Paukenschlag
am Donnerstag
No. 24 /2018
vom 28. Juni 2018


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Zähneknirschen
 
Gestern WM-Aus und Seehofer bei Maischberger, heute Merkel regierungserklärend im Bundestag ...
 
Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie beißen die Zähne zusammen und versuchen, mit dem selbsterzeugten Schmerz die Schmerzen der von anderen geschlagenen Wunden zu übermalen.
 
Das ist gut fürs Ego. Kritik von außen wird damit abgewehrt. Aus einem "Das hätte nicht passieren dürfen", wird so das wohltuende "Ich habe es so gewollt".
 
Stellen sich anschließend Zahnschmerzen ein, sind es die selbstgemachten Schmerzen. Damit geht man leichter um, als mit von anderen zugefügten.
 
Es ist ein sich beschleunigender Prozess der Einkapselung, der Realitätsverweigerung, der Erstarrung, Lähmung, ja der Katalepsie, wie sie bevorzugt im Zusammenhang mit der Schizophrenie auftritt.
 
Dushan Wegner schreibt heute in einem bemerkenswerten Aufsatz (unten verlinkt) über das Symptom der Zusammenhangsblindheit und breitet drei einfache Wahrheiten aus, die - wegen der eingetretenen Katalepsie - nicht mehr beachtet werden, was nicht nur in der Politik, sondern auch auf anderen Gebieten, selbst bei der WM, zum Chaos führt.
 
Ich zitiere aus seiner Zusammenfassung:
 
1. Es gibt um ein Vielfaches mehr arme Menschen auf der Welt, als Deutschland aufnehmen kann, ohne selbst arm zu werden.
 
2. Erfolg und Scheitern eines Landes hängen wesentlich davon ab, wie die "einfachen Menschen" in dem Land denken, fühlen und ihren Tag gestalten.
 
3. Familie, Heimat und Nation sind dem Menschen angeboren, er wird sich immer danach sehnen.
 
 
Gerade der zweite Punkt ist es, der mich seit längerer Zeit immer wieder beschäftigt.
 
Ist es nicht so, dass die formale Demokratie, die wir heute mehr schlecht als recht leben, nur ein Konstrukt ist, dass einer "archaischen" Demokratie, die schon bestand, als unsere Vorfahren noch auf den Bäumen lebten, nur übergestülpt ist?
 
Ist es nicht so, dass in jeder Gesellschaft immer nur der Anführer und/oder Gewinner sein kann, dem das von der Mehrheit gestattet, ja zugebilligt wird? Dabei ist es gleichgültig, ob diese Gesellschaft nun mehrheitlich dumm oder klug, mutig oder feige, spontan pragmatisch oder gründlich planend "tickt".
 
Wir bräuchten heute weder Parlament noch Wahlen, hätten wir nicht die Idee des Gewaltmonopols des Staates entwickelt und realisiert. Wir hätten dann statt Bürgermeistern eben Warlords, statt Ministern Oligarchen und Kirchenfürsten - und immer jemand ganz vorne dran, der das Orchester besetzt, das Programm bestimmt und den Taktstock schwingt. Es wären nicht unbedingt die gleichen Personen, denen wir die Herrschaft gestatten, aber höchst wahrscheinlich solche, die den aktuell Regierenden zum Verwechseln ähnlich wären.
 
Solange das Publikum von der Aufführung begeistert ist, ist alles gut - auch wenn es sich, bei neutraler Betrachtung, um die übelste Despotie handelt. Sobald das Publikums sich aber abwendet, erscheint unweigerlich der "Erlöser" auf der Bühne, dem es sich nun zuwendet. Das kann wieder ein Despot sein - ja und? Das Publikum hat sich ihm zugewendet! Es wird sich auch wieder abwenden.
 
Wir beobachten einen Lernprozess, der sich nur selten schnell und spontan vollzieht. Es ist ein Bewusstwerden in historischen Situationen und Dimensionen.
 
