Paukenschlag
am Donnerstag
No. 5 /2018
vom 1. Februar 2018


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Was ist überhaupt
noch wahr?

 

Glauben Sie mir, wenn ich es könnte, würde ich Ihnen das, was überhaupt noch wahr ist, gerne der Reihe nach aufzählen.

 

Ein Menschenleben ist wohl zu kurz, um sich ein Urteil darüber zu bilden, ob das Maß der Lüge und Unwahrheit in dieser Welt stetig zunimmt. Als jemand, der seit Antritt seines Wehrdienstes inzwischen ein halbes Jahrhundert mit halbwegs wachen Sinnen verfolgen konnte, kann ich mich dieses Eindrucks jedoch nicht erwehren.

Was ist es, was die Lüge so attraktiv und überaus erfolgreich macht? Wie kommt es, dass selbst plumpen Lügnern soviel Vertrauen entgegengebracht wird, dass sie ihren Vorteil aus dem Lügen ziehen können?

Meine Überlegungen dazu brachten mich auf den Gedanken, dass eine "ursprüngliche" Welt, wie sie vor dem Naschen vom Baum der Erkenntnis, also vor unserer "Menschwerdung" bestanden haben muss, für alle Lebewesen eine durch und durch wahre, weil direkt wahrgenommene Umgebung darstellte, auf deren Verhalten man sich zuverlässig einstellen konnte. So entstanden selbst in den primitivsten Lebewesen einfache, aber überaus wirksame Reflexe die eine optimale Einstellung zu dieser Umwelt ermöglichten. Es kann also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behauptet werden:

Das Überleben der auf der Erde existierenden Arten beruht darauf, dass ihre einfachsten Reflexe sich bis heute als überwiegend richtig erwiesen haben.

Lassen Sie diesen Satz erst einmal tief sacken, bevor Sie weiterlesen.

(Hilfreich und bewusstseinserweiternd könnte dabei der Wikipedia-Eintrag über die Pantoffeltierchen sein.)


Diese einfachen, archaischen Reflexe funktionieren allerdings nur dann zielführend, wenn das auslösende Ereignis "wahr" ist. Die Nachbildung eines Fluginsekts, vom Fliegenfischer geschickt über die Wasseroberfläche gezogen, ist in diesem Sinne "nicht wahr".

Weil das Überleben der Forelle als Art in Jahrmillionen der Vergangenheit nie davon abhängig war, echte von künstlichen Fliegen unterscheiden zu können, ist die Lüge des Fliegenfischers erfolgreich.

Mit uns Menschen ist es etwas komplizierter, doch letztendlich verhalten wir uns nicht anders als die Forelle. Unser "Verstand", der uns unter anderem die Entschlüsselung vieler Naturgesetze und die technische Verwertung dieser Erkenntnisse ermöglichte, ist dabei kaum hilfreich, denn er ist in den meisten Fällen nicht in der Lage, unmittelbar bei Kenntnisnahme eines Ereignisses zwischen Wahrheit und Lüge, Realität und Fiktion zu unterscheiden. Oft genug gelingt ihm diese Unterscheidung selbst dann moch nicht, wenn das Ereignis längst Geschichte ist und alle daran geknüpften Folgen eingetreten sind.

Da wir Menschen eine "gesellige" Art sind und "arbeitsteilig" noch dazu, haben wir unsere individuellen Reflexe weitgehend abgeschaltet oder unterdrückt und verlassen uns auf jene Signale, die von dafür spezialisierten Artgenossen ausgesendet werden. Das sind heute in erster Linie Politiker, Journalisten und religiöse Führer.

Wir flüchten, wenn sie das Signal zur Flucht geben, wir greifen an, wenn sie zum Angriff blasen, wir lassen uns scheren, wenn sie empfehlen, ruhig zu bleiben, und so weiter.

Doch auch dieses Verhalten, das einst vollkommen richtig war und - von der Entwicklungsstufe von Erdmännchen und Murmeltieren an - die Effizienz der Sippen erhöhte, ist nur dann sinnvoll, wenn Wohl und Wehe des "Wächters und Ratgebers" unmittelbar mit Wohl und Wehe der Sippe verknüpft sind, wenn seine Signale also "wahr" sind.

Selbst dann noch, wenn der "Wächter und Ratgeber" sich seine Tätigkeit in besonderem Maße vergüten lässt, wenn er also zum Reichsten im Reiche aufsteigt, wird sein Interesse darin bestehen, die ihn nährende Sippe zu erhalten, während die Sippe, solange sie überlebt, keinen Grund sieht, ihm das Vertrauen zu entziehen.

