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2. Februar 2017

13.00 Uhr Target 2 Irrungen und Wirrungen

Prof. Sinn hat vor geraumer Zeit damit angefangen, vor den so genannten Target 2 Salden zu warnen. Mario Draghi unterstützt dessen Sichtweise, doch es gibt auch Stimmen, die zu der Auffassung kommen, das Gerede sei nur heiße Luft und solle vor allem dazu dienen, mögliche Euro-Austrittskandidaten abzuschrecken.

Wer einigermaßen klar denken kann, wird kein Problem damit haben, zu erkennen, dass potentielle Austrittskandidaten genug volkswirtschaftlichen und finanztechnischen Sachverstand abrufen können, um das Wesen und die Wirkung dieser ominösen Salden einschätzen zu können, dass es also ziemlich bescheuert ist, anzunehmen, irgendjemand ließe sich Angst einjagen, wenn es dazu keinen wirklichen Grund gäbe.

So hat es heute ein Paul Steinhardt, auf Heiner Flassbecks Seite "Makroskop" für nützlich erachtet, seinen eigenen Senf zur Thematik abzusondern, was keineswegs zur Erhellung des Sachverhalts dienlich war.

Um zu verstehen, was Target Salden sind, kann man am einfachsten bei den Bewegungen auf dem eigenen Giro-Konto beginnen.

Stellen Sie sich also vor, Ihr Konto steht auf Null, sie überweisen aber dennoch 500 Euro an Ihre Kfz-Haftpflichtversicherung, weil Sie Ihren Versicherungsschutz nicht verlieren wollen und Ihnen Ihre Bank einen ausreichenden Überziehungsrahmen eingeräumt hat.

Damit steht der Saldo Ihres Kontos auf 500 Euro minus, während sich der Saldo auf dem Konto Ihrer Kfz-Versicherung um 500 Euro ins Plus bewegt hat.

Soweit klar. Es dürfte auch klar sein, dass Ihre Bank erwartet, dass Sie Ihren negativen Saldo irgendwann wieder ausgleichen.

Stellen wir uns jetzt weiter vor, Ihr Konto würde bei der ABC-Bank geführt, während das Konto der Kfz-Versicherung bei der XYZ-Bank besteht.

Irgendwie muss die XYZ-Bank also an diese 500 Euro kommen, die nun plötzlich auf dem Konto der Kfz-Versicherung stehen. Vor allem dann, wenn damit gerechnet werden muss, dass die Kfz-Versicherung von diesem Konto auch wieder Versicherungsleistungen auszahlen will.

Hier kommt jetzt die Zentralbank ins Spiel, bei der alle Banken ein Konto unterhalten.

Was sich auf der Ebene der Kundenkonten zwischen den Banken abspielt, wird durch gleichartige Buchungen auf den Zentralbankkonten nachvollzogen. Allerdings immer nur per Saldo. Das heißt, wenn die ABC-Bank an einem Tag Kundenüberweisungen in Höhe von 10 Millionen Euro an alle anderen Banken ausführt und am gleichen Tag Kundenüberweisungen von allen anderen Banken in Höhe von 9 Millionen Euro erhält, wird der Saldo auf dem Zentralbankkonto der ABC-Bank am Abend um 1 Million Euro niedriger sein.

Allerdings kann man damit rechnen, dass sich dieses Spiel im Laufe der nächsten Tage umkehrt, dass die ABC-Bank mehr Überweisungen erhält, als sie abgibt, so dass es auf mittlere Sicht betrachtet stets einigermaßen ausgeglichene Zu- und Abgänge gibt.

Sinkt das Guthaben einer Bank auf deren Zentralbankkonto jedoch stetig weiter, wird es irgendwann erforderlich, dass diese Bank ihr Zentralbankguthaben aufstockt, zum Beispiel dadurch, dass sie Wertpapiere an die Zentralbank verkauft.

Das ist auch noch verständlich, oder?

Mit dem Euro ist darüber hinaus jedoch die EZB entstanden, eine Institution, die oberhalb der nationalen Zentralbanken den länderübergreifenden Zahlungsverkehr innerhalb der Euro-Zone verbucht.

Sollten Sie Ihr Kfz also bei einer italienischen Versicherung versichert haben, wäre der Weg ihrer Überweisung so, dass zunächst das Konto der ABC-Bank bei der Bundeszentralbank um diese 500 Euro erleichtert würde, dass dann das Konto der Bundeszentralbank bei der EZB ebenfalls um 500 Euro schrumpfen würde, während das Konto der Banca d'Italia um diese 500 Euro wachsen würde - und zugleich das Konto der italienischen XYZ-Bank bei der Banca d'Italia um den gleichen Betrag.

