Paukenschlag
am Donnerstag
No. 12 /2018
vom 22. März 2018


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Sarkozy und Libyen
 
Jahre nach den Wahlkampfspenden aus Libyen, Jahre nach dem Bombardement auf Libyen, wurde der ehemalige französische Präsident in Gewahrsam genommen. Dass er nach einem Tag wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, heißt nicht, dass er entlastet wurde.
 
Gegen Sarkozy wird jetzt offiziell ermittelt. Der Vorwurf lautet auf "passive Korruption". Auf gut deutsch: Sarkozy wird vorgeworfen, Schmiergelder angenommen, vielleicht sogar gefordert zu haben, denn es ging um ein gigantisches Rüstungsprogramm, vor allem aber um den Bau von bis zu 400 Atomkraftwerken in der gesamten Region, um Meewasserentsalzungsanlagen mit Energie zu versorgen.
 
Florian Stumfall war nahe dran und verfügt aus dieser Zeit über Informationen aus geheimdienstlichen Quellen, die er in seinem Buch "Tripoli Charlie" verarbeitet hat.
 
Hier, als Paukenschlag zu den aktuellen Entwicklungen in Frankreich, zuerst ein Auszug aus dem Libyen betreffenden Teil, danach der entsprechende Abschnitt aus dem Vorwort des Autors.

Paris, Februar 2011

 
Im Hotel Matignon in der Rue de Varenne, VII. Arondissement, dem Sitz des französischen Premierministers, hielt der Hausherr eine Konferenz ab, an der eine ungewöhnlich große Anzahl wichtiger Männer teilnahm. Gerade war nach einer heftigen Diskussion eine kleine Pause eingetreten, eine Reaktion auf ein vorhergehendes Streitgespräch, das zu keinem Ergebnis geführt hatte. Auch der Premier schwieg und blickte einen Augenblick ratlos in die Runde. Das nahm einer der weniger gewichtigen Teilnehmer, ein Berater, dessen Sachgebiet der Vordere Orient war, zum Anlass, ein grundsätzliches Problem aufzuwerfen.
 
„Wer soll uns denn diese Propaganda noch abnehmen? Zuerst wird der Oberst in Frankreich mit allem Pomp empfangen, dessen sich eine Republik eigentlich schämen sollte, dann wird er auf einmal als ein Ungetüm dargestellt, wie das es so monströs seit Hitler nicht gegeben hat.“
 
Der Referent machte eine kurze Pause und, nachdem zu seinem eigenen Erstaunen niemand sonst das Wort ergriff, fuhr er fort:
 
„Ich halte es für meine Pflicht, Sie mit einigen Tatsachen vertraut zu machen, die der öffentlichen Darstellung nicht nur in Frankreich grundlegend widersprechen. Libyen ist das Land auf dem afrikanischen Kontinent, das am besten regiert wird, zumindest seit der Regierungsübernehme des ANC in Südafrika. Gestatten Sie, dass ich Ihnen einige Daten vortrage. Libyen hat mit 14.400 US$ das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Afrika; in der Regierungszeit Gaddafis stieg die Alphabetisierungsrate von 20 auf 88 Prozent, das ist die höchste in Afrika. Es gibt eine kostenlose Gesundheitsfürsorge, es werden in Notfällen sogar Behandlungen im Ausland finanziert. Bildung ist kostenlos, sogar Auslandsstudien. Auf 800.000 Einwohner kommt eine Universität, das ist dieselbe Rate wie in Deutschland. Wer ein Unternehmen gründet, bekommt 20.000 US$ Starthilfe, bei einer Heirat gibt es 50.000 US$ für ein Eigenheim. Wer einen landwirtschaftlichen Betrieb gründet, bekommt Land, Maschinen und Saatgut gratis. Und, was die Menschenrechte angeht – gestatten Sie, dass ich eine Analogie zu Hilfe nehme: Während der fast zwanzig Jahre der Regierungszeit des Saddam Hussein im Irak tötete das Regime nicht so viele Menschen, wie in den acht Jahren seit dem Ende Saddams, also seit der Befreiung des Landes durch die US-Bomber, an Gewalt zugrunde gingen.“
 