Tatsächlich hat sich unter uns Menschen (vermutlich wegen dieser Erfahrungen) der "Reflex" herausgebildet, besonders reiche Menschen für besonders vertrauenswürdig zu halten. Die einst wahre Annahme, wer besonders reich ist, muss für seine Mitmenschen, die Sippe, das Volk, auch besonders Wertvolles geleistet haben, diente weltlichen und kirchlichen Fürsten über Jahrhunderte als Rechtfertigung für den "kleinen Unterschied" der zwischen ihren Lebensbedingungen und denen des einfachen Volkes zu erkennen war.

Noch heute vertrauen wir eher dem Anlageberater im Bankenpalast aus Glas und Stahl als unserem eigenen Verstand, vertrauen dem Versicherungsvertreter, der in einer Hunderttausend-Euro-Karosse vorfährt, mehr als unserem Bauchgefühl, ja sogar der Gebrauchtwagenhändler, der sein Angebot in einer blitzenden Halle auf stets blankpolierten Marmorfliesen präsentiert, erscheint uns vertrauenswürdiger als der Chef jener Werkstatt, in der wir seit Jahren unsere Autos warten lassen, wenn der uns einen Gebrauchten anbietet.

Zudem neigen wir dazu, diese Wohlstand ausstrahlenden Menschen nachzuahmen. Ihr "Reichtum" lässt uns annehmen, dass sie vieles richtig gemacht haben müssen. Ein Rat von einem Reichen, kann folglich nur ein guter Rat sein!

Der Verstand wehrt sich gelegentlich. Selten setzt er sich durch.

Viel zu oft folgen wir jenen Reflexen, die sich eben nicht mehr als überwiegend richtig erweisen, weil die Zahl der "Wächter und Ratgeber" in beängstigendem Ausmaß zugenommen hat und kaum einer davon noch wirklich vom Wohlergehen einer Sippe abhängig ist. Besonders erfolgreich sind dabei jene, die nur noch egoistisch die Freiheiten des Marktes nutzen, um sich überall zu bereichern, ohne auch nur im Traum daran zu denken, die versprochene Gegenleistung auch zu erbringen.

Hier sind es speziell die international agierenden Manager der Großkonzerne, die sich nur noch den Anteilseignern, nicht aber den Belegschaften, noch nicht einmal den Kunden wirklich verpflichtet fühlen, und es sind Politiker, denen der Erhalt und die Mehrung des Vermögens der Eigentümer der Großkonzerne wichtiger ist als der Wohlstand der arbeitenden Bevölkerung. Beide verstehen es, sich in einer Aura des Reichtums zu bewegen, die dem Normalbürger Ehrfurcht einflößt und selbst für übelste Machenschaften noch Verständnis und Entschuldigungen finden lässt.

(Er tut ja nur seinen Job, und den macht er gut!)

Natürlich ist zur Schau getragener Reichtum nur eine der vielen Möglichkeiten, erwünschte Reflexe auszulösen. Jede erfolgreiche Werbeagentur kann hunderte von Geschichten erzählen, wie es gelungen ist, die berechtigten Einwände von ganzen Zielgruppen mit Hilfe geschickter Inszenierungen gar nicht erst aufkommen oder aber direkt ins Leere laufen zu lassen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die "richtigen" Gesichter. Wir alle haben in unserem Erbgut die hochentwickelte Fähigkeit, in Körperbau, Haltung, Gestik und Mimik unserer Mitmenschen zu "lesen". Eine Fähigkeit, die jedoch der Bestätigung aus eigenen Erfahrungen bedarf, um voll wirksam werden zu können, so wie auch das Immunsystem erst im Kontakt mit schädlichen Substanzen oder Organismen seine volle Abwehrkraft entwickeln kann.

Gerade auf diesem Gebiet erleben wir derzeit eine fatale Umprogrammierung. Während Zahl und Intensität echter persönlicher Kontakte rückläufig sind, präsentieren uns Film und Fernsehen tausende Darsteller und deren Rollenbilder und deformieren dabei unsere archaischen, genetisch verankerten Assoziationen.

