Paukenschlag
am Donnerstag
No. 23 /2018
vom 21. Juni 2018


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Die einlullende Mär vom abgekarteten Spiel
 
Wann immer etwas spannend zu sein scheint, findet sich einer, der sie verbreitet. Die Mär vom abgekarteten Spiel.
 
"Alles nur Theater!", heißt es dann. "Die tun nur so, als ob sie sich streiten. In Wahrheit steht das Ergbnis längst fest.
 
 
Wir sollen glauben, da wird wirklich um die beste Lösung gerungen, wir sollen glauben, da gibt es wirklich Meinungsverschiedenheiten: Irrtum! Die stecken alle unter einer Decke und machen uns etwas vor!"
 
Die Solches verbreiten haben nicht immer unrecht. Es gibt Verabredungen - manche nennen es Verschwörungen - mit dem Ziel, getrennt zu marschieren, um dann vereint zu schlagen. Es gibt Inszenierungen, um dem Wähler Vielfalt vorzugaukeln, wo in Wirklichkeit nur Einfalt herrscht. Es gibt manipulierte Fußballspiele und bestochene Schiedsrichter...
 
Aber das sind die Ausnahmen.
 
Wer sich auf diese Mär einlässt, wird zwangsläufig entweder total entpolitisiert, weil er glaubt, es habe ja sowieso ALLES keinen Sinn, oder er wird radikalisiert, weil er glaubt, ein Ende der Klüngelei ließe sich nur noch gewaltsam herbeiführen.
 
Beide Gruppen fallen für die ernsthafte Auseinandersetzung aus und spielen damit jenen in die Hände, die sich als politische Führungskräfte von der Demokratie nicht getragen, sondern behindert fühlen.
 
Wer ernsthaft glaubt, alles sei abgesprochen, macht derartige Absprachen wahrscheinlicher, weil sie sich gegenüber einem Heer von Schlafschafen ungestraft inszenieren lassen.
 
Bleiben wir nüchtern und fragen uns: Wo haben politische Entscheidungen ihren Ursprung?
 
Es gibt zwei maßgebliche Quellen, nämlich den Sachzwang und den Egoismus. Daneben spielen Ideologien, Dummheit und Unwissen, sowie die daraus resultierenden Ängste, bzw. eine darauf gegründete, törichte Zuversicht eine maßgebliche Rolle, sind jedoch nicht Auslöser, sondern wirken immer nur lenkend, verstärkend und beschleunigend.
 
Betrachten wir unter diesen Prämissen den Streit zwischen den Schwesterparteien CDU und CSU, erweitert um die beiden Fronten, an denen der Koalitionspartner SPD und die konservative Konkurrenz AfD bekämpft werden müssen, ist ein zwischen Seehofer und Merkel abgekartetes Spiel, das noch dazu in Merkels Sinne ausgehen soll, nicht mehr denkbar.
 
Denn das Ergebnis eines solchen abgekarteten Spiel kann nicht anders aussehen, als dass die Politik der offenen Grenzen, allenfalls mit kosmetischen Korrekturen, fortgesetzt wird.
 
Genau das schwächt allerdings die sowieso schon angeschlagene CSU, die das - nur noch wenige Monate vor der Landtagswahl - keinesfalls gebrauchen kann, und stärkt, weit über Bayern hinaus, die AfD.
 
Vollkommen unabhängig davon, ob die bayerischen Lösungsvorschläge sachlich richtig oder falsch sind, können sie in der momentanen Situation nicht korrigiert oder gar aufgegeben werden. Dagegen steht der Überlebenswille der CSU, die den einmal eingeschlagenen und für nützlich gehaltenen Weg jetzt durchhalten muss, bis die bayerischen Wähler entschieden haben.
 
Anders sieht es bei der CDU aus. Die CDU könnte ihre Doktrin der offenen Grenzen durchaus aufweichen oder aufgeben und damit sogar bundesweit Zustimmung gewinnen. Dass Angela Merkel an dieser Stelle jedoch keinen Fingerbreit zurückweicht, es auf den Showdown geradezu ankommen lässt, bringt ihr und der CDU keinen Gewinn und kann allenfalls der CSU schaden.
 
Was, bitte, soll da abgekartet sein?
 
Der gemeinsame Untergang der C-Parteien?
 
Nein.
 
Hier findet ein Machtkampf statt, in dem es darum geht, mit allen Mitteln und unter Inkaufnahme aller denkbaren Verluste, die jeweils eigenen Vorstellungen durchzusetzen und der Union insgesamt aufzuzwingen.
 
Dass die "Schachzüge" dabei dennoch bedächtig wirken, dass sogar Gesprächsbereitschaft signalisiert wird und Nachfristen gewährt werden, ist nicht Nachgiebigkeit in der Sache, sondern einerseits die Absicherung der eigenen weißen Weste gegen allfällige Dolchstoßlegenden und andererseits die Chance, Zeit zu gewinnen und doch noch einen Ausweg zu finden, bzw. eine europäische Einigung in der Zuwanderungsfrage zu organisieren.
 