„Das interessiert doch keinen Menschen“, fuhr da der Verteidigungsminister dem jungen Mann über den Mund. „Erstens weiß das niemand, und unser Einfluss auf die Medien ist groß genug um dafür zu sorgen, dass es dabei bleibt. Und zweitens gibt es gegen den Vorwurf, in Libyen würden die Menschenrechte missachtet, keine Argumente. Beim Thema Menschenrechte hört alles Argumentieren auf und ebenso die Wirkung der Wirklichkeit.“
 
„Meine Herren“, mischte sich nun der Premier ein, denn er wollte die Debatte wieder in den Griff bekommen, „meine Herren, wir sollten uns zunächst noch einmal vor Augen führen, welche Ziele wir mit unserer Strategie verfolgen. Was denkbare Hindernisse angeht, so können wir uns im Anschluss damit befassen. Bitte“, damit wandte er sich an den Chef des Planungsstabes, „fassen Sie die einzelnen Punkte zusammen.“
 
Der Mann vom Planungsstab holte ein wenig aus: „Vor vier Jahren trafen sich Staatspräsident Sarkozy und Oberst Gaddafi und vereinbarten Waffenlieferungen in einem Umfang von 168 Millionen Euro und die Lieferung von digitalen Kommunikationssystemen in einem Volumen von 128 Millionen Euro. Außerdem wurde der Bau eines Kernkraftwerkes in Libyen vereinbart, dies im Rahmen des Planes, innerhalb der kommenden zwanzig Jahre in der ganzen Mittelmeer-Union 400 Kernkraftwerke zu bauen. Mit Hilfe dieser Kraftwerke sollte vor allem Energie zur Meerwasser-Entsalzung gewonnen werden. Jetzt aber ist das libysche Süßwasser-Projekt so weit fortgeschritten, dass man in Tripolis auf die Entsalzung verzichten kann. Das bedeutet für uns einen Ausfall in hoher dreistelliger Milliardenhöhe.
Zweitens: das Erdöl. Derzeit gehört Frankreich zu den großen Abnehmern des libyschen Erdöls. Es ist qualitativ hochwertig und einfach und auf kurzem Weg billig nach Europa zu transportieren. Doch wir müssen fürchten, dass uns Russen und Chinesen unseren Standort-Vorteil streitig machen. Ein Regime-Wechsel in Tripolis, der von uns unterstützt würde, könnte unsere Position festigen.
Drittens: das Süßwasser in der Sahara. Dabei handelt es sich um ein Kapitalvolumen von bis zu 50 Billionen Dollar. Führt Gaddafi sein Vorhaben zu Ende, geht das zu Lasten der drei französischen weltweit führenden Konzerne im Wasser-Geschäft, SAUR, Veolia und Suez-Ondeo. Sie beherrschen 40 Prozent des weltweiten Wasserhandels, und da dieser an Bedeutung gewaltig zunimmt, darf es hier keinen Einbruch geben. Das sind die drei wesentlichen Punkte, die in Bezug zu einem möglichen Eingreifen in Libyen stehen.“
 
Das war endlich etwas Konkretes. Der Premier nickte zufrieden und konnte nun die Besprechung locker weiterführen. Am Ende erging der Beschluss, eine Denkschrift zur Vorlage für den Staatspräsidenten in Auftrag zu geben. Als die Herren den Sitzungssaal verlassen hatten, wechselten nur noch der Premier und der Verteidigungsminister ein paar Worte miteinander.
 