Der - vom Typus her - Gute dient zur Irreführung des Publikums, wenn er am Ende als der Mörder entlarvt wird. Der - vom Typus her - Böse dient ebenso zur Irreführung des Publikums, dessen "Vorurteile" am Ende widerlegt werden, weil dieser böse wirkende Darsteller sich in diesem Film als herzensgut herausstellt. Schauspieler haben ganze Generationen geprägt, wurden als Idole in die Köpfe gepflanzt - und haben oft genug auf subtile Weise dazu beigetragen, Ideologien zu transportieren, politische Entscheidungen zu unterstützen und Gegner unter Vermeidung des gesitteten Diskurses zu diskreditieren.

Noch raffinierter ist der immer wieder unternommene Versuch, einer herausragenden Figur des öffentlichen Lebens eine äußerlich sehr ähnliche Person in quotenstarken Fersehproduktionen zuzuordnen, wobei diese "Spielfigur" dann jene lobens- oder verachtenswerten Charakterzüge darzustellen hat, die vom Publikum dann auch mit der real existierenden Figur assoziiert werden sollen.

Der letzte Höhepunkt dieser Masche wurde gesetzt als Anja Kling im Tatort "Dunkle Zeit" die Aufgabe zugewiesen wurde, Frauke Petry in jenes Licht zu setzen, mit dem die Programmverantwortlichen der ARD ihrem Publikum heimleuchten wollten. Dieser Fall war krass und mühte sich gar nicht mehr um den Anschein des Zufälligen. Wer die Augen offen hält, kann dieses Muster - zumeist subtiler im Einsatz der Mittel - jedoch auch an vielen anderen Stellen entdecken.

 

Was also ist überhaupt noch wahr?

Ich vermute, diese Frage war noch nie so schwer zu beantworten wie heute.

"Wahrnehmung" ist für viele von uns die meiste Zeit des Tages keine unmittelbare Wahrnehmung mehr, sondern eine "vermittelte" Wahrnehmung aus zweiter, dritter, vierter Hand, die uns zumeist auf elektronischem Wege als virtuelles Abbild erreicht. Smartphone, Tablet, PC, Fernsehen, Rundfunk bestimmen, was unserem Bewusstsein neben jenen kurzen Abschnitten der alltäglichen Routine, die wir noch weitgehend ungefiltert selbst wahrnehmen, mitgeteilt wird.

Die tägliche Routine - der Wecker klingelt, aufstehen, Morgentoilette, Frühstück, runter zum Bus oder ins Auto - kommt vollständig ohne "Wächter und Ratgeber" aus. Wir erleben das Erwartete und reagieren automatisch, reflexhaft richtig darauf. Und sollte zufällig einmal die Frühstücksmarmelade ausgegangen sein, dann verursacht auch das keinen Stress.

Dafür bringen uns Radio und/oder Frühstücksfernsehen schon bald auf ganz andere Gedanken und fordern unsere Reflexe heraus. Selbstverständlich funktionieren diese Reflexe nur, wenn wir uns als Teil "der Sippe" verstehen und den "Wächter und Ratgeber" als unseren Anführer ansehen.

Dabei macht man uns dadurch zum Teil der Sippe, dass man uns klammheimlich in vorurteilsschaffende "Wertungen" hineinzieht. Da heißt es dann zum Beispiel fast völlig unverfänglich: "Der syrische Machthaber Assad". Egal was dann kommt: In dem Augenblick, in dem wir den "Machthaber" geschluckt haben, ohne dass er uns sauer aufgestoßen wäre, gehören wir schon zur Sippe der Assad-Gegner und vollautomatisch zu den Guten.

Gleiches gilt, wenn vom neuen "engagierten französischen Präsidenten Macron" und "vom frischen Wind", den dieser in die Welt bringt, die Rede ist. Allein das widerspruchslose Hören dieser Floskeln macht uns zu Befürwortern Macrons - und zu Befürwortern unserer Regierung, wenn sie auf mehr europäische Kooperation mit Frankreich drängt. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, was dabei herauskommen wird.

Die Einteilung in Gut und Böse, in Zustimmung und Ablehnung findet statt, bevor die Sache, um die es geht, auf den Tisch kommt.

Diese Erkenntnis ist so wichtig, dass ich sie noch einmal pointiert wiederhole:

Wer sich in eine geschickt untergejubelte Wertung hineinziehen lässt, kann sich des darauf folgenden Gruppenzwanges kaum mehr entziehen. Er muss den Krieg gegen den "Machthaber" gutheißen, er muss den aus dem Nichts aufgetauchten Rothschild-Banker im Elyssee-Palast für genial halten ...

Um herauszufinden, was überhaupt noch wahr ist, gilt es daher ein feines Gespür für jegliche Art von voreingenommener und vorweggenommener Wertung zu entwickeln.