Der übermächtige Wunsch, alles zu zerschlagen, weil nur dann alles gut werden kann, entspringt einer irreführenden Illusion. Er baut auf der Annahme auf, dass wenige Böse an allem schuld sind, während die große Masse der Guten nur befreit werden muss, um das Paradies auf Erden zu ermöglichen.
 
Dem ist jedoch nicht so. Der Lernprozess wird durch das gewaltsame Zerschlagen der bestehenden Ordnung und Herrschaftsstruktur nicht verändert. Er wird allenfalls für eine Weile unterbrochen und durch ein kindliches Staunen ersetzt. Das war 1789 in Frankreich so, und es war 1945 in Deutschland so. Genau betrachtet, sind wir im Augenblick in Deutschland gerade dabei, den Faden wieder aufzunehmen, den wir 1933, wenn nicht schon 1918 verloren haben.
 
Wenn Wegner schreibt:
 
"Erfolg und Scheitern eines Landes hängen wesentlich davon ab, wie die "einfachen Menschen" in dem Land denken, fühlen und ihren Tag gestalten",
 
offenbart sich darin doch auch die Tatsache, dass die von den Historikern festgelegten "Epochen", die damit markierten Zeitpunkte von Beginn und Ende, ebenfalls eine Illusion sind.
 
Das Kaiserreich ist untergegangen, doch die einfachen Menschen im Lande haben das nicht akzeptiert, haben die Hürde von Versailles überwunden und den verlorenen Krieg, samt aller negativen Folgen, letztlich unter größten Anstrengungen und mit höchster Disziplin und Geschlossenheit in einem tatsächlich katastrophalen Maße überkompensiert.
 
Das dritte Reich ist untergegangen, doch die einfachen Menschen im Lande haben nicht aufgehört, unter größten Anstrengungen und mit höchster Disziplin und Geschlossenheit aus den Ruinen ein neues Wunder, das Wirtschaftswunderland, entstehen zu lassen, was durchaus nicht nur für die vom Westen unterstützte BRD, sondern auch für die im östlichen Block unter schwierigeren Voraussetzungen agierende DDR zutrifft.
 
Die Erkenntnis, dass ein starkes, einiges Volk erfolgreich sein kann, wurde 1945 von dem Erstaunen darüber abgelöst, dass ein starkes, einiges Volk eine große Katastrophe für sich und die halbe Welt ausgelöst hatte.
 
Das führte zu der Unterbrechung des Lernprozesses. Deutschlands einfache Leute haben von allen eigenständig deutschen außenpolitischen Zielen Abstand genommen und sich - weiterhin mit größter Anstrengung und Disziplin - auf''s reine Produzieren und Exportieren verlegt.
 
An der Nahtstelle zwischen den beiden Machtblöcken unbeweglich eingekeilt, schien auch jeder Gedanke an die Rückgewinnung nationaler Eigenständigkeit nur ein Traum, aus dem man jeden Tag aufs Neue enttäuscht aufwachen musste.
In den späten 80er Jahren war man im Westen im Grunde so weit, die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung als unbegründet aufzugeben und sich endlich von dieser lange hochgehaltenen Idee zu lösen und die Fakten zu akzeptieren.
 
Der Zusammenbruch des Ostblocks und die daraus resultierende Wiedervereinigung wurde zwar medial zum Jubelsturm hochgeschrieben, doch die Mär von den blühenden Landschaften kam bei den kleinen Leuten nicht an. Die "Ossis" stellten bald fest, dass auch im Westen nicht Milch und Honig fließt, und die "Wessis" erkannten die Brüder und Schwestern eher als Konkurrenten um Arbeit, Einkommen und Wohlstand, denn als Bereicherung.
 
Die kleinen Leute stellten fest, vor allem als Schröder mit der Agenda 2010 der Globalisierung Tür und Tor öffnete und die gewohnte Sicherheit von Arbeitsplatz und Einkommen, ja die begründete Hoffnung, dass es allen mit der Zeit immer besser gehen werde, zerstörte, dass ihre Bereitschaft zu größten Anstrengungen und Disziplin nicht mehr anerkannt und belohnt wurde.
 
