hierverbirgtsicheingeheimnis


3. Februar 2017

18.00 Uhr Hauptwachtmeister Schulz (Hans Joachim Kirst 08/15)

Ja, wer hat die drei Bände von 08/15 schon noch im Hinterkopf? Die waren ja schon antiquarisch, als ich 1969 zur Bundeswehr einrückte und neben 08/15 auch noch den Joseph Schwejk als geistiges Rüstzeug mitbrachte.

Der Hauptwachtmeister Schulz war als Spieß der Kompanie so richtig in seinem Element. Unteroffziere und Mannschaften waren seine Modelliermasse - und Offiziere hielt er für überflüssig und zudem störend. Ein kleiner König, der seine privaten Probleme (seine Frau Lore, vor allem) mit schikanösem Diensteifer und Alkohol zu kompensieren, bzw. zu ersäufen versuchte. Was heißt König? Er war kein König, dafür reichten weder sein Wissen, noch sein Verstand, er war ein Despot, der genau an der Stelle saß, an der er der deutschen Wehrmacht am effizientesten dienen konnte. Rekruten schleifen, bis ihnen das Wasser im Arsch kocht, damit ihr Wille gebrochen wurde und das Prinzip von Befehl und Gehorsam stattdessen ihr Dasein bestimmen konnte.

Im Schlusskapitel des ersten Bandes, das einen Ausblick auf die folgenden bietet, heißt es bei Hans-Joachim Kirst:

Hauptwachtmeister Schulz machte, wie zu erwarten gewesen war, seinen Weg. Er wurde, da das Offizierskorps dringend guten Nachwuchs brauchte, auf eine Kriegsschule geschickt und absolvierte sie mit zäher Beharrlichkeit und verbissenem Ehrgeiz als Lehrgangsbester. Schulz beendete den Krieg mit vier Koffern und zwei Lastwagen voll sorgfältig ausgewählter Bekleidungsgegenstände und konzentrierter Lebensmittel. Irgendwo in Hessen wurde er Gemeindediener, dann Angestellter beim Arbeitsamt, schließlich Leiter desselben.

Kirst macht zu den skizzierten Nachkriegserfolgen des ehemaligen Hauptwachtmeisters Schulz keine Zeitangaben, doch könnte diese Romanfigur durchaus schon Leiter des Arbeitsamtes - irgendwo in Hessen - gewesen sein, als der reale Martin Schulz kurz vor Weihnachten 1955 das Licht der jungen deutschen Demokratie erblickte.

Die Assoziation "Martin Schulz - Hauptwachtmeister Schulz" stellte sich jedoch nicht durch einen Vergleich der Lebensläufe ein, sie drängte sich auf, als ich davon erfuhr, dass der leibhaftige Schulz unserer Tage schon wieder im Kasernenhofton des fiktiven Schulz des Jahres 1938 über den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hergezogen ist.

Wo der Hauptwachtsmeister seine Soldaten fröhlich mit "Na, Sie Wurzelsau?" angesprochen und verunsichert hat, nennt der reale Schulz, den Mann, der keineswegs sein Untergebener ist, "einen Präsidenten, der im kleinsten Karo Politik macht".

Statt: "Das haben Sie sich aus Ihren dreckigen Fingern gesogen, Sie Wurzelsau", tönt Martin Schulz: "Solch eine Niedertracht!", und, "das verschlägt mir den Atem".

Wo Schulz in 08/15 tobte: "Quatschen Sie hier nicht dazwischen! Ihr Typ ist hier nicht gefragt", kommt der reale Schulz mit der Botschaft: "Wenn Trump mit der Abrissbirne durch unsere Werteordnung läuft, muss man klar sagen, das ist nicht unsere Politik."

Außerdem sei Trump hochgradig demokratiegefährdend, er spiele mit der Sicherheit der westlichen Welt, beginne einen Kulturkampf. Das Einreiseverbot sei unerträglich. Ein Angriff auf Europa, unverschämt und gefährlich, unerträglicher Tabubruch, Niedertracht, usw., usw.

Mein Gott! Auch unter diesen Anschissen hätte der Kanonier Vierbein, die Hauptzielscheibe des Hauptwachtmeisters Schulz, wohl aufgegeben und versucht, sich auf dem Schießstand zu erschießen, was der Gefreite Asch unter Anwendung roher Gewalt noch verhindern konnte.