Gelingt das, dann erweist sich vor allem anderen als wahr, dass der Absender der Information voreingenommen ist und einen bestimmten Reflex hervorrufen will. Häufig ist sogar der Versuch, diesen Reflex hervorzurufen, der einzige Grund für die Verteilung der voreingenommen gefärbten Information.

Wo eine solche, eindeutig voreingenommene, tendenziöse Berichterstattung erkennbar ist, kann es meines Erachtens nicht schaden,den gesamten Inhalt schlicht zu ignorieren und dem Absender grundsätzlich und nachhaltig zu misstrauen.

Sollte sich eine andere Quelle finden, die zum gleichen Thema neutral berichtet, muss das nicht bedeuten, dass diese Information deshalb schon "wahr" ist. Weil aber der manipulative Ansatz fehlt, ist es leichter, weiter zu recherchieren und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Vorausgesetzt, die Thematik erscheint von Belang.

Gerade die Online Ausgaben der großen Printmedien versuchen ja im Umfeld der aktuellen redaktionellen Artikel mit einem Wust von Links auf Bilderstrecken und Videos, auf Unglaubliches und noch Schlimmeres, die Besucher bei sich auf der Seite zu behalten. Diesen Links zu folgen erweist sich in 99 Prozent aller Fälle jedoch als pure Zeitverschwendung. Die Themen sind ohne Belang.

Ohne Belangloses zu erkennen und zu ignorieren, wird es ausgesprochen schwierig, herauszufinden, was überhaupt noch wahr ist. Denn die Beschäftigung mit dem Belanglosen raubt die Zeit, die erforderlich wäre, sich mit jenen Themen intensiv zu befassen, die tatsächlich von Belang sind.

Belanglos sind selbstverständlich auch alle Meldungen, die letztlich in einem mehr oder minder gut versteckten Konjunktiv (ver-)enden. Wenn etwas unter Umständen "könnte", vielleicht sogar "sollte", weil Anzeichen darauf hindeuten könnten, während im allgemeinen gut informierte Kreise weder bestätigen noch dementieren wollen, andererseits vermutlich jedoch auch das Gegenteil eintreten könnte, falls, ... dann handelt es sich um bullshit. Auch dann, wenn es nicht "könnte, sollte, würde" heißt, sondern: "Experten rechnen mit bis zu".

Bullshit erst recht, wenn es sich um regelmäßig wiederkehrende Meldungen handelt, z.B. über die Zahl der drohenden Masern-Todesfälle die von Impfverweigerern verschuldet werden, oder über die gesamtgesellschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums. Ignorieren Sie solche Meldungen. Achten Sie ggfs. darauf, ob zur Thematik anderswo Fakten auf den Tisch gelegt werden. Diese sind dann allerdings zumeist vollkommen unspektakulär und damit ebenfalls belanglos.

Interessanterweise gibt es in der täglichen Nachrichtenflut eine ganze Reihe von Meldungen, die schlicht und einfach wahr sind. Solche Nachrichten sind geradezu "Wahrheitsanker", weil man den Wahrheitsgehalt anderer Meldungen an ihnen messen, oder doch zumindest abschätzen kann. Dazu gehören neben wenigen anderen:

  • Die Uhrzeit (20.00 Uhr Hier ist das Erste deutsche Fernsehen mit der Tagesschau)
  • DAX Schlussstand Punkte
  • Kursverhältnis Euro/USD
  • gestellte Insolvenzanträge
  • Arbeitslosenzahlen gem. jeweils gültiger Definition
  • Aufkündigung des BER-Eröffnungstermins
  • Pegelstände Rhein, Elbe, Donau, Main, etc.
  • Endgültiges amtliches Wahlergebnis
  • Bundesliga Tabelle
  • :-))
Es gibt allerdings auch das genaue Gegenteil. Meldungen, die zwar wahr sind, aber nahezu immer eine Unwahrheit transportieren. Es handelt sich dabei um Meldungen über Absichtserklärungen (von Politikern). Wahr ist daran lediglich, dass die Absicht erklärt wurde; daraufhin anzunehmen, diese Absicht bestünde tatsächlich, ist zumindest grob fahrlässig.
Wir wissen aus berufenem Politikermunde, dass Politiker lügen müssen, um ihre Ziele zu erreichen, und wir wissen aus Erfahrung, wie schnell es gehen kann, dass die besten Absichten vom unerwartet aus dem Gebüsch auf die Straße springenden Sachzwang über den Haufen geworfen werden.
 
