Paukenschlag
am Donnerstag
No. 29 /2017
vom 7. September 2017


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


... und ewig nagt der Restzweifel.
 


oder:

Irgendetwas wird schon hängenbleiben.

Personen, die wir, wenn auch nicht ausgesprochen, so doch zumindest in Gedanken, gerne und intensiv mit unschönen Schimpfwörtern, wie "Arschloch", "Blödmann" oder "Dumpfbacke" belegen, sind zumeist durch eine ganz besondere Eigenschaft gekennzeichnet: Sie verfügen über eine ererbte oder erworbene Immunität gegen den Restzweifel, oder sie sind in der Lage, diese Immunität überzeugend zu simulieren.

Solche Personen tragen felsenfeste Überzeugungen zur Schau. leben in ihrem festgefügten, hermetisch gegen Fremdeinflüsse abgeschirmten Gedankengebäude und halten ihrerseits alle, die sie mit Kritik, Widerreden oder auch nur Anregungen belästigen, für "Arschlöcher", Blödmänner" und "Dumpfbacken" und scheuen sich auch nicht, dies auszusprechen, weil es sich ja nicht um eine Beleidigung, sondern um eine Tatsachenfeststellung handelt.

Wir treffen diese kritikresistenten und restzweifelimmunen Wesen überall an, und dies in aller Regel als unvereinbare, und sich daher gegenseitig anziehende Gegensatzpaare, die ihre Wahrheiten streitbar und laut gegeneinander in Stellung bringen. Sie erkennen sich, womöglich am Geruch oder an der Aura, wissen, dass keiner auch nur um ein Jota nachgeben wird, und befehden sich dennoch.

Die Ursache für dieses scheinbar sinnlose Verhalten ist schwer zu ergründen. Erst wenn man das Blickfeld erweitert, stellt sich heraus, dass die ebenso lautstarke wie sinnlose Kontroverse keinen anderen Zweck hat, als die mit Restzweifeln behafteten, kritischen und selbstkritischen, wankenden und schwankenden, um Erkenntnis und eine verantwortungsvolle Entscheidung ringenden Menschen als Publikum zu gewinnen und für sich einzunehmen.

Die Beispiele für dieses Verhalten sind Legion. Wir finden es in der Familie ebenso wie zwischen Religionsgemeinschaften, wir erleben es unter Wissenschaftlern und zwischen Managern, vor allem aber, und am lautstärksten und mit dem größten medialen Echo erleben wir es im Wahlkampf.

"Halt!", rufen Sie jetzt, "das wäre vielleicht richtig, wenn es nur zwei Parteien, nur ein Gegensatzpaar gäbe. Wir haben aber doch ein sehr viel breiteres, differenzierteres Angebot ..."

Der Einwand ist nützlich. Tatsächlich tritt die Polarisierung nirgends deutlicher zutage als da, wo nur zwei Parteien eine Chance haben, egal, wie viele auch antreten mögen, weil das Wahlrecht, wie z. B. in den USA oder Großbritannien, entsprechend konstruiert ist. Insofern ist der Präsidentschaftswahlkampf in den USA, zwischen den Antipoden Clinton und Trump das allerbeste Anschauungsmaterial gewesen.

Der Einwand bietet zugleich die allerbeste Gelegenheit, auf das vor allem von Verkaufstrainern und Rhetoriklehrern angepriesene taktische Instrument der Scheinalternative hinzuweisen.

Da heißt es zum Beispiel, der Außendienstmitarbeiter möge bei der telefonischen Terminvereinbarung grundsätzlich von sich aus zwei Termine anbieten. "Wann wäre es Ihnen denn recht? Am Montag gegen 14 Uhr oder am Freitag um 9 Uhr?"

Der potentielle Kunde wird sich - wenn er nicht durch andere Seminare immunisiert wurde - auf diese Frage einlassen und sich, selbst wenn er einen eigenen Termin verschieben muss, entweder auf Montag oder Freitag festnageln lassen. Es ist eine Überrumpelungstaktik, mit welcher verhindert werden soll, dass der Kunde, der eigentlich gar keinen Besuch wünscht, erklärt, er habe in den nächsten Wochen überhaupt keine Zeit, oder von sich aus den Mittwoch nächster Woche vorschlägt.

