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31. Januar 2017

13.00 Uhr Guter und schlechter Populismus

Heribert Prantl hat sich gestern in der Süddeutschen in einem Artikel, der insgesamt enttäuschend war, dazu hinreißen lassen, Martin Schulz als einen guten Populisten hinzustellen und dessen Gutpopulistentum dem Rechtspopulistentum anderer gegenüber zu stellen. Schwamm drüber.

Die Frage, die sich mir dabei aufdrängte, zielt in eine andere Richtung. Wenn Populismus das ist, was das Volk versteht, dann scheint es doch so zu sein, dass eben dieses Volk in der Lage ist, beide Formen von Populismus zu verstehen. Ja, manche verstehen mehr den einen, manche mehr den anderen Populismus, doch die Schnittmenge, die ja regelmäßig als "die Mitte" angesprochen wird, ist vermutlich so groß, dass die nichtpopulistischen Lenker und Vordenker hinter den Populisten das jeweils andere Volksverständnis mindestens lächerlich machen müssen, es nach Möglichkeit aber zu unterdrücken und auszugrenzen versuchen.

Fragt man sich, wie es kommen kann, dass alles, was ein durchschnittlich vernunftbegabter Angehöriger dieser Mitte versteht und nachvollziehen kann, alles, was sein Verständnis von der Welt, den Ereignissen, den Nutznießern und Geschädigten ausmacht, zumindest zur Hälfte verdammt werden muss, um einerseits der vorherrschenden politischen Korrektheit zu entsprechen, oder andererseits den Ansprüchen der nationalen Interessenwahrung zu genügen, dann findet man keine Antwort. Die Frage ist falsch gestellt.

Die richtige Frage müsste lauten:

Welche Partei vertritt noch die Interessen der Mitte?

Bleiben wir beim Populismus. Der Populismus gibt einfache Erklärungen. Spezielle "Kindernachrichten", in welchen das Weltgeschehen einfach erklärt wird, geraten jedoch ebensowenig in Populismusverdacht, wie die "Nachrichten in einfacher Sprache" die nicht unbedingt für die Mitte produziert werden, aber zumindest ohne komplizierten Satzbau und ungebräuchliche Fremdwörter auskommen wollen, damit möglichst viele Menschen, auf ihrem sprachlichen Niveau verstehen können, was los ist.

Der Witz dabei ist, dass sich so ziemlich alles einfach und verständlich ausdrücken lässt, ohne dabei zu vereinfachen und durch die Vereinfachung zu verfälschen. Im Gegenteil, die einfache Sprache ist der Wahrheit oft näher als der komplizierte Satz, denn die Lüge ist in einer einfachen Aussage kaum zu verstecken.

Wenn Heribert Prantl also formuliert:

"Schulz hat, was Merkel fehlt. Überschwang, Feuer, Begeisterung - das sind die Gaben des Martin Schulz. Der Kanzlerkandidat der SPD ist ein Mann mitten aus dem Leben, ein Populist im besten Sinne.",

dann ist das schon eine recht komplizierte Aussage.

Zunächst bekommt der Gedanke nur dadurch überhaupt eine positive Richtung, weil Schulz zunächst nicht als Schulz beschrieben wird, sondern scheinbar als überlegener Gegenpart zu Angela Merkel, wobei der Unterschied, so wird suggeriert, nur darin besteht, dass Schulz etwas hat, was Merkel fehlt. Dieser Vergleich ist unfair, denn wenn Prantl aufzählen wollte, was Merkel hat, aber Schulz fehlt, ergäbe sich eine sehr lange Liste sehr wichtiger Eigenschaften, die Schulz fehlen.

Nimmt man diese irreführende Verkomplizierung weg, bleibt Folgendes übrig:

Überschwang, Feuer, Begeisterung - das sind die Gaben des Martin Schulz. Der Kanzlerkandidat der SPD ist ein Mann mitten aus dem Leben, ein Populist im besten Sinne."

Jetzt steht Martin Schulz plötzlich ziemlich nackt da. Außer Überschwang, Feuer und Begeisterung hat er offenbar keine Gaben mehr. Und diese drei Gaben sind letztlich nahezu bedeutungsgleich, weshalb man einfacher formulieren könnte:

"Martin Schulz ist emotionsgetrieben. Der Kanzlerkandidat der SPD ist ein Mann mitten aus dem Leben, ein Populist im besten Sinne."