Es mag sein, dass auch diese Auseinandersetzung in einem Kompromiss endet, mit dem der Schaden für beide Schwesterparteien begrenzt werden soll. Ein solcher Kompromiss ist aber nicht das, was schon Monate vorher als Ergebnis ausgemacht war, sondern das Ergebnis der realen Kräfteverhältnisse, wie sie im Augenblick bestehen.
 
Die Einsicht, sich verrannt und eine lose-lose-Situation geschaffen zu haben, mobilisiert Selbsterhaltungskräfte, die auf einen Kompromiss zulaufen, wenn nicht einer der Kontrahenten den eigenen Untergang billigend in Kauf nimmt.
 
 
Von dieser Einsicht aus bleibt den Vertretern des abgekarteten Spiels nur noch ein Ausweg, nämlich die Erweiterung der Verschwörung.
 
Da gibt es doch die wirklichen Herren der Welt. Gleichgültig, ob es nun die Freimaurer oder die Bilderberger sind, der vermeintlich mächtigen und allesbestimmenden Gruppen gibt es fast so viele, wie Sand am Meer - und, wenn es um die deutsche Flüchtlingspolitik geht, sind die sich alle so was von einig, dass jedes Aufbegehren zwecklos ist.
 
Natürlich lassen sie zu, dass Soros aus Ungarn verjagt wird, dass die Visegrad-Staaten ihr ganz eigenes Süppchen kochen, dass Kurz in Österreich und Salvini in Italien gegen ihre Pläne arbeiten - Pläne, die zumeist auf den ersten Karlspreisträger, Coudenhove-Kalergi, zurückgeführt werden, der davon träumte, in Europa eine minder intelligente, braun-weiße Mischrasse zu züchten.
 
Sie lassen das zu, weil ...?
 
Weiß doch jeder. Die Weltregierung.
 
Die Weltregierung wird herbeigeführt, indem sich Seehofer und Merkel in Deutschland über die Migrationspolitik streiten. Das führt entweder zum Zerfall oder zur Stärkung der EU, was im Ergebnis egal ist.
 
Eine starke EU wird mit den starken USA und dem starken Russland (Putin herrscht ja auch nur, weil die Hochfinanz ihn an die Macht gebracht hat) und dem starken China die Weltregierung schaffen können, während eine in Nationalstaaten zerfallene EU von den USA, Russland und China leicht dazu bewegt werden kann, sich der Weltregierung anzuschließen.
 
Pläne, die seit dem frühen 13. Jahrhundert bestehen und Schritt für Schritt mit der Präzision eines Uhrwerks abgearbeitet werden. Auf dieser Welt geschieht nichts, was von den geheimen Weltenherrschern nicht geplant und verabredet ist.
 
Eine im Grunde lächerliche Erzählung.
 
Diese im Grunde lächerliche Erzählung wird auch dadurch nicht seriöser, dass es durchaus richtig ist, dass in der Politik nichts "zufällig" geschieht, dass alles geplant und beabsichtigt ist.
 
Dafür haben wir ja Politiker, die Pläne schmieden und sich überlegen, wie sie am besten zu realisieren seien.
 
Gäbe es nur "eine einzige geheime Weltmacht", die alles steuert, wäre das sinnlos.
 
Weil es aber eine sehr große Zahl von Machtfaktoren auf dieser Welt gibt, die alle ihre Pläne schmieden und versuchen, die ihren durchzusetzen und die der Gegner zu durchkreuzen, ist das Schmieden von Plänen eine wichtige, ja unumgängliche Arbeit, will man nicht von fremden Mächten überrumpelt werden.
 
Nichts ist abgekartet. Es gibt Pläne die aufgehen. Es gibt Pläne die scheitern - und es gibt Pläne die im Kompromiss enden. Danach gibt es neue Pläne, die auf ganz andere Ziele ausgerichtet sind.
 
Wo zwei Unternehmen um die Marktführerschaft kämpfen und das eine versucht, dieses Ziel mit überragender Qualität zu erreichen, während das andere versucht, gnadenlos preiswert anzubieten, steht am Ende der Sieg des einen oder anderen Unternehmens oder das Einknicken bei der Qualität beim einen und das Anziehen der Preisschraube beim anderen, womit beide überleben können, bis der nächste Plan geschmiedet ist.
Wenn nun beide auf ein unvergleichliches Design setzen, wird das Produkt zum Spielball der Designer. Es könnte sein, dass ein drittes Unternehmen mit Produkten ohne jeden schönen Schein, dafür aber mit hochwertiger Technik und angemessenen Preisen, den Markt erobert. Und wieder werden neue Pläne geschmiedet ...
 
Pläne, mit denen es gelingen soll, die Zukunft nach den eigenen Wünschen so zu gestalten, dass sie - als Gegenwart angekommen - die richtigen Handlungsoptionen bietet.
 
Dummerweise hält sich die Zukunft nicht an die Pläne und Wünsche einer einzigen, homogenen Gruppe von Weltenherrschern. Das hat zwei Ursachen.
 
