Paukenschlag
am Donnerstag
No. 35 /2017
vom 19. Oktober 2017


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Unter Deppen

Der Titel klingt derb, arrogant, unversöhnlich, ohne dass man schon wüsste, worum es geht.

Wenn einer mit "Unter Deppen" beginnt, ist der Populismus nicht weit.

Also, lest lieber nicht weiter!

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Wenn die zwei gar nicht aufhören können zu streiten, freut sich der Dritte umso mehr, und wenn der Streit kein Ende finden kann, weil beide das Problem nur von ihrer Seite aus sehen und den Standpunkt des jeweils anderen als hanebüchen, an der Haaren herbeigezogen bezeichnen, dann nimmt die Freude des Dritten kein Ende.

Nein, es geht nicht um die Flüchtlingsfrage, die ließe sich lösen.

Es geht um den Begriff des Staates, den die eine Sorte Deppen offenbar niemals zu ergründen versuchte, nur um sich ihre grenzenlose Ideenspielwiese zu bewahren, die sie irgendwo zwischen dem Garten Eden und den nur von der Enterprise durchquerten, unendlichen Weiten des Weltalls errichtet haben und sich trotzig weigern, auch nur einen Fuß auf den Boden der Realität zu setzen.

Die andere Sorte Deppen hingegen sieht im Staat jene Rettunskapsel, mit eng begrenztem Platz, eng begrenzten Vorräten und einer jeder denkbaren äußeren Belastung standhaltenden Hülle, in welcher sie ebenso einsam und verlassen durchs Weltall treiben, wie Major Tom.

Nun schlage ich einfach vor, dass sich zwei Deppen, zwei genügen völlig, sich einfach mal "repräsentativ" an einen Tisch setzen und sich gegenseitig ausreden lassen. Vielleicht braucht's einen Moderator. Ich stelle mich a) gerne zur Verfügung - und b) mir vor, was dabei herauskommen könnte:

Moderator:

Guten Tag, Herr Eng, guten Tag, Herr Weit. Sie möchten sich heute mit Hilfe eines Moderators über ihre Vorstellungen vom perfekten Staat austauschen. Vielleicht sollte jeder ein kurzes Anfangsstatement abgeben, um die beiderseitigen Standpunkte zu umreißen. Mögen Sie beginnen, Herr Eng?

Eng:

Der Staat, das ist die Heimat seiner Bürger. Das heißt, dass er für seine Bürger da sein muss. Nutzen mehren, Schaden abwenden, wie es im Amtseid heißt. Das kann er aber nur, wenn er sich gegenüber anderen Staaten und deren Bürgern abgrenzt, also eine Grenze hat und diese nicht nur bewacht, sondern auch verteidigt. Gegen jeden unerwünschten Eindringling. Dafür zahlen die Bürger Steuern. Auch dafür, dass der Staat die notwendige Infrastruktur für seine Bürger schafft, also Straßen, Wasserleitungen, Schulen, Polizei, und so weiter, und so weiter. Und schließlich gelten in einem Staat einheitliche Gesetze. In so einem Staat, der ganz alleine für seine Bürger da ist, kann ich mich wohlfühlen, da bin ich daheim, da ist meine Heimat - und die werde ich eben auch selbst verteidigen, wenn der Staat versagt. Das ist meine staatsbürgerliche Pflicht!

Moderator:

Herr Weit, Sie haben das Wort. Versuchen Sie aber bitte nicht auf die Aussagen von Herrn Eng einzugehen. Schildern Sie einfach, ungeachtet dessen, was wir eben gehört haben, Ihre Auffassung von "Staat".