„Ein erheblicher Aufwand um zu verschleiern, dass es dem Präsidenten in der Hauptsache darum zu tun ist, die Erinnerung an seinen Gala-Empfang für Gaddafi hier in Paris vergessen zu machen. Daher jetzt die Eile mit dem Bombardieren“, meinte der Premier.
Und der Verteidigungsminister erwiderte: „Nicht zuletzt auch wegen der illegalen 40 Millionen Euro, die ihm Gaddafi für seinen Wahlkampf gespendet hat.“
„Ganz zu schweigen von der Machenschaft der CIA und vor allem des Frank Wisner, die den Gaullismus zerstört haben, um ihren Sarkozy an die Macht zu bringen. Wisner ist übrigens, was Sie nicht überraschen wird, Mitglied im Council on Foreign Relations.“
 
Doch diese Bemerkungen waren nicht fürs Protokoll. Nur eine private Zugabe, sozusagen. Was sie unerwähnt ließen, war der Hintergrund der Ereignisse, auf die sie anspielten.
 

Kufra, zu selben Zeit

 
Weit unten im Süden von Libyen, mitten in der Sahara, fast tausend Kilometer von Benghazi entfernt, liegt die Oase Kufra. Ihre verschiedenen Quellen sind recht ergiebig, aber dass hier an die 40.000 Menschen leben können, liegt nicht daran. Vielmehr ist Kufra einer von vier Orten in der libyschen Sahara, wo es 500 Meter tief im Boden fossile Wasservorräte von ungeheurem Ausmaß gibt. Es ist genug, um ganz Deutschland eintausend Meter tief unter Wasser zu setzen. Und von diesem Schatz lebt Kufra, es hat neben der sonstigen Infrastruktur drei Krankenhäuser und drei Kraftwerke, eine Sportarena und einen Flughafen.
 
Und dort, am Rande des Rollfeldes, machte sich an einem Februarmorgen ein Mann bereit, mit seiner Beechcraft Bonanza abzuheben. Da an diesem Airstrip Tage vergehen konnten, ohne dass auch nur eine Flugbewegung stattgefunden hätte, waren die Formalien schnell und reibungslos abgelaufen. Der Pilot, ein Australier namens Alan Jones, gab den 300 PS seines Teledyne-Sechszylinders freie Fahrt und hob ab, ohne auch nur zwei Drittel der Startbahn zu benötigen. Während der üblichen Runde über den Flughafen schweifte sein Blick über die über hundert, insgesamt zehntausend Hektar messenden, kreisrunden oder sechseckigen Grünanlagen rund um Kufra, in denen eine gezielte Bewässerung aus dem Wüstensand fruchtbaren Boden gemacht hatte. Dann bog er nach Norden ab und richtete sich auf gut dreieinhalb Stunden Sichtflug ein, währenddessen er sich durchgehend an der gewaltigen Pipeline orientieren konnte, die von Kufra in Richtung Küste führte. Als er seine Flughöhe von 2500 Fuß erreicht hatte, nahm er Gas zurück und ließ seine Beech mit einer Reisegeschwindigkeit von 160 Knoten dahinschnurren.
Alan Jones hatte mit Wasserbau eigentlich nichts zu tun. Er war der Inhaber einer Sicherheitsfirma in Melbourne und hatte den Auftrag übernommen, für eine australische Firma, die sich mit den Stahlarmierungen am Unterbau für die Pipeline befasste, nach dem Rechten zu sehen. Dass es in Libyen ein wenig unruhig zuging, hatte sich auch bis Down Under herumgesprochen, und abgesehen davon ist es eine Selbstverständlichkeit, bei Großprojekten dieser Art Sicherheitskräfte zu beschäftigen. Da aber sein Betrieb einen guten Ruf hatte und als ebenso zuverlässig wie leistungsfähig bekannt war, konnte er mit noch drei weiteren Baufirmen Verträge abschließen. So war Jones vor wenigen Tagen von der Küste nach Kufra geflogen, um hier mit seinen Leuten Rücksprache zu nehmen und sich von der Ordnung der Dinge zu überzeugen.
 
