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19. Juni 2017

11.30 Uhr Der französische Marsch

Nur, damit Sie nicht meinen, ich hätte vergessen, den jugendlichen und lächelnden Präsidenten, seine Herkunft, seine Förderer, seinen kometenhaften Aufstieg zu erwähnen, stelle ich diesem Aufsatz die Überlegung voran, dass es jetzt wichtiger erscheint, herauszufinden, wie die französische Gesellschaft derzeit insgesamt tickt, als auf dem herumzureiten, was über ihren frisch gewählten Anführer auf Zeit bekannt ist.

Hier muss damit begonnen werden, die Wirkungen des Zentralismus zu beschreiben.

Wo sich alle Macht in einer Hand bündelt und bis in die kleinsten Strukturen hineinregiert, sich also quasi ein hoher Wehrturm erhebt, von dem aus nach der Befehlsausgabe sowohl die Wohltaten über die Günstlinge ausgestreut als auch die Sanktionen über die Widerborstigen verhängt werden, ist die Distanz zwischen Zentralgewalt und Volk sehr hoch.

Solange eine Zentralregierung die Dinge in einem eingeschwungenen Zustand mehr oder minder sanft steuernd treiben lässt und damit den Status quo aufrecht erhält, wird diese Distanz eher als wohltuend wahrgenommen. (Kein Wunder, dass der Ausdruck "Laissez-faire" französischen Ursprungs ist.)

Wo eine Zentralregierung stärker in die gewohnten Lebensumstände eingreift, aber eine gewisse Reizschwelle nicht überschreitet, bleibt der Widerstand eher klein - und Widerstand im Kleinen wird entweder gar nicht wahr-, und falls wahr- so doch nicht weiter ernstgenommen. Damit wird man fertig.
Das führt wie von selbst dazu, dass sich die Untertanen so gut wie möglich in ihre Privatsphäre zurückziehen und davon ausgehen, auf diese Weise doch vielem Unangenehmen durch "Nicht-in-Erscheinung-Treten" entgehen zu können.

In Deutschland hieß dieses Phänomen "Datsche".

Dass sich rings um die Datschen ein dichtes Geflecht alternativer "Beschaffungskreise" entwickelte, das sich dem zentralistisch gelenkten, ewig ausverkauften Einzelhandel im "Organisieren" als überlegen erwies, stellt letztlich nur die zwangsläufige Folge der Tatsache dar, dass Widerstand im Kleinen nicht nur sinnlos, sondern auch kräftezehrender und gefährlicher war, als der Versuch, auf dem kleinen Dienstweg, illegal, aber wirkungsvoll, selbst in die Abläufe einzugreifen. Dass andererseits aus "Beschaffungskreise" auch "Freundeskreise" wurden, in welchen auch vorsichtiger politischer Austausch möglich war, bildete letztlich die Basis für jene nochmalige Vergrößerung der Distanz zwischen Volk und Zentralregierung, die in der Massenflucht des Jahres 1989 ihren Ausdruck fand und letztlich zur Totalerosion der Zentralmacht führte.

An der minimalen Wahlbeteiligung am Sonntag lässt sich ablesen, dass sich die Mehrheit der Franzosen nach der katastrophalen Enttäuschung "Hollande", der ja "wirkliche" Reformen versprochen hatte, sie aber nicht einhalten konnte, gegenüber ihrem Zentralstaat bereits eindeutig positioniert hat. Sie treten einfach nicht mehr in Erscheinung, halten sich zurück und heraus, emanzipieren sich von der staatlichen Fürsorge - und warten ab.

Die wählende Minderheit konnte, mittels Mehrheitswahlrecht, dafür sorgen, dass der französische Marsch ohne störende parlamentarische Debatten intoniert werden kann. Es gehört nicht viel dazu, anzunehmen, dass sich hier neben den unvermeidlichen Opportunisten vor allem jene Wähler angesprochen fühlten, die nach vier Jahren bleiernen Stillstandes die Dinge endlich, endlich wieder in Bewegung bringen wollten. Insofern war es ein Geniestreich, die Bewegung "En Marche!" zu nennen und die Partei dann gleich "La République en Marche".

Wichtig ist allerdings, dass es zwischen jenen, die sich an der Urne für "Reformen" entschieden haben und jenen, die im Hintergrund ohne große Erwartungen abwarten, was wohl kommen wird, keine unüberwindlichen Animositäten gibt, dass da kein trennender Keil zwischen die Franzosen getrieben wurde, sondern einfach nur auf der einen Seite die Überzeugung steht: "Gut, dass wir gewonnen haben", zum Teil sogar verbunden mit der klammheimlichen Freude: "Gut, dass die anderen nicht zur Wahl gegangen sind", während auf der anderen Seite mit stoischer Gleichmut allenfalls gedacht wird: "Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt".

Eine Trennungslinie gibt es nur gebenüber jenen Wählern von Le Pen, die sich nicht (in Vorhersicht der unabwendbaren Niederlage) ins Lager der Nichtwähler geschlagen haben und den habituellen Linken.

Insofern steht der starken Zentralregierung in Paris ein im Kern ziemlich einiges französisches Volk gegenüber.