Weit:

Ein Staat, noch dazu ein Nationalstaat, ist doch längst ein Anachronismus. Von Staaten gehen Kriege und Gewalt aus, weil Staaten dazu neigen, sich auf Kosten schwächerer Staaten zu bereichern. Ich brauche keinen Staat als ein heiliges nationales Gebilde, an dem ich meine Existenz festmachen kann. Im Gegenteil: Könnten alle Menschen sich ihren Staat aussuchen, statt per Staatsbürgerschaft an ihn gefesselt zu sein, ergäbe sich zwangsläufig ein positiver Wettbewerb zwischen den Lebensräumen, die heute noch von Staatsgrenzen beschnitten werden. Um die Ordnung aufrechtzuerhalten, um Nutzen zu mehren und Schaden abzuwenden, genügt es in einer offenen Welt, in der niemand Not leiden muss, weil sein Staat ihn an seiner freien Entfaltung hindert, die Ideen und Kräfte der jeweils dort lebenden Menschen wirken zu lassen. Gut, es braucht Gesetze und es braucht Polizei, aber doch nicht zentral erlassen und durchgesetzt. Auch da sollte es den Wettbewerb zwischen den Lebensräumen und dann die dem zwangsläufig folgende Angleichung geben.

Moderator:

Wie ich erwartet habe, sind das zwei sehr unterschiedliche Standpunkte. Ich möchte das jetzt mit der nächsten Frage noch einmal zuspitzen, und ich frage gleich noch einmal Herrn Weit:

Was würde Sie an dem Staat, den Herr Eng sich wünscht, am meisten stören? Bitte nur einen Punkt, vielleicht auch nur einen kurzen Satz.

Weit:

Das ist schwer, eigentlich stört mich alles, aber wenn es denn der wichtigste Punkt sein soll, dann ist das diese inzestuöse Abgrenzung!

Eng:

Sie, beleidigen Sie mich nicht! Bei uns herrscht Zucht und Ordnung, nicht Unzucht und ...

Moderator:

Sie sind gleich dran, Herr Eng, und Herr Weit wollte sie auch nicht beleidigen, jedenfalls habe ich das nicht so verstanden. Aber antworten Sie doch jetzt bitte ebenfalls darauf, was Ihnen an der Welt, wie sie Herrn Weit vorschwebt, am meisten missfällt.

Eng:

Das hat er zwar nicht gesagt, aber für mich ist das alles ein einziges Chaos - und das missfällt mir absolut!

Moderator:

Interessant, Sie weisen hier auf ein Gegensatzpaar hin, dass es so nicht gibt, beziehungsweise nicht zwangsläufig geben muss. Hier das Chaos einer im freien Wettbewerb stehenden Anarchie, wenn ich das so überspitzt formulieren darf, und dort eine abgeschottete Staatlichkeit, in der das Chaos keinen Raum hat.

Ist es nicht so, dass mehr Freiheit nicht unbedingt mehr Chaos bedeuten muss, wenn man kooperiert und aufeinander Rücksicht nimmt, und dass Abgeschlossenheit keineswegs vor dem Chaos im abgeschirmten Innenraum schützt?

Herr Weit, was verhindert in Ihrer Version das Ausbrechen eines Chaos, wie es Herr Eng für unausweichlich hält?

Weit:

Nun, Freiheit kann für sich alleine nicht stehen, dazu gehört unbedingt auch die Verantwortung, sowohl für sich selbst, als auch für die gesamte Umwelt, also auch für die Menschen in dieser Umwelt. Die Prinzipien dieser Verantwortung sind natürlich in einer Art Grundordnung festgeschrieben, und alle achten gegenseitig darauf, dass diese Regeln nicht verletzt werden.

Moderator:

Was halten Sie davon, Herr Eng?

Eng:

Ja, gut, da frage ich mich schon, wann und wo das schon einmal funktioniert hat, und falls ja, für wie lange. Ich finde da kein Beispiel, außer bestimmte Phasen der Dekadenz in untergehenden Weltreichen.

Weit:

Die Menschheit ist aber inzwischen doch viel weiter, aufgeklärter. Konflkte werden nicht mehr mit der Faust, sondern in Diskussionen ausgetragen, und ein Kompromiss, der alle zufriedenstellt, ist immer zu finden.

