hierverbirgtsicheingeheimnis

7. Februar 2017

09.10 Uhr

 

Wegen Renovierung bis auf Weiteres geschlossen.

 

Die SPD hatte ein selbstverschuldetes Problem, dass darin bestand, dass die Partei, einschließlich ihres Vorsitzenden, der Überzeugung war, mit Sigmar Gabriel bei der Wahl zum Deutschen Bundestag im September keinen Blumentopf gewinnen zu können - und - dass die Partei, einschließlich ihres Vorsitzenden, der irrigen Überzeugung war, sie müsse einen Kanzlerkandidaten aufbieten, um mit der CDU/CSU auf Augenhöhe in den Wahlkampf ziehen zu können.

Unglücklicherweise befindet sich die SPD aber in der gleichen Situation wie die CDU. Es fehlt an dem, was man gewöhnlich "Personaldecke" nennt, und diejenigen, die vielleicht heimlich mit dem Gedanken der eigenen Kanzlerschaft spielen, wie Olaf Scholz, Hannelore Kraft, Thomas Oppermann, Andrea Nahles, ja sogar Ralf Stegner, waren realistisch genug, um zu wissen, dass sie weder den notwendigen Rückhalt in der eigenen Partei finden würden, noch ihre Kandidatur von Erfolg gekrönt sein könnte, weil die SPD für die Wahl 2017 einfach schon viel zu weit in den Keller gerutscht war, um den Gedanken an eine Regierungsbildung unter SPD-Führung auch nur träumen zu wagen.

Anderslautende öffentliche Meinungsäußerungen, die Wahlchancen der SPD betreffend, gehören in die Rubrik "alternative Fakten".

Dass der in Brüssel gerade arbeitslos gewordene Martin Schulz da wie ein Geschenk des Himmels daherkam, kann man durchaus verständnisvoll nachvollziehen. Auch dass Martin Schulz zusagte, der SPD den Kandidaten zu machen, kann man verständnisvoll nachvollziehen. Was hätte er denn sonst machen sollen? Rente mit 61? Oder noch einmal Bürgermeister von Würselen?

So haben sich also mit Martin Schulz und der SPD zwei getroffen die sich gegenseitig als jenen Strohhalm angesehen haben, an den man sich klammern muss, will man nicht untergehen. Da war es auch nicht mehr schwer, Schulz auch gleich noch den Parteivorsitz zu überlassen, denn damit war sichergestellt, dass er den Misserfolg am Ende ganz alleine zu verantworten haben würde.

Der Freudentaumel der alten Tante SPD darüber, Gabriel endlich ohne schmerzhafte und langwierige Selbstzerfleischung losgeworden zu sein, erforderte es allerdings auch, den Nachfolger und Kanzlerkandidaten als den Erlöser zu feiern.

Der König ist tot - es lebe der König!

Bei Licht betrachtet drängt sich der Verdacht auf, dass die neuen, guten Umfrageergebnisse nicht als Schulz-Bonus verstanden werden sollten, sondern als die Folge des Wegfalls dessen, was man allzu schnell geneigt ist, im Nachhinein als Gabriel-Malus anzusehen.

Dem ist aber nicht so. Denn Gabriel verkörperte letztlich in einer Person die ganze, auseinanderstrebende Vielfalt der SPD. Er repräsentierte die SPD in ihrer ganzen Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit, in die sie Gerhard Schröders zweite Amtszeit gestoßen hat. Der Wirtschaftsflügel ist nach wie vor der Überzeugung, man müsste nur die Pferde ordentlich füttern, dann fänden auch die Spatzen auf der Straße was zu fressen, während der sozial-sozialistische Flügel nicht müde wird, zu fordern, die Pferde zu schlachten, ihr Fleisch den Geiern zum Fraß vorzuwerfen und den nun verfügbaren Hafer den Spatzen zukommen zu lassen. Die Gemäßigten dazwischen weisen darauf hin, dass die Pferde schließlich den Pflug und den Erntewagen ziehen müssten und es ohne Pferde daher gar keinen Hafer gäbe, weshalb die Frage nur sein könne, wie viele Pferde, wie viele Spatzen und wie viel Hafer bei minimalem Gesamtaufwand denn ein Optimum ergäben. Der ordnungspolitische Flügel meint immer noch, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, und lässt sich daher für jede Ausweitung des Überwachungsstaates gewinnen, während der anarchistische Flügel den Staat am liebsten so weit abschaffen würde, dass am Ende außer der schönen Fassade des Willy-Brandt-Hauses davon nichts mehr zu sehen sein dürfte. Die Falken sind dafür, die Welt mit Waffengewalt auf den rechten Weg zu führen, die Tauben protestieren und demonstrieren gegen die Waffenexporte des eigenen Wirtschaftsministers.

