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17. Januar 2017

14.00 Uhr Genussmomente und Kontrastprogramme

Mancher mag es pervers finden, doch wenn ich, wie heute bei Phönix, die Richter des Bundesverfassungsgerichts eine Urteilsbegründung verlesen höre, klingt das in meinen Ohren ebenso schön, wie eine Sinfonie von Gustav Mahler.

Eine klare, sachliche Argumentation, durchzogen von einem ernstgemeinten Abwägen des Für und Wider, das Thema in allen Variationen und durch alle Sichtweisen immer wieder neu anklingen lassen, doch trotz aller notwendigen Redundanz nie langweilig, nie fade. Immer wieder entdeckt der Zuhörer neue Aspekte, erlebt ihre Würdigung, wie sie entweder abgehandelt und zur Seite gelegt, oder als Baustein sorgsam am rechten Platz in die Argumentation eingefügt werden, um im brausenden Finale ihre ganze Leuchtkraft zu entfalten.

Was da in jahrelanger Arbeit herangereift ist, ist nicht einfach nur ein Urteil. Es ist ein Artefakt des Rechts von kontemplativer Dichte und kristalliner Transparenz.

Es ist einfach nur schön.

Es ist einfach nur schön, zu wissen und erfahren zu dürfen, dass es auch DAS noch gibt, in einer Welt der plakativen Schreihälse und ihrer auf Twitter abgelassenen Flatulenzen, die ihre Parolen, ohne das innere Bedürfnis, sie auch standfest begründen zu können, in die Welt setzen und dies schon als Politik verstehen und noch dazu einen mit billigem Goldlack aus dem Baumarkt überzogenen Heiligenschein der Alternativlosigkeit vor sich hertragen.

So wie der Clown im Zirkus in viel zu großen Schuhen steht, suchen sie Halt in den Ämtern, die sie sich im Parteienhickhack erobert oder selbst zugeschustert haben, und kaum hat man begonnen, das Groteske der Situation zu erfassen, schon bleibt einem das Lachen wieder im Halse stecken, weil sie mit Hilfe dieser übergroßen Schuhe, in die sie noch lange nicht hineingewachsen sind, Schritt für Schritt in voller Absicht oder auch nur aus Dummheit und Achtlosigkeit alles plattmachen, was sich ihnen vermeintlich in den Weg stellt.

Nein. Das sind keine Clowns. Clowns freuen sich, wenn über ihre Tolpatschigkeit gelacht wird. Clowns spielen das ja nur.

Wo allerdings eine Regierung den Elefanten im Porzellanladen der Grundrechte spielt, wo mit Begriffen operiert wird, die so dehnbar sind wie die schlotternde Hose des Clowns, um jegliche Kritik im Keim zu ersticken, weil man sie ja so leicht von privatisierten Juroren als Fake oder als Hate einstufen und unterdrücken lassen kann, ohne dass je ein Richter darüber befinden müsste, da überkommt mich das große Fremdschämen.

Narzisstische Bulldozzer überrollen die demokratische Diskussionskultur und ersetzen sie durch das Leichentuch der politischen Korrektheit, wo nur noch gilt, wer schon tot ist und sich gegen die Vereinnahmung durch Parteien und Ideologien nicht mehr zur Wehr setzen kann.

Es hat mich noch nie so sehr getroffen wie heute:

Die Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Verfassungsrichter, gewissenhaft über eine Sache zu urteilen, und dem öffentlichen Diskurs, der von den Vertretern der politischen Parteien und den meisten Medien wie eine Schindmähre geritten wird, mit keinen anderen Ziel, als irgendwie die eigene Meinung, oder was dafür gehalten werden soll, über die Ziellinie zu bringen, ist schlicht unerträglich.

Wollte man die Welten, die da auseinandertriften, in einem Diagramm vergleichend darstellen, könnte sich selbst ein logarithmischer Maßstab noch als unzureichend erweisen.

Beim Verfassungsgericht kommt es gar nicht darauf an, wie man ein Urteil erwartet oder sich gewünscht hat. Ob man die Argumente teilt oder ob sie emotional befriedigen, das alles tritt vollkommen zurück, denn dort hat sprachlicher Ausdruck noch einen konkreten Gegenstand, und dieser Gegenstand findet einen aufmerksamen, ja achtsamen Beobachter, dem es niemals in den Sinn käme diesen Gegenstand holzschnittartig und willkürlich in grobe Schwarz-weiß-Elemente aufzulösen, nur um am Ende das selbstgeschwärzte Schwarze schwarz nennen zu können.

