Paukenschlag
am Donnerstag
No. 44 /2017
vom 30. November 2017


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


SPD und Bitcoin, die unverstandenen Wesen

Bitcoins sind kein Geld,

erklären die Wisser, denn es handle sich, auch wenn immer wieder symbolische Münzen zur Illustration herangezogen würden, nicht um Münzen oder Banknoten.

Bitcoins existierten nur als Informationen in Computern.

Ich gebe gerne zu, dass ich die Vorschriften, nach denen Bitcoins mit ungeheurem Rechenaufwand unter Nutzung der besten Grafikkarten der Welt im massiven Parallelrechenbetrieb erzeugt werden, weder kenne, noch dass ich sie verstünde, wenn ich sie kennen würde.

Bitcoins sind abwegigere Kreationen als die sonderbaren Mixturen der Alchemisten - und, ja, das will ich gerne glauben: Bitcoins existieren nur als Daten.

Nun ist es allerdings absolut abwegig, ihnen deswegen zu unterstellen, sie seien kein Geld. Das Geld, das wir mit der Gehaltsabrechnung auf dem Konto vorfinden, das wir verwenden um die Miete zu zahlen, das uns von Versicherungen, Telekommunikationsanbietern, Amazon und wer weiß wem noch vom Konto abgebucht wird, ist von der Konsistenz in keiner Weise anders. Es handelt sich nur um Daten, letztlich um die Darstellung von Schuldverhältnissen und deren Veränderung.

Habe ich ein Guthaben auf dem Konto, schuldet mir die Bank Geld, geht mein Konto ins Minus, schulde ich der Bank Geld. Zu alledem braucht es weder Münzen noch Scheine, und wäre es anders, könnte niemand - weder die Regierung, noch die Banken - auch nur im Traum an die vollständige Abschaffung des Bargeldes denken, geschweige sie, wie längst üblich, lauthals fordern.

Der Unterschied zwischen Bitcoins und Euro ist nicht an der Existenz von Münzen und Scheinen festzumachen, sondern daran, dass Bitcoins von jedem, der die Technik beherrscht und in der Lage ist, viele Rechner mit sehr hohem Stromverbrauch zu betreiben, ebenso hergestellt werden können, wie der falsche Fünfzig-Euro-Schein im Keller der Geldfälscherwerkstatt.
Das heißt also, dass dem frisch geschaffenen Bitcoin, abgesehen von den nicht vermeidbaren Kosten für das Equipment, keine irgendwie geartete Gegenleistung gegenübersteht.
Ein Euro hingegen kann nur erschaffen werden, wenn sich ein Schuldner findet, der dafür unterschreibt, dass er den Euro nach Ablauf der vereinbarten Zeit zuzüglich der vereinbarten Zinsen wieder zurückgeben wird.

Da es sich beim Euro um eine Art normierten Schuldschein handelt, der jedem Besitzer anzeigt, dass es da draußen jemanden gibt, der sich bemühen muss, den Euro zur Tilgung einer Schuld wieder an sich zu bringen, dass also die Bereitschaft besteht, wenigstens nachträglich dafür eine Leistung zu erbringen, ist auch ein gewisses Vertrauen in die Werthaltigkeit des Euro gerechtfertigt.

Bitcoins fehlt diese "Sicherung". Niemand unterschreibt, wenn ein Bitcoin von den Maschinen errechnet ist, dafür, dass er nun als Schuldner für die Rückzahlung geradestehen werde. Der Bitcoin ist da. Wer ihn geschaffen hat, hat ihn, und was der Bitcoin wert ist, stellt sich erst heraus, wenn andere bereit sind, Euros, Dollar, Forint oder Kokain gegen Bitcoins zu tauschen.

Da am Beginn der Bitcoin-Schöpfung kein Schuldverhältnis steht, entfällt ein ganz und gar wichtiges Element der Nachfrage nach Bitcoins, nämlich die Notwendigkeit, damit die mit der Bitcoin-Schöpfung (eben nicht) verbundene Schuld zu tilgen.
Die Volatilität des Bitcoin hängt ganz erheblich damit zusammen, dass nur allgemeine Transaktionen unter Verwendung von Bitcoin erfolgen, während Tilgungsvorgänge, in denen als Gegenstück zur Geldschöpfung die Geldvernichtung stattfindet, nicht vorgesehen sind. Sobald das Interesse an Vertragsabschlüssen auf Bitcoin-Basis nachlässt, sinkt daher zwangsläufig der "Kurs", zieht das Interesse an, zieht auch der Kurs an.
Allerdings ist dieses Stadium schon überholt. Inzwischen werden Bitcoins als spekulative Wertanlage gesammelt. Sie treten nicht mehr nur als Zahlungsmittel zur Abwicklung allgemeiner Transaktionen auf, sondern sind selbst zum Handelsgut geworden, was die Kursausschläge verstärkt.

Ich kann nur jedem raten, der weder spielsüchtig noch Multimillionär ist, die Finger davon zu lassen.