Gabriel war gut für die SPD, weil er es schaffte, irgendwie allen Strömungen gerecht zu werden, ohne dabei schwindlig zu werden. Das war gut, bis zu jenem Tag, an welchem die SPD erkannte, dass ihr Allgemeinzustand nicht gut genug war, um die nächsten Bundestagswahlen mit einem Ergebnis von 20+X Prozent zu überstehen. Dies liegt allerdings schon mehr Monate in der Vergangenheit als die Bundestagswahlen in der Zukunft liegen.

Die vielen Flügel wurden sich einig, dass man sich wieder einig werden müsse, und begannen sich zu fragen, worauf man sich denn wohl einigen könne. Schließlich einigten sie sich darauf, dass man sich auf einen neuen Anführer einigen müsse, der mit klarer Kante (Basta!) vorgibt, worauf man sich zu einigen habe.

Das erwartet die SPD jetzt von Martin Schulz. Dafür bleiben ihm nicht einmal acht Monate. Was Gabriel in sieben Jahren nicht geschafft hat, soll ein Mann, der die deutsche Politik hauptsächlich aus der Perspektive des Vorsitzenden des so genannten Parlaments der EU beobachtet hat, nun in wenigen Wochen wahlsiegfähig auf die Beine stellen.

Begonnen wurde damit ausgesprochen professionell. Es gibt keine SPD mehr, es gibt nur noch Martin Schulz, und Martin Schulz wird professionell als die neue SPD vermarktet. Dabei erinnert viel an das so genannte Home Staging.

Home-Staging

Home Staging ist ein gut funktionierendes Geschäftsmodell. Wenn der Makler ein mehr oder minder heruntergekommenes Haus einfach nicht an den Mann bringen kann, empfiehlt er seinem Klienten den Einsatz eines Home Stagers.

Home Stager sind Künstler, denen es gelingt, mit geringstem Aufwand aus jeder Bruchbude ein Haus zum Verlieben zu machen. Das Berufsbild gleicht dem des Rosstäuschers - doch am Ende zählt nur der Erfolg.

Beim Hausverkauf ist der Erfolg erzielt, wenn der Käufer gefunden ist und mehr zahlt als das Haus wert ist. Bei einer Partei sind es die Stimmen, die sich - mehr als erwartet - in der Urne finden, wenn die Wahllokale geschlossen sind.

Was macht nun so ein Home Stager?

Erst einmal räumt er alles weg, was an Charakter und Persönlichkeit, Vorlieben und Abneigungen der bisherigen Bewohner erinnert. Das Haus wird so "neutralisiert". Jeder Interessent kann mühelos seine eigenen Vorstellungen hinein projizieren, ohne dass ihm das Objekt dabei Widerstand leisten könnte.

Mit dem Abgang Sigmar Gabriels ist diese "Neutralisierung" bereits erledigt. Der alte rote Teppich im Flur ist ebenso verschwunden wie das Ollenhauer-Portrait über dem Esstisch. Die Willy-Brandt-Büste ist eingemottet und das Erinnerungsfoto an die Männerfreundschaft Schröder-Hartz, samt Blattgold-Rahmen, harrt im Container der Wertstoffsammelstelle des Recyclings.

Mit Martin Schulz hat die SPD ihr altes Gehäuse entrümpeln lassen. Wer hier eintritt, findet nichts, was an die Vergangenheit erinnert. Der Kandidat kommt dem deutschen Wähler vor, wie ein unbeschriebenes Blatt und verheißt jedem, dass er in ihm den Vertreter seiner Interessen finden wird, Martin Schulz wird als Projektionsfläche für die Wünsche der Wähler vermarktet. Schulz wird so zu einer Art Selfie von Hans und Grete Mustermann auf der Großbildleinwand.

Im nächsten Schritt sorgt der Home Stager mit einer Tüte Gips und ein paar Eimern weißer Farbe dafür, dass das Haus wirkt, als handele es sich um einen Neubau, der zum Erstbezug angeboten wird.

Nach dieser oberflächlichen, aber eindrucksvollen Renovierung werden die Räume spärlich mit Mobiliar aus dem Fundus des Home Stagers neu eingerichtet. Gerade so viel, dass die Nutzungsart der einzelnen Räume zu erkennen ist, und dabei der Eindruck von Weiträumigkeit und Großzügigkeit geschaffen wird. Ein Effekt, der im nicht bewohnten Haus leicht hergestellt werden kann.