Und ein Großprojekt ist das ja wohl, weiß Gott, dachte er, während er das Höhenleitwerk ein wenig trimmte. Nicht nur in Kufra, sondern auch in Sirt, Morzuk und Hamada gibt es gewaltige unterirdische Süßwasser-Vorkommen, insgesamt wohl 35.000 Kubikkilometer. Legt man den äußerst geringen Preis von zwei Euro pro Kubikmeter zugrunde, so handelt es sich dabei um einen Wert von 70 Billionen Euro, eine Zahl mit 14 Stellen. Diesen Schatz zu heben, war die Absicht des Staatschefs Gaddafi, und jetzt, zu Beginn des Jahres 2011, war die Leistung des „Great Man Made River“ bereits so groß, dass durch die verschiedenen Pipelines täglich sechs Millionen Kubikmeter Wasser flossen. Jetzt schon gab es in ganz Libyen Frischwasser, nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch als Brauchwasser zum Waschen und Duschen und sogar zum Putzen.
 
Doch 70 Prozent des nassen Segens kamen der Landwirtschaft zugute. Denn Gaddafi hatte einen Traum: Er wollte sein Land unabhängig machen von der Einfuhr von Lebensmitteln und nicht nur sein eigenes Land, sondern auch seine Nachbarn. Dieser Traum sollte ihn, als er daraus erwachte, das Leben kosten.

Aus dem Vorwort:
 
Natürlich – die Bücher sind keine Reportagen, sondern Romane, daher gibt es zum dürren Gerüst des Ablaufs eine Anreicherung, die erfunden ist, eine Spielhandlung in der menschlichen Dimension, einer Liebesgeschichte jedenfalls und dem Zeugnis von Männerfreundschaften.
 
Dies gilt auch für den dritten Roman „Tripoli Charlie“, der aber in anderer Hinsicht aus dem Rahmen fällt, nicht nur, weil er in Nordafrika spielt. Auch die Art, wie ich zu dem Exklusiv-Material gekommen bin, das hier verarbeitet ist, war filmreif. Damals kam in einem Hotel in Johannesburg in tiefer Nacht ein Verbindungsmann zu mir, der mir avisiert war, ich wusste noch nicht, warum. Wir gingen auf mein Zimmer, und dort überreichte er mir einige Blätter mit dem Hinweis, derentwegen sei bereits ein Mann ums Leben gekommen. Bei näherem Hinsehen wurde mir auch klar, warum.
 
Der Krieg der NATO gegen Libyen spielte sich ja in aller Öffentlichkeit ab, verborgen blieben nur die Motive, die ich in dem Buch beleuchte. Doch das entscheidende Ereignis, das, worüber mich mein nächtlicher Gast in Johannesburg unterrichtete, führte die geheime Gruppe „Tripoli Charlie“ herbei, angeführt vom britischen Kriegsminister, der, während seine Luftwaffe Libyen bombardierte, südafrikanische Söldner anheuerte, um den libyschen Führer Gaddafi herauszuhauen. Bei seiner Gattin und dreien seiner Kinder ist es gelungen, die Söldner brachten sie nach Tunesien, Gaddafi selbst wurde, wie bekannt, in Sirte getötet.
 
Was im Roman keine Berücksichtigung hat erfahren können, ist der Umstand, dass noch vor dem Libyen-Krieg, im Februar 2011, der US-Senator John McCain in einem Kairoer Hotel einige Führer aus den Golf-Staaten getroffen hat, um vorab bereits den Krieg gegen Syrien zu vereinbaren. Mit dabei und Zeuge war der französische Philosoph Bernard Levy.
Von allen drei Romanen (die in Tripoli Charlie zusammengefasst sind) ist die Handlung des dritten am schwersten zu glauben und doch: Sie erklärt die Flucht von Gaddafis Frau und ihrer Kinder nach Tunis und sie erklärt, warum der britische Kriegsminister unmittelbar nach seinem siegreichen Feldzug hat zurücktreten müssen.
Was „Tripoli Charlie“ glaubhaft macht, ist wiederum das Motiv: fünf Milliarden US-Dollar in Gold. Diese waren von Gaddafi als Grundlage für den Golddinar vorgesehen gewesen, den er ins Leben rufen wollte. Das wäre das Ende des französischen „Afrika-Franc“ gewesen.
 