Eng:

Ich weiß nicht, in welcher Welt sie leben! Ich sehe ringsum nur Mord und Totschlag, Ausbeutung und Kriegsdrohung, ja sogar viele große und kleine Kriege, Terrorismus und Krieg gegen den Terrorismus. Wie wollen Sie denn da die Sicherheit Ihrer Bürger gewährleisten, wenn der Staat nur noch eine geografische Lage ist, ohne die Kraft und den Willen, das Unheil draußen zu halten?

Weit:

Ich bin halt überzeugt davon, dass es alle diese Kriege und den Terrorismus gar nicht gäbe, hätten wir keine Nationalstaaten, die sich einerseits angegriffen fühlen und andererseits ihre Interessen mit militärischer Stärke einfach durchsetzen. Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin ...!

Moderator:

Gestatten Sie, dass ich hier einhake, vielleicht versuchen Sie, Herr Weit, doch erst einmal Herrn Eng zu widerlegen, der ja behauptet, so etwas, wie es Ihnen vorschwebt, habe es noch nie gegeben, außer in Untergangs-Szenarien.

Weit:

Man kann doch nicht, nur weil etwas noch nie gelungen ist, behaupten, dass es nie gelingen würde! Wenn man eine Vision für erstrebenswert hält, muss man doch immer wieder einen neuen Anlauf nehmen, um sie Realität werden zu lassen!

Moderator:

Heisst dass, Sie geben Herrn Eng Recht, wenn er behauptet, es habe noch nie funktioniert?

Weit:

Den Teufel werde ich tun! Verzeihung!
Ich werde aber den Verdacht nicht los, dass Sie keineswegs neutral moderieren, sondern auf der Seite dieses Nationalisten stehen und versuchen, mich in die Ecke zu drängen. Ich weiß nicht, ob ich mir das bieten lassen muss!

Moderator:

Wir sind doch erst ganz am Anfang, und ich versuche hier nichts anderes, als die Knackpunkte deutlich herauszuarbeiten. Und im Interesse einer Lösung sollten Sie nicht jetzt schon mit dem Abbruch der Diskussion drohen.

Herr Eng, fühlen Sie sich denn in der Enge des Staates, der Ihnen vorschwebt, wirklich wohl? Ich meine, unser real existierender Staat ist davon ja ein ganzes Stück entfernt. Beschreiben Sie doch, was Sie noch besser machen würden und warum Sie das als besser empfänden.

Eng:

Da geht es doch erst einmal um die Kontrolle der Grenzen. Die hat dieser real existierende Staat nicht nur mit Schengen aus der Hand, sondern letztlich unter Missachtung des Schengen-Abkommens vollends aufgegeben.

In einem funktionierenden Staat müssen die gesellschaftlichen Kräfte über Wahlen und Parlamente Gesetze schaffen, an die sich die Exekutive zu halten hat. Dann weiß jeder woran er ist, und jeder weiß, wen er beim nächsten Mal wählen muss, wenn er meint, es müsste sich etwas ändern.

Ist es denn zuviel verlangt, wenn man nur will, dass bestehende Gesetze entweder eingehalten oder mit Zustimmung der Mehrheit geändert werden?

Das kommt mir auch nicht als eng, schon gar nicht als engstirnig vor, sondern als Grundvoraussetzung für ein friedliches Zusammenleben im Rahmen einer allgemein akzeptierten Ordnung.

Weit:

Ja, und mit dieser technokratischen Ordnung schaffen sie es, sich ein ruhiges Gewissen zu verschaffen, wenn Hunderttausende armer Menschen auf der Flucht sind und eine Zuflucht suchen. Sie haben Ihr Gesetz - und die können vor der Grenze verrecken! Schöne Ordnung, das!

Eng:

Ach so, das gute Herz! Wo das gute Herz schlägt und sich Regierung, Parlament und Gerichtsbarkeit, Legislative, Exekutive und Judikative verhalten wie die drei Affen, nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, da ist Ihre Welt in Ordnung.