Nun zur SPD.

Die SPD hat sich in den letzten zwanzig Jahren, vielleicht auch schon mit Beginn der Ära Kohl, zum Bitcoin unter den Parteien entwickelt.
Der Unterschied zwischen einer normalen Partei und der SPD ist äußerlich kaum feststellbar. So, wie man mit Bitcoins tatsächlich bezahlen kann, kann man die SPD bundesweit in fast alle Kommunen, in alle Landtage und in den Bundestag wählen. So, wie die Programme praktisch aller Parteien nur als "Daten" in Computern stehen und nur selten, in Wahlkampfzeiten, als bedrucktes Papier an Litfaßsäulen und Plakatwänden erscheinen, so ist es auch bei der SPD.
Doch während alle anderen Parteien noch ein Klientel bedienen, ihren Wählern also etwas schuldig sind, wenn diese ihre Stimme abgeben, hat sich die SPD von diesem Zwang gelöst.

Die SPD ist "Partei aus sich heraus und für sich selbst" geworden. Wer sie anführt, dem gehört sie, und wieviel sie wert ist, das stellt sich erst heraus, wenn es zu einer Nachfrage nach der SPD kommt, weil sie z.B. als Koalitionspartner benötigt wird. Einen eigenen, inneren Wert, auf den sich bauen ließe, den die Wähler als Sicherheit anerkennen würden, kann sie nicht mehr vorweisen.


Eingeschoben sei an dieser Stelle, dass es mit der CDU nicht sehr viel besser aussieht, doch ist dort wenigstens noch ein Bodensatz konservativen Denkens anzutreffen, von dem viele noch hoffen, er könne wieder aktiviert werden.


Die SPD ist jedoch total entkernt - und was sie ins Schaufenster legt, ist immer nur ein Koalitionsangebot an andere Parteien, nicht jedoch ein wahrhaftiges, ernsthaftes Versprechen für eine hinreichende Anzahl von Wählern.
Oft genug, wie z.B. bei der Bürgerversicherung oder der Europäischen Verfassung bis 2025, handelt es sich m.E. lediglich um Verhandlungsmasse, die man in Koalitionsverhandlungen braucht, um mit dem Verzicht darauf Entgegenkommen signalisieren zu können.

Anderes, wie der Ruf nach "Digitalisierung", liegt so wohlfeil auf der Straße, dass die Annahme, damit eine Wählerwanderung zur SPD auslösen zu können, freundlich ausgedrückt, einfach nur naiv erscheint.

Auch die große Gerechtigkeitskampagne des Martin Schulz schmolz, als es zum Schwur kam, auf ein paar Tage länger ALG I zusammen, die niemandem - wirklich niemandem - eine auch nur nennenswerte Hilfe gewesen wären.

Nun haben sie sich wieder mit Angela Merkel und deren Getreuen zusammengesetzt, um "ergebnisbesoffen" über die Möglichkeiten zu sprechen, wie Deutschland künftig von wem regiert werden könnte.

Jugendliche, die sich ergebnisoffen auf den Weg zum Komasaufen machen, gehen immer noch zielführender vor als die SPD beim Versuch, ihre widersprüchlichen Aussagen irgendwie so auf einen Nenner zu bringen, dass zwischen

  • Schulz's Wahlkampfgedöns "Wenn ich Kanzler bin, werde ich …" und
  • Schulz's Absage an die GroKo, fünf Minuten nach der ersten Hochrechnung, und
  • Schulz's Ansage, die SPD werde ergebnisoffen Verantwortung übernehmen, aber nur so, wie sie das will,
keinerlei Unterschied mehr festzustellen sein wird.
 
Dies kann aber nur gelingen, wenn man all das unterschiedslos als heiße Luft einstuft.

Rückgrat, das, was Erwachsene als aufrechte und unbeugsame Persönlichkeiten erscheinen lässt, kann man eben mit argumentativen Stützrädern am Kinder-Klapprad - selbst mit perfekter Photoshop-Nachbearbeitung - nicht überzeugend vortäuschen!

Einstein soll gesagt haben, der Vorteil der Intelligenz liege darin, dass man sich dumm stellen könne. Umgekehrt sei das schon schwieriger.

Auf die SPD bezogen darf diese Wahrheit so umformuliert werden: "Der Vorteil eines klaren Standpunktes, eines definierten Zieles und eines festen Willens, dieses Ziel auch zu erreichen, liegt darin, dass man dies aus taktischen Gründen auch einmal verbergen kann. Andauerndes, zielloses Taktieren hingegen, wird nirgends hinführen, außer, mit der Zeit, in die Bedeutungslosigkeit.

Gerhard Schröder hat der SPD mit der Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen das Rückgrat nicht gebrochen. Es war schon vorher durch eine weiche Knorpelmasse ersetzt worden, und wo diese Umwandlung nicht gelungen war, wanderten die letzten gefestigten Genossen damals ab in Richtung links - und die SPD-Führung war froh, diese "Querulanten" losgeworden zu sein.