Sie wählten Merkel und stilisierten sie zur "Mutti" hoch, freuten sich darüber, dass diese Frau offenbar international Anerkennung fand, und entwickelten daraufhin die ersten feinen Wurzeln eines neuen nationalen Selbstverständnisses, stellten jedoch nach und nach mit Verwunderung fest, dass die Nation zugleich an die EU abgetreten wurde, dass eigenständige nationale Politik zum Nutzen des deutschen Volkes im Grund nicht mehr stattfindet, dass Merkel nicht ihre Kanzlerin, sondern in erster Linie ein Mitglied des Europäschen Rates war, dessen Absichten, Ziele und Maßnahmen nicht mehr demokratisch mitbestimmt werden konnten.
 
Die meinungsprägende Kraft der Linksintellektuellen, die sich auf die Orientierungslosigkeit der immer noch von den Folgen des übersteigerten Nationalismus gelähmten Massen stützte, geriet angesichts der immer deutlicher sichtbaren Folgen der Globalisierung ins Wanken. Die CDU, die unter Angela Merkel versuchte, diese linken, internationalistischen Wähler für sich zu gewinnen, sprang dabei auf einen Zug auf, der schon dabei war, aufs Abstellgleis geschoben zu werden.
 
Dies erkennend wurden die Parolen immer schriller, die Leitplanken der Political Correctness immer enger gezogen und die Sozialdemokraten konnten nicht anders, als dabei mitzuziehen, wollten sie nicht noch den Rest ihrer Stammwähler verlieren.
 
Im Herbst 2017 wurden CDU/CSU und SPD dafür abgestraft. Der Frage: "Wer hat und verraten?", folgt seitdem die Antwort: "Christ- und Sozialdemokraten!"
 
Erfolg und Misserfolg eines Landes, und hier möchte ich Wegners Satz ergänzen, hängen nicht nur davon ab, wie die einfachen Menschen denken, fühlen und ihren Tag gestalten, sondern auch davon, inwieweit die einfachen Menschen im Lande im Einklang mit ihrer politischen und wirtschaftlichen Führung stehen.
 
Unser Grundproblem ist der Verlust dessen, was am Anfang der dritten Strophe der Nationalhymne steht: "Einigkeit".
Einigkeit, in einer gemeinsamen Zielsetzung: "... danach lasst uns alle streben, brüderlich mit Herz und Hand."
 
Die "erlösende Figur", der sich die einfachen Menschen zuwenden könnten, ist noch nicht aufgetreten, aber ihr Erscheinen wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.
 
Die erkennbare Spaltung der Bevölkerung in fast gleiche Teilmengen, lässt sogar noch völlig offen, ob der Trend noch einmal nach links oder doch nach rechts gehen wird.
 
Seehofers Auftreten in den letzten Tagen und Wochen macht den Riss nur deutlicher, heilen kann er ihn nicht, selbst wenn Angela Merkel schlussendlich seinem nationalen Alleingang zustimmen würde.
 
... und jetzt sollten Sie Dushan Wegners Aufsatz lesen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Natürlich ist unsere Demokratie weit davon entfernt, perfekt zu sein.
 
Aber auch das ist kein abgekartetes Spiel, sondern das Ergebnis von Machtkämpfen und Kompromissen. Der IST-Zustand ist kein Endzustand. Wir können die weitere Entwicklung beeinflussen.
 
Ich habe ein Buch über den Zustand unserer Demokratie geschrieben.
 
Peter Haisenko hat gerade eine Rezension dazu veröffentlicht.
 

 
 
So viel Freiheit, wie möglich, so viel Sicherheit, wie nötig - nicht umgekehrt!
 


Florian Stumfall beleuchtet in dem Roman "Tripoli Charlie" das skrupellose Wirken der Hochfinanz in Afrika.
Es wäre naiv, anzunehmen, dass die gleichen Kräfte nicht auch - mit ähnlichen Zielsetzungen, aber angepassten Methoden - in Europa wirken.
 
 
 
 
 
 

 

 
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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.