hierverbirgtsicheingeheimnis

8. Februar 2017

10.10 Uhr Griechisches Weinen

Als die Krise begann, befanden sich die Schuldscheine Griechenlands in den Händen von Banken und in den Depots von Anlegern. Griechenland war also am Kapitalmarkt verschuldet. Man könnte auch sagen, die griechische Staatsfinanzierung war vollständig privatisiert. Es ist zwar für Nichtbanker nicht auf Anhieb zu verstehen, dass es letztlich keinen Unterschied macht, ob sich Teile der materiellen Infrastruktur (Häfen, Flugplätze, Autobahnen, Wasserversorgung, etc.) in privaten Händen befinden, oder ob sich Teile der finanziellen Infrastruktur in privaten Händen befinden. Der Effekt ist der gleiche. Denn es handelt sich in beiden Fällen um die Übertragung von Eigentum, einmal um Eigentum an Sachwerten, im anderen Fall um Eigentum an künftigen Steuereinnahmen, und in beiden Fällen fließen die Erträge des Eigentums den privaten Eigentümern zu.

Doch gibt es sowohl beim materiellen als auch beim finanziellen Eigentum Verfallserscheinungen, die ihre Ursache regelmäßig darin haben, dass das Interesse der "Investoren" hauptsächlich darin besteht, die Erträge aus dem Eigentum zu vereinnahmen, während die Notwendigkeit, für den Erhalt des Eigentums Sorge zu tragen, oft vollständig in den Hintergrund tritt. Was auch verständlich ist, schließlich ist ein Kapitalgeber nicht in der Lage, ein Autobahnnetz zu nutzen, oder Millionen Kubikmeter Leitungswasser zu trinken. Der Nutzen des Eigentums besteht darin, dass diejenigen, die Verkehrswege und Wasser dringend benötigen, gezwungen werden können, dafür zu bezahlen. Und sollte sich die Qualität der Leistung im Laufe der Zeit so massiv verschlechtern, dass die Nutzer das Eigentum und damit das Bestimmungsrecht über Autobahnen und Wasserversorgung zurückhaben wollen, wird sich ein Paragraph im Vertragswerk der Privatisierung finden lassen, der für den Rückkauf einen Preis vorschreibt, der weit über dem Restwert der heruntergewirtschafteten Infrastruktur der Grundversorgung liegt.

Die Verfallserscheinungen beim finanziellen Eigentum bestehen darin, dass der Schuldner durch (gezielt herbeigeführte) Überschuldung und die daraus resultierenden Zinslasten in derart große Schwierigkeiten gerät, dass nicht nur die Tilgung unmöglich erscheint, sondern auch die Erträge, also die Zinseinnahmen, hochgradig gefährdet erscheinen.

Hier offenbart sich der Unterschied. Während man einer Kommune oder einem Staat, solange entsprechende Bonität vorhanden ist, die Wasserversorgung oder die Autobahn praktisch jederzeit wieder aufs Auge drücken und stattdessen Schuldscheine annehmen kann, lassen sich Schuldscheine eben nur gegen neue Schuldscheine des gleichen wackligen Schuldners tauschen, was einfach keinen Sinn macht.

Um genau diese Sinnlosigkeit gegenüber dem Kapital klar herauszustellen, haben die Länder der Euro-Zone sich die so genannte "No-bail-out-Klausel" in die Verträge geschrieben, die schlicht besagt, dass kein Euro-Staat jemals für die Schulden eines anderen Euro-Staates aufkommen werde. Hätte man sich daran gehalten, die Griechen hätten ihren großen Schuldenschnitt gegenüber ihren Gläubigern längst hinter sich gebracht.

Stattdessen wurden seit Beginn dieses Jahrzehnts 215,5 Milliarden Euro von den übrigen Euro-Ländern zum Teil dirkekt, zum Teil über die Rettungsschirme EFSF und dem ESM zur "Rettung Griechenlands" an Griechenland verliehen, sowie 31.9 Milliarden vom Internationalen Währungsfonds ( IWF)um die Griechen zahlungsfähig zu halten. Weitere 54,3 Milliarden des ESM sind zur Auszahlung aus dem Rettungspaket III noch zugesagt.

Die Staatsschulden Griechenlands bewegen sich derzeit zwischen 315 und 320 Mrd. Euro.
Kleine Teile - im niedrigen einstelligen Milliardenbereich - werden wohl noch von Hedge-Fonds gehalten. Die Lücke zwischen der Finanzierung durch die Euro-Staaten + IWF und der Gesamtschuld dürfte in den Büchern der griechischen Banken und der EZB stehen.

Man kann also davon ausgehen, dass der Rückzug der privaten Gläubiger von ihrem Engagement in Griechenland erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

Für den IWF gibt es folglich keinen Anlass mehr, sich an weiteren Griechenland-Rettungen zu beteiligen. Sein Zweck besteht ja gerade darin, die "Schuldentragfähigkeit" eines Staates so lange aufrecht zu erhalten, wie es erforderlich ist, Schaden vom internationalen Finanz- und Währungssystem abzuwenden. Das ist gelungen. Dass die griechischen Staatsschulden trotz aller Rettungsschirme inzwischen von 225 Mrd. Euro 2010 um fast 100 Mrd. auf über 300 Mrd. Euro angestiegen sind, treibt einem schon die Tränen in die Augen.