Als es in der alten Bundesrepublik noch das so genannte 3-Parteien-System gab in welchem "Freiheit statt Sozialismus" plakatiert wurde (eine herrliche Scheinalternative!), spielte die FDP zwar eine entscheidende Rolle als Mehrheitsbeschaffer, aber kaum eine Rolle in der eigentlichen politischen Auseinandersetzung. Man wusste: Die FPD kommt immer als Koalitionspartner der einen oder anderen Seite mit auf die Regierungsbank, weshalb die eigentliche Richtungs-Wahl auf Schwarz oder Rot beschränkt war.

Eine doppelte Falle! Denn den Wählern wurde suggeriert, es gäbe zwischen den Wahlprogrammen von Union und SPD nichts, aber auch überhaupt nichts, was noch als Politik-Modell funktionieren könnte, und den Wählern wurde suggeriert, sie bekämen nach der Wahl das, was ihnen vorher versprochen worden war.

Doch gerade deshalb waren damals die Restzweifel in der Wählerschaft eher gering. Man hatte seine Präferenzen und blieb ihnen weitgehend treu. Das änderte sich, als die Grünen das Spielfeld der Macht betraten. Denn, harsch abgelehnt von der Union, lautete die Frage jetzt:

"Wann wäre es Ihnen denn recht? Am Montag gegen 14 Uhr oder am Freitag um halb vier?" - "Schwarz oder Rot mit Öko-Siegel?"

Hier wuchsen die Restzweifel. Könnten die Grünen nicht doch Recht haben und für uns alle wichtig sein? Könnten die Schwarzen nicht doch Recht haben, wenn sie erklären, die Grünen seien der Untergang der deutschen Wirtschaft? Kann man die Grünen wählen, nur weil man für den Umweltschutz ist, und dabei die SPD mit ihren sozialistischen Ideen in Kauf nehmen?

Doch es blieb im Grunde bei der Scheinalternative: Schwarz oder Rot.

Als mit dem Beitritt der neuen Bundesländer auch die Sehnsucht nach mehr Sozialstaat beigetreten ist und sich über WASG und PDS zur heutigen LINKEn entwickelte, schien die Situation unübersichtlich zu werden. Doch die beiden großen Player trugen überzeugend ihre felsenfesten Überzeugungen zur Schau und schlossen die LINKE schlicht als undemokratisch und nicht regierungsfähig aus dem Kreis der legalen Bewerber aus. Die konnten nun zwar genauso überzeugend ihre felsenfesten Überzeugungen vortragen, doch gegen die felsenfest vorgetragenen Überzeugungen der Platzhirsche konnten sie nicht punkten.

Die Restzweifel wuchsen wieder. Kann man die LINKE wählen, und damit die SPD und/oder die Grünen schwächen und damit den Schwarzen zum Wahlsieg verhelfen? Kann man noch SPD wählen, oder müsste man denen zeigen, dass sie sich vom Pfad der Tugend entfernt haben, obwohl dann erst einmal die Schwarzen gewinnen?

Es blieb im Grunde wieder bei der Alternative Schwarz oder Rot, und aus Freitag halb vier war inzwischen Donnerstag 15 Uhr geworden.

Kein Wunder, dass alle Restzweifel dazu führten, dass es zur großen Koalition kam. Rot verbündete sich mit Schwarz gegen den Rest, wurde dann noch einmal durch gelb-blau ersetzt, nur um dann die Wähler erneut erleben zu lassen, dass man zwar Schwarz oder Rot gewählt hatte, aber Schwarz und Rot bekam.

Ein Aufbäumen der Restzweifel! Vor allem als Rot-Rot-Grün tatsächlich möglich gewesesn wäre, aber nicht realisiert wurde - und kein einziges Mal während der ganzen vier Jahre mit der Rot-Rot-Grünen Mehrheit etwas Schwarzes verhindert worden wäre.

Also fragte man sich im eher schwarzen Lager, ob man doch nicht wieder die FDP brauche, im roten Lager fragte man sich, ob man nicht doch die Dunkelroten wählen sollte, im Grünen Lager fragte man sich, ob man nicht Grundsätze aufgeben müsse, um sich koalitionskonformer anzubieten, und alle fragten sich restzweifelsvoll, wo denn nun eigentlich die Alternative geblieben sei, wo die mit so großem Pathos vorgetragenen felsenfesten Überzeugungen, von denen abzuweichen direkt ins ewige Höllenfeuer führe, wenn Schwarz und Rot nun, innig verbandelt, den Eindruck erweckten, sie seien die Überreste eines fast erloschenen Lager-Feuers in stockdunkler Nacht.