So trist Juristerei von außen betrachtet auch erscheinen mag, lässt man sich auf die Hohe Schule dieser Kunst ein, wie sie vom BVerfG betrieben wird, eröffnen sich tiefe, farbige Bilderwelten wie von Hieronymus Bosch oder Pieter Bruegel gemalt.

Vosskuhle und seine Richterkollegen sind für mich Ideale, von denen ich - ich weiß - sehr weit entfernt bin.

Schade, dass auch sie, trotz ihrer intellektuellen Überlegenheit, nicht die Macht haben, die sie bräuchten, um wirksam eingreifen zu können.


Gestern habe ich den Artikel von Uli Gellermann "Der Tiefe Staat schlägt zurück" zur Affäre Holms in Berlin gelesen. Gellermann erwähnt dabei ausdrücklich das Engagement Holms gegen den Gentrifizierungs-Trend in der Hauptstadt.

Gentrifizierung, das ist das Vertreiben alteingesessener Mieter aus ihren Quartieren, um durch Luxus-Sanierungen teure (Eigentums-)Wohnungen zu schaffen und damit mehrstellige Millionenbeträge pro Projekt zu verdienen.

Gedankensprung

Der fiktive Raum des Romans ist für viele Autoren die beste Möglichkeit, auf subtile Weise Kritik an gesellschaftlichen Zuständen zu üben. Wo das Publikum üblicherweise vom Sachbuch und seinen umfangreichen Nachweisen in Statistiken und Diagrammen Abstand nimmt, findet es über den unterhaltsamen Roman dann eben doch den Zugang zu einer Thematik, und weil ein Roman eben oft mehr emotionalisiert als das Sachbuch, schleicht sich die dort wahrgenommene Kritik zielsicher ins Bewusstsein ein und verändert Wahrnehmung und Einstellungen.

 

 

In Bezug auf die Gentrifizierung in Berlin hat Peter Mannsdorff mit seinem fiktiven und teils surrealen Roman "Höllisches Hell" eine Steilvorlage abgeliefert.

Ganz nach dem Motto "saubere Stadt" lässt er eine korrupte Bande aus Bauwirtschaft und Senatsverwaltung eine Lösung entwickeln, die nicht nur die schönen, zentralen Quartiere freiräumt, sondern die einstigen Bewohner gleich ganz vom Erdboden verschwinden lässt - in eine synthetische, unterirdische Stadt, wo die Gefangenen unter einer künstlichen Sonne bei Fernsehen und ausreichender Nahrungszufuhr dahindämmern, bis endlich ein Journalist eine sehr alte, längst verschüttete Spur wieder aufnimmt. mehr

 

 

Manfred J. Schmitz hat sich schon Ende 2014 mit seiner göttlichen Satire "Dr. Feist im Fegefeuer" über das Mammutunternehmen der Bahn, den Stuttgarter Tiefbahnhof S21 ausgelassen.

Sein Roman beleuchtet das Innenleben der verantwortlichen Politiker, vor allem des damaligen Ministerpräsidenten, den er in der Figur des Dr. Feist satirisch überzeichnet durch den Kakao zieht, und das Innenleben eines kühl denkenden S21-Gegners, der den kühnen Schritt unternimmt, Dr. Feist anlässlich eines Tages der offenen Tür unbemerkt zu vergiften. Das "Verhör" der Seele des Verstorbenen im Fegefeuer ist eine grandiose Groteske, in der zudem allerlei von dem "Herrschaftswissen" ausgebreitet wird, das ein guter Journalist nebenbei so aufschnappt - und Manfred J. Schmitz hat sein Leben lang als Journalist gearbeitet... mehr

 

Andreas Reinhardt spürt dem Zeitgeist da nach, wo die Volksseele gärt. Sein Thriller
"Operation Reiner Tisch" führt mitten in ein Mordkomplott gegen den amtierenden Regierungschef.

Wer auch immer meint, ein Putsch in Berlin sei unvorstellbar, wird nach der Lektüre dieses Buches anders darüber denken.

Wildwest herrscht eben nicht nur in den USA, sondern überall da, wo unbarmherzig um die Macht gekämpft wird und Menschenleben nicht mehr zählen, als die eine Stimme, die sie ggfs. in die Wahlurne hätten werfen können: Nichts.

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Bücherstube


 

Der Weg zum Wohlfühlgewicht
beginnt auf der Waage.

 

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könnten Sie ihn fortsetzen.


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Sprachverwirrung
Babel, babbel, brabbel

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

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