Dabei war alles vorhersehbar - und weil es vorhersehbar war, kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass es so beabsichtigt und geplant war.

Am 15. April 2010 (PaD 15/2010) prognostizierte ich:

 Unbezahlbar hohe Zinsen auf die Staatsschulden einerseits, die von EZB und IWF verordnete deflationäre Politik mit dem zwangsläufig folgenden Anstieg der Arbeitslosigkeit und dem Einbruch der Steuereinnahmen andererseits, werden Griechenland zwingen, nicht nur die Mehrwertsteuer drastisch zu erhöhen, es werden gleichzeitig alle nicht kriegswichtigen Ausgaben zusammengestrichen und damit die Binnenkonjunktur endgültig ruiniert. Griechenland wird tatsächlich gezwungen sein, das gesamte Volksvermögen zu verhökern, also auch eine Insel nach der anderen zu verkaufen und die Akropolis zu privatisieren.

Erst wenn das vollzogen ist, folgt die dritte und entscheidende Runde:
Die Unterwerfung

Griechenland wird auch bei aller Mühe und Anstrengung der Bevölkerung nicht in der Lage sein, in wenigen Jahren auch nur in irgendeinem Wirtschaftszweig eine so massive Ausweitung der Exporte zu erzielen, dass die daraus entstehende Überschüsse einen spürbaren Beitrag zur Sanierung der Staatsfinanzen liefern könnten.
Die von Dominique Strauss-Kahn, dem Chef des IWF geforderte "Deflation" für Griechenland, mit sinkenden Löhnen und sinkenden Preisen wird nur den Binnenmarkt ruinieren und notwendige Importe schmerzhaft verteuern, aber nicht zu der scheinheilig prognostizierten, verbesserten internationalen Wettbewerbsfähigkeit führen - und falls doch, dann wird es Deutschland ein Leichtes sein, den eigenen Gürtel hurtig soweit enger zu schnallen, dass damit alle griechischen Anstrengungen im Nu wieder zunichte gemacht werden.

(...)

Wenn also über eine Reihe von Jahren - und ich rechne durchaus mit 7 bis 10 Jahren, bis die dritte Runde eingeläutet wird - eine vollkommen absehbare, unheilvolle Entwicklung zwangsläufig eintreten wird, dann stellt sich doch die Frage, ob das jederzeit mögliche "Ende mit Schrecken" dem "Schrecken ohne Ende" nicht vorzuziehen wäre.

Von den prognostizierten sieben bis zehn Jahren sind nun sieben vergangen. Griechenland ist ruiniert.

Statt sich frühzeitig auf das "Ende mit Schrecken" einzulassen, wurde der "Schrecken ohne Ende" gewählt, der nun, im großen EU-Wahljahr (Frankreich, Niederlande, Deutschland) noch einmal schrecklicher wird.

Die Regierungen der Euro-Mitgliedsländer - Deutschland allen voran - sehen keine Möglichkeit, ihren Wählern zu erklären, dass Griechenland verloren ist - und dass damit rund 250 Mrd. Steuergelder - entgegen allen heiligen Schwüren bei der Gründung der Währungsunion - verbrannt wurden. Die Euro-Zone entpuppt sich damit als eine Spielbank, bei der am Roulette-Tisch nicht nur alle Gewinne ausgezahlt, sondern auch alle Einsätze zurückerstattet werden.

Simplicius Simplicissimus würde das für eine Idee aus dem Irrenhaus ansehen.

Gottseidank sind wir aufgeklärten Insassen der Euro-Zone nicht so naiv, wie dieser Simpel. Wir wissen, dass Europa scheitert, wenn der Euro scheitert. Wir wissen, dass wir mit dem Euro zugleich die jahrtausende alte europäische Geschichte und Kultur, unsere Werte und unsere Ideale verlieren würden. Es wäre so, als hätte es Europa vor dem Euro nie gegeben.

Vor sieben Jahren beendete ich den bereits erwähnten Paukenschlag mit der Zusammenfassung meiner Empfehlungen so:

Griechenland als Chance verstehen,
das heißt:


Statt die Spekulanten austesten zu lassen, mit welchen Mitteln versucht wird, Griechenland zu helfen und wie sich am besten daran verdienen lässt,

sollten die Griechen einfach einmal austesten, ob die Gläubiger am Ende nicht doch so armselig und hilflos dastehen, wie Rumpelstilzchen, nachdem sein Geheimnis entdeckt war:

Schade. Sieben verlorene Jahre.

Bücherstube


 

Der Weg zum Wohlfühlgewicht
beginnt auf der Waage.

 

Hier
könnten Sie ihn fortsetzen.


 Priester Messident

Sprachverwirrung
Babel, babbel, brabbel

NEU am 31.01.206

- Hier -

,


 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

-Suchmaschinenoptimierung mit Ranking-Hits -