Doch dann ist der schwarz-rote Vulkan ausgebrochen und begann Gift und Galle zu spucken, weil sich doch wieder eine Alternative anbot und sich auch noch so nannte, und weil er schon mal so schön am Brodeln war, wurde die LINKE gleich noch mit einbezogen und die demokratischste aller Frauen, die jemals das Kanzleramt bekleidete, erklärte vor 20 Millionen Zuschauern, zuhause an den Geräten, dass sie nie, nie, niemals mit der AfD oder der LINKEn sprechen würde. Und dann verlangte sie von ihrem künftigen Koalitionspartner, im Glorienschein ihrer felsenfesten Überzeugung, er möge sich doch in gleicher Weise erklären, um seine demokratische Gesinnung unter Beweis zu stellen.

Der hat das irgendwie weggenuschelt.

Aber die Restzweifel nagen. Wird er nun, wenn es irgendwie reichen sollte, doch Rot-Rot-Grün inszenieren? Soll ich also LINKE wählen, oder doch besser nicht? Oder will er doch wieder die GroKo - und wäre die besser als Schwarz-Gelb oder Schwarz-Grün oder Schwarz-Gelb-Grün? Und wenn ich die AfD wähle, wen wähle ich da denn wirklich? Sind das nun Nazis oder sind es nur Patrioten oder sind es tatsächlich die einzigen, die wieder für Recht und Ordnung sorgen? Und werden sie sich im Parlament denn als Opposition überhaupt wirksam einbringen können? Oder bekommen wir nur noch Zoff und vielleicht sogar Prügeleien im Reichstag? Die Schwarzen scheinen davon ja überzeugt zu sein, die Roten wohl auch - ach, wenn ich doch nur wüsste!

Wir Wähler lassen uns zu sehr in eine inzwischen stark verästelte Struktur von Scheinalternativen treiben, und je mehr unsereiner sich mit der Politik und mit den Programmen und den Personen, die sie uns anpreisen, beschäftigen, desto mehr entdecken wir überall etwas, was uns gefällt und erinnern uns zugleich an das, wovor wir von den anderen gewarnt werden. Noch nie, heißt es auf allen Kanälen, waren sich so viele Wäher so kurz vor dem Wahltermin so unsicher!

Es ist kein Wunder!

Zur Wahl stellen sich Personen, die felsenfeste Überzeugungen zur Schau tragen, die in einem festgefügten, hermetisch gegen Fremdeinflüsse abgeschirmten Gedankengebäude leben, und alle, die sie mit Kritik, Widerreden oder auch nur Anregungen belästigen, für eine lästige Konkurrenz halten, die es nach Möglichkeit in Grund und Boden zu stampfen gilt.

Doch obwohl sich alle auf ihren ideologischen Inseln eingeigelt haben und aus allen Rohren schießen, gibt es inzwischen und im Grunde immer noch - wie vor 50 Jahren - wieder nur zwei Gruppen, nämlich die alternativlose und auf allen Positionen austauschbare Mitte, jetzt aus Union, SPD, FDP und Grünen bestehend, sowie eine Opposition bestehend aus der LINKEn und der AfD.

Das Motto, unter dem dieser Wahlkampf von der Mitte geführt wird, heißt schlicht und einfach:

"Stillstand statt Veränderung!"

Wer sich zu dieser Erkenntnis durchringen kann, wird auch in der Lage sein, die Restzweifel auf jenes Maß zu reduzieren, das im 3-Parteien-System die Wahl leicht machte.

Wer zufrieden ist, kann eine Partei der Mittel wählen. Für die Politik der nächsten vier Jahre ist es egal welche, und es ist egal, welche Koaltionen geschmiedet werden. Restzweifel? Wozu denn?

Wem Veränderung wichtiger ist, der muss sich für eine der beiden Oppositionsparteien entscheiden und ihnen damit die Möglichkeit geben, sich im Parlament mit ausreichender Sitzzahl zu Wort zu melden. Das könnte die Mitte ein bisschen in Bewegung setzen, was ja schon begrüßenswert wäre, denn es wird natürlich nicht gelingen, aus dieser Opposition eine Regierung zu bilden. Restzweifel? Wozu denn?

Nichtwählen? Warum denn?

Und falls Sie zu den immer noch Unentschiedenen gehören, hier ist

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Natürlich kann man einfach nur abwarten, ob sich "das" nicht irgendwann von alleine erledigt. Die meisten Menschen verhalten sich so - und viele davon fahren sogar gut damit. Engagement ist nicht immer nur ein Zuckerschlecken, man stößt auf Widerstände, wird immer wieder frustriert, das kann man sich, zurückgezogen ins Schneckenhaus, durchaus ersparen.

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.