hierverbirgtsicheingeheimnis


23. Januar 2017

11.30 Uhr Anlassloses Steinewerfen

Einfach mal so mit großen, schweren Steinen auf unschuldige Polizeiautos zu werfen, hat sich zu einer Art Sport entwickelt. Es erinnert an illegale Autorennen auf innerstädtischen Straßen oder an das illegale Verzieren von Hauswänden und S-Bahn-Waggons mit Graffitis, oder auch an das so genannte Base Jumping. In allen genannten Beispielen hat sich eine Art "Szene" entwickelt, zu welcher derjenige Zutritt hat, der spezielle Fähigkeiten entwickelt und unter Beweis gestellt hat.

Steinwürfe auf Polizeiautos sind, wenn sich lebende Polizisten darin befinden, mindestens als versuchter Totschlag zu werten, nach meiner Einschätzung handelt es sich dabei um versuchten Mord.

Dadurch unterscheiden sich Basejumper und Graffiti-Sprayer erheblich, illegale Rennfahrer immer noch erkennbar von diesen Steinewerfern. Sachbeschädigung und die Gefährdung des eigenen Lebens werden in Kauf genommen, auch eine unbestimmte Gefahr für Leben und Gesundheit Unbeteiligter kann nicht ausgeschlossen werden, doch erst bei den Steinewerfern wird das Leben Unbeteiligter gezielt angegriffen, während die Gefahr für die Täter nur darin besteht, unter Umständen erwischt, verhaftet und eventuell verurteilt zu werden.

Wenn die Polizei in Berlin, der Hauptstadt der Steinewerfer, einen Teil der Streifenwagen mit Splitterschutzfolien ausrüstet, dann ist das sicherlich eine wichtige Maßnahme zum Schutz der Beamten.

Es ist aber keine Antwort an die Täter. Ja, die Splitterschutzfolie könnte von diesen sogar so weit umgedeutet werden, dass ja keine Gefahr für Menschen bestehe, die seien ja bestens geschützt, was womöglich die Hemmschwelle senkt, und noch mehr Täter zu rekrutieren hilft, die mit Säcken voller Pflastersteinen auf die Hausdächer steigen.

Wenn die Polizei in Berlin, der Hauptstadt der Steinewerfer und Autoabfackler, nun auf Facebook mit einer weinerlichen Botschaft auftritt, die mit den Worten beginnt:

+++In unseren Fahrzeugen befinden sich Menschen+++

dann frage ich mich, an wen diese Botschaft wohl adressiert sein mag und was damit erreicht werden soll.

Sicherlich. Es wird eine Reihe von besorgten Bürgern geben, die sich dadurch aufgefordert sehen, warme Pullover für die armen Polizisten zu stricken, vor dem nächsten Polizeirevier Blumen niederzulegen und Kerzen anzuzünden. Mahnwache mit der Betroffenheit von Claudia Roth vor der Polizeiwache, oder so ähnlich. Schließlich kommen keine Flüchtlinge mehr, also ist eine neue Projektionsfläche für die Zurschaustellung von Empathie und Altruismus sehr willkommen, aber wird das die Steinewerfer vom Steinewerfen abhalten? Die Bombenwerfer in Syrien hat die Willkommenskultur für syrische Flüchtlinge auch nicht abgehalten...

Natürlich darf man das nicht gleichsetzen - aber ich finde, man muss es vergleichen, denn dann stellt sich heraus, dass die Unterschiede nur in den Größenordnungen, nicht in der Qualität bestehen.

Wenn es heutzutage in deutschen Städten Gebiete gibt, deren Bewohner sich gegen die Umwelt gewaltsam abschotten, so dass die Polizei bei notwendigen Einsätzen nicht mit zwei Mann und einem Streifenwagen, sondern mit 50 Mann in 20 Streifenwagen anrücken muss, um überhaupt eine Chance gegen die dort operierenden Banden zu haben, dann kommt es nicht darauf an, darüber zu streiten, ob es sich da nun schon um No-Go-Areas handelt, oder eben noch nicht, sondern es kommt darauf an, die Ordnung wieder herzustellen.

Wenn Pflastersteine auf Autos fliegen, egal ob von Brücken, von Hausdächern oder aus Fenstern, wenn Polizei-Autos und Nobelkarossen auf den Parkplätzen angezündet werden, wenn es so genannten Autonomen gelingt, sich in besetzten Häusern festzusetzen, von da aus Gewalttaten zu begehen und sich dem Zugriff der Polizei gewaltsam zu widersetzen und letztlich zu entziehen, dann kommt es nicht darauf an, mit psychologischem Feingefühl nach prägenden Kindheitserlebnissen zu suchen, sondern es kommt darauf an, die Ordnung wieder herzustellen.