Das ist das Problem des Zentralismus. Der Widerstand im Kleinen kann zwar leicht unterbunden werden, weil er von vornherein zur Wirkungslosigkeit verdammt ist, geht es aber um die großen, die gesamte Republik betreffenden Fragen, ist die Nation schnell im Widerstand geeint.

Um einen solchen breit verankerten Widerstand zu verhindern, müsste es gelingen, die Erwartungen jener zu erfüllen, die sich an der Wahlurne für Veränderung und Reformen entschieden haben, weil sie sich davon eine Verbesserung ihrer persönlichen Situation versprechen, denn das würde automatisch auch zu einer Verbesserung der Situation jener führen, die sich ihrer Stimme enthalten haben.

Gelingt das jedoch nicht, müssen diejenigen, die sich in hoffnungsfroher Naivität für den Marsch entschieden haben, feststellen, dass sich alles rapide verschlechtert, weil sich nun auch Paris dem Rezept des Kaputtsparens zu Gunsten einer erst noch zu entwickelnden, potenten Exportwirtschaft verschrieben hat. Aus einer solchen bitteren Einsicht heraus, kann die Stimmung sehr schnell kippen.

Wenn nämlich selbst die Befürworter Kritik üben, sind ihnen die Zustimmung und der Rückhalt der schweigenden Mehrheit sicher. Man ist ja nicht verfeindet, man unterscheidet sich nur im Ausmaß des Engagements am Wahltag. Findet sich dann ein Gesicht, das wie ein Joker als neuer Gegenspieler des weiterlächelnden Präsidenten auftaucht, könnte so etwas wie der Mai 1968 neu auf dem Pariser Spielplan stehen.

Meines Erachtens ist die neue politische Lage in Frankreich daher keineswegs dazu angetan, die europäische Einigkeit zu stärken. Frankreich wird sich - vor allem in der Wirtschafts- und Finanzpolitik - viel stärker als bisher gegen Deutschland positionieren müssen, wenn die Regierung nach innen glaubhaft wirken, also reale Verbesserungen erreichen und damit den Rückhalt der Bevölkerung behalten will.

So wie Gabriel und nach ihm Merkel dieser Tage die neuen US-Sanktionen gegen Russland verurteilen und nicht mehr hinnehmen wollen (mal sehen, wie lange das hält), wird sich in Kürze wohl auch die neue französische Regierung gegen die deutschen Vormachtsansprüche in der EU aufstellen.

(... und damit nicht alleine bleiben.)

 


P.S.:

Was halten Sie von dem Begriff "brauchbarer Schwachsinn"? Nun, nennen wir es lieber "das Irrationale", haben Sie auch immer öfter den Eindruck, dass das Irrationale im Kampf gegen die Vernunft den Sieg davonträgt? Brauchen Sie den Beweis dafür, dass nicht Sie spinnen, sondern die anderen? Hier könnten Sie die Lösung finden.


 

Schaukeln, nicht Verschaukeln lassen!

 

Es geht immer nur ums Geld.

Geld ist ein sonderbares Ding.

Wer das Geld versteht, versteht die Wirtschaft, den Wachstumszwang und die Entstehung des Wohlstands der Reichen.

 

2005 erschien die Erstausgabe des dritten Bandes meiner wahnwitzigen Wirtschaftslehre mit dem Untertitel

"Über das Geld"

2007 wurde er Teil der überarbeiteten Gesamtausgabe und wird bis heute nachgefragt und gelesen.

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Samirah Kenawi

hat mit "Falschgeld - Die Herrschaft des Nichts über die Wirklichkeit" ein weiteres Standardwerk über das Geld im EWK-Verlag veröffentlicht, das aufgrund des nicht nachlassenden Interesses ebenfalls immer wieder nachgedruckt wird.

 

mehr

 

 Thomas Koudela

beschäftigt sich in seinem Werk "Entwicklungsprojekt Ökonomie" mit der Frage, wie eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus gestaltet werden könnte und trifft auch dabei wesentliche Aussagen zum Geld und über seine Wirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft.

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 Stefan Mekiffer

hat im Hansa Verlag seine Überlegungen darüber veröffentlicht, "Warum eigentlich genug Geld für alle da ist".

Wir haben einige Exemplare davon für Sie auf Lager gelegt.

 

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Manfred Gotthalmseder

hat sich, wie vorher schon Koudela, der Frage des Geldsystems im Postkapitalismus gewidmet und die Möglichkeiten zu seiner Gestaltung um ein interessantes neues Konzept erweitert.

 

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Es geht auch anders.

Ein Buch, das sich der Frage annimmt, in welcher Welt wir eigentlich leben - und warum.

 

Aus dem Blickwinkel einer Frau, die ihre komfortable österreichische Heimat verlassen hat, um im Norden Kenias auf eigene Faust Entwicklungshilfe zu leisten, wird zumindest klar, dass wir nicht in einer, sondern in zwei Welten leben, was in Nyagas Geschichten bisweilen zu bizarren Überraschungen führt.

 

 

Heide S. Nyaga, Wann denn, wenn nicht jetzt?

 

(Würde ich auch empfehlen, wenn es woanders erschienen wäre.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

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