Gerade im Augenblick (Sa. 27.01.18, ca. 15.00 Uhr) habe ich auf dem Zweitbildschirm die aktuelle Auswahl von Google News Deutschland. Diese Nachrichtenauswahl erfolgt nach Algorithmen ohne menschliches Zutun. Unter 20 Meldungen gibt es eine einzige, die ich als "wahr" und nicht völlig belanglos einstufen würde. Die lautet: "Getöteter Schüler aus Lünen beerdigt".
 
Der gesamte Rest ist belanglose Schaumschlägerei. Ob Robert Habeck als Schriftsteller ein Realo ist, interessiert ebensowenig wie die Meldung, dass Arbeitgeber und IG Metall sich gegenseitig die Schuld am Scheitern geben. Auch dass Angela Merkel zum Holocaust Gedenktag eine neue Erinnerungskultur anmahnt, ist ebenso belanglos wie die im Nebel verunglückte Braut, oder die Schubkarre auf der A60 oder der Anstieg der "Verdachtsfälle" auf sexuelle Belästigung bei der Bundeswehr.
 
Das ist alles nur Boulevard
und im Grunde keinen weiteren Gedanken wert.

Vermutlich haben Sie diese Überschriften vor knapp einer Woche ebenfalls gelesen, sie aber wegen Belanglosigkeit inzwischen wieder vergessen.
 
Versuchen Sie es jetzt noch einmal selbst. Klicken Sie Google News Deutschland hier an und bewerten Sie die aktuell angezeigten Meldungen. Was davon ist wirklich über den Tag hinaus und für eine große Zahl von Betroffenen von Belang? Was davon ist mit voreingenommenen Wertungen besetzt? Was ist faktenfreie Spekulation zum Zwecke der Meinungsbeeinflussung? Ja, bitte, tun Sie das!
 
Sie werden bei dieser kleinen Übung feststellen:
 
Wichtiger, als die Frage zu stellen, was überhaupt noch wahr ist, ist es, die Frage zu stellen, was überhaupt von Belang ist.
 
Interessant ist sicherlich vieles. Schließlich sind Neugier und Interesse wichtige Eigenschaften der Menschen. Doch genau damit werden wir reihenweise und dauerhaft abgelenkt. Skurrile Botschaften ohne jeden Bezug zu unserer Lebenswirklichkeit verschlingen einen Großteil unserer Aufmerksamkeit. Die Kunst, hier konsequent abzuschalten, den verführerischen Teaser nicht an-, sondern wegzuklicken, ist gar nicht so schwer zu erlernen und wird schon bald als Befreiung empfunden.
 
Dann bleiben jene Themen übrig, die von Belang sind. Ich sehe da diese Reihenfolge:
  • Anzeichen für Krieg, hier bei uns in Europa
  • Anzeichen für Entspannung, hier bei uns in Europa
  • Anzeichen für Fortsetzung und Ausweitung der Globalisierung
  • Anzeichen für eine Rückbesinnung auf die nationalen Interessen
  • Anzeichen für mehr Überwachungsstaat und Diktatur
  • Anzeichen für Stärkung von Freiheiten und Demokratie
  • Anzeichen für neue, grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse
  • Anzeichen für neue Basistechnologien und deren Wirkungen
  • Anzeichen für den Zusammenbruch des Euro-Systems
  • Anzeichen für den Zusammenbruch des Welt-Währungssystems
  • Anzeichen für Veränderungen in der globalen militärischen Balance
  • Anzeichen für Bedrohungen des ökologischen Gleichgewichts
Sicherlich ist die Aufzählung nicht vollständig, sicherlich kann man über die Rangreihe diskutieren. Wichtig ist jedoch, dass Meinungen, Prognosen, Vermutungen, Befürchtungen, etc. niemals wirklich von Belang sein können, sondern immer nur die konkreten "Anzeichen", die nachprüfbaren Fakten, auf die Bezug genommen wird, denn nur die können einen Trend anzeigen.
 
Nicht der Leitartikel in der WELT, der von einer Bedrohung des Baltikums durch russische Panzerbrigaden spricht, ist ein Anzeichen für Krieg in Europa, sondern nur tatsächliche Truppenbewegungen, militärische Provokationen, Großmanöver, usw.
 
Nicht die Gebete von Papst Franziskus sind Anzeichen für Entspannung in Europa, sondern nur reale Vereinbarungen zwischen der EU und Russland, die Rücknahme von Sanktionen und Handelsbeschränkungen, ein Friedensvertrag für die Ukraine, usw.
 