Das Buch beschreibt beispielhaft die Strategie der angelsächsischen Hochfinanz, einmal sogar im Einvernehmen mit Frankreich, das angeblich postkoloniale Afrika weiterhin im Griff zu behalten. Die Bemühungen sind umso angestrengter, als inzwischen China in ganz Schwarzafrika außerordentlich an Einfluss gewonnen hat. Es ist ein neuer Kampf um den Reichtum eines Kontinents entbrannt, der sich meist hinter den Kulissen abspielt. Wenn es aber zum Krieg kommt, wie in den drei Romanen beschrieben, so darf man ziemlich gewiss sein, was der Grund dafür ist: die unselige Verbindung zwischen Wall Street und City of London und der Wahn eines Weltmacht-Strebens, der beide vereint.

Florian Stumfall liefert in seinem Buch sehr viel mehr an Hintergrundinformation und weithin unbekanntem, zeitgeschichtlichen Wissen. In dem Roman "Tripoli Charlie" hat er drei einzeln beleuchtete Geschehnisse in Afrika durch eine - erfundene - handelnde Person so miteinander verbunden, dass man jeden Teil für sich, aber auch alle zusammen in einem Rutsch lesen kann.
 
... und wo ist's erschienen?
 
 
Im EWK-Verlag.
 
(Und das macht mich schon ein bisschen stolz.)
 
 

Heute erschienen:
 

Vor einer Woche erschienen:
 
Teer Sandmann

Golo spaziert
Das Land der sicheren Freiheit

 
 
 
Nichts für Technokraten, Journalisten, Staatsanwälte und Politiker - es sei denn, sie sind Mensch geblieben.


Die Zahl.

Aus der Vorlesungsreihe Das Land der sicheren Freiheit.
Eine Veranstaltung der Volkshochschule.

Sehr verehrte Anwesende.

Sucht man nach dem Kern jener Zeit, nach dem, was die freie Welt im Innersten zusammenhielt, so stößt man auf Daten. Auf Rankings, Statistiken, Quoten.

Demokratie und Grundgesetz waren das Gewand, im Innern aber stand die Zahl. Sie maß die Freiheit aus und zeigte sie an. Zeigte, was alle wollten. Was sie gut fanden, was schlecht.

Auf diese Linie richtete sich aus, wer noch freier werden wollte. Und das waren im Grunde alle. Denn alle wollten vorankommen. Im Betrieb, im Amt, im Sport, mit einem Song, einem Roman, einem Film, kurz: mit ihrem Leben. Einen unerhörten Sog bekam so die Freiheit.
Die größere Zahl jedoch bedeutete nicht nur mehr Freiheit, die größere Zahl hatte inhaltlich gewonnen. Weil sie größer war. So ging die Zahl direkt in den Inhalt über. Und deshalb wurde kein Aufwand gescheut, Schäden über Zahlen zu korrigieren. Denn an Schäden dachten die Vertreter der alten Meinungsfreiheit kaum, wenn sie sich das Recht auf eine freie Meinung herausnahmen. Und waren die Zahlenverhältnisse auf der Straße unklar, so wurden Internetseiten eröffnet mit der Funktion, die Meinung auf der Straße zu wenden.

Überwältigende Klickquoten zeigten, wie die Linie wahrhaft verlief. Und stellte man einen Sender an, Fernseher oder Radio, so wurde weiter gerechnet. Angeschrieben war die Sendung vielleicht mit Politik oder Kultur und noch in der Zeit der bloßen Meinungsfreiheit wäre es um Diskussionen gegangen, um lange Sätze. In der sicheren Freiheit aber zählten Zahlen.