Erstens: Es gibt diese homogene Gruppe nicht, kann sie gar nicht geben, weil es der menschliche Egoismus, der um so ausgeprägter ist, je mehr Macht ein Mensch bereits errungen hat, zuverlässig verhindert, und
 
zweitens: die Zukunft entsteht nicht nur aus Plänen, sondern ebenso aus den Wirkungen von Handlungen, aus unerwarteten Ereignissen, aus Entdeckungen und Bewusstseinssprüngen, auf die immer wieder neu, immer wieder mit angepassten Zielsetzungen reagiert werden muss.
 
Oder sollte die Gründung der AfD durch Lucke bis zur Übernahme durch Gauland und Meuthen, Weidel und Höcke, auch zum großen Plan gehören, der seit Jahrhunderten verfolgt wird?
 
2 Spieler, 64 Felder, 16 Bauern, 4 Springer, 4 Läufer, vier Türme, zwei Damen und zwei Könige - das ist das Schachspiel. Wenige Großmeister beherrschen es, doch keiner kann alle Partien für sich entscheiden.
 
Wie soll es da möglich sein, die Entwicklung der Menschheit auf der Erde plangemäß voranzutreiben, wo doch alleine die Zahl der wirklich mächtigen, gleichzeitig agierenden Spieler mit mindestens 1.000 angenommen werden muss? Von der Zahl der Felder und den Möglichkeiten der Spielfiguren, über die Felder zu ziehen, einmal ganz abgesehen.
 
Merkel mag Unterstützer haben, ja, sicherlich. Starke Unterstützer, die Druck ausüben können, auch auf ihre politischen Gegner. Diese Unterstützer mögen Pläne haben und die Mittel, um sie umzusetzen, doch eine Gewissheit, dass die Umsetzung auch gelingt und noch dazu zum gewünschten Endergebnis führt, die gibt es nicht.
 
Nur weil das so ist, gibt es überhaupt die Chance, eigene Ideen zu entwickeln, eine Opposition zu schaffen und andere Pläne ins Werk zu setzen.
 
Nur weil das so ist, gibt es die Idee der Demokratie, die den friedlichen, gewaltlosen Machtwechsel zum Ziel hat.
 
Wäre es anders, würde der allmächtige Weltkaiser alles bestimmen und jeden Widerstand mühelos brechen. Alle übrigen Menschen wären nichts als austauschbares Nutzvieh.
 
Wäre es anders, würde ich keine einzige Zeile mehr schreiben, ich würde auch das Denken aufgeben, weil es von vorhherein sinnlos wäre, und nur noch versuchen, im Rahmen des vom Weltkaiser vorgesehenen Regelwerkes möglichst viel Angenehmes zu erleben.
 
Kein Soldat zöge in den Krieg, würde man ihm erklären, der Ausgang der Schlacht sei abgesprochen, sein Tod unausweichlich geplant, und am Ende würde man sich darauf einigen, alles so zu belassen, wie es vorher war. Der Krieg diene nur dazu, die Wähler zu beeindrucken.
 
Kein Pfarrer würde vom Himmelreich predigen, wüsste er, dass der Kampf um die Seelen zwischen Gott und Satan abgesprochen wurde, noch bevor die ersten Menschen geschaffen wurden.
 
Diese Welt ist eine Welt der Chancen, eine Welt der stetigen Veränderung und eine Welt, in der ein "ewiger" Kampf um die Vormachtstellung tobt, der nie endgültig entschieden sein wird, solange mindestens noch zwei Menschen existieren, die sich auf gleicher Augenhöhe begegnen.
 
Wer bei jeder Gelegenheit, ohne den Hauch eines Beweises, die Mär vom abgekarteten Spiel verbreitet, und jedes Ergebnis so kommentiert, dass es doch von vorherein ein abgekartetes Spiel gewesen sei, schadet nicht nur der Demokratie, sondern auch dem Selbstwertgefühl seiner Mitmenschen, weil er sie nicht nur zu Statisten degradiert, sondern ihnen auch noch grenzenlose Dummheit und vollkommene Hilflosigkeit unterstellt.
 
Bertold Brecht wusste:
 
Wer kämpft, kann verlieren.
Wer nicht kämpft, hat schon verloren.
 
Der Glaube an abgekartete Spiele ist die beste Garantie, kampflos unterzugehen.
Natürlich ist unsere Demokratie weit davon entfernt, perfekt zu sein.
 
Aber auch das ist kein abgekartetes Spiel, sondern das Ergebnis von Machtkämpfen und Kompromissen. Der IST-Zustand ist kein Endzustand. Wir können die weitere Entwicklung beeinflussen.
 
Ich habe ein Buch über den Zustand unserer Demokratie geschrieben.
 
Peter Haisenko hat gerade eine Rezension dazu veröffentlicht.
 

 
 
So viel Freiheit, wie möglich, so viel Sicherheit, wie nötig - nicht umgekehrt!
 


Florian Stumfall beleuchtet in dem Roman "Tripoli Charlie" das skrupellose Wirken der Hochfinanz in Afrika.
Es wäre naiv, anzunehmen, dass die gleichen Kräfte nicht auch - mit ähnlichen Zielsetzungen, aber angepassten Methoden - in Europa wirken.
 
 
 
 
 
 

 

 
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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

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