 
"Wahr" ist folglich nur das sichtbare Handeln,
wahr sind zudem die sichtbaren Folgen des sichtbaren Handelns.
 
Es ist richtig, dass diese sehr eng fokussierende Sichtweise keine Garantie bietet, zu jedem Zeitpunkt die ganze Wahrheit zu erkennen. Es kann sein, dass damit nur die halbe Wahrheit und noch nicht einmal die gefunden werden kann.
 
Doch die gefundene Wahrheit wird nicht unwahr dadurch,
dass sie nur einen Teil der Wahrheit darstellt.
 
Der Unterschied zwischen einem Teil der Wahrheit und der ganzen Wahrheit entsteht erst durch unsere Wertungen. Dies ist dann ein Problem, wenn z.B. im Strafprozess aufgrund nur teilweiser Aufklärung der Umstände ein Urteil gefällt wird, das - bei Kenntnis der ganzen Wahrheit - unter Umständen anders ausgefallen wäre.
 
Ein wesentlicher Aspekt bei der Ermittlung der Wahrheit ist daher die strikte Trennung zwischen Fakten und Wertungen. Wertungen verbergen sich dabei oft geschickt zwischen den Zeilen und tarnen sich gerne als "beim Empfänger der Botschaft vorausgesetztes Faktenwissen".
 
Nehmen wir einfach nur den Begriff "Klimawandel". Das Wort "Klimawandel" hat mit Fakten nichts zu tun, ja der Begriff ist sogar richtungsneutral. Wer diesen Begriff verwendet, setzt allerdings darauf, dass die Empfänger der Botschaft ihn automatisch im Sinne des Senders der Botschaft interpretieren.
Dem Klimawandel müsse der Kampf erklärt werden, heißt es dann. Es sei alles daran zu setzen, den Klimawandel zu begrenzen. Die Eisbären und das Klima müssen gerettet werden. Wie immer auch die Formulierungen lauten: Das hat nichts mit Fakten zu tun. Es handelt sich um reine Wertungen, zu denen reflexhaft Zustimmung erwartet wird, um damit die Zustimmung zu realen Handlungen zu gewinnen, die womöglich nicht zu erwarten wäre, würde ausschließlich auf der Basis von harten Fakten argumentiert.
 
Gleiches gilt für alle anderen Arten von "Rettung". Ob es sich um Griechenland oder den Euro handelt - wo sind die Fakten? Wohin fließen die Rettungsmilliarden? "Rettung" ist vollkommen faktenfreie Wertung! Diese Wertung unterstellt wie selbstverständlich, dass das vorgeblich zu Rettende a) einen hohen Wert hat und b) tatsächlich gerettet werden soll und c, was noch schwieriger ist, auch gerettet werden kann.
 
Natürlich lassen sich Fakten finden. Fakten, die zum Teil sogar erschreckend sind, doch können mit diesen Fakten die Handlungen begründet werden? Gibt es Indizien dafür, dass die Handlungen die Fakten zum Besseren verändern? Ist es nicht sogar umgekehrt? Führt das erkennbare, faktische Handeln nicht zur Verschlechterung der Situation?
 
Was ist wahr, wenn es um die Situation Griechenlands geht? Und was ist reine Fiktion, wenn es heißt, Griechenland müsse gerettet werden?
 
Wo sind die Fakten, wenn deutsche Politiker unisono etwas mit der "Digitalisierung" machen wollen? Kann man davon ausgehen, dass auch nur jeder Zehnte eine Vorstellung von "Digitalisierung" hat und was getan werden sollte, um die Digitalisierung sinnvoll zu nutzen?
 
Wo sind die Fakten, wenn es um die E-Mobilität geht? Kommt der Strom für die E-Autos tatsächlich aus der Steckdose, oder stehen hinter den Steckdosen doch wieder Kraftwerke, die massenhaft CO2 und andere Schadstoffe ausstoßen? Ist überhaupt genug Strom im Netz verfügbar, um Benzin und Diesel durch Strom zu substituieren?
 
Wo sind die Fakten, wenn der Dieselmotor wegen seines Stickoxyd-Ausstoßes verdammt wird? Die Messergebnisse, die an wenigen, extrem belasteten innerstädtischen Messstellen erhoben werden, lösen sich doch wenige Meter daneben buchstäblich in Luft auf - und bleiben zudem immer noch unter den Werten, die als maximale Arbeitsplatzkonzentration (MAK) als unschädlich zugelassen sind.
 
