat gerade eine Rezension dazu veröffentlicht.
 

 
 
So viel Freiheit, wie möglich, so viel Sicherheit, wie nötig - nicht umgekehrt!
 


Florian Stumfall beleuchtet in dem Roman "Tripoli Charlie" das skrupellose Wirken der Hochfinanz in Afrika.
Es wäre naiv, anzunehmen, dass die gleichen Kräfte nicht auch - mit ähnlichen Zielsetzungen, aber angepassten Methoden - in Europa wirken.
 
 
 
 
 
 

 

 
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 Egon W. Kreutzer

Autor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.