Liest man diese beiden Sätze im Zusammenhang, stellt man fest, dass sie nicht mehr zusammenpassen. Vor allem: "... ein Mann mitten aus dem Leben", stellt sich quer. Solche Männer gibt es mitten im Leben nicht. Sogar an Stammtischen sind sie eher selten zu finden. Überschwang, Feuer und Begeisterung rauszulassen, das bleibt den Helden der Erfolgstrainingsseminare und den Reiseleitern von Kaffeefahrten vorbehalten. Streichen wir also das "mitten aus dem Leben". Dann steht da noch:

"Martin Schulz ist emotionsgetrieben. Der Kanzlerkandidat ist ein Mann, ein Populist im besten Sinne."

Der aufmerksame Leser stellt fest, dass ihm bekannt ist, dass Martin Schulz ein Mann ist, und streicht auch diese sinnlose Aussage. Dann liest sich das so:

"Martin Schulz ist emotionsgetrieben. Der Kanzlerkandidat ist ein Populist im besten Sinne."

Und damit ist der Punkt erreicht, an dem sich nicht mehr erschließen kann, wieso der Kanzlerkandidat ein "Populist im besten Sinne" sein soll. Es erschließt sich auch nicht mehr, warum überschießende Emotionalität das Kennzeichen eines Populisten sein sollte.

Lässt man nun aber noch den Populisten weg, bleibt vom zweiten Satz nur noch: "Der Kanzlerkandidat ist." Nachdem aber hinlänglich bekannt ist, dass Martin Schulz diesmal der Kanzlerkandidat der SPD ist, ist auch dieses Anhängsel überflüssig. Wir sind am Kern der Aussage angekommen:

"Martin Schulz ist emotionsgetrieben."

Am Sonntag hielt Schulz übrigens eine Rede, in der er seine rhetorischen Fähigkeiten überzeugend darstellte. Es ist festzustellen, dass er kaum in der Lage ist, einfache Wahrheiten in einfachen Sätzen auszudrücken. Hier ein Beispiel daraus:

„Wenn die 'Europäische Solidarität' aber bei einigen Mitgliedsstaaten so interpretiert wird – bei der Finanzierung der Agrarfonds oder der Mittel für die Strukturförderung 'Ja, bitte', aber bei der Solidarität mit Menschen, die fliehen, 'Nein, Danke' - dann muss eine künftige Bundesregierung die Frage der Solidarität mit der Flüchtlingspolitik mit der EU-Finanzplanung verbinden.“

Ein Geschwurbel. Ein Geschwurbel, mit dem versucht wird, die Flüchtlingskrise als eine Folge fehlender europäischer Solidarität darzustellen und dabei zu vertuschen, dass die Solidarität von Deutschland verletzt wurde als Merkel die geltenden europäischen Regeln und das deutsche Grundgesetz gebrochen hat. Nach geltendem Recht ist kein EU-Staat verpflichtet, Flüchtlinge aufzunehmen, die aus einem sicheren Drittstaat kommen.

Mit diesem Solidaritätsgeschwafel verdeckt Schulz seine Wut darüber, dass anderswo in Europa eine andere Art von Vernunft die Oberhand behalten hat als die in Deutschland gepflegte.

Er vermengt die den EU-Regeln entsprechenden Regeln zu Agrarfonds und Strukturförderung mit den Folgen des Rechtsbruchs der Bundesregierung, und weil sich dem immer noch die meisten anderen EU-Staaten entgegenstemmen, will er sie mit finanziellen Strafen zwingen, die Suppe mit auszulöffeln.

Einfach und klar hätte diese Aussage lauten müssen:

"Die Bundesregierung wird jedes EU-Land finanziell bestrafen,
das sich ihrer Migrationspolitik verweigert."

Das wäre in einfachen Worten die Wahrheit gewesen. Es wäre Populismus gewesen, allerdings kein besonders guter, und es wäre wohl auch ziemlich nationalistisch gewesen.
In der großen Schwurbel-Arie ist das jedoch fast vollständig untergegangen.

 

 

 

 

 

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Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

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