Wo sind die Fakten, wenn die Bundeswehr in Auslandseinsätzen "Landesverteidigung" wahrnimmt? Wo sind die Fakten, wenn eine Mietpreisbremse keine Wirkung zeigt? Wo sind die Fakten, wenn Wirtschaftswachstum und Armutswachstum parallel verlaufen?
 
Wo sind die Fakten?
 
Sind es Fakten, wenn das Fernsehen in den Abendnachrichten Bilder von Limousinen zeigt, die in Einfahrten fahren, und dazu erklärt wird, die Verhandler würden sich wieder treffen? Sind es Fakten, wenn ein zu Fuß ankommender Verhandlungsteilnehmer in die Kamera erklärt, es werde sicherlich schwierig, aber er sei zuversichtlich? Sind es Fakten, wenn gezeigt wird, wie der Hubschrauber des US-Präsidenten in Davos abhebt und hinter den Bergen verschwindet, während ein Sprecher erklärt, dass der Präsident die Heimreise angetreteten habe?
 
Ein Vulkanausbruch auf den Philippinen, die zehn Kilometer hohe Rauchsäule, Bilder vom Ascheregen in den nahegelegenen Ortschaften - eine solche Reportage ist zwar für die allermeisten Menschen auf diesem Globus bei realistischer Würdigung vollkommen ohne Belang, aber sie transportiert wenigstens halbwegs zutreffende Fakten.
 
Bilder von türkischen Leopard 2 Panzern, aufgereiht, wie zum Appell, irgendwo im Gelände, dazu eingeblendet Sigmar Gabriel, der im Interview beteuert, die Nachrüstung sei aufgeschoben, darüber müsse die nächste Bundesregierung entscheiden, das könne die geschäftsführende Regierung nicht verantworten, ist insofern ohne Belang, als Gabriel nicht handelt. Keine Fakten setzt. Dass darüber der faktische, völkerrechtswidrige Angriff der Türkei auf syrisches Staatsgebiet aus dem Blickwinkel gerät, bzw. durch Gabriels Schweigen dazu zum ganz normalen nachbarschaftlichen Verhaltensrepertoire verklärt wird, liegt in der Absicht dieser "Nachricht".
 
Unglücklicherweise sind "die wesentlichen Fakten" in unserer Zeit dem aufgeklärten Normalbürger ebenso verborgen, wie einst den Normalsterblichen Ägyptern die Nilometer der Insel Elephantine verborgen blieben.
 
Trotz Demokratie und Aufklärung, trotz Freiheit der Wissenschaft und freier Presse hat sich die Bewahrung eines geheimen Herrschaftswissens und seine Nutzung durch elitäre Zirkel bis heute erhalten. Doch während in der Antike der Verlauf der Grenze zwischen Wissenden und Unwissenden noch relativ klar war, ist selbst diese Grenzlinie heute Teil des Herrschaftswissens geworden.
 
Der Normalbürger kann nur Vermutungen anstellen, inwieweit seine gewählten Vertreter in den kommunalen Parlamenten oder im Bundestag ebenso naiv gläubig sind wie er selbst, oder ob sie - zumindest in Teilen - Zugang zu diesem Herrschaftswissen und seinen Hütern haben, aber heilige Eide schwören mussten, den Normalbürger niemals daran teilhaben zu lassen.
 
Geheimgesellschaften, unter denen die Bilderberger wohl noch eine der harmloseren darstellen, lassen die Vermutung aufkeimen, dass die Übertragung von politischer Verantwortung im Staat einesteils nur mit Billigung bestimmter elitärer Kreise möglich wird, während andererseits der politische Status eines gewählten Volksvertreters keinesfalls schon gleichbedeutend mit der Eintrittskarte in solche elitären Zirkel ist.
 
Wir stehen also einer "durchwachsenen" und daher undurchsichtigen Elite gegenüber, Personen, unter denen einige als "Eingeweihte" angesehen werden müssen, während viele andere lediglich unter deren Einfluss stehen, ohne selbst der Wahrheit wirklich nahe zu kommen.
 
Existiert diese "durchwachsene Elite", in deren inneren Zirkeln geheimes Herrschaftswissen bewahrt wird, muss davon ausgegangen werden, dass wir Normalbürger in allen wichtigen Belangen insoweit belogen werden, als uns der Zugang zur Wahrheit, da, wo sie den geheim agierenden Eliten und ihre Plänen schaden könnte, verwehrt wird.
 