Weit:

Natürlich! Alle Menschen guten Willens haben sich eingefunden, um zu helfen, die Not zu lindern, die Integration zu ermöglichen. Da war noch nicht einmal eines Ihrer vielgelobten Gesetze dafür notwendig! Das hat so funktioniert, wie ich es mir vorstelle, wie ich es vorhin gesagt habe: "Es genügt, die Ideen und Kräfte der Menschen wirken zu lassen!"

Moderator:

Das sieht mir im Augenblick nach einem Patt aus. Zumindest kommen Sie, Herr Eng, mit Ihrer Argumentation nicht durch, obwohl Herr Weit im Grunde nur seine Meinung kundtut. Was mir ein bisschen fehlt, sind Fakten.

Haben Sie Fakten, Herr Eng?

Eng:

Ob ich Fakten habe??!!! WIR! Wir, haben Fakten, mindestens einskommafünf Millionen Fakten!

Weit:

Ach hören Sie doch auf, Sie Nazi!

Eng:

Da haben Sie's. Wer mit Fakten kommt, ist ein Nazi, und da regt sich keiner drüber auf. Aber wenn ich den jetzt ein Arschloch nennen würde - keine Sorge, ich tu's nicht - dann hätte ich sofort eine Beleidigungsklage am Hals!

Jetzt hören Sie mir mal zu, Herr Weit! Wieso macht mich die Aussage, dass wir mindestens 1,5 Millionen Fakten haben, zum Nazi? Erklären Sie mir das!

Weit:

Gerne. Weil es unmenschlich ist, Menschen, noch dazu schutzbedürftige, die aus schrecklichen Kriegsgebieten kommen und nichts als Frieden suchen, eiskalt einfach als "Fakten" zu bezeichnen! Das ist Eichmann'sche Technokratensprache -und wer so spricht, ist einfach ein Nazi!

Moderator:

Meine Herren, bitte!

Wir wollten heute nicht über Flüchtlinge und Nazis sprechen, auch nicht über Gutmenschen und die Antifa, sondern über den perfekten Staat. Es wundert mich schon sehr, dass wir genau da wieder gelandet sind.

Eng:

Weil es Aufgabe des Staates ist, diesen Wahnsinn aufzuhalten. Und weil er es nicht tut, weil er sich in den Fängen dieser linksgrünversifften Gutmenschen befindet ...

Weit:

Wir haben immer noch eine Demokratie und die Regierung tut letztlich nur das, was ihr von den Wählern aufgetragen wurde. Sie wollen doch eine faschistische Blut-Boden-Heimat-Diktatur, sie Engschädel!

Eng:

Ha! Wenn diese Regierung sich an die Regeln gehalten hätte und nicht selbstherrlich das Recht und die europäischen Verträge gebrochen hätte, dann wären wir dem perfekten Staat doch um vieles näher.

Weit:

Diese Regierung hat genau das getan, was ich mir unter einem perfekten Staat vorstelle, nämlich in einem so nicht vorgesehenen Notfall, ja einer humanitären Katastrophe, sich nicht an den Buchstaben des Gesetzes geklammert, sondern das getan, was in dieser Stunde geboten war! Und außerdem steht es im Grundgesetz, was Sie ja auch zu kennen vorgeben - und überhaupt: Kein Mensch ist illegal!

Eng:

Sie sollten weniger auf Claudia Roth hören, sondern lieber einmal selbst ins Grundgesetz schauen. Da steht: Politisch Verfolgte genießen Asyl. Punkt. Da steht nichts von Kriegsflüchtlingen, nichts von armen, hungernden Menschen, denen die korrupten Eliten ihrer Heimat nichts von ihrem Reichtum abgeben, da steht schon gar nichts von Terroristen, die sich die offenen Grenze zu nutze machen um samt Waffen und Munition bei uns einzusickern! Und natürlich ist kein Mensch illegal. Aber es gibt sehr wohl Menschen, die sich illegal bei uns aufhalten! Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied!

Weit:

In einem Staat, der die Augen vor der Not der Mitmenschen verschließt und die Grenzen dicht macht, da möchte ich nicht leben. Das ist nicht mehr mein Staat! Und, Sie, Sie egoistischer Wohlstandsbürger: Was ist denn so schlimm? Ist nicht erwiesen, dass, wo 80 Millionen satt werden auch 82 Millionen satt werden?