Auf dieser hohen Ebene (es gibt noch eine höhere, die BIZ, Bank für internationalen Zahlungsausgleich) entstehen nun die Target 2 Salden dadurch, dass die nationalen Zentralbanken bei der EZB anschreiben lassen können. Fromm gedacht, kann man annehmen, dass der Gedanke dahinter wohl war, dass sich das sowieso immer wieder ausgleichen würde.

Tut es aber nicht.

Wenn Italien nun einen negativen Target 2 Saldo in Höhe von rund 360 Milliarden Euro aufweist, dann entspricht das in unserem Beispiel Ihrem Minus auf dem überzogenen Giro-Konto. Nur dass die Größenordnung eine völlig andere ist.

Wollen Sie nun Ihr Konto bei der ABC-Bank auflösen, wird die Bank von Ihnen verlangen, dass Sie erst einmal Ihr Konto ausgleichen. Wollte Italien aus dem Euro austreten, stünde es vor der gleichen Forderung.

Könnte man, wie es Paul Steingart auf Makroskop annimmt, die Salden einfach streichen, was natürlich politisch so beschlossen werden könnte, wäre dies aber ein gigantischer Schuldenerlass, den die EZB zwar ohne jegliche Wirkung auf die Konten der übrigen Euro-Länder ausbuchen könnte, was ebenfalls politisch so beschlossen werden könnte, aber genau dies würde den Euro von einem Tag auf den anderen wie eine Seifenblase implodieren lassen. Sämtliche Volkswirtschaften mit negativen Salden würden flugs ebenfalls austreten und damit - jedenfalls in Bezug auf ihre EZB-Konten - unmittelbar entschuldet.

Da die Deckung des Euro nur in dem Vertrauen besteht, dass Schuldner ihre Schulden vertragsgemäß tilgen, also die ausstehende Gegenleistung für das erbringen, was sie "auf Pump" bezahlt haben, wäre das Vertrauen in die EZB und den Euro in einer solchen Situation auf einen Schlag verflogen. Die Währung würde an den Devisenmärkten steil abstürzen und im Binnenmarkt entstünde eine massive, inflationäre Tendenz, bis die Guthaben der Bankkunden mindestens um jenen Betrag abgewertet wären, der im Schuldenerlass verschwunden ist.

Die abweichende und beruhigende Erklärung, die Kundenkonten bei den Geschäftsbanken wiesen ja die richtigen Salden auf, Schuldner wären weiter zur Tilgung verpflichtet, über Guthaben könne weiter verfügt werden, greift zu kurz - und sollte, ganz unabhängig davon, wer sie verbreitet, in die Rubrik Fake-News eingeordnet werden. Denn diese Erklärung, die weite Teile der Wahrheit verschweigt, beschreibt ein groteskes System!

Die kreditgebende Bank erwirbt in diesem grotesken System eine Forderung gegenüber ihrem Schuldner, ohne den als Schuld verbuchten Betrag an die (eben nicht!) empfangende Bank weiterzugeben. Stattdessen soll diese die Gutschrift auf dem Kundenkonto zu Lasten ihres eigenen Vermögens vornehmen. D.h., übertragen auf das vorstehende Beispiel: Die XYZ-Bank bezahlt den Versicherungsbeitrag des Kunden der ABC-Bank aus ihrem Eigenkapital, während die ABC-Bank die Tilgung des Kredits als realisierten Gewinn einsackt!

Dass dieses groteske System unter dem Dach der EZB gespielt wird, allerdings mit dem Unterschied, dass nicht die Bank des Zahlungsempfängers, sondern die EZB die Gutschrift aus ihrem Hut zaubert, während ihre Forderungen gegenüber der Bank des Zahlungsabsenders vollkommen unbesichert in den Himmel wachsen können, ist die missbräuchliche Verwendung des Target-Systems zur Bankenrettung und Staatsfinanzierung durch girales Helikoptergeld, das überall da abgeworfen wird, wo eigentlich das Geld der Leistungschuldner ankommen sollte, wenn diese keines mehr haben.

Wer glaubt, Target 2 Salden hätten überhaupt nichts mit Geld zu tun, sondern meint, diese seien allein ein Artefakt der Abwicklung des Zahlungsverkehrs über das sogenannte „Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System“, wie es Paul Steingart hinausposaunt, der hat vom Geld soviel verstanden, wie die Kuh vom Laptop.

Wenn die Annahme, Zahlen auf Kontoauszügen seien nur "Artefakte des Zahlungsverkehrs" und hätten darüber hinaus keine Bedeutung, und schon gar keine bindende Wirkung für Konteninhaber und Banken, sich durchsetzen sollte - und zugleich das Bargeld verboten wird, gehen wir Zeiten entgegen, wie sie sich selbst die hargesottensten Anarchisten nie haben träumen lassen.

 

 

 

 

 

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

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