Anders herum beleuchtet bedeutet das, dass alle nachprüfbaren, auf Fakten beruhenden Behauptungen, für die Pläne dieser Eliten irrelevant sind, weil ein allgemeines Wissen darüber die Pläne weder aufdecken noch beeinflussen könnte.
 
Dazu gehören zum Beispiel:
  • Die Höhe der Zugspitze,
  • die chemische Formel von Trinitrotoluol,
  • die unterschiedlichen Projektionsverfahren für Landkarten,
  • die Namen der Abgeordneten des Deutschen Bundestages
  • usw.
Zu den wenigen Ausnahmen gehört zum Beispiel das Faktenwissen von Ingenieuren über das Verhalten von Stahlskelett-Hochhäusern im Brandfall und bei gezielten Sprengungen. Dass dieses Faktenwissen brutal totgeschwiegen und als Verschwörungstheorie entwertet werden kann, sollte von jedem denkenden Menschen als ein Alarmzeichen gewertet werden, zeigt es doch, wie nonchalant sich die Lüge, wenn sie nur groß genug ist, auch über Fakten hinwegzusetzen vermag, ohne dass es zum Aufschrei der fast sieben Milliarden Belogenen auf diesem Planeten führt.
 
 
Nicht zu den auf Fakten beruhenden Behauptungen gehören - weil nicht nachprüfbar - unter anderem folgende Behauptungen:
  • Die Renten sind sicher.
  • Target-2-Salden sind nur statistische Größen im Rechenwerk der EZB.
  • Das Sturmgewehr G36 entspricht nicht den Anforderungen der Truppe.
  • Bis zum Ende des Jahrhunderts steigt der Meeresspiegel um 35 Zentimeter.
In dieser letzten Kategorie von Aussagen offenbart sich, dass die Frage, was überhaupt noch wahr sei, die falsche Frage ist.
 
Mit hoher Sicherheit "wahr" sind eben nur jene relativ leicht nachprüfbaren Aussagen über Fakten, die zu bezweifeln sowieso kaum ein Anlass besteht.
 
Alle Aussagen, die einer Überprüfung nicht ohne Weiteres, oder überhaupt nicht zugänglich sind, sind Glaubenssätze, die uns - zur Welterklärung - angeboten werden.
 
Diese Aussagen können daher weder als wahr, noch als unwahr eingeordnet werden, weshalb die einzig wahre Fragestellung lauten muss:
 
Was - oder wem - kann ich überhaupt noch glauben?
 
Wo "Wahrheit" nicht mehr selbstverständlich dominierend ist, sondern zwischen vielen Lügen kaum noch als solche identifiziert werden kann, müssen wir, wenn wir am Wirrwarr der Informationen nicht irre werden wollen, eine Strategie des "Für-wahr-Haltens" entwickeln, was bedeutet, dass sich unser individuelles Weltbild exakt aus dem zusammensetzt, was wir glauben (wollen).
 
Das Großartige daran ist, dass die Auswahl dessen, was wir glauben, in unserer freien Entscheidung liegt.
 
Glauben Sie also das, was Ihnen persönlich guttut, zu glauben.

Glauben Sie das, wovon Sie überzeugt sind, dass es Sie in Ihrer persönlichen Entwicklung weiterbringt.

Glauben Sie das, was Sie glücklich oder zumindest fröhlich macht.
 
Und:
 
Glauben Sie nichts, was Ihnen falsch und undurchsichtig vorkommt.

Glauben Sie nichts, was Ihre Pläne behindert.
Glauben Sie nichts, was Sie traurig, trübsinnig oder depressiv macht.
 
Mit dieser Einstellung kommen Sie der unerreichbaren "absoluten Wahrheit" zwar auch nicht näher, aber Ihr Leben wird leichter, Ihre Entscheidungen werden klarer, zielgerichteter. Sie werden sich nicht länger als Spielball geheimer Mächte fühlen, sondern unbeschwert wieder Verantwortung für sich selbst übernehmen können - und Sie werden, weil Sie sich in von Ihren Glaubenssätzen leiten lassen, dafür sowohl Bestätigungen finden - als auch immer wieder Irrtümer feststellen, die Sie dann jedoch in Ihrem Glaubenssystem korrigieren können.
 
Ich halte das für die beste Methode, dem, was überhaupt noch wahr ist, Schritt für Schritt näher zu kommen.
 
 
 
 

 

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.