Eng:

Ihr Beispiel hinkt - und zwar gewaltig. Es muss heißen: Wie sollen denn acht Millionen satt werden, wo schon sechs Millionen nicht satt werden? Die ungebremste Zuwanderung ergießt sich doch stockvoll in die Sozialsysteme - und da haben wir schon sechs Millionen Menschen, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind, denen wir Miete und Heizung bezahlen müssen. Menschen, die den Staat derart belasten, dass wir Ihnen gerade einmal 409 Euro im Monat als Lebensunterhalt zugestehen. Sollen die jetzt alle den Gürtel enger schnallen, um aus dem existierenden Elend von sechs Millionen das noch schlimmeres Elend von acht Millionen zu machen?

Weit:

Sie verdrehen die Tatsachen! Die Menschen, die zu uns kommen, wollen doch arbeiten. Sie werden Arbeit finden, Sozialbeiträge und Steuern zahlen und so mithelfen, unsere Sozialsysteme zu retten! Aber das passt ja nicht in Ihr Weltbild! Das muss ausgeklammert werden, da ist es einfacher, nur von Schmarotzern zu reden, die uns ausplündern, aber nichts zu unserem Wohlstand beitragen. Sehen Sie sich doch um. Die Italiener mit ihren Eisdielen und Pizzerias, die Griechen, die Spanier, die Türken mit ihren Gemüseläden und Döner-Ständen, die sind doch der lebende Beweis dafür, dass Integration funktioniert und sogar mächtige wirtschaftliche Impulse setzt, und das gerade da, wo die Menschen zusammenkommen! Warum, frage ich Sie, soll das den Syrern und Afghanen, den Marokkanern und den Nigerianern in ein paar Jahren nicht ebenfalls gelunge sein? Nur weil Sie sie ablehnen und sich klammheimlich freuen, wenn Ihre Genossen im Geiste denen die Flüchtlingsheime über dem Kopf anzünden? Mich ekelt!

Eng:

Wenn Sie Ihre Emotionen etwas besser im Griff hätten, lieber Herr Weit, dann wüssten Sie, dass wir die Gastarbeiter damals in Zeiten der Vollbeschäftigung und des Arbeitskräftemangels geholt haben. Längst nicht alle sind geblieben, und von denen, die geblieben sind, sieht man, wenn man durch Ihre rosarote Brille guckt, natürlich nur die, die sich tatsächlich integriert haben, aber von den No-Go-Areas, die sich in Deutschland ausbreiten wie die Pestbeulen, da sieht man nichts. Wo wohnen Sie denn?

Weit:

Wie, wo ich wohne?

Eng:

Ja. Wo wohnen Sie?

Moderator:

Ich weiß nicht, ob das jetzt zielführend ist, ich würde von Herrn Weit lieber wissen wollen, wie man in seinem Staat dafür sorgt, dass sich keine abgeschotteten Parallelwelten bilden.

Weit:

Nein, nein. Lassen Sie mich nur. Ich denke, ich weiß, worauf er hinauswill. Ich wohne mitten in München. Schellingstraße. Fünfter Stock. Da sagt man "Schwabing" dazu, auch wenn es eigentlich die Maxvorstadt ist. Ein paar Meter zu Fuß und ich bin im Englischen Garten, oder, andere Richtung, auf der Leopoldstraße. Da sieht man tagtäglich die bunte Vielfalt auf den Straßen. Nein, nein, ich lebe nicht abgeschottet in Grünwald oder Bogenhausen hinter dicken Gartenmauern mit Video-Überwachung und privatem Bewachungsunternehmen. Und: Ich habe Angst, wenn die Bayern zuhause spielen, mit den deutschen Fans in der gleichen U-Bahn zu fahren! Die sind gefährlicher als alles andere, was mir so in München begegnet!