Dass dieses unterbleibt, dass die Ordnung seit geraumer Zeit nicht wiederhergestellt wird, dass öffentliche Parks, Grünflächen und Spielplätze von Dealern als Marktplatz für Drogen missbraucht werden können, ohne dass wirkliche Anstrengungen unternommen würden, diese öffentlichen Flächen wieder ihrem ursprünglichen Zweck zuzuführen, dass die berüchtigten "Schwarzen Blocks" bei Demonstrationen und Gegendemonstrationen nicht weniger, sondern eher mehr werden, zeugt von einer Hilflosigkeit des Staates, die einen armen Simplicius Simplicissimus vor ein schier unlösbares Rätsel stellt.

Ein Staat, der mit Scharfschützen auf hunderten von Dächern agiert, kilometerlange Stacheldrahtverhaue aufbaut und jeden erreichbaren Kanaldeckel verschweißen kann, der mit Kampfflugzeugen und Hubschraubern die Sicherheit von Tagungshotels gewährleistet, soll - wenn der Gipfel nach drei Tagen vorbei ist - nicht in der Lage sein, diese im Übermaß vorhandenen Ressourcen sinnvoll für die Bekämpfung von Staatsfeinden einzusetzen?

Ein Staatsfeind ist in meinen Augen nicht erst derjenige, der mit Pflastersteinen auf Polizeiautos wirft. Staats- und verfassungsfeindlich verhält sich nach meinem Verständnis schon, wer mit den Worten "Deutschland verrrecke!" oder "Deutschland, du mieses Stück Scheiße" ganz klar gegen diesen Staat antritt.

Zur Staatlichkeit gehört in der Demokratie das Gebot der Gewaltenteilung und das Gewaltmonopol des Staates. Dieses Gewaltmonopol durchzusetzen muss der Staat in der Lage sein, denn wenn er das nicht mehr ist, befindet sich der Staat im Bürgerkrieg.

Auch hier gilt, dass zwischen den Sprengstoffattentaten in Kabul und dem Werfen von Pflastersteinen auf die Polizei nur ein quantitativer Unterschied besteht, aber kein qualitativer.

Dass dieser Staat zwar bestrebt ist, anlasslos die gesamte Kommunikation und noch viel mehr zu überwachen, dass er antritt, unangenehme Wahrheiten, Meinungen und Spekulationen als Hate-Speech zu verfolgen, dass er in der Lage ist, über sechs Milllionen Empfänger von Leistungen aus den Sozialsystemen mit einer Superbehörde zu zwingen, ihm ihre intimsten Verhältnisse bis auf das Loch in der letzten Unterhose zu offenbaren, zeigt, dass der Staat über Ressourcen im Überfluss verfügt, die er jedoch - überspitzt formuliert - in einer nicht nachvollziehbaren Weise offenbar nur gegen jene einsetzen kann, die bereits wehrlos am Boden liegen, während er gewaltbereiten Angreifern nicht mehr entgegenzusetzen bereit ist, als eine Art UN-Blauhelme auf Beobachtermission.

Es kann nicht sein, dass der Staat fürchtet, von einigen tausend Gewaltbereiten, ob von Links oder von Rechts, in einer offenen Auseinandersetzung zur Wiederherstellung der Ordnung besiegt zu werden.

Der hilflose Aufruf, doch bitte die Polizisten in Ruhe zu lassen, die doch nur helfen, trösten, trauern, schützen, aufpassen und zuhören, überprüfen und kontrollieren, Streit schlichten und Nachts für Ruhe sorgen, weckt den Verdacht, dass das Betteln um Verständnis bei der Bevölkerung ein Teil der flankierenden psychologischen Maßnahmen zur Vorbereitung auf die Wiedervereinigung von Polizei und Geheimdiensten und den Einsatz der Bundeswehr im Inneren sein könnte.

Dass auf diesen Verdacht die Frage folgen muss, wem es nützt, wenn Polizeiautos mit Steinen beworfen werden, ist klar.

Solange diese Frage vorbehaltlos damit beantwortet werden kann, dass es halt das Ego der halbstarken Steinewerfer stärkt, wenn sie sich mit solchen Heldentaten brüsten können, so wie es das Ego der Grafitti-Sprayer stärkt, wenn sie ihr neuestes überdimensionales Werk fertiggestellt und signiert haben, ist alles halb so schlimm.

Und auf andere Antworten müsste man erst mal kommen.

 

Bücherstube


 

Der Weg zum Wohlfühlgewicht
beginnt auf der Waage.

 

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Sprachverwirrung
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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

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