Und deshalb wurden in diesen Sendungen, die im Grunde Rechensendungen waren, die 150 oder 15.000 oder 30.000 Demonstranten, die für oder gegen etwas auftraten, verrechnet mit den 80 Millionen, die im Lande wohnten. Und daraus, wie die Journalisten aufzeigen konnten, ergab sich: Die Linie der Freiheit waren 80 Millionen minus die 150 oder 15.000 oder 30.000. Und deshalb zählten die nicht. Nicht sie, nicht ihre kurzen Sätze und erst recht nicht ihre langen, wenn sie solche hatten.

Mehr noch, die Journalisten zeigten durch einfache Zahlenvergleiche auf, wie die 15000 einzustufen waren. Sie wichen nicht bloß ab. Indem sie abwichen, störten sie.

Der so genannte Deutschlandfunk beispielsweise war ein Mustersender, wenn es darum ging, falsche Meinungen an der Linie der Freiheit abprallen zu lassen. Aber auch andere Medien mit ebenso eindrücklichen wie vielsagenden Namen wie Welt und Zeit, Spiegel und Fokus ließen die falschen Meinungen gekonnt an der Freiheit zerschellen. Und weil die Freiheit eine Linie und diese Linie Zahl war, zerschellte die falsche Meinung nicht an einer Gegenmeinung, sondern an der Zahl selbst. Objektiver, meine Damen und Herren, kann kein Scheitern sein.
Gefördert wurde dieser Freiheitsmechanismus durch den Umstand, dass die Störenden selbst zu zählen begannen. So stritten sie sich mit der Polizei über die Größe ihres De-monstrationszuges und wollten aus der von den Staatsorganen stets nach unten korrigierten, von ihnen indes in die Höhe geschraubten Zahl der Demonstranten die inhaltliche Richtigkeit ihrer Anliegen ableiten.

Wir werden immer mehr - so oder ähnlich ließen sie auf den spärlichen ihnen zugetanen Medien verlauten. Mit dem Versuch aber, der Linie eine Gegenlinie entgegenzustellen, stürzten sie sich selbst ins Verderben. Und gerade dieser Umstand, meine Damen und Herren, zeigt einmal mehr, wie schlagkräftig die Freiheit damals war. Es war da niemand, wie zur Zeit der bloßen Meinungsfreiheit noch jemand gewesen wäre, ein Godard etwa, der für niemanden filmte außer für sich selbst, ein Thomas Bernhard, der für niemanden schrieb außer für ein paar Misanthropen, ein Derrida auch, der für niemanden philosophierte außer für verschrobene Geister.

Keiner trat auf und sagte: Mein Argument stimmt, weil der Inhalt es trägt, und es stimmt auch, wenn ich allein es bin, der das erkennt. In der Zeit der sicheren Freiheit nämlich wäre man mit solchen Aussagen, glauben Sie mir, nicht weit gekommen.

Indes, man hätte das auch gar nicht sagen können. Das Medium nämlich, das diese Position verbreitet hätte, gab es nicht. Verschwunden. Unrentabel. Wurde aber doch einmal mit einem Satz auf eine Meinung reagiert und nicht direkt mit der Zahl, so mit digitalisierbaren Kurzsätzen. So sagte ein Politiker nach einer Demonstration zum Beispiel: Der Islam ist Teil des freien Landes. Und ein anderer aber schlug mit dem Satz Der Islam ist nicht Teil des freien Landes dagegen.

Und dann zählte man die Meldungen, die sich hinter dem einen oder dem anderen Satz scharten, und schon stand die Linie. Wer mit dem Argument dagegen hielt, man könne komplexe Themen nicht über Sätze wie x ist Teil von y oder x ist nicht Teil von y abhandeln, der hatte die Zeit nicht begriffen, in der er lebte.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und bitte denken Sie daran, den Ort möglichst lautlos zu verlassen.


Gewiss, diese Sätze muss man langsam auf sich wirken lassen. Die Tiefe erschließt sich beim Überfliegen oder Querlesen kaum. Wo sie aber ins Bewusstsein eindringen, wecken Sie starke Emotionen.

 
 
 

 
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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.