Eng:

So, so. In der Schellingstraße. Schickes Viertel, nach der Gentrifizierung. Was ist aus den Leuten geworden, die vorher dort wohnten?

Weit:

Wie vorher? Das war Erstbezug nach der Totalsanierung. Keine Ahnung, ob da überhaupt vorher mal jemand gewohnt hat. Wahrscheinlich schon, aber die werden schon wieder untergekommen sein. Jedenfalls kann ich meine Miete zahlen.

Eng:

Und - schließen Sie Ihre Wohnung ab, wenn Sie das Haus verlassen?

Weit:

Blöde Frage. Selbstverständlich! Sonst zahlt ja die Versicherung nicht, wenn eingebrochen wird - und das ist auch in Schwabing ein Problem, die Wohnungseinbrüche haben ja stark zugenommen.

Eng:

Aber Sie sind sich ganz sicher, dass Sie kein Nazi sind...?

Weit:

Ich verbitte mir diese Unterstellungen. Wer hier der Nazi ist, das haben wir ja schon festgestellt. Sie wollen doch alles draußen halten, was Ihnen fremd vorkommt!

Eng:

Und Sie nicht?

Weit:

Ach so? Weil ich wie jeder vernünftige Mensch meine Wohnung abschließe, um mich vor Diebstahl und Vandalismus zu schützen, soll ich jetzt plötzlich ein fremdenfeindlicher Rassist sein? Das ist ja zum Lachen!

Moderator:

Das finde ich jetzt gar nicht so komisch, sondern einen interessanten Aspekt unserer Diskussion. Wo machen Sie denn den Unterschied zwischen den Sicherheitserfordernissen einer Privatwohnung und den Sicherheitserfordernissen eines Staates, Herr Weit?

Weit:

Sie werden schon wieder parteiisch und wollen mich in eine Falle locken! Das kann man doch überhaupt nicht vergleichen. Meine Wohnung, das ist mein Eigentum. Alles was da drin steht und das Recht, dort zu wohnen, das habe ich mir erarbeitet, verdient! Da steht überall drauf: "Das ist Eigentum von Weit!"

Der Staat, der hat doch in diesem Sinne gar kein Eigentum.

Nein, ich weigere mich, mich auf diesen schiefen Vergleich einzulassen. Und noch einmal. Ich brauche keinen Staat! Was es in unserem Haus zu regeln gibt, das regeln Mieter und Eigentümer untereinander, so wie es sich für erwachsene Menschen gehört.

Moderator:

Bevor Herr Eng jetzt handgreiflich wird, möchte ich doch noch einmal nachfragen: Wenn jetzt - was hoffentlich nie eintreten werde - eines Tages doch die russischen Panzer über die Grenze rollen und ein russicher Major Ihr ganzes schönes Haus in der Schellingstraße beschlagnahmt, um seine Regimentskommandatur drin einzurichten ...?

Weit:

Da haben wir es doch schon wieder. Was ist denn Russland? Ein Nationalstaat. Alles Übel geht vom Nationalstaat aus. Schaffen wir die Staaten ab, dann hat das alles sein Ende.

Eng:

Sie Hornochse! Alles was Sie Schönes haben, in Ihrer schönen Wohnung in der Schellingstraße, haben Sie doch nur, weil der Staat, den Sie so verachten, es Ihnen möglich gemacht hat. Sie leben gut, weil der Staat Recht gesetzt hat, innerhalb dessen Sie sich verwirklichen konnten. Ich will, dass unser Staat so bleibt, wie er ist, dass unser Recht erhalten bleibt, und das erfordert zwingend, dass wir in Zeiten hoher eigener Arbeitslosigkeit die Grenzen dicht machen und dicht halten, und dass alle, die hier nur in unsere Sozialsysteme eingewandert sind, anstatt in ihrer Heimat zu arbeiten und sich dort selbst Wohlstand zu schafffen, wieder abgeschoben werden, wo sie hin gehören.