Aber Trump musste sich von Schulz ja auch schon vor dem Wahlerfolg als ein "offenbar verantwortungsloser Mann" titulieren lassen, der "nicht nur für die EU ein Problem sei, sondern für die ganze Welt".

Ist Schulz von alleine auf diese Tiraden gekommen, oder hat er sich von Frank-Walter Steinmeier briefen lassen, der in Trump auch schon einen "Hassprediger" gesehen hat, dem er dann folgerichtig auch nicht zum Wahlsieg gratulierte?

Oder haben beide irgendwann Hillary Clinton - aus nicht offiziell nachvollziehbaren Gründen - einen ewigen Treue-Eid geschworen?

Hauptwachtmeister Schulz wären solche Beleidigungen selbst im Vollrausch gegenüber höheren Dienstgraden nicht entfahren. Er war zwar, Spieß und Spießer, ein Arschloch und ein Schleifer, aber er war nicht blöd. Er war schlau genug, zu wissen, dass er auch als Hauptwachtmeister gegenüber seinem Major Luschke ein Nichts war, der solche Diziplinlosigkeit, noch dazu, wenn sie denn öffentlich gezeigt worden wäre, vors Kriegsgericht gebracht hätte.

Ich frage mich ernsthaft, welche Vorstellungen von der eigenen Bedeutung und von den Kräfteverhältnissen auf der Welt im Kopf eines aussichtslosen und daher überflüssigen Kanzlerkandidaten entstanden sein mögen, um solche Entgleisungen von sich zu geben.

Mit Obama hinter sich über Putin herzuziehen, das war noch nachvollziehbar, da hieß es wie beim Skat, "mit vollen Hosen ist gut stinken". Ist den deutschen Sozialdemokraten und Teilen der Union denn immer noch nicht klar geworden, dass Obama nicht mehr Präsident ist, und dass Putin längst nicht das Interesse hat, diejenigen, die ihn über Jahre angekläfft haben, in Schutz zu nehmen, wenn Trump die Schnauze von den deutschen Wertepredigern einmal voll haben sollte?

Wer hat denn soeben auf Malta beschlossen, Flüchtlinge möglichst gar nicht mehr in die EU kommen zu lassen, im Mittelmeer noch stärker Jagd auf Flüchtlingsboote zu machen und in Nordafrikanischen Ländern Auffanglager einzurichten? War das nicht die EU, war das nicht auch Deutschland, als maßgeblicher Faktor innerhalb dieser EU?

Wo nehmen Sie unter diesen Vorzeichen das Recht her, Herr Schulz, die Absicht, eine Mauer zwischen Mexiko und den USA zu errichten, "unerträglich" zu nennen, und dadurch die gemeinsamen Werte verletzt zu sehen?

War die Frau, unter der Sie vermutlich im Herbst als Vizekanzler antreten wollen, nicht soeben in der Türkei, bei einem Mann, der tatsächlich mit der Abrissbirne durch die Reste der Werteordnung läuft, um die Fortsetzung seiner Hilfe bei der Abwehr von Migrantenströmen zu erbitten und die Auszahlung der dafür zugesagten Milliarden nochmals zuzusagen?

Ist diese EU nicht in einer lebhaften Diskussion darüber, was man den Briten alles an Steinen in den Weg legen könnte, welche Strafzölle und sonstigen Hindernisse für den Austausch von Menschen, Waren und Kapital man beschließen müsse, nur aus Rache für den EU-Austritt, noch nicht einmal im wirtschaftlichen Interesse der Restgemeinschaft?

Gibt es irgendeinen Grund für irgendeinen deutschen Politiker in Regierungsverantwortung, sich Donald Trump moralisch überlegen fühlen zu dürfen?

Ich denke, da wird man lange suchen müssen.

Und sollte es nicht um die Moral gehen, obwohl sie hier in der Schlammschlacht hauptsächlich bemüht wird, sondern um Erfolge, dann frage ich: "Wenn man Erfolge an der Umsetzung von Wahlversprechen misst, ist Trump da nicht schon in der ersten Woche weitergekommen als die GroKo seit ihrer Vereidigung 2013?

Wer anderen Parteien vorhält, populistische Stammtischparolen zu verbreiten, aufzuhetzen und damit Ratten zu fangen, sollte sich fragen, ob das Umfragehoch nicht auch ein kleines bisschen auf das perfekte Kopieren eben dieser Strategie zurückzuführen ist.

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

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