hierverbirgtsicheingeheimnis


6. März 2017

09.00 Uhr Spieglein, Spieglein, Erdogan

Der türkische Präsident ist empört. Zu Recht, wie ich finde.

Wenn jeweils Stunden vor dem Event die Auftritte türkischer Minister vor den wahlberechtigten türkischen Staatsbürgern in Deutschland mit für die Türken unverständlichen Begründungen unmöglich gemacht werden, dann sieht das aus türkischer Sicht schon sehr nach Provokation aus.

Nun gehört Erdogan ganz bestimmt nicht zur Gattung der Leisetreter. Er gehört wohl auch nicht zu jenen, die bei jedem Konflikt erst einmal Verständnis für die Gegenseite entwickeln und dann mit einem: "Gut, dass wir mal darüber gesprochen haben", unbefriedigt, aber demütig und still davonziehen. Erdogan ist das, was in Deutschland, seit Wehner und Strauß die politische Bühne verlassen haben, im Wortsinne ausgestorben ist, nämlich die Verkörperung des physikalischen Prinzips von Druck und Gegendruck, Aktion und Reaktion, Verletzung und Vergeltung.

Man könnte sogar so weit gehen, Erdogan auf der Skala der Aufrichtigkeit und Authentizität einen relativ hohen Rang zuzuweisen. In einem Staat, dessen Selbstbewusstsein unter einer dicken Staubschicht politischer Korrektheit begraben liegt, sieht man das anders. Da wird derjenige, der sagt, was er denkt und tut, was er für richtig hält, als "unberechenbar" eingestuft, weil man eben nicht damit rechnet, dass sich jemand einen Dreck um das schert, was sich im Laufe der Zeit an Denkverboten angesammelt hat.

Nun soll Erdogan etwas gesagt haben, was ich, als des Türkischen in Wort und Schrift nicht mächtig, nicht überprüfen kann, aber nach einhelliger Berichterstattung in den Medien soll es sich dabei um etwas ganz, ganz Schlimmes gehandelt haben, nämlich um einen so genannten "Nazi-Vergleich", verbunden mit der Kritik am Zustand der deutschen Demokratie.

Damit jetzt niemand glaubt, ich hielte Erdogan für einen Leuchtturm der Demokratie, komme ich nicht umhin zu erwähnen, dass ich Erdogans Umgang mit den Kurden, insbesondere mit den türkischen Kurden, seinen Umgang mit der Opposition, insbesondere mit den parlamentarischen Vertretern der Opposition, seinen Umgang mit Journalisten, seine militärischen Eingriffe in den Syrien Konflikt, für das Gebaren eines durch und durch autokratischen Staatspräsidenten halte, der keine andere Meinung neben seiner duldet.

Es hat in der Geschichte immer wieder solche Staatsführer gegeben, ja, je weiter man in die Vergangenheit zurückblickt, desto mehr davon findet man, und vielen davon wird ein ehrendes Andenken alleine dadurch bewahrt, dass alle Schüler in den Staaten, in denen die Verehrung solcher Alleinherrscher zum Kulturgut gehört, die Jahreszahlen ihrer Kriege auswendig aufsagen können müssen.

Es ist eine dem Menschen ganz tief eingepflanzte Ehrfurcht vor der Gewalt, die auch im 21. Jahrhundert keineswegs überwunden ist, wenn sie sich auch, bedingt durch die Reichweite und Zerstörungskraft der Waffensysteme, auf immer weniger "Allmächtige" beschränkt.

Erdogan gehört nicht zu diesen "Allmächtigen". Deshalb wäre es durchaus möglich, auch für die Vertreter der ebenfalls nicht allmächtigen Bundesrepublik Deutschland, sein Handeln mit klaren und deutlichen Worten zu kritisieren und durch entsprechendes Handeln der Missbilligung Ausdruck zu geben.

Das hätte - neben vielen anderen Sanktionsmaßnahmen - zum Beispiel längst durch ein von der Bundesregierung ausgesprochenes Einreiseverbot für alle Mitglieder der türkischen Regierungspartei AKP geschehen können.

Unmöglich? Ja, aber dass deutsche Abgeordnete deutsche Soldaten in Incirlik nicht besuchen durften, weil Erdogan es verboten hatte, das haben wir, mit kleinlautem diplomatischem Protest quittiert und geduldig abgewartet, bis Erdogan besänftigt war.

Nun regt man sich über einen verbalen Ausrutscher Erdogans künstlich auf, und zwar deutlich mehr als über die Verhaftung des deutsch-türkischen Korrespondenten der Welt, ganz zu schweigen von der nahezu stillschweigenden Duldung der Säuberungswelle nach dem Pütschlein und von den permanenten militärischen Übergriffen in einem so genannten Krieg gegen den Terror, dessen primäres Ziel die Zerstörung Syriens als Staat ist.

Dabei hält Erdogan uns damit nur den Spiegel vor. Er steht dazu, unerwünschte Stimmen in seinem Lande mit seinen Methoden zum Schweigen zu bringen - und er weiß, dass das Nazi-Methoden sind. Dass er einen Unterschied zwischen einem "Verbot der freien Meinungsäußerung wegen fehlender Parkplätze" und dem "Verbot der freien Meinungsäußerung durch Inhaftierung regierungskritischer Stimmen" lediglich für den Einsatz anderer Methoden mit der gleichen Zielsetzung und dem gleichen Erfolg ansieht, sollte uns zu denken geben.

Ulrich Maly, Nürnberger OB und Vorsitzender des Deutschen Städtetages hat Recht, wenn er von der Bundesregierung eine klare Entscheidung einfordert, wie mit türkischen Wahlkampfveranstaltungen in Deutschland umgegangen werden soll, statt die Verantwortung auf die Kommunen abzuschieben.

Doch auch damit springt er noch zu kurz. Es wäre an der Zeit, dass das Verhalten Deutschlands gegenüber der Türkei überhaupt einmal festgelegt und dann konsequent durchgehalten wird. Vermutlich wäre der türkischen Opposition, soweit sie sich an demokratischen Grundsätzen orientiert, damit sehr viel mehr geholfen, als mit kleinen provinziellen Nadelstichen, wie sie jetzt dilettantisch vorgetragen werden. Vorausgesetzt, man hat ernsthaft die Absicht, die türkische Opposition zu unterstützen.

Man müsse doch berücksichtigen, dass die Türkei ein NATO-Partner ist?

Und wie geht die Türkei mit dem NATO-Partner Griechenland um? Es gibt doch schon wieder ganz offene Kriegsdrohungen aus den Reihen der AKP!

Ein altes deutsches Sprichwort sagt: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

Aber es handelt sich ja um ein komplexes Problem, das man nicht einfach damit lösen kann, dass man den groben Klotz mit dem adäquaten Werkzeug spaltet. Nein, nein. Das versuchen wir erst einmal anders. Wir reden dem Klotz gut zu. Das wird schon helfen.

Und wenn das nicht hilft, dann schmollen wir ein bisschen. Da wird er sich schon besinnen.

Und wenn das nichts hilft, dann wenden wir uns halt einem feinen, kleinen Klötzchen zu und rücken dem mit Messer und Gabel zu Leibe. Hauptsache, wir haben ein Erfolgserlebnis.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

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