Moderator:

Meinen Sie nicht, Herr Eng, dass Sie da mit Ihren Forderungen zu weit gehen? Leben wir nicht alle vom Austausch mit anderen? Ist es denn sinnvoll, sich auf der Ebene von Staaten vollständig abzuschotten?

Weit:

Das ist halt so: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht!

Eng:

Sie können mich mal! Ich war schon überall in Urlaub, und ich habe auch schon gegrillte Heuschrecken gegessen. Aber darum geht es doch nicht! Ich geh auch gern mal abends zum Italiener. Ja. Warum denn nicht! Schmeckt doch. Aber was wir jetzt erleben, das ist doch das schlimmste Chaos - und es kostet jedes Jahr nach seriösen Schätzungen mindestens 50 Milliarden Euro.

Weit:

Deutschland ist ein reiches Land!

Eng:

Ja. Ein reiches Land. Mit Milliardären, die prozentual weniger Steuern zahlen als ihre Gärtner, die ihre Vermögen steuerfrei vererben, aber eben auch mit Millionen von Menschen, die schuften, wie die Verrückten, und davon kaum leben können und weiteren Millionen, die nur überleben, weil diejenigen, die schuften, sie mitschleppen. Alles gut. Das ist unsere Gesellschaft. Die haben wir so entstehen lassen. Sie ist nicht perfekt. Keinesfalls. Sie ist noch nicht einmal gut - aber mit jedem, der hier zuwandert, um daran teilzuhaben, ohne die Chance zu haben auch etwas beizutragen, wird sie schlechter und schlechter. Wollen Sie das, Herr Weit?

Weit:

Ja.

Man muss die Welt doch betrachten, wie kommunizierende Röhren. Irgendwann befinden wir uns alle auf dem gleichen Level. Wer sich da dagegenstemmt, verlängert den Prozess nur und damit das Leid der Vielen.

Eng:

... und wieviele Schellingstraßen haben in der Maxvorstadt noch Platz, Herr Weit?

Weit:

Wieso? Die Welt ist doch groß. Platz ist überall. Jeder kann sich ansiedeln wo er will. Da sehe ich noch lange kein Problem. Wenn aus den sieben Milliarden einmal 20 werden sollten, dann vielleicht.

Eng:

Wenn aber alle nach München wollen? Weil es da so schön ist?

Weit:

Mein Gott! Dann ziehen Sie doch Ihre Mauer hoch!

Am besten mit Minenfeldern und Scharfschützen davor. Schmoren Sie im eigenen Saft der dumpfen Nationalstaaterei vor sich hin. Es dauert sowieso nicht mehr lange, bis diese vergreiste Gesellschaft ausgestorben ist - und damit löst sich das Problem dann von alleine.

Moderator:

Wie ist das, Herr Eng, wollen Sie wirklich eine Mauer, mit Scharfschützen und Minenfeldern, damit die Deutschen in Ruhe aussterben können?

Eng:

Wenn ich Herrn Weit so fantasieren höre, dann ist das vermutlich wirklich das Beste.

Aber im Grunde will ich nur einen Staat, dessen Bürger demokratisch darüber entscheiden können, ob und wieviel und welche Art von Zuwanderung wir wollen, über das hinaus, was wir aus humanitären Gründen grundsätzlich aufnehmen wollen. Darüber muss das Volk entscheiden.

Moderator:

Herr Weit, Sie haben Herrn Eng gehört. Von seiner Seite war das so etwas wie ein Schlusswort. Was entgegnen Sie dem? Sie haben das letzte Wort.

Weit:

Ja. Da bin ich ja bei ihm. Eine demokratische Entscheidung ist immer gut.

Aber wer sagt mir denn, dass die Mehrheit auch richtig entscheidet? Wer sagt mir denn, dass der Staat, auf den Herr Eng ja nicht verzichten will, beim nächsten Mal nicht die falsche Mehrheitsmeinung umsetzt?

Ich finde: Das Gute ist nichts, worüber abgestimmt werden kann, schon gar nicht in einer Gesellschaft, die überwiegend fremdenfeindlich ist.