12 Jahre nachdem die SPD die erste große Abfuhr für eben diese Politik erhalten hatte und die CDU wieder die Regierung anführte, 12 Jahre, in denen der Zuspruch zur SPD immer geringer wurde, 12 Jahre, in denen die Mitgliederzahl der SPD dramatisch zusammenschrumpfte, haben in den Köpfen der Parteiführung keinerlei Veränderung ausgelöst.

Noch immer wird die Schröder-Ära verklärt und gedankenlos als die Basis der florierenden Wirtschaft gepriesen, während ihre negativen Folgen für weit mehr als nur die in Hartz-IV Abgeschobenen ausgeblendet werden und der Sozialkahlschlag zur sozialen Großtat umgedeutet wird, weil es Deutschland ohne diese so genannte Reform heute schlechter ginge als Griechenland.

Allenfalls zu kleinen Reformen will man sich bewegen lassen, aber niemals zur vollständigen Abkehr von einer Politik, welche dem Neoliberalismus in Deutschland Tür und Tor sperrangelweit geöffnet hat.

Niemand, der nicht zur Kaste der totalen politischen Analphabeten gehört, wird die SPD noch wählen, weil sie "Mehr soziale Gerechtigkeit" plakatiert, zumal die weiße Salbe, die Andrea Nahles mit den M-Wörtern "Mietpreisbremse" und "Mindestlohn" auf die Wunden geschmiert hat, noch weniger Wirkstoffe enthielt als die Globuli der Homöopathen.

Das Mitschwimmen auf der LSBTTIQ-Welle der Grünen wurde für die SPD mit der überfallartigen Einführung der "Ehe für alle" zum Debakel. Die Attraktivität für dieses Wählersegment ist mit dem - Angela Merkel zu verdankenden - Erreichen der Ehe für alle gestorben und könnte nur wiedergewonnen werden, würde sich die SPD in punkto sexueller Diversifikation und Zügellosigkeit noch weiter aus dem Fenster lehnen und im Willy Brandt Haus ein Sodom-und-Gomorra-Übungszentrum einrichten.
Bei Klima, Kohle und Diesel zeigt die SPD das Profil einer Wachskerze auf dem bullernden Kachelofen. Wer da Fortschritte will, muss sich an die Grünen halten oder gleich nach Frankreich auswandern und Macron wählen.

Mit ihrer Zuwanderungspolitik, die nicht nur keine Obergrenze, sondern auch den bedingungslosen Familiennachzug fordert, rennt die SPD dem letzten Häuflein professioneller Gutmenschen nach, ohne wenigstens aus parteitaktischen Gründen, wenn schon nicht aus besserem Wissen heraus, einen Standpunkt einzunehmen, der auf einer realistischen Analyse der Fakten beruht und damit geeignet wäre, enttäuschte Wähler wieder vom rechten Rand ans Herz der SPD zu führen.

Zustimmung zur Verlängerung bestehender Bundeswehreinsätze ist ebenso von der SPD zu erwarten, wie die Zustimmung zu neuen militärischen Einsätzen. Wer ernsthaft an Friedenspolitik interessiert ist und die Sicherung der Versorgung Deutschlands mit Bodenschätzen lieber über fairen Handel als über eine Kanonenbootpolitik realisieren will, wird sich ebenfalls von der kriegserprobten SPD abwenden.

Die Staatskrake im Bereich der Inneren Sicherheit, mit Heiko Maas' Netzwerkdurchsetzungsgesetz auf eine neue, unerreichte Spitze getrieben, hat durchaus ebenfalls ihre abschreckende Wirkung gezeigt.

Ja, man kann die SPD zu vielerlei gebrauchen.

Da unterscheidet sie sich nicht vom Bitcoin, mit dem illegale Geschäfte im Darknet ebenso bezahlt werden können, wie er als Basis für Spekulationsgeschäfte verwendet werden kann.
Aber wie dem Bitcoin fehlt es ihr an erkennbaren inneren Werten. Wie der Bitcoin ist sie voll und ganz einer Nachfrage unterworfen, die immer nur die Unterstützung eigener Ziele sucht, am inhaltlichen SPD-Kern aber keinerlei Interesse zeigt.


Gäbe es einen solchen Kern noch, müsste sich die SPD dem Freier CDU/CSU verweigern, vielleicht verbunden mit einer schallenden Ohrfeige und dem Satz: "Ich bin eine anständige Frau!"

Weil ein solcher Kern nicht mehr zu erkennen ist, geht es bei den GroKo-Verhandlungen nicht mehr um die Vereinigung an sich, sondern nur noch um die Frage, welche Leistung zu welchem Preis angeboten wird.

Weil nicht zu erwarten ist, dass die Union dem gewerbeüblichen Wunsch nach "Vorkasse" nachgeben wird, wird die SPD am Ende vermutlich wieder als die Geprellte dastehen.


Mein Bedauern hält sich allerdings in Grenzen.

Ein Beitrag aus der aktiven Mitte



 

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.