In der Politik entsprechen die Räume des Hauses den Politikfeldern. So wie man im Wohnzimmer eine Sitzecke mit einem Couchtisch erwartet, bietet Schulz im Bereich Arbeit und Soziales die Gerechtigkeit für den fleißigen Arbeiter an.
In der Wirtschaftsküche, in welcher Spülmaschine, Herd und Kühlschrank den Eindruck von Funktionalität vermitteln, verspricht Schulz die Mobilisierung aller Kräfte für Wachstum und Aufschwung. Sein Ja zu Europa und sein Nein zu Putin und Trump stehen für das französische Bett im Schlafzimmer und vermitteln den Eindruck von Nähe, Treue und Zuverlässigkeit.

Doch erst mit dem richtigen Lichtkonzept krönt der Home Stager sein Werk.
Egal, wie hell die Sonne draußen scheint, bei der Besichtigung werden wenige geschickt gesetzte Lichteffekte den Blick des Besuchers ganz von alleine auf das Wahre, Gute und Schöne lenken, während alles nicht so Glanzvolle bewusst im Dunkeln gehalten wird. Dazu ein paar Quadratmeter Deko-Stoff, um die Aufmerksamkeit von tristen Wänden auf dezent gesetzte Farbtupfer zu lenken, und das alte Haus ist nicht wiederzuerkennen.

Und wo es eine Stelle geben sollte, die sich mit wenig Geld und Mühe nicht aufhübschen lässt, wo der Putz abgefallen ist und aufwendig saniert werden müsste, wird genau das ungeniert als "Highlight" von Offenheit und Transparenz präsentiert. Wer würde sich nicht beglückt fühlen, wenn ihm der Makler mit nostalgischem Glanz in den Augen erläutert, hier bestünde die einzigartige Möglichkeit, einen Blick auf die vor 150 Jahren entstandene Substanz aus handgeformten, luftgetrockneten roten Ziegelsteinen zu werfen, und dass es tatsächlich schade wäre, wenn man das wieder zuputzen würde, wobei er mit vollem Körpereinsatz dafür sorgt, dass niemand den feuchten morschen Steinen so nahe kommt, um feststellen zu können, dass sie sich schon mit einem gesunden Fingernagel zu Staub verwandeln lassen.

Läuft doch alles prima, für die SPD!

Ja. Im Augenblick.

Die paar Tage, die der Home Stager benötigte, um die Hütte herzurichten, haben die Genossinnen und Genossen zwar in Hotels und bei Verwandten zugebracht, doch gleichzeitig mit den ersten staunenden Interessenten werden sie mit Sack und Pack zurückkommen, die alten Bilder an die Wände hängen, die alten Nippes-Figuren aufstellen und auch den abgewetzten roten Teppich als bewährte Stolperfalle wieder im Flur auslegen. Vermutlich werden sie sich auch wieder nicht einigen können, wer den Abwasch erledigen, den Müll rausschaffen und die Blumen gießen soll, so dass es nur wenige Wochen brauchen wird, bis das Haus schon wieder als unverkäuflich gilt, obwohl tausende Quadratmeter Plakatwände und endlose Sekunden Fernsehwerbung immer noch jene Bilder vermitteln, mit denen der Home Stager seine Arbeit dokumentiert hat, bevor die Genossinnen und Genossen wieder eingezogen sind.

Wollte die SPD tatsächlich wieder zu einer prägenden gesellschaftlichen Kraft in Deutschland werden, müsste sie mehr tun, als sich hinter einem neuen, und zuhause weitgehend unbekannten Gesicht zu verstecken.

Wenn es nur darum geht, mit der Union weiterregieren zu können, ließe sich das mit einer klaren Koalitions-Aussage vermutlich einfacher und sicherer erreichen als mit der Unsicherheit über den Kurs der Partei, die mit Martin Schulz und der trügerischen Hoffnung auf eine Koalition links von der Union geschürt wird.

Wenn aber tatsächlich angestrebt würde, sich eindeutig zu positionieren, dann müsste der Ernennung des Kandidaten schnell und glaubhaft die Nennung der neuen programmatischen Positionen folgen, verbunden mit einem schlüssigen Plan, wie diese Ziele erreicht und finanziert werden sollen. Und es müsste, um glaubhaft zu sein, sogar erklärt werden, dass man lieber die Oppositionsbank drücken wolle, als noch einmal vier Jahre in einer GroKo mitzuregieren.

Es reicht nicht mehr, sich nach allen Seiten offen in die Mitte zu stellen und zu verkünden:

"Ohne uns geht in Berlin sowieso nichts,
und wir, liebe Wähler, sind allemal das kleinere Übel."

Das reicht allenfalls, um die Fallgeschwindigkeit zu bremsen.
Wenn überhaupt.

Bücherstube


 

Der Weg zum Wohlfühlgewicht
beginnt auf der Waage.

 

Hier
könnten Sie ihn fortsetzen.


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Sprachverwirrung
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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

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