Moderator:

Ich halte fest, dass wir letztlich an der Frage gescheitert sind, was eine Demokratie leisten soll und kann.

Solange darüber derartige Meinungsverschiedenheiten herrschen, kann vermutlich auch eine demokratische Abstimmung nicht weiterhelfen.

Hat sich unter dem Mantel der zelebrierten Demokratie vielleicht schon längst die Anarchie, das Faustrecht, wieder etabliert - und falls ja, wem nützt das?

Ich muss zugeben, ich bin ratlos.


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Kommentare zu diesem Paukenschlag:

Hallo Herr Kreutzer, sehr schöner Paukenschlag!

Zum Kommentar von Herrn Z.:

"Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens." (Karl Marx, MEW, 23-788)

Ich habe nur sehr wenig von Kalle gelesen (weil man es weiland in der Zone eben musste), hierin ist m.E. das Wesentliche des Systems auf den Punkt gebracht.

Zur psychischen Seite des Ganzen (man könnte auch Kriegsführung sagen):
"divide et impera" - funktioniert seit über 2000 Jahren. Ansonsten findet sich eine gute archetypische Beschreibung von Herrn Weit wohl hier.

Insgesamt gilt einfach "Munter bleiben!"

Für jene, die den Schuß noch nicht gehört haben: "Munter werden!"

„Das Volk versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig.“ Kurt Tucholsky

Ihnen alles Gute, viele Grüße
Jan-Sören R.


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

Sie schreiben:

»Hat sich unter dem Mantel der zelebrierten Demokratie vielleicht schon längst die Anarchie, das Faustrecht, wieder etabliert - und falls ja, wem nützt das?«

Und da sind sie auf der richtigen Spur. Das Grundübel liegt darin, dass im Zuge der neoliberalen Gehirnwäsche - mitsamt Deregulierung, Flexibilisierung, Konkurrenzprinzip, usw.usw. - wesentliche Grundlagen der demokratischen Ideale außer Kraft gesetzt wurde. Die betriebswirtschaftliche Rationalität der Ökonomie wird ohne Rücksicht auf Verluste allen sozialen Beziehungen übergestülpt. Und: Die Menschen sehen zwar die negativen Auswirkungen, dringen jedoch nicht zum Kern der eigentlichen Ursache durch.

Das heißt im Klartext: Erst wenn verstanden wird, dass die eigentliche Ursache der weltweiten gesellschaftlichen Verwerfungen die Grundstruktur der derzeitigen ökonomischen Ordnung ist, erst dann werden sich die Widersprüche zwischen "Eng" und "Weit" auflösen können. Und die Grundstruktur der derzeitigen ökonomischen Ordnung hat kein anderer als Karl Marx im "Kapital - Kritik der politischen Ökonomie" herausgearbeitet. Leider sind die meisten Leser_innen und Interpret_innen - auch viele Marxisten - nicht über die Lektüre des ersten Bandes hinausgekommen. Und haben deshalb den Kern der Marxschen Analyse nicht verstanden.

Der Kern der Marxschen Analyse besteht darin, dass Marx zwischen "abstraktem Reichtum", der in Geld gemessen wird, und "konkretem Reichtum", der in der Fülle von Dingen wie Hosen, Hemden, Pizza, Bier, Panzern oder auch Vorlesungen besteht, unterscheidet. Und nach seiner Analyse ist das wichtigste Ziel dieser Wirtschaftsordnung die Vermehrung des "abstrakten Reichtums". Die Befriedigung der Bedürfnisse von Menschen ist eben nicht das wichtigste Ziel der Produktion. Wobei die Vermehrung des "abstrakten Reichtums" kein durch den Willen der Produzenten selbst gewähltes Ziel ist, sondern im Wesen einer warenförmigen Produktion bereits angelegt ist. Und so lange die Produktion und Reproduktion der menschlichen Lebenswelt warenförmig organisiert ist, so lange wird sich am Elend dieser Welt nicht viel ändern. Fürchte ich.

mit respektvollen Grüßen
Hajo